27.03.1967

Scheidung auf italienisch

3. Fortsetzung und Schluß
General Giacomo Carboni, Chef des Militärischen Geheimdienstes Italiens und Befehlshaber zweier Divisionen, saß in seiner Wohnung in Rom und betrachtete ein bekritzeltes Papier -- den offenen Befehl, den er in der vergangenen Nacht von Armeestabschef General Mario Roatta empfangen hatte.
Vor den Fenstern dämmerte der 9. September 1943.
General Roatta hatte Rom verlassen. Auch König Viktor Emanuel und seine Familie, die Regierung unter Marschall Badoglio und die Mitglieder des Oberkommandos mit Generalstabschef Ambrosio an der Spitze weilten nicht mehr in der Ewigen Stadt:
Sie hatten sich, in einem Konvoi von 60 Autos, soeben auf die Flucht vor den Deutschen begeben.
Am Abend zuvor war der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten bekanntgegeben worden und damit die bedingungslose Kapitulation der Italiener.
Rommels und Kesselrings Truppen formierten sich auf der Apenninen-Halbinsel.
Im Süden Italiens, am Golf von Salerno, dröhnten die Kanonen: Die Alliierten hatten mit der Invasion begonnen und bauten ihren Brückenkopf aus.
General Carboni, von Stabschef Roatta in Rom zurückgelassen, las Roattas offenen Befehl und deutete ihn so: Er sollte -- um Rom zu verteidigen -- seine beiden
Aus dem Buch "Verrat auf italienisch", das im Molden-Verlag, Wien, erscheint (344 Seiten; 23,50 Mark).
motorisierten Divisionen "Ariete" und "Piave" aus ihren festen Positionen zurücknehmen und sie in weniger exponierte Stellungen in die Gegend um Tivoli verlagern.
Zur gleichen Zeit, als die königliche Fluchtgesellschaft in den Hügeln entschwand, machte auch General Carboni sich auf den Weg.
Um Tivoli, östlich von Rom zu erreichen, mußte er die deutschen Linien passieren. Also legte er Zivilkleider an, steckte Roattas Befehl hinter den Rasierspiegel und bestieg einen Wagen mit CD-Schild. Sein Sohn und sein Adjutant, Oberleutnant Lanza, begleiteten ihn.
Kurz nach fünf Uhr morgens rollte Carbonis Wagen die Zypressen des Verano-Friedhofs entlang. Aus der Ferne vernahm der General Artilleriefeuer.
Bei Acque Albule, den Schwefelbädern Roms, wurde sein Wagen von der Besatzung eines deutschen Panzers gestoppt -- doch die Deutschen fragten nur nach dem Weg: Sie wollten nach Monterotondo, wo bis zur letzten Nacht der Stab der italienischen Armee seinen Sitz gehabt hatte.
Carboni erreichte die Höhen von Tivoli. Dort fand er niemanden vom Oberkommando und auch kein Treibstofflager. Mit Mühe konnte er seinen eigenen Wagen mit Sprit versorgen. Dann schickte er seinen Adjutanten los, Ausschau nach Mitgliedern des Comando Supremo zu halten.
Kurz darauf wurde Carboni auf eine Gruppe Autos im nahegelegenen Schloß des Prinzen Massimo aufmerksam. Er trat näher und geriet in eine unpassende Szene: Ein Team, mit der hübschen römischen Schauspielerin Marielle Lotti, drehte dort gerade einen Film.
Carboni schlenderte eine Zeitlang umher, als wollte er auskundschaften, ob das Schloß vielleicht einen geeigneten Standort für das Comando Supreme abgeben würde.
Bald kehrte Adjutant Lanza zurück und meldete, er habe den Armeestabschef Roatta mit einem geplatzten Reifen angetroffen, doch habe der General keine weiteren Befehle für das Korps gehabt.
Nun erschien auch Carbonis Stabschef, Oberst Salvi, und der General sah, daß Salvi sich in Panik befand: Er rang die Hände und hatte Tränen in den Augen.
So ernannte General Carboni den Obersten Montezemolo zum neuen Stabschef; dann erteilte er den Divisionen "Ariete" und "Piave" telephonisch Befehl, sich nach Tivoli zurückzuziehen.
Es gab viel Durcheinander, als italienische und deutsche Einheiten aneinander vorbeizogen.
Die Nachrichten über das Verhalten der Deutschen besagten, daß sie noch immer versuchten, sich überall friedlich einzunisten, und daß sie nur dort Gewalt anwendeten, wo sie auf Widerstand stießen.
Sobald General Carboni sein Hauptquartier in Tivoli aufgeschlagen hatte, wurde sein Stab aus ganz Italien mit Fragen überschüttet, ob der Befehl "O. P. 44" nun in Kraft getreten sei oder nicht -- nämlich jener höchst geheime Befehl, auf Anordnung Roms bestimmte Aktionen gegen die Deutschen zu unternehmen oder in unvorhergesehenen Situationen aus eigener Initiative zu handeln.
Doch in Rom saß niemand mehr.
Und dann kam für General Carboni ein Blitz aus heiterem Himmel: Kurz nach Mittag traf General Graf Carlo Calvi di Bergolo, Schwiegersohn des Königs und Kommandeur der Division "Centauro", in Tivoli ein und teilte ihm mit, daß der König und das Comando Supremo sich bereits im Süden befänden.
