20.02.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

19. Fortsetzung** Höhepunkt und Verfall der SS-Macht
Ministerialdirektor Gebhard Himmler traf im Herbst 1944 seinen Bruder Heinrich, der soeben, schwer erkältet, zu einer Besprechung mit hohen NS-Führern aufbrechen wollte. "Du solltest dich schonen, verschiebe doch die Konferenz", riet der Bruder dem SS-Chef. Da entgegnete der Reichsführer, fast ein wenig beleidigt: "Hast du schon einmal gehört, daß Ostern verschoben wurde, weil der Papst einen Schnupfen hatte?"
Die Antwort illustrierte die Wahnwelt missionarischer Auserwähltheit, in die Heinrich Himmler vollends eingetaucht war, seit er als Hauptgewinnler des gescheiterten 20.-Juli-Putsches eine Machtstellung okkupierte, die kaum noch zu überbieten war. Manchem schien es, als warte er nur noch auf den Tod Adolf Hitlers, um sich endgültig an die Spitze des Staates zu stellen.
Schon eine Aufzählung seiner Ämter verriet, wieviel Macht die wohlmanikürten Hände Himmlers umklammerten: Er war Herr der Schutzstaffel. Er kontrollierte den Polizeiapparat und die Geheimdienste. Er stand dem Reichsinnenministerium vor. Er überwachte als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums die Rassenpolitik des Regimes. Er beaufsichtigte die Beziehungen des Reiches zu den NS-Bewegungen in den sogenannten germanischen Ländern.
Ihm unterstanden, wenn, auch nur dem Namen nach, 38 Divisionen der
* Beim ersten Appell des ostpreußischen Volkssturms, 19. Oktober 1944.
** Diese Serie erscheint Mitte Mai mit erweitertem Text als Buch im Verlag Sigbert Mohn. Gütersloh,
Waffen-SS. Er kommandierte als Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres die Streitkräfte in der Heimat. Einer seiner Obergruppenführer (Gottlob Berger) verwaltete die Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht,
Eine solche Machtfülle verleitete manche Zeitgenossen zu der Annahme, im Schatten des alternden und verfallenden Hitler halte allein noch der SS-Herr das auseinanderbrechende Regime zusammen.
Zumindest einer glaubte an diese vermeintliche Allmacht der SS: der Großmeister des Ordens. Ihn dünkte endlich die Stunde gekommen, in der er das nationalsozialistische Deutschland von allem "Verrat" und von allem Zweifel befreien konnte, von jenen dunklen Mächten, die in Himmlers verzerrter Optik bis dahin den deutschen Endsieg verhindert hatten. Ekstatisch kündigte er im August 1944 an: "Was wir jetzt machen, ist der heilige Volkskrieg."
Mit Drohungen, fliegenden Standgerichten und schriller Volk-ans-Gewehr-Propaganda trieb Himmler die Mobilisierung des letzten Aufgebots voran, die er den Sowjets abgeschaut hatte. Er bekannte sich offen zu seinen bolschewistischen Vorbildern: Er stellte Generalen des Heeres die SD-Studie "Die sowjetischen Maßnahmen zur erfolgreichen Verteidigung Leningrads" als Leitfaden für den deutschen Abwehrkampf zu.
Ich gebe Ihnen die Vollmacht" tönte er vor Offizieren einer Grenadier-Division, "jeden Kerl, der sich herumtreibt. zu packen, wenn notwendig zu binden und auf einen Troßwagen zu tun Stellen Sie die brutalsten, energischsten und besten Offiziere der Division hin, die sofort einen solchen Haufen zusammenfangen, die jeden, der widerspricht, an die Wand stellen!"
Dabei verband Himmler die Mobilisierungsmaßnahmen seiner fanatischen Durchhalte-Strategie mit einem jahrelang angestauten Haß gegen das konservative Militär. Hitler hatte dem SS-Chef nach dem 20. Juli 1944 befohlen. fünfzehn neue Divisionen aufzustellen -- Himmler witterte darin die einmalige Chance, eine neue Wehrmacht zu schaffen: die "nationalsozialistische Volksarmee".
