20.02.1967

ZEITGESCHICHTE / FÜHRER-HÄFTLINGESchönes Wetter

Die Frontlage war auf der Karte mit bunten Fähnchen abgesteckt. Die Generale Halder und von Falkenhausen analysierten zusammen mit dem Obristen Bogislaw von Bonin die Lage. Es war wie im Generalstab. Doch es geschah im KZ Dachau, April 1945.
Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch beherbergte das Lager unweit von München die Prominenz deutscher und internationaler NS-Häftlinge: Prinzen aus Preußen und Hessen, Ex-Premiers aus Frankreich und Ungarn, Generale aus Deutschland und Italien.
Wenn sich Oberst Bogislaw von Bonin auf dem Rasen vor der Steinbaracke erging, traf er zuweilen -- wie er sich heute erinnert -- "einen Mann in Pantoffeln, mit einer Pfeife im Mund" Martin Niemöller. Nachmittags um 15 Uhr versammelte man sich vor dem Radiogerät des österreichischen Ex-Kanzlers Dr. Kurt von Schuschnigg, der mit Frau und Kind einsaß: Ehefrau Vera war ihm freiwillig in die KZ-Haft gefolgt und hatte dort eine Tochter, Maria-Dolores, geboren.
Zu den Häftlingen zählte der britische Oberstleutnant Jack Churchill, ein Neffe Winston Churchills, der 1944 in Jugoslawien von den Deutschen gefangengenommen werden war. Ein Neffe des sowjetischen Außenministers Molotow war auch da. Sowjet-Leutnant Wassilij Kokorin pflegte von Stalin zu erzählen ("Ein schöner Mann; er arbeitet nicht gern, liebt gutes Essen, gutes Trinken und schöne Frauen") und über Onkel Wjatscheslaw zu plaudern: "Molotow tut all die unangenehmen Dinge, die Stalin nicht liebt, und deshalb hassen die Russen ihn und lieben Stalin."
Sie alle waren Sonder-Häftlinge Adolf Hitlers Sie alle waren kurz vor Kriegsende von dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD, SS-Obergruppenführer Dr. Ernst Kaltenbrunner, im Konzentrationslager Dachau zusammengezogen worden (siehe Bild Mitte).
Nur auf ausdrücklichen Führerbefehl durften sie geschont oder geschunden, entlassen oder entleibt werden. Und ein Führerbefehl war es auch, der die Stätte des Massakers für die Häftlinge vergleichsweise zu einer Idylle machte. Oberst von Bonin heute über die Haft in Dachau: "Der Aufenthalt war nicht unangenehm, außerdem war das Wetter schön."
Am 27. April 1945 war die Schonzeit zu Ende. 30 SS-Bewacher unter Führung des Obersturmführers Stiller verfrachteten die Häftlinge in Busse und auf Lastkraftwagen: insgesamt 99 Sonderhäftlinge, außerdem 38 sogenannte Sippenhäftlinge -- darunter neun Stauffenbergs und sieben Goerdelers, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 inhaftiert worden waren.
Nach dem Willen der SS sollte es ein Weg ohne Wiederkehr sein, so für den einstigen ungarischen Ministerpräsidenten Nikolaus von Kállay und den französischen Ex-Premier Léon Blum, den preußischen Prinzen Friedrich Leopold (der zeitweise in KZ-Kantinen und -Bordellen Dienst hatte tun müssen), den italienischen General Sante Garibaldi (einen Enkel des Freiheitshelden Guiseppe Garibaldi) und den vormaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht.
Einige starben in der Tat. So verfügte SD-Chef Kaltenbrunner in einem Schnellbrief vom 5. April 1945, der Häftling "Eller" sei "in absolut unauffälliger Weise
zu liquidieren". Unter dem Decknamen "Eller" führte die Dachauer KZ-Kartei den Tischlergesellen Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeiler ein Attentat auf Hitler verübt hatte (siehe Bild unten).