"Das bedeutet die Katastrophe", murmelte Carboni. "60 Divisionen stehen in ganz Italien kampfbereit, und niemand ist da, der sie kommandiert."
General Graf Calvi, ein kleiner Mann mit herunterhängendem Schnurrbart, zuckte mit den Schultern.
Als Carboni ihm befahl, seine Truppen in Bewegung zu setzen, "um die Ehre der italienischen Armee zu retten", antwortete Calvi, seine Soldaten würden nicht gegen die Deutschen, sondern nur gegen die Briten und die Kommunisten kämpfen.
Und als Carboni ihn aufforderte zu demissionieren, antwortete Calvi: Als Schwiegersohn des Königs dürfe er tun, was er für das beste halte.
Nun traf General Zanghieri, Kommandeur eines in Velletri stationierten Korps, in Tivoli ein. Auch er hatte vom Comando Supremo keine Befehle erhalten; er hatte tatenlos zusehen müssen, wie die Deutschen sein Hauptquartier umzingelten, und war in letzter Minute durch ein Fenster geflohen.
Dann betrat Carbonis neuer Stabschef Montezemolo das Zimmer und teilte dem General mit: Aus ganz Italien seien weitere telephonische Anfragen eingetroffen; die Kommandeure, die keinerlei Anweisungen hatten, wußten nicht, wie sie sich gegenüber den Deutschen verhalten sollten.
Und nun begann es General Carboni zu dämmern, daß es nur einen Grund für diese chaotischen Zustände gab: Bevor die italienischen Truppen gegen die Deutschen vorgehen durften, sollten der König und Badoglio sich in Sicherheit gebracht haben.
Nun war Carboni klar, warum Armeestabschef Roatta ihm aufgetragen hatte, seine Kräfte ostwärts statt westwärts aufmarschieren zu lassen: Es sollte so aussehen, als wollten sie den Deutschen nichts tun -- während sie tatsächlich nur den Fluchtweg des Königs decken sollten.
General Carboni entschied, daß ihm in einer solchen Situation nur noch ein Weg offenstand: seine gesamten Streitkräfte gegen die Deutschen einzusetzen, die Deutschen so lange wie möglich zu binden und somit zu verhindern, daß sie mit ganzer Kraft gegen die landenden Alliierten vorgehen konnten.
Er entschloß sich, seine Truppen zur Verteidigung Roms zusammenzuziehen, und erteilte sofort entsprechende Befehle.
Doch unglücklicherweise waren seine Truppen den ganzen Tag über marschiert. Und obwohl beide Divisionen erklärten, daß sie einen Kampf gegen die Deutschen geradezu herbeisehnten, konnte vermutlich keine von ihnen vor dem Morgen des 10. September am Bestimmungsort sein.
Dann erreichte Carboni das Gerücht, daß der alte Marschall Enrico Caviglia --der am 8. September, aus Norditalien kommend, überraschend in Rom aufgetaucht war -- mit den Deutschen über eine Feuereinstellung verhandelte. Und dem Gerücht folgte Montezemolos Bericht, daß General Graf Calvi Verhandlungen mit den Deutschen führen ließ.
Schließlich kam die Nachricht, die Deutschen stünden vor den Toren Roms. Der deutsche Befehlshaber Kesselring habe die Italiener aufgefordert, jeden Widerstand einzustellen; und versprochen, dafür milde Bedingungen zu stellen. Sollte die Aufforderung zurückgewiesen werden, würden die Bedingungen weniger mild ausfallen. Kurz darauf wurde Carboni eine Note vom Kriegsminister überbracht -- General Sorice rief ihn nach Rom.
Als Carboni am 10. September um 7.30 Uhr das Kriegsministerium erreichte, erfuhr er, daß General Sorice nicht mehr die Befehlsgewalt hatte. Der rangälteste Offizier in Rom, Marschall Caviglia, hatte mit dem König Verbindung aufgenommen und den Herrscher gebeten, ihn zum zeitweiligen Vertreter des Königs zu ernennen -- damit er mit den Deutschen verhandeln könne.
Carboni beschwor Sorice: Die einzige Hoffnung Italiens bestünde darin, die Deutschen in ihrem Marsch auf den alliierten Brückenkopf von Salerno aufzuhalten. Italien müsse etwas zur Unterstützung der Alliierten tun. Am besten: Man müsse die Deutschen bei Rom in Kämpfe verwickeln.
Sorice war einverstanden, meinte aber, daß Carboni es schwer haben würde, den Marschall Caviglia zu überzeugen. Caviglia fürchtete nämlich, daß jeder weitere Widerstand die Deutschen nur wütender stimmen und den Italienern nichts Gutes bringen würde.
Inzwischen hatte Marschall Caviglia mit Kesselring bereits verhandelt. Im Austausch gegen die unverzügliche Kapitulation der italienischen Streitkräfte im Raum von Rom und den ungehinderten Durchzug deutscher Truppen bot Kesselring an, Rom zur Offenen Stadt zu erklären und in der Hauptstadt eine italienische Division zu dulden.
Als General Carboni den alten Marschall aufsuchte, saß Caviglia in Hemdsärmeln -- "ein verbitterter alter Mann, mit einer Grimasse der Unlust auf seinen verknitterten Zügen".
