03.04.1967

MALEREI / IKONENVerdammte Sinnlichkeit

Als Thomas Grochowiak, 52, das diskrete Angebot erhalten hatte, fuhr er unverzüglich nach Paris. Nahe den Champs-Elysées besuchte er Berthe Popoff und war schnell mit ihr einig.
Grochowiak, Direktor des Ikonenmuseums in Recklinghausen, leitete den größten Bilder-Ankauf seit Bestehen seiner in Westeuropa einzigartigen Galerie ein: Von der Witwe des Exilrussen Alexander Popoff erwarb er dessen komplette Ikonensammlung -- 50 russische Tafeln des 15. bis 19. Jahrhunderts. Die Kollektion -- darunter Stücke, wie sie das Museum "sowohl von der Qualität als auch von der Darstellung her noch nicht besaß" (Grochowiak) -- wird nun in Recklinghausen erstmals öffentlich ausgestellt.
Das halbe Hundert Christus-, Heiligen- und Engelsbilder, biblische und legendäre Darstellungen hatte Popoff in rund 45 Jahren zusammengekauft. Der 1885 geborene Russe, der während des Ersten Weltkriegs Militärattaché im französischen Hauptquartier gewesen war, blieb auch nach Kriegsende in Frankreich. 1919 eröffnete er in Paris eine Kunsthandlung, spezialisierte sich auf russisches Porzellan, handelte und sammelte aber auch Ikonen.
Schon 1921 kaufte Popoff auf einer Finnlandreise das Hauptwerk seiner Kollektion -- eine 116 mal 89 Zentimeter große Darstellung der Heiligen Konstantin, Helena und Agathe. Die Tafel mit den langgestreckten Figuren, die leuchtend farbige, reich ornamentierte Gewänder tragen, stammt aus der Schule des um 1500 tätigen Meisters Dionissij.
Der Altmeister ist einer der wenigen namentlich bekannten Ikonenmaler des alten Rußland. Denn die Kultbilder der Ostkirche sind selten signiert; sie boten zuwenig Gelegenheit zu persönlichen Erfindungen -- nur in getreuen Nachahmungen galten sie als wunderkräftig.
Bestimmte Madonnen- und Heiligentypen kehrten daher jahrhundertelang immer wieder, etwa die "Gottesmutter von Tichwin", der die Errettung des Großen Klosters am Ladoga-See vor den Schweden im Jahre 1613 zugeschrieben wurde und die in der Sammlung Popoff durch drei Beispiele vertreten ist.
Der ursprünglich -- seit dem 11. Jahrhundert -- aus Byzanz übernommene strenge Flächenstil der russischen Ikonen blieb, in Variationen, stets erhalten: Die hohe Geistlichkeit, die schon 1551 Dilettantismus mit Strafe bedroht hatte ("Wem Gott diese Gabe versagt hat, dem soll man das Malen von Ikonen verbieten"), bekämpfte auch die "sinnliche", plastischere Malweise Westeuropas. So verdammte ein Moskauer Protopope Mitte des 17. Jahrhunderts alle Versuche, den Heiland "ganz wie einen Deutschen, fett und dickbäuchig" darzustellen.
Die Traditionsfestigkeit der Kirchenherren blieb nicht ohne schwere Folgen: Unter Zar Peter dem Großen wurde die Ikonenmalerei von der Entwicklung der russischen Profankunst abgetrennt, die sich nun abendländischen Einflüssen öffnete. Sie sank danach häufig zum schematischen Kopieren herab, wie es auch heute noch von einigen Epigonen in Amerika und Westeuropa praktiziert wird.
Die strenge Kunst der alten Ikonen inspirierte zwar schon vor rund 50 Jahren russische Maler wie Kandinsky, Jawlensky und Chagall, sie blieb aber eine Liebhaberei für wenige Kenner und ist bis heute unzureichend erforscht. Erst in den letzten zehn Jahren wurde sie "fast beängstigend populär" (Grochowiak).
So werden jetzt beispielsweise im Kölner Kunsthaus Lempertz bei jeder Auktion alter Kunst mehrere Ikonen zu Preisen zwischen 400 und 12000 Mark abgesetzt. Kleinere Museen erzielen mit Ikonenausstellungen regelmäßig Besucherrekorde -- so kürzlich das Clemens-Sels-Museum in Neuß (3000) und mi letzten Sommer das Münchner Stadtmuseum (45 000).
Auf Ausstellungen -- 1952 in Basel und 1955 in Paris -- waren auch bereits einzelne Popoff-Ikonen gezeigt worden. Doch erst nach dem Tod des Kunsthändlers konnte der Recklinghausener Museumschef, stets auf Erweiterung seiner Bestände (rund 500 Ikonen) bedacht, die ganze Sammlung besichtigen.
Die Witwe Popoff zeigte Entgegenkommen: Für 600 000 Mark, die sich der Direktor vom Westdeutschen Rundfunk, vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Recklinghausen spenden ließ (Grochowiak: "Ich triefe vor Dank"), ging der Nachlaß nach Westdeutschland, obwohl das Bostoner Museum of Fine Arts 340 000 Mark allein für die Konstantin-Ikone geboten hatte.
Diese "Mona Lisa der Sammlung" (Grochowiak) wollte auch der Louvre haben. Dennoch erteilte die zuständige Louvre-Kommission schließlich die für Kunstwerke nötige Exportlizenz. Der Großmut der Franzosen wurde belohnt: Aus der Porzellansammlung Alexander Popoffs gingen 38 der wertvollsten Stücke als Schenkung an die staatlichen Sammlungen in Sèvres.
* Gottesmutter der Barmherzigkeit; Heilige Konstantin, Helena, Agathe.

DER SPIEGEL 15/1967
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