Die neuen Verbände, deren Personal er in Fabriksälen und Schulklassenzimmern zusammenkratzte, baute Himmler in bewußtem Gegensatz zum Heer auf: Gläubige Jungnazis mit unsicherer Vorbildung ließ er in die Offizierstellen einrücken, die Macht der braunen Politruks, der Nationalsozialistischen Führungsoffiziere (NSFO), wurde verstärkt, und schon in den Namen der Einheiten sollte sich die Eigenart der Himmlerschen "Revolutionsarmee" manifestieren. Die Verbände nannten sich "Volks-Grenadier-Divisionen" und "Volksartilleriekorps".
Himmler wollte sein Volksheer vor jedem Zugriff der traditionellen Offiziere schützen. Kein Offizier dieser neuen Truppe durfte zu anderen Einheiten versetzt werden, die neuen Verbände sollten stets der Gerichtsbarkeit des Ersatzheer-OB Himmler unterstellt bleiben. Himmler: "Die Armee, die diesen Krieg gewinnen muß, ist die nationalsozialistische Volksarmee."
Zugleich ließ er Spitzel und Informanten in das übrige Ersatzheer einsickern, die ihm auch die leiseste Abweichung vom Durchhalte-Kurs melden mußten. Schon am 3. August 1944 hatte Himmler in Posen vor Gauleitern angekündigt, er werde jeden Zweifler am Endsieg erbarmungslos zur Strecke bringen. Er wußte auch, wo er ansetzen mußte.
"Dann wird ein kleinerer oder größerer Teil da sein", malte sich der Großinquisitor genüßlich aus, "5, 10, 15 %, das kann man nicht so sagen, das sind wirkliche Schweine, Leute, die der (regimefeindlichen Offizier-) Clique angehören. Die wird man herausbringen oder, wenn sie feindlich sind, früher oder später vor Gericht stellen."
Die Späher des SD klopften alle Dienststellen der Wehrmacht nach defätistischen Tönen ab. Die Höheren SS- und Polizeiführer mußten Listen anlegen und regelmäßig überprüfen, ob die Standortältesten der Wehrmacht politisch zuverlässig seien und die Truppe zum Durchhalten bis zum "Endsieg" anspornten.
Der HSSPF West, Obergruppenführer Gutenberger, markierte als unsichere Offiziere: "Oberst Feind, Düren, lau in seiner Dienstauffassung, Ablösung erforderlich ... Oberstltn. Bührmann Krefeld, 60 J., mangelnde Verantwortungsfreudigkeit, keine Entschlußkraft. Ablösung dringend erforderlich ... Oberst Kaehler, Neuß, politisch farblos, keine Entschlußkraft, Ablösung erforderlich." Dem HSSPF Südwest, Obergruppenführer Hofmann, fielen auf: "Oberstltn. Graf, Schlettstadt, politisch unzuverlässig, Ablösung dringend geboten ... Oberstltn. von Hornstein, Rastatt, ablösungsreif (angeblich jüdische Großmutter)."
Auch Offiziere in der Truppe wurden von dem Riesenauge des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) erfaßt. Vertrauensmänner des SD, meist Soldaten und Unteroffiziere aus den Reihen der Allgemeinen SS, registrierten in ausführlichen Berichten "die Planlosigkeit der militärischen Führung ... das Brachliegen wertvollster Kampftruppen und Kampfmittel ... eine verhängnisvolle Verantwortungslosigkeit maßgebender Stellen", wie es in einem SD-Bericht hieß.
"Über die Verhältnisse in der Panzerabteilung 205, z. Z. Dossenwald-Lager bei Schwetzingen, und besonders über die ungeeignete Persönlichkeit des 29jährigen Kommandeurs Hirschburger", meldete die SD-Hauptaußenstelle Mannheim am 14. November 1944 an den SD-Führer Straßburg, "können am besten die Leutnante der Abteilung: 1. Oberleutnant Gruschopf und vor allem 2. Oberleutnant Brossmann, der Adjutant des Kommandeurs ... zu einer Stellungnahme herangezogen werden. Beide gehören der SS an."