Marschall Caviglia teilte Carboni mit, daß er bereits eine Proklamation an die Bevölkerung Roms vorbereitet hatte, in der er die Römer wissen ließ, die Deutschen wollten sich friedlich nach Norden zurückziehen.
General Carboni entgegnete: "Die Deutschen werden ihr Wort nicht halten. Wir müssen kämpfen, solange wir können."
Darauf Marschall Caviglia: "Sehen Sie zu, daß Sie etwas erreichen."
Darauf übertrug General Sorice die Befehlsgewalt über alle Streitkräfte der römischen Garnison an General Carboni, und der erließ sofort einen allgemeinen Angriffsbefehl gegen alle Deutschen, die sich der Stadt näherten.
Auf der Straße traf Carboni einen Offizier vom Geheimdienst, der ihm erzählte, die Deutschen wüßten, daß der Widerstand von Carboni organisiert würde; sie wollten ihn tot oder lebendig.
In der Wohnung von Elio Gambareri, einem Verbindungsmann zwischen der Armee und den Partisanen, kam Carboni unter. Er ließ das Haus durch eine Einheit abschirmen und die Telephonleitung an die militärische Zentrale anschließen.
Inzwischen waren deutsche Fallschirmjäger in die Außenbezirke Roms eingedrungen und kämpften in der Nähe der Pyramide des Caio Cestio. Partisanen, die den regulären Streitkräften zu Hilfe geeilt waren, bekämpften die Deutschen hinter Barrikaden und warteten auf Verstärkung.
Das Zentralkomitee der Antifaschisten tagte unausgesetzt. Es rief alle Italiener auf, sich gegen die Deutschen zu erheben, damit Italien sich einen ehrenvollen Platz unter den "freien Nationen" erkämpfe. General Carboni befahl, unter die Mitglieder der antifaschistischen Parteien mehr Waffen zu verteilen.
-Kompliziert wurde die Lage, als die Polizei -- noch immer im Sinne der Anordnungen Badoglios -- Partisanen verhaftete. Sie wurde noch komplizierter: Marschall Caviglia hatte angeordnet, Plakate anzuschlagen, auf denen der Waffenstillstand bekanntgegeben wurde; doch General Carboni ließ die Plakate wieder entfernen und Befehle kleben, den Kampf gegen die Deutschen fortzusetzen. Unglücklicherweise waren viele Offiziere nicht mehr zu erreichen: Der General Barbieri hatte ihnen am Morgen gesagt, sie könnten nach Hause gehen und Zivil anziehen.
Um die Kampfmoral zu stärken, ließ Carboni das Gerücht verbreiten, die Alliierten wären nahe der Tiber-Mündung gelandet.
Da wurde General Carboni erneut zu Marschall Caviglia gerufen: Kesselring hatte ein letztes Ultimatum gestellt. Sollten die Italiener, so hieß es darin, bis 16.30 Uhr nicht kapitulieren, würden die Deutschen alle Gas- und Wasserleitungen der Stadt zerstören und Rom bombardieren.
Marschall Caviglia beschloß, das Ultimatum anzunehmen. General Carboni wollte damit nichts zu tun haben. Er befahl Teilen seiner Truppe, sich aufzulösen. Dann suchte er im Haus von Virginia Bourbon del Monte, der Witwe eines Industriellen, AsyL
Um 16 Uhr unterschrieb General Graf Calvis Stabschef Giaccone den Waffenstillstand.
Es kam, wie Carboni vorausgesagt hatte: Die Deutschen dachten nicht daran, die Bedingungen einzuhalten. Unverzüglich besetzten sie Rom, lösten die italienische Garnison auf, setzten ein SD-Kommando ein, befahlen den Faschisten, schwarzes Hemd zu tragen -- und deportierten Calvi.
Und die 3. Panzer-Grenadier-Division rollte durch Rom -- gegen den alliierten Brückenkopf bei Salerno.
Bald nach der Landung der Alliierten, etwa um 10 Uhr des 9. September 1943, hatte die königliche Karawane die Außenbezirke der Stadt Chieti nahe der adriatischen Küste erreicht, 15 Kilometer von Pescara entfernt.
Auf ihrer Reise durch die Abruzzen war die königliche Gesellschaft nur wenige Kilometer am Campo Imperatore vorbeigefahren, dem Hochplateau, auf dem Mussolini gefangengehalten wurde.
Der König nahm gerade ein hartes Ei und ein paar Tropfen Brandy zu sich und äußerte sein Bedauern über das Los Mussolinis, der ihm 20 Jahre lang treu gedient hatte.
Der König wandte sich an seinen Haushaltsminister, den Herzog Acquarone, und bat ihn, vorauszufahren und auszukundschaften, ob der Weg zur Küste frei sei.
Kronprinz Umberto markierte auf der Landkarte ein nahegelegenes Dorf, Crecchio, in dem er Freunde hatte: den Herzog und die Herzogin von Bovino. Er schlug vor, man sollte sich dorthin begeben.
* Nach der Kapitulation der römischen Garnison am 10. September 1943.
Nachdem sie alle in Crecchio eingetroffen waren, bat der Kronprinz plötzlich, man möge ihn als Oberbefehlshaber der italienischen Streitkräfte nach Tivoli schicken. (Vermutlich hatte ihn die Herzogin von Bovino, wohl eine verflossene Flamme Umbertos, zu dieser Bitte verleitet.) Doch die Königin sprach zu ihrem Sohn: "Du wirst nicht gehen, Bepo, man wird dich töten."
