13.03.1967

SCHULEN / BERLINBildung nach Maß

Achtjährige büffeln Englisch. Fünfzehnjährige gehen ein Jahr länger
zur Schule als das Gesetz es befiehlt. Volksschüler beiderlei Geschlechts; arbeiten mit Hobel und Feile; Gymnasiasten machen sich mit Begriffen wie "Input und Output" vertraut.
Alles in allem: West-Berlins Jugend -- 178 Kilometer vom westdeutschen Bildungsnotstand entfernt -- experimentiert für die Schule von morgen. Was viele westdeutsche Lehrer nur dem Namen nach kennen beispielsweise "Sprachlabors", in denen mit Tonband und Kopfhörer gelernt wird -, ist vielen West-Berliner Schülern längst vertraut.
Die Schule der Zukunft soll "Gesamtschule" heißen und alle bisherigen Schularten zu einem modernen Bildungssystem vereinen. Fernziel: Steigerung der Berliner Abiturienten-Quote, mit zwölf Prozent aller 19- bis 22jährigen schon jetzt größer als in Westdeutschland, auf das Dreifache.
Auf dem Papier ist das Projekt bereits perfekt, und nach vielfältigen Teilversuchen in einzelnen Klassen oder an ganzen Schulen sind Berlins Reformer überzeugt, daß der neue Schultyp -sich bewähren wird "Es ist", sagt "Berlins Schulsenator Carl-Heinz Evers, 45, "ein System, so umfassend, daß man von einer Bildung nach Maß sprechen kann."
Die Halbstadt ist den westdeutschen Bundesländern schon seit langem voraus. Bereits 1951, nach der Spaltung der Stadt, entschied sich die Super-Koalition von SPD, CDU und FDP gegen die westdeutsche Praxis (achtjährige Volksschule, die von den angehenden Gymnasiasten nach der vierten Klasse verlassen wird) und führte die Neunjah-
* 1 = Verwaltungsgebäude mit Fachklassen für naturwissenschaftlichen Untericht, Tonstudio und Lehrküche, 2 = Gebäude für den Werkunterricht, 3 bis 7 = Gebäude mit Klassenräumen, 8 = Schulkindergarten 9 Parkplatz.
res-Schulpflicht mit einer sechsjährigen Grundschule ein.
Diese Elementarstufe ist bis heute für alle Berliner Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren obligatorisch. Sie bietet ausnahmslos allen Schülern in ihrem Lehrplan von der 5. Klasse an Unterricht in der ersten Fremdsprache.
Erst nach Abschluß der" sechsten Grundschulklasse öffnen sich dem Dreizehnjährigen die drei Zweige der -Berliner Oberschule:
> die dreijährige Hauptschule (1966: 20 905 Schüler), in der das letzte Drittel der neunjährigen Schulpflicht absolviert wird;
> die vierjährige Realschule (1966: 16 912 Schüler), die zur mittleren Reife führt;
> das siebenjährige Gymnasium (1966: 22 867 Schüler), das mit dem Abitur endet.
Obschon sich dieses System innerhalb weniger Jahre gut einspielte, war es dem SPD-Schulsenator Evers -- früher Modelleisenbahner und Studienrat -- noch immer nicht elastisch genug. Er orientierte sich zunächst in Skandinavien und England und machte sich die Erfahrungen dieser Nachbarländer zunutze.
So erhielt Berlin 84 Schulkindergärten, in denen 2628 Vier- und Fünfjährige zum Sprechen erzogen werden. Sie erweitern, gewissermaßen spielend, ihren Sprachschatz und lernen, statt "icke" ich, statt "wa" wir zu sagen.
Evers erforschte ferner, von welchem Alter an Kinder dem ersten Fremdsprachen-Unterricht zu folgen vermögen. Er hell in 22 Grundschulklassen Englisch-Stunden für Achtjährige einführen. Bücher werden dabei nicht verwendet. Der Unterricht beschränkt sich auf täglich 20 Minuten Sprechübungen im Plauderton. Auf diese Weise lernen die Kinder innerhalb von zwei Jahren 150 Vokabeln. Ein Vergleich zeigte: Achtjährige haben zumindest eine weitaus größere Fähigkeit zur Sprachimitation als Zehnjährige.
Ob sich ein Sprößling am frühen Englisch-Unterricht, beteiligt, bestimmen die Eltern. Denn die Eltern haben, was der Lehrer auch immer empfehlen mag, an Berlins Schulen das letzte Wort.
Die Eltern entscheiden auch, ob ihr Kind in der Abgangsklasse der Hauptschule für drei Wochen am Schraubstock, auf einer Baustelle oder in einem Büro ersten Kontakt mit dem Berufsleben finden soll. Und sie entscheiden schließlich, ob der 15jährige Hauptschüler ein zehntes Jahr in der Schule bleiben soll, um schwache Stellen, etwa in der Allgemeinbildung, abzudichten.