Dem V-Mann der Panzerabteilung entging nichts. Über die NSFO: "Der NS-Offizier kann sich auch heute noch nicht genügend durchsetzen. Viele haben einfach nicht das nötige Rückgrat dazu. Offiziere und Unterführer, sogar der einfache Soldat, machen sich heute über dieses Verhältnis Gedanken. Sie sind der Auffassung, daß man das Vorbild der bolschewistischen Armee ruhig ganz hinnehmen müßte."
Privatleben der Offiziere: "Das Kasinounwesen steht für sie heute noch im Mittelpunkt. Frankreich hat sie noch mehr verludert und verhurt ... Vielfach fehlt sogar eine politische Ausbildung."
Haltung zum nationalsozialistischen Offizier: "Noch immer halten die Offiziersklüngel die gesellschaftlichen Rücksichten als wichtigen Maßstab für die Übernahme eines Unterführers in das Offizierkorps. Bislang wurden vor allem auch ausgesprochen nationalsozialistische Männer ferngehalten."
Die Gruppe A 2 im Amt III des Reichssicherheitshauptamtes sammelte Spitzelberichte, in denen festgehalten wurde, wieweit die Urteile der Wehrmachtgerichte gegen sogenannte Wehrkraftzersetzer Himmlers rüden Durchhalte-Maßstäben entsprachen, Als freilich das RSHA die Akten umstrittener Kriegsgerichtsverfahren anforderte, verweigerte das Heer die Mitarbeit.
"Ich schlage deshalb vor", schrieb RSHA-Chef Kaltenbrunner am 17. Oktober 1944 an Himmler, "daß zunächst für den Bereich der Heeresjustiz dem Reichssicherheitshauptamt sämtliche Akten und Urteile der Heeresgerichte auf Anfordern zuzuleiten sind und den SD-(Leit-)Abschnitten die Einsichtnahme in die Vorgänge der in ihrem Abschnittsbereich liegenden Divisionsgerichte gestattet wird."
Ein solcher Eingriff in die Hoheitsrechte der Wehrmacht erschien jedoch Himmler zu gewagt -- noch -verteidigten selbst die militärischen Jasager vom Schlage des OKW-Chefs Keitel die längst durchlöcherten Vorrechte der Wehrmacht. An den Rand des Kaltenbrunner-Schreibens kritzelte Himmler: "Nein, unklug!"
Er glaubte zudem, die Zeit arbeite ohnehin für ihn. Wie ein Ertrinkender klammerte sich Hitler verzweifelt an den Glauben, nur seine Schutzstaffel könne ihm den Anblick der Katastrophe ersparen, nur der getreue Himmler werde vollbringen, was den Generalen der Wehrmacht mißlungen war.
Der Lebensraum des Reiches verengte sich immer fataler; die Sommeroffensive von 1944 hatte die Sowjets an die Weichsel und bis nach Ostpreußen katapultiert, im September waren die britisch-amerikanischen Armeen an der alten deutschen Westgrenze aufgetaucht
da hielt nur noch der Glaube an die alte Schreckensmagie der SS den Diktator aufrecht.
Und Himmler erfüllte anfangs, was sein Führer von ihm erwartete. Mit der ihm eigenen organisatorischen Geschicklichkeit trieb der SS-Chef im September und Oktober 500 000 neue Soldaten zusammen, die -- hastig und miserabel ausgebildet -- an die Front geworfen wurden. Schon früher hatte er sechs für die Bekämpfung innerer Unruhen vorgesehene Brigaden des Ersatzheeres an die Fronten in Marsch gesetzt.