Mittlerweile war auch Acquarone wieder eingetroffen und berichtete dem König, daß der Weg nach Pescara frei sei. Doch die Fluchtgesellschaft hatte noch immer keine Nachricht von der Korvette "Baionetta", die im Hafen von Ortona, südlich Pescara, auf die Flüchtlinge warten sollte. So schlug Luftfahrtminister Sandalli vor, die Gesellschaft sollte sich zum Flughafen von Pescara begeben -- dorthin habe er nämlich sicherheitshalber einige Maschinen beordert.
Als die Karawane, aus dem Schloß kommend, in die Hauptstraße einbog, fuhr eine motorisierte deutsche Einheit in Richtung Pescara vorbei. Doch es geschah nichts: Die Wagenkolonne der Flüchtlinge rückte an die Straßenseite und ließ die Deutschen passieren.
Auf dem Flughafen von Pescara rief der König den Kronrat zusammen, und man beschloß, den sichersten Fluchtort zu wählen -- einen, der sowohl vor den Alliierten als auch vor den Deutschen sicher war: Der Herrscher wollte sich an einen Ort begeben, der nominell noch unter italienischer Kontrolle stand. Irgend jemand schlug Brindisi vor. Endlich meldete ein Aufklärungsflugzeug, die "Baionetta" liege 30 Meilen vor Pescara. Und es wurde beschlossen, teils nach Pescara, teils zurück zu den Bovinos zu fahren -- und auf jeden Fall zu Abend zu speisen. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte die "Baionetta" nach Ortona kommandiert werden, damit die Gesellschaft des Königs dort ungesehen an Bord gehen konnte.
Kurz nach 23 Uhr bestiegen die königliche Familie, einige Personen. des königlichen Haushalts und Mitglieder des Comando Supremo die Wagen. Mit abgeblendeten Scheinwerfern fuhren sie auf kurvenreicher Straße nach Ortona.
Als sie die Hafenstadt erreichten, heulten die Sirenen. Es stellte sich aber heraus, daß die Luftwarnung nur auf Anordnung des Armeestabschefs, General Roatta, betätigt worden war -- um die Straßen von unerwünschten Beobachtern frei zu machen.
Im ganzen Hafen war nur die Glut einer Zigarette zu sehen: Roatta stand dort, trug Zivilkleider, hatte eine Beretta-Maschinenpistole um den Hals hängen und rauchte. Dann übernahm er die Einschiffung.
Der König war peinlich überrascht, als er entdeckte, daß sich etwa 200 höhere Offiziere im Hafen versammelt hatten und sich den Flüchtlingen anschließen wollten. Unter dem Vorwand, es gäbe auf dem Schiff nicht genügend Schwimmwesten, wurden sie zurückgewiesen.
Badoglio war nirgends zu sehen. Und als die "Baionetta" die Anker lichtete, murmelte der König: "Wo ist er nur?"
Erst auf hoher See erschien Badoglio plötzlich: Er war irgendwo unter Deck gewesen. Nun gab er sich fröhlich und erzählte in seinem piemontesischen Dialekt Witze.
Dann legte die Gesellschaft sich schlafen.
Zu Mittag nächsten Tages speisten der König und die Königin Thunfisch mit Zwiebeln.
Auf der Höhe von Bari kreuzte ein britisches U-Boot, das die Flüchtlinge vor den Deutschen warnte. Später erschien am Himmel ein deutsches Aufklärungsflugzeug, beschrieb einige Kreise über der "Baionetta", feuerte aber nicht.
Schließlich nahm die Besatzung Kontakt mit dem Kommandeur der Marinebasis in Brindisi auf und meldete ihm das Eintreffen der "Baionetta", ohne die Anwesenheit des Königs und der Spitzen des Comando Supremo zu erwähnen. Marineminister de Courten wies den Kommandeur an, an Bord zu kommen, sobald
die Korvette in den Hafen eingelaufen sei.
Kurz vor 15 Uhr warf die "Baionetta" vor Brindisi Anker. Ein Motorboot nahm Kurs auf das Schiff. Auf seinem Deck stand Admiral Rubartelli. Er sah Badoglio, den König, die Königin, den Prinzen -- sie wirkten müde und abgespannt, blickten aber neugierig auf den Admiral.
Die Fluchtgesellschaft ging an Land. Die Matrosen im Hafen riefen: "Es lebe der König!"
Die Herrschaften erreichten des Admirals Villa, von der man den Hafen überblicken konnte. Frau Rubartelli, das Haar noch ungekämmt, begrüßte die Gäste und führte die Königin in die Gemächer, die sie mit dem König teilen sollte. Hier verbrachte die Königin die nächsten Tage. Sie schnitt für Rubartellis Kinder Puppen aus Papier und lag im Bett und legte Patiencen.
* König Viktor Emanuel und Königin Elena (r.), Kronprinz Umberto (M.).
Badoglio, Ambrosio, Roatta und Sandalli begaben sich in den Militärhafen -- wo sich eine Gruppe Soldaten versammelte und ausrief: "Wir wollen gegen die Deutschen kämpfen!"