Doch die meisten überlebten. Sonderwie Sippenhäftlinge wurden von einem deutschen Wehrmachtsstoßtrupp aus den Händen der SS befreit -- eine Aktion, über die der ehemalige KZ-Häftling Nerin E. Gun in einem jetzt veröffentlichen Buch berichtet*.
Mitakteure von einst, insbesondere Oberst von Bonin, der im Januar 1945 wegen Ungehorsams in ein KZ gebracht worden war, und die Hauptleute von Alvensleben, halfen dem SPIEGEL, die Befreiung der Gefangenen zu rekonstruieren.
Der Häftlingstreck, der am 27. April Dachau verlassen hatte, stoppte zwei Tage später in Niederdorf (Villabassa) nördlich von Cortina d'Ampezzo. "Endstation", schrie ein SS-Bewacher: "Wir halten hier das letzte Mal vor dem Ziel."
"In dieser Nacht", so erinnert sich von Bonin, "machte keiner der Häftlinge ein Auge zu. Wir mußten die Frauen beruhigen, die schreckliche Angst hatten. Schuschniggs Tochter Maria-Dolores weinte unablässig." Die Männer diskutierten: "Es muß etwas geschehen."
Da zog Generalstäbler von Bonin einen Krad-Mantel über seinen grauen Zivilanzug und sprang aus dem Fenster des Wirtshauses, in dem er untergebracht war. Er stoppte vor der ersten Wehrmachtsdienststelle mit Telephon.
Im Befehlston verlangte der Oberst vom diensttuenden Hauptmann, per Blitzgespräch mit General Hans Rötti-
* Nerin E. Gun: "The Day of the Americans". Fleet Publishing Corporation, New York; 320 Seiten; 6,95 Dollar. Die deutsche Ausgabe erscheint demnächst im blick + bild Verlag S. Kappe, Velbert, unter dem Titel: "Die Stunde der Amerikaner".
ger verbunden zu werden, Chef des Generalstabs beim Oberbefehlshaber Südwest im 90 Kilometer entfernten Bozen (und nach dem Zweiten Weltkrieg Inspekteur des Heeres bei der Bundeswehr).
Nach einer Stunde war die Verbindung da. Von Bonin an Röttiger: "Bitte helfen Sie sofort, sonst passiert hier eine große Schweinerei." Röttiger: "Ich werde helfen." Waffen-SS- General Karl Wolff, damals höchster SS- und Polizeiführer in Italien, der neben Röttiger das Gespräch mithörte: "Es wird nichts passieren."
Von Bonin wurde zu den anderen Häftlingen zurückgebracht. General Röttiger alarmierte derweil den Hauptmann Wichard von Alvensleben im 20 Kilometer entfernten Sexten: " Schauen Sie mal nach, was da los ist."
Alvensleben erkundete die Lage, ließ sich, von SS-Stiller über den geheimen Exekutionsauftrag informieren und faßte den Entschluß, zusammen mit seinem Vetter, dem Hauptmann Gebhard von Alvensleben (Gut, daß du hier bist, hier ist der Teufel los"), die Häftlinge zu befreien.
Als Wichard von Alvensleben tags darauf von dem SS-Sturmbannführer Bader erfuhr, daß die SS entschlossen war, den Liquidationsbefehl auszuführen (Bader: "Meine Mission ist erst beendet, wenn die Häftlinge tot sind"), schickte er einen Stoßtrupp mit einem Hauptfeldwebel und 15 Unteroffizieren nach Niederdorf.
Die Landser brachten ein Maschinengewehr gegen das 55-Hauptquartier in der Bürgermeisterei in Stellung. Aus dem fünf Kilometer entfernten Toblach rückten zur Verstärkung 80 Grenadiere an.
Dahn rief Wichard von Alvensleben den General Röttiger an. Der tobte: "Sind Sie wahnsinnig? Es geht um Ihren und meinen Kopf." Doch SS-General Wolff wer nun auf der Seite der Wehrmacht: "Schicken Sie die Kerls (die SS-Bewacher) nach Bozen."
So geschah es. Die SS ließ die Gefangenen tatsächlich frei und fuhr ab. Im Luxushotel "Pragser Wildsee" oberhalb von Niederdorf, wo eigentlich das Häftlings-Massaker stattfinden sollte, feierten die noch einmal Davongekommenen mit Erbsensuppe und Tiroler Landwein die Befreiung.

DER SPIEGEL 9/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE / FÜHRER-HÄFTLINGE:
Schönes Wetter