Er entwarf aberwitzige Pläne zur Verteidigung auch des letzten deutschen Hauses, laborierte mit dem "Werwolf", einer projektierten Organisation fanatischer NS-Partisanen, und träumte von einer Alpenfestung in Süddeutschland als unbesiegbarer Zufluchtstätte der nationalsozialistischen Elite.
"Kein Deserteur ... wird der gerechten Strafe entgehen. Außerdem wird sein schmähliches Verhalten schwerste Folgen für seine Familie nach sich ziehen", ließ Himmler am 10. September durch Anschläge verkünden, und bald brachen seine Standgerichte auf, die düstere Prophezeiung des Reichsführers auf eine blutige Art zu erfüllen.
Je verzweifelter der Kampf in West und Ost wurde, desto bestialischer wütete die Todeswalze von Himmlers Sonderkommandos. Immer dichter wurden die Reihen der an Bäumen auf gehängten Standgericht-Opfer mit Schildern vor der Brust: "Ich bin ein Deserteur", "Ich hänge hier, weil ich ohne Erlaubnis meine Einheit verließ" oder "So sterben alle Vaterlandsverräter". Wo immer Hitler eine neue Schlappe an der Front drohte, da ließ der Reichsführer-SS seine Kohorten zum Gegenstoß antreten. Dreimal holte der Diktator seine Garde zu Hilfe, dreimal walzte sie den Gegner nieder.
Am 1. August 1944 rief der polnische Insurgentenführer General Tadeusz Bór-Komorowski seine 35 000 Partisanen gegen die Deutschen auf die Straßen Warschaus, ermutigt von dem Heranrücken der sowjetischen Armeen, die auf breiter Front die Weichsel erreicht hatten und mit ihren Spähtrupps bereits in dem Warschauer Vorort Praga jenseits des Flusses standen. Der Warschauer Aufstand bedrohte die deutsche Abwehrfront -- er zerriß die Verbindung zu der ostwärts Warschau kämpfenden 9. Armee.
Der Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Heinz Guderian, beantragte bei Hitler, den noch nicht in das Operationsgebiet des Heeres einbezogenen Raum Warschau der Wehrmacht zu unterstellen und dem Heer die Niederschlagung des Aufstandes zu überlassen. Hitler lehnte ab, der Auftrag ging an den zuständigen Befehlshaber des Ersatzheeres -- Himmler.
Himmler beorderte den Chef seiner Bandenkampfverbände, SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski, an die Warschauer Front und ließ ihn die Polen-Revolte mit gewohnter Brutalität liquidieren. Bach-Zelewski mobilisierte die berüchtigtsten Verbände der SS: Neben den zwölf Polizei-Kompanien des SS-Gruppenführers Heinz Reinefarth setzte er das aus Wilddieben und Zuchthäuslern bestehende SS- und Polizeiregiment des SS-Oberführers Dr. Oskar Dirlewanger und die mit russischen Kriegsgefangenen und Freiwilligen zusammengefügte SS-Sturmbrigade "Rona" des weißrussischen SS-Brigadeführers Kaminski ein.
Die Schreckenskunde von den Untaten der Brigaden Dirlewanger und Kaminski drang bis ins Führerhauptquartier. "Was ich da erfuhr", berichtet Guderian in seinen Memoiren, "war so haarsträubend, daß ich mich veranlaßt sah, noch am gleichen Abend Hitler darüber Vortrag zu halten und die Entfernung der beiden Brigaden von der Ostfront zu fordern." Selbst Himmlers Chefvertreter, SS-Gruppenführer Fegelein, bestätigte: "Jawohl, mein Führer. das sind wirklich Strolche!"
Hitler gab dem Drängen des Heeres-Generalstabschefs widerwillig nach, freilich nicht ohne zuvor Bach-Zelewski die Gelegenheit zu geben, den Obermarodeur Kaminski als "einen nicht einwandfreien Zeugen" (Guderian) zu erschießen. Die Tat bestärkte den Diktator nur in seiner Meinung: "Dieser Bach-Zelewski ist einer der geschicktesten Menschen."