Badoglio hatte sich wiedergefunden. Er lächelte, gab sich patriarchalisch und trat so selbstbewußt auf wie in besten Tagen. Dann begab er sich in das Quartier der U-Boot-Flotte, dessen Keller bombensicher war.
Der König und der Rest seiner Regierung fühlten sich in der Residenz nicht sonderlich wohl, nachdem sie erfahren hatten, daß eine deutsche Einheit im Gebiet von Ciciadel Colle lag, nur acht Kilometer von Brindisi entfernt.
Die größte Sorge Viktor Emanuels galt den Erfolgen der Alliierten gegen die Deutschen. Als der Brückenkopf bei Salerno gefestigt war und die Deutschen sich auf eine Linie entlang des Volturno, nördlich von Neapel, zurückziehen mußten, schöpften die Flüchtlinge in Brindisi wieder Atem. Sie hatten sich in ein altes Schloß zurückgezogen und hielten mit dem alliierten Hauptquartier durch einen Geheimsender Kontakt.
Im Hafen lag der Kreuzer "Scipione" ständig unter Dampf.
Inzwischen war bei Tarent eine britische Luftlandedivision niedergegangen. Eine Einheit dieser Division stieß bis nach Brindisi vor und fuhr dann in Richtung Bari weiter. Bei diesem Stand der Dinge wagten der König und seine Suite, ihr Versteck zu verlassen.
Armeestabschef Roatta ließ in aller Eile rund um die Ortschaften Verteidigungsanlagen errichten, die den Alliierten zeigen sollten, daß der König noch Herr über diese Ecke seines Reiches war. Dazu brauchte er freilich Truppen -- und zwar schnell.
Doch es war nicht so einfach, in Italien Streitkräfte zu sammeln. Viele Soldaten hatten das Wort Waffenstillstand dahingehend ausgelegt, daß der Krieg zu Ende sei; sie waren überglücklich und riefen: "Heim! Heim!" Weit davon entfernt, die Deutschen bekämpfen zu wollen, warfen sie ihre Waffeil fort und wollten nur noch zu ihren Familien.
Die Deutschen nutzten diese Lage sofort aus: Sie sandten Patrouillen aus, die den Italienern erzählten, daß Badoglios Befehl das Ende des Krieges bedeute. So konnten sie zahlreiche italienische Einheiten auflösen.
In den späten Abendstunden des 11. September endlich gab Badoglio allen italienischen Truppen den Befehl, die Deutschen überall anzugreifen: Er informierte die lokale Presse, daß der Geheimbefehl "0. P. 44" in Kraft getreten sei.
Doch zu diesem Zeitpunkt waren die meisten italienischen Truppen bereits entweder gefangengenommen oder versprengt. Badoglio hatte auch unterlassen, den Deutschen den Krieg formell zu erklären, und so ermöglichte er ihnen, Italiens Soldaten auf legale und verständliche Weise als Rebellen und Verräter zu behandeln -- sie zu deportieren und niederzuschießen.
Die Tragödie erfaßte das ganze Land: In Florenz, Bologna, Mailand, Turin und Genua waren die den Deutschen zahlenmäßig unterlegenen italienischen Truppen dazu verurteilt, kampflos zu kapitulieren.
Und dennoch gab es italienische Einheiten, deren Disziplin auch ohne eindeutige Anweisungen nicht zusammenbrach. Tüchtige Offiziere, nicht selten niedrigere Dienstgrade, legten die vagen Befehle dahingehend aus, daß den Deutschen Widerstand zu leisten sei.
In Städten wie Cuneo, Savona, Ascoli, Picerno und Treviso lieferten die italienischen Garnisonen den Deutschen heftige Kämpfe und gaben erst auf, wenn sie von der Übermacht niedergerungen waren.
In einigen isolierten Städten, wie etwa in Piombino mit seinen Stahlarbeitern, hatten Antifaschisten Waffen erbeutet und machten den Deutschen den Vormarsch schwer.
Aber durch den königlichen Verrat kontrollierten die Deutschen bereits am 11. September ganz Südosteuropa; Innerhalb von 48 Stunden wurden die italienischen Divisionen zu Hause und außerhalb des Mutterlandes aufgelöst, ihre Lager geplündert und ihre Panzer von den Deutschen übernommen. Etwa vier Millionen italienische Soldaten wurden einem schmachvollen Schicksal überlassen -- sie mußten fliehen oder wurden deportiert.
Alles das -- oder zumindest sehr viel davon -- hätte vermieden werden können, wenn die italienischen Kommandeure bei Verkündung des Waffenstillstands oder wenigstens in der Nacht des 8. September klare Befehle erhalten hätten.
Der deutsche Befehlshaber Kesselring gab zu: Hätte die Bevölkerung Roms sich zur Zeit der Verkündung des Waffenstillstands erhoben, wäre er gezwungen gewesen, seine Truppen aus Süditalien zurückzuziehen.
Carboni folgert: Eine solche Erhebung, unterstützt durch die Alliierten, hätte Italien innerhalb von Wochen von den Deutschen befreit.
General Rossi meint: Das wenigste, was der König und das Comando Supremo hätten tun können -- wenn sie schon aus Angst vor Gefangennahme weder in Rom noch in den Abruzzen bleiben wollten -, wäre ein klarer Befehl an die italienischen Streitkräfte gewesen, die Deutschen zu bekämpfen.