Die West-Berliner Industrie war es, die dem Betriebspraktikum und dem zehnten Schuljahr zum Erfolg verhalf. Sie bevorzugt Schüler, die beides nachweisen können. Erfolg: Von allen Hauptschülern der Abgangsklassen leisteten vergangenes Jahr 53,5 Prozent ein Betriebspraktikum, und 29 Prozent aller Hauptschüler der neunten Klasse meldeten sich freiwillig für das zehnte Schuljahr.
Begabungen zu entdecken und. Neigungen zu fördern, war Zweck der Evers-Experimente auch an. einigen Gymnasien. Zwar haben die Schüler dort allesamt ihr Pflichtpensum im Kernunterricht -- etwa in Deutsch, Mathematik und Englisch -- zu erfüllen. Daneben aber können sie ihren ganz speziellen Bildungswünschen nach freier Wahl im naturwissenschaftlichen, im wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen oder künstlerischen Fachunterricht nachgehen.
Einige Sondergymnasien bieten zudem Unterrichtssparten wie Wirtschaftslehre. Zu den Pflicht-Abiturarbeiten in Deutsch, Mathematik und Fremdsprache kommen hier Themen wie "Die Prinzipien der Marktwirtschaft", "Die Soziologie einer Großstadt", "Kompositionslehre" und "Ölmalerei".
Aus dem Ergebnis der vielfältigen Versuche destillierten Evers und seine Schulbehörde den Plan der "Berliner Gesamtschule". Sie endlich soll nach dem Willen der Senats-Pädagogen jene Bildungsreserven erschließen, die auch das bislang schon vergleichsweise fortschrittliche Schulsystem nicht zu erfassen vermochte.
Im nächsten Jahr werden 1500 Schüler und 200 Lehrer die Arbeit an dem neuen Schulmodell beginnen, das dermaleinst Berlins einheitliche Schule sein soll.
In die Gesamtschule tritt das Kind nach vollendetem vierten Lebensjahr ein -- als "Spielschüler" des Schulkindergartens. Die Jungen und Mädchen, die sich im Kindergarten kennengelernt haben, bleiben, in der sechsjährigen Grundstufe zusammen. Und sie trennen sich auch nicht in der vierjährigen Mittelstufe: Ob aus den Schülern später einmal Schlosser oder Rechtsanwälte werden -- in den ersten zehn Schuljahren ist der Unterricht für alle gleich.
Erst nach der Mittelstufe entscheidet sich, ob der Gesamtschüler, mit einem Abgangszeugnis versehen, eine Berufslehre antritt oder in die zum Abitur führende "Studienstufe" (die gleichfalls Teil der Gesamtschule ist) überwechselt.
Berlins erste Gesamtschule in Buckow-Rudow -- einer von dem Deutsch-Amerikaner Gropius entworfenen Satellitenstadt am Rande des Arbeiterbezirks Neukölln -- soll Ostern 1966 ihren Betrieb aufnehmen. Sie wird als Ganztagsschule (Unterricht von acht bis 16 Uhr, Mittagessen in der Schule) geführt. Der Lehrplan kennt -- zumindest in der Grundstufe -- keine Hausaufgaben. Außerhalb des Unterrichts in den Elementarfächern wie Deutsch und Rechnen werden die Schüler in sogenannten Neigungs- und Leistungsgruppen zusammengefaßt, in denen sie sich ihren persönlichen Interessen entsprechend mit Musik, Basteln oder Heimatkunde befassen.
In der Mittelstufe kann der Schüler -- ähnlich wie der Student an der Universität -- seinen Stundenplan weitgehend allein bestimmen. Es wird in Gruppen unterrichtet, die je nach Gewichtigkeit des Stoffes zwischen fünf und 150 Teilnehmer umfassen. Sitzenbleiben gibt es nicht mehr: Versagt der Schüler in einem Hauptfach, so hat er den Stoff des Hauptfachs zu wiederholen, nicht aber die ganze Klasse.
Ein besonders begabter Schüler, etwa in Mathematik, kommt in einen Leistungszirkel. Evers: "Da langweilt sich keiner mehr, der über dem Durchschnitt liegt." Und das Mathematikgenie, das in Englisch nicht firm ist, kann sein Sprachwissen in einem Förderzirkel aufbessern.
In der Gesamtschule wird .- erstmals in Berlins pädagogischer Geschichte -- ein Schulpsychologe amtieren. Wer als Lehrer Ärger mit dem Schüler, als Schüler Kummer mit dem Vater hat oder als Vater sich Sorgen über den Lehrer macht, kann sich vom Haus-Psychologen fachgerecht beraten lassen.
Mit der Einführung der Gesamtschule will der Neuerer Evers sein Reformwerk krönen, das in nun bald zehn Jahren nur einen Fehlschlag brachte: Das Angebot, an Berlins Gymnasien Russisch als zweite Fremdsprache zu lehren, blieb nahezu ohne Nachfrage. Denn Russisch, so ergab eine Umfrage, lehnt das Volk von Berlin "aus politischen Überzeugungsgründen" ab.

DER SPIEGEL 12/1967
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