Die Glut des Warschauer Aufstandes war noch nicht gänzlich ausgetreten, da rief ein Hitler-Befehl die SS an einen neuen Gefahrenherd im Rücken der deutschen Ostfront. Am 23. August löste der slowakische Kriegsminister General Josef Catlos auf sowjetische Ermunterung hin einen Aufstand aus, dem sich Teile der slowakischen Armee anschlossen; er sollte den aus Galizien zurückflutenden deutschen Verbänden den Weg abschneiden.
Noch ehe sich aber der Aufstand über das ganze Land ausbreiten und die zögernde Regierung in Preßburg mit sich fortreißen konnte, griff abermals die SS ein. Während der SD einige Putschistenführer verhaftete, formierte sich das Personal aller SS-Schulen in Böhmen und Mähren zu einem Panzerregiment und marschierte gegen die slowakischen Aufständler.
Die SS-Schüler eroberten das Aufstandszentrum Neusohl, derweil von Osten die 18. SS-Panzer-Grenadier-Division "Horst Wessel" und die neuformierte SS-Division "Galizien" heranrückten. Aus Berlin holte Himmler den Treuesten seiner Treuen, den SS-Hauptamt-Chef Gottlob Berger, der als neuer Wehrmachtbefehlshaber Slowakei das Kommando übernahm.
Berger benötigte nur vier Wochen, um mit der Einsatzgruppe H des SS-Obersturmbannführers Vitezka hinter der Front die Friedhofsruhe grolldeutscher Herrschaft noch einmal herzustellen. Die Slowakei verwandelte sich, wie der amerikanische Historiker Hilberg formulierte, "von einem Marionettenregime zu einer Schattenexistenz": Die SS übernahm praktisch zusammen mit der Wehrmacht die Leitung des Satellitenstaates.
Als sich Berger von seiner slowakischen Mission zurückmeldete, wartete im Führerhauptquartier bereits ein baumlanger SS-Führer auf eine neue Hitler-Weisung. Der Diktator hatte den legendärsten Mann der Schutzstaffel in die Wolfsschanze gerufen: Der SS-Sturmbannführer Otto Skorzeny sollte den letzten internationalen Streich des SD führen.
Der Wiener Skorzeny, Jahrgang 1908, von Hause ans Ingenieur und Geschäftsführer in einem Gerüstbauhetrieb, 1939 zur Leibstandarte "Adolf Hitler" eingerückt und über die technische Offizierslaufbahn in den Ausland-SD gelangt, wo er die Leitung von Sabotage-Unternehmen übernommen hatte, war eine Art Symbolfigur für jene Deutschen., die sich von Geheimdienst-Gags eine Wendung des Krieges erhofften.
Sein fast mythischer Ruf datierte vom 12. September 1943, einem Sonntag, an dem Skorzeny an der Spitze deutscher Fallschirmjäger den von der italienischen Regierung des Marschalls Badoglio inhaftierten und in ein Berghotel im unwirtlichsten Teil Italiens, dem Gran-Sasso-Massiv, verschleppten Benito Mussolini aus den Händen der Karabinieri befreit hatte. Skorzeny zum Duce: "Der Führer schickt mich!"
Auch diesmal, ein Jahr später, wollte Hitler seinen Trouble-shooter zu einem Bundesgenossen schicken, freilich mit umgekehrtem Auftrag: War es damals um die Befreiung eines Chefsatelliten gegangen, so galt es jetzt, einen zu verhaften und unschädlich zu machen.
"Wir haben nun geheime Nachrichten", instruierte Hitler den SS-Mann, "daß der ungarische Reichsverweser Admiral von Horthy, versucht, mit den Feinden in Verbindung zu kommen, um einen Separatfrieden für Ungarn zu erreichen ... Sie, Skorzeny, werden für den Fall, daß der Reichsverweser seinen Bündnisverpflichtungen untreu wird, die militärische Inbesitznahme des (von Horthy bewohnten) Burgberges vorbereiten."