Doch das lag nie in ihrer Absicht. Denn die ganze royalistische Verschwörung hatte nur ein Ziel -- nämlich eine Möglichkeit zu finden, von den Deutschen zu den Alliierten überzugehen, ohne einen Schuß abzufeuern und, was noch wichtiger war, ohne selbst einen abzukriegen.
General Carboni rekonstruierte die Ereignisse später und kam zu dem Schluß, daß die Flucht des Königs und der Kommandeure insgeheim schon am 6. September geplant gewesen war. Den letzten Ausschlag muß jene Nachricht gegeben haben, die der Major Marchesi von dem italienischen Unterhändler General Castellano aus dem alliierten Hauptquartier in Tunis mitgebracht hatte und die den Generalstabschef Ambrosio veranlaßt hatte, sich sofort nach Turin abzusetzen: die Meldung nämlich, daß die Alliierten nicht bei Rom zu landen gedächten -- und auch nicht vor dem 12. September.
Letzte Nachforschungen haben auch das Geheimnis der Exkursion Ambrosios nach Turin enthüllt;
Ambrosio war damals in Zivil nach Turin gereist. Der Zug hielt aber auch in Novi Ligure, 40 Kilometer nördlich Genua. Ambrosio stieg aus und begab sich in die Villa eines hohen Offiziers, der sich schon lange im Ruhestand befand: Marschall Caviglia.
Was die beiden ausheckten, ist nicht bekannt. Doch am nächsten Tag kamen beide per Expreß aus Turin nach Rom.
Ambrosio begab sich sofort in das Gebäude des Comando Supremo, und Caviglia suchte um eine Audienz beim König nach.
Der König antwortete: Wenn die Sache dringend sei, wolle er Caviglia noch am selben Nachmittag empfangen; wenn nicht, erst am Morgen des 9. September. Caviglia meinte, er könne bis zum nächsten Tag warten.
Der Historiker Ruggero Zangrandi deutet das Verhalten der Verschwörer so: Deutsche und Italiener hätten ein geheimes Übereinkommen getroffen, und Ambrosio habe den Marschall Caviglia nach Rom gebracht, damit er als "italienischer Pétain" fungiere**.
Schon am 26. Juli hatte Caviglia geäußert, das ganze Problem eines Separatfriedens mit den Alliierten hänge davon ab, ob man sich mit den Deutschen friedlich einigen könne -- nämlich unter der Bedingung, daß die Anglo-Amerikaner für ihren Kampf gegen Deutschland nicht Italien als Kriegsschauplatz benutzten.
Da diese Hoffnung sich nicht erfüllt hatte, beauftragte Generalstabschef Am-
* Gräfin Anna Lilli Badoglio und Marquise Maria Altoviti Avila am 12. September 1943 in Lausanne.
** Der französische Marschall Pétain schloß im Zweiten Weltkrieg den Waffenstillstand mit Deutschland und Italien, übernahm das Amt des Staatschefs der Vichy-Regierung und führte eins Politik der Zusammenarbeit mit Deutschland.
brosio den Marschall Caviglia, mit den Deutschen ein anderes Übereinkommen zu treffen: Der König und das Comando Supremo sollten sich frei absetzen können; dafür würden die Italiener die Deutschen nicht angreifen und auch den Alliierten keine Unterstützung gewähren, wenn der Waffenstillstand verkündet würde.
Der Historiker Zangrandi ist davon überzeugt, daß Generalstabschef Ambrosio mit Kesselring verhandelte. Er meint, die Deutschen hätten folgende Bedingung genannt: Für einen freien Abzug bis zu den Linien der Alliierten sollte das Comando Supremo die Hauptstadt nicht verteidigen, den Kommandeuren in ganz Italien keinerlei Befehle erteilen, die zivile Regierung ebensowenig mitnehmen wie den getangengehaltenen Mussolini.
Die Deutschen wären also in der Lage gewesen, ihre Truppen bei Salerno gegen die Alliierten zu führen, den Rest der italienischen Armee zu entwaffnen, Mussolini zu befreien und ihn zum Chef einer Quisling-Regierung zu machen.
Dieser Handel, so meint Historiker Zangrandi, wurde am 9. September etwa um 4 Uhr morgens ausgetragen. Als Gewinn aus diesem Handel hätte sich für den König und Badoglio der sichere Fluchtweg Tiburtina ergehen.
Das alles erklärt, warum die Fluchtgesellschaft des Königs von den Deutschen nie behelligt wurde, obwohl ihr Weg quer durch die deutschen Linien führte. Es erklärt auch, warum das deutsche Aufklärungsflugzeug, das am Morgen des 10. September über der "Baionetta" kreiste, das Schiff nicht angriff.
Und es erklärt schließlich, warum die Flüchtlinge Mussolini nicht mitnahmen, obwohl eine Klausel des Waffenstill-
* Nach der Unterzeichnung der Kapitulation am 29. September 1943 an Bord der "Nelson" im Hafen von La Valetta.
stands ausdrücklich verlangte, daß Mussolini den Alliierten ausgeliefert werden sollte.