Skorzeny zog zur Tarnung einen Zivilanzug an und reiste mit den falschen Papieren eines Dr. Wolff nach Ungarn. Unterwegs fiel ihm auch ein Deckname für die Aktion ein: Da er vergessen hatte, den Unterführern seiner Fallschirmjäger-Einheiten die Mitnahme von Panzerfäusten zu befehlen, taufte er die Aktion "Unternehmen Panzerfaust".
Als sich Skorzeny bei dem Höheren SS- und Polizeiführer in Ungarn, Obergruppenführer Otto Winkelmann, meldete, erfuhr er, daß für die Vorbereitung des Schlages gegen das Horthy-Regime kaum noch genügend Zeit bliebe. Die Entwicklung in Ungarn trieb einer dramatischen Entladung entgegen:
Am 30. August 1944 hatte Horthy Ungarns deutschfreundliche Regierung durch ein Kabinett des Feldmarschallleutnants Gezá Lakatos abgelöst, das offensichtlich den Rückzug Ungarns aus dem Krieg einleiten sollte. Einen knappen Monat später war Feldmarschallleutnant Faragó, Inspekteur der ungarischen Gendarmerie, nach Moskau gereist, um mit den Sowjets einen Waffenstillstand zu vereinbaren.
Noch ehe aber Faragó am 11. Oktober mit den Russen ein Abkommen unterzeichnen konnte, erhielt der HSSPF Winkelmann von dem bevorstehenden Waffenstillstand Kenntnis. Seit Einsetzung der Regierung Lakatos (Winkelmann: "Für uns ein Alarmsignal des Verrats") hatte der HSSPF sich darauf vorbereitet, im Falle eines ungarischen Frontwechsels das Horthy-Regime durch ein Nazi-System abzulösen.
Ab Ende August stand der ungarische NS-Führer Ferenc Szálasi für seinen Einsatz bereit, lagerten beim SD drei Millionen Flugblätter mit dem Aufruf der neuen Nazi-Regierung, wartete der SS-Untersturmführer Erich Kernmayr mit einem Kommando darauf, Radio Budapest im Handstreich zu nehmen.
Winkelmann wollte nicht länger warten, sondern den Ungarn zuvorkommen. Winkelmann: "Da faßte ich am Freitag, d. 6. Oktober 1944, in der Erkenntnis, daß der Verrat unmittelbar vor der Tür stand, andererseits aber aus militärischen Gründen keine große Aktion stattfinden dürfe, den Entschluß ... die Situation zu klären." Winkelmanns Entscheidung: "So schnell wie möglich die Umgebung Horthys festzunehmen." Winkelmann, der für Ungarn zuständige Befehlshaber der Sicherheitspolizei, SS-Oberführer Hans Geschke, und Skorzeny entwarfen einen Feldzugsplan. Am Morgen des 10. Oktober schlugen sie zum erstenmal zu.
Als Horthys wichtigster militärischer Vertrauensmann, Feldmarschalleutnant Bakay, Kommandierender General des in Budapest stehenden ungarischen 1. Armeekorps, gegen fünf Uhr seine Wohnung im Hotel "Ritz" aufsuchen wollte, griffen ihn Geschkes Häscher und entführten ihn an einen entlegenen Ort. Horthy ernannte daraufhin den Feldmarschalleutnant Aggteleki zum Bakay-Nachfolger -- auch er verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Ebenso lautlos wollten sich die Deutschen des Reichsverweser-Sohns Miklós ("Nicky") von Horthy bemächtigen. Er wurde seit geraumer Zeit vom SD beschattet, weil er im Verdacht stand, mit Vertretern des jugoslawischen Partisanen-Chefs Tito über einen Waffenstillstand verhandeln zu wollen.