Für die Flucht des Königs dürfte es genügend Erklärungen geben:
Viktor Emanuel war sich dessen bewußt, daß er und seine Suite für den Kampf gegen die Alliierten verantwortlich waren. Er wußte auch, daß die Antifaschisten ihn für den Krieg verantwortlich machten. Er hegte also die Hoffnung, sich auf die Seite der Alliierten schlagen zu können, ohne die Deutschen zu verärgern, aber auch, daß er durch seine Flucht gerade jene Antifaschisten dem deutschen Terror ausliefern könnte, die den Deutschen ein Dorn im Auge waren.
Tatsächlich wurden Tausende Antifaschisten von den Deutschen gefangengenommen und viele von ihnen von der SS hingerichtet, während die Royalisten bei den Alliierten Asyl fanden.
Die Royalisten rechneten -- richtig, wie sich zeigte -- mit der Naivität und der konterrevolutionären Gesinnung der Alliierten, und sie rechneten damit, daß die Alliierten sie unterstützen würden.
Der König von Italien wollte die Fiktion der kontinuierlichen legalen Autorität aufrechterhalten; dies hätte ihm und seinem Gefolge ermöglicht. Positionen und Reichtümer zu retten.
Zur Zeit des Zusammenbruchs Italiens bekamen Millionen Italiener ihre Gehälter und Löhne nicht mehr, sie waren gezwungen, ihre Habseligkeiten auf dem Schwarzen Markt zu verkaufen, damit sie ihre Familien ernähren konnten. Doch der König und die Mitglieder des Comando Supremo erhielten weiterhin ihre vollen Bezüge und Nebeneinkünfte und darüber hinaus auch noch Kleidung und andere Zuteilungen -- von den Alliierten.
In den ersten Septembertagen ließ die Regierung Badoglio ungewöhnlich hohe Geldsummen an die Bank von Bari transferieren.
Am 3. September rollte ein Eisenbahnzug von 21 Waggons durch den Simplon-Tunnel in die Schweiz: In den versiegelten Wagen befanden sich die Reichtümer Viktor Emanuels.
Später wurde ein zweiter Zug mit 20 versiegelten Waggons irrtümlich durchsucht -- voller Kunstwerke, Porzellan und Silber, aus dem königlichen Palast.
Anfang September hatte der Monarch auch seine Schwiegertochter und seinen Enkel in die Schweiz geschickt. Am nächsten Tag trafen Badoglios Frau, Tochter und Schwiegertochter in Lugano ein. Und noch am selben Tag kamen dort Acquarones Frau und Kinder an.
Die Flüchtlinge in Brindisi erkannten, daß die Öffentlichkeit eine Erklärung für ihr Verhalten fordern könnte.
Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wählten sie als Sündenbock den Mann, der in Rom geblieben war, um die Hauptstadt zu verteidigen: Carboni.
In seiner ersten Verlautbarung in Brindisi erklärte Badoglio, es sei nicht seine Absicht gewesen, Rom unverteidigt zu lassen. Er habe sechs Divisionen nach Rom beordert, damit diese den Deutschen Widerstand leisteten.
Und auf schamlose Weise ließen die Royalisten die Nachricht verbreiten, daß des Königs Schwiegersohn der Held des Widerstands in Rom gewesen sei: "Die deutsche 2. Fallschirmjägerdivision, die an den Kämpfen um Rom beteiligt war", so schrieb ein royalistischer Ehrenretter, "wurde durch italienische Truppen unter Führung des Generals Calvi aufgehalten."
Churchill und Roosevelt waren schlecht informiert, als sie am 11. September dem König eine Botschaft schickten: "Sie haben Ihr Land von der faschistischen Unterdrückung befreit. Diese Tat bürdet Ihnen die Aufgabe auf, Italien auch von den deutschen Aggressoren zu befreien. Erhebe dich, o Volk Italiens!"
Auch Eisenhower sandte eine Botschaft an Badoglio: "Die Zukunft und die Ehre Italiens hängen nun von der Rolle ab, die seine bewaffneten Streitkräfte zu spielen im Begriff sind ... Italien braucht einen beseelten Führer, damit es kämpfen kann. Eure Exzellenz sind der einzige Mann, der das tun kann. Sie können Ihr Land von den Schrecken der Schlachtfelder befreien."
All das veranlaßte den König, eine Rede vorzubereiten, in der er erklärte, er habe sich in einen freien Winkel der italienischen Halbinsel begeben, weil er hoffte, dadurch "schlimme Angriffe auf Rom, die Ewige Stadt, das Zentrum und die Wiege der Christenheit", abzuwenden; mit ihm "kämpften tapfere Truppen mit erneuter Begeisterung, um den geheiligten Boden des Vaterlandes von der unmenschlichen Zerstörungswut des Feindes, die sich gegen unser Volk und unsere Zivilisation richtet, zu befreien".
Badoglio folgte dem Beispiel seines Königs: Er erließ an das italienische Volk einen Aufruf zum Aufstand. Er, der seine Waffen gegen das eigene Volk gerichtet hatte, um es an einem Aufstand gegen die Deutschen zu hindern, rief nun zur offenen Revolte auf:
"Geht in die Berge, schneidet die Nachrichtenleitungen der Deutschen durch, sprengt ihre Vorräte, werft euch gegen den Feind! Vor allem, gebt eure Waffen nicht her ... Wisset: Wenn Volk und Armee im Geiste und in Waffen vereint sind, dann sind sie unbesiegbar!"
Aber weder Badoglio noch der König wagten es, ihre Aufrufe durch eine formelle Kriegserklärung an Deutschland zu ergänzen -- eine Erklärung, die den hinter den deutschen Linien in Uniform kämpfenden italienischen Soldaten wenigstens die Hilfe der Genfer Konvention gesichert hätte.
Darf man zu dem Schluß kommen, daß der König und Badoglio möglicherweise zufrieden waren, diese unbequemen antifaschistischen Kämpfer den Deutschen ans Messer geliefert zu haben?
Man sollte festhalten, daß Badoglio, solange er selbst in Rom war, die Alliierten angefleht hatte, Rom nicht zu bombardieren im April 1944 aber einem britischen Journalisten gegenüber erklärte:
"Weder Seine Majestät der König noch ich haben bei den Alliierten interveniert, die Bombardements zu verringern oder gar einzustellen. Je mehr die Italiener von den Alliierten bombardiert werden, um so mehr hassen sie die Deutschen. Nachdem der Waffenstillstand unterzeichnet war, riet ich Montgomery, Mailand, Bologna und andere Zentren zu bombardieren, damit unser Volk sich den Alliierten schneller anschließe."
Diesen Waffenstillstandsvertrag, der die bedingungslose Kapitulation Italiens beinhaltete, mußte nach General Castellano auch Marschall Badoglio unterzeichnen -- denn die Alliierten wollten sichergehen. Und sie wollten auch schriftlich haben, daß Italien Kombattant der Alliierten geworden war.
So reiste Badoglio am 29. September 1943 an Bord des Kreuzers "Scipione" nach Malta.
Eisenhower bestand darauf, daß die Konferenz an Bord des englischen Kriegsschiffes "Nelson" im Hafen von La Valetta stattfand.
Dort präsentierte er dem nichtsahnenden Marschall den Text des "langen Waffenstillstands", und Badoglio erblaßte, als er die Härte der Bedingungen begriff, denen zufolge Italien seine Souveränität vollständig einbüßte, nicht mehr über seine bewaffneten Streitkräfte verfügte, keine diplomatischen Vertreter im Ausland halten und nicht einmal mehr eigene Münzen prägen durfte.
Eisenhower meinte, die Unterzeichnung sei eine reine Formalität, die bisher übersehen worden wäre. Um dem italienischen Marschall die bittere Pille zu versüßen, überreichte er ihm einen persönlichen Brief, in dem er anerkannte. daß viele Klauseln bereits überholt seien oder noch modifiziert werden könnten. Eisenhower willigte auch ein, die Klauseln nicht zu veröffentlichen.
Badoglio seufzte und unterschrieb. Dann steckte er das Dokument in seine Manteltasche -- und dort blieb es, ein Geheimnis sogar vor seinem Stab.
Auf einer anschließenden Konferenz erörterten italienische und alliierte Offiziere den Fortgang des Krieges.
Badoglio wollte das Tempo drosseln. Er erklärte, nur der König könne den Krieg gegen Deutschland erklären, und Viktor Emanuel wolle dies erst tun, wenn er seine Residenz wieder in Rom habe -- im befreiten Rom.
Doch der König gab schließlich nach und wies seinen Botschafter in Madrid
* 1943 in Brindisi.
** 1946 in Ägypten.
an, dem deutschen Vertreter mitzuteilen: "In Anbetracht der intensiven kriegsmäßigen Aktionen, die deutsche Streitkräfte gegen Italiener führen, betrachtet Italien sich von 16 Uhr des 13. Oktobers 1943 an als mit Deutschland im Kriegszustand befindlich."
Die Zeitungen in Brindisi veröffentlichten die Kriegserklärung zusammen mit einem Photo: "Der König als Soldat" -- aus dem Jahre 1914.
Doch die Tage Viktor Emanuels waren gezählt:
Am 10. April 1944 erschien der britische Generalleutnant Sir Frank Noel Mason MacFarlane, ehemaliger Gouverneur von Gibraltar und erfahrenster Nachrichtenoffizier Großbritanniens, beim italienischen König zur Audienz.
Nominell kam der Brite in einer protokollarischen Angelegenheit; tatsächlich aber wollte er den König -- infolge der heftigen politischen Entwicklungen in Italien -- unter Druck setzen: Viktor Emanuel sollte seine Abdankung unterschreiben.
Der König antwortete, er sei bereit, seinen Sohn zum Generalresidenten zu ernennen -- aber erst nach der Befreiung Roms. MacFarlane verlangte, daß er die Proklamation an Ort und Stelle verfasse.
Des Königs Gesichtsmuskeln bebten. Er nahm Zuflucht zu seinem letzten königlichen Privileg: Er beraubte die Herren seiner Anwesenheit. Doch am nächsten Morgen entwarf er eigenhändig ein Abdankungsdokument zugunsten des Kronprinzen Umberto.
Als er unterschrieb, wollte Badoglio des Königs Hand küssen:
"Majestät, 56 Jahre lang habe ich Eurem Hause gedient. Ich habe nie gedacht, daß es so weit kommen würde. Lassen Sie mich weinen!"
Viktor Emanuel zog seine Hand zurück und wischte sie -- während Badoglio seine Augen betupfte -- an seinem Sessel ab.
Ende
Von Peter Tompkins

DER SPIEGEL 14/1967
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