Der Stab des SD in Budapest entwarf daraufhin einen Plan so recht nach der Art des Sicherheitsdienstes. Man wollte den jungen Horthy bei seinen Verhandlungen mit Titos Abgesandten in flagranti ertappen, ihn entführen und damit dem Vater Horthy das Versprechen abpressen, weiterhin an der Seite Deutschlands zu bleiben und eine prodeutsche Regierung einzusetzen.
Das Kidnapper-Unternehmen bekam den Codenamen "Aktion Maus" -- ein Hörfehler hatte Jung-Horthys Spitznamen "Nicky" zu "Micky" verunstaltet und damit die Scherzbolde des Budapester SD animiert, das Pseudonym "Micky-Maus" zu erfinden.
Zwei SD-Männer wurden als Offiziere der Tito-Armee ausstaffiert, und rasch fanden sie den Kontakt zu Miklós von Horthy. Man vereinbarte für den 13. Oktober ein geheimes Treffen, doch das vorzeitige Auftauchen eines SD-Führers machte den Ungarn mißtrauisch -- er brach die Unterhaltung ab.
Gleichwohl ließ sich der Horthy-Sohn zu einem neuen Treff überreden, der am 15. Oktober im Büro des mit Horthy befreundeten Direktors der Ungarischen Donauhafengesellschaft, Félix Bornemissa, am Eskü-Platz in Budapest stattfinden sollte. Miklós von Horthy sicherte sich ab: Er ließ fünf Honved-Offiziere den Hauseingang beobachten, und ein paar Straßen weiter wurde eine Kompanie der Honved-Garde postiert.
Aber auch die Deutschen trafen ihre Vorbereitungen. Tags zuvor hatte sich ein SD-Kommando in einer Pension, die ein Stockwerk über den Räumen der Donauhafengesellschaft lag, einquartiert, und in einer Seitenstraße ließ Skorzeny seine Kompanie in geschlossenen Lkw Stellung nehmen.
Für 10.10 Uhr war die Entführung Horthys geplant. Wenige Minuten zuvor steuerte Skorzeny, wiederum in Zivil, einen Wagen vor das Haus, das der Reichsverweser-Sohn soeben betreten hatte. Vor dem Eingang des Hauses parkte Horthys Auto, hinter ihm ein Kübelwagen, in dem -- für Außenstehende unsichtbar -- drei ungarische Offiziere saßen.
Da näherten sich zwei SD-Männer dem Haus. Als sie es betreten wollten, erkannten die drei Honved-Offiziere die Gefahr und schossen auf die SD-Männer. Einer brach zusammen und war sofort tot. In diesem Augenblick schoben sich aus den Häuserfenstern die Läufe von Gewehren und Maschinenpistolen ungarischer Soldaten. die das Feuer auf Skorzenys Wagen eröffneten. Der Sturmbannführer riß seine Pistole hervor und holte seine Kompanie heran. Skorzenys Männer besetzten den gegenüberliegenden Platz und zwangen mit ihren Schüssen die vorstürmenden Ungarn in die Nachbarhäuser zurück.
Die in der weiteren Umgebung aufmarschierten Honved-Soldaten waren kaum alarmiert worden, da rannten die im Hause eingesetzten SD-Männer mit dem gefesselten Horthy-Sohn aus dem Gebäude heraus. Horthy junior wurde auf einen Lkw geworfen, wenige Minuten später nahm ihn ein Flugzeug auf -- Kurs: KZ Mauthausen.
Jetzt rollte das "Unternehmen Panzerfaust" ab: Um 12 Uhr ließ sich der deutsche Gesandte Dr. Veesenmayer, auch er ein SS-Führer, bei Horthy melden, um den Reichsverweser zu ersuchen, sich unverzüglich für oder gegen das Reich zu erklären. Der SS-Standartenführer Veesenmayer fühlte sich freilich nicht wohl in seiner Erpresser-Rolle; er hatte schon früher die grobschlächtigen Methoden des HSSPF Winkelmann kritisiert -- später leitete sogar RSHA-Chef Kaltenbrunner gegen Veesenmayer ein SS-Verfahren wegen "Defätismus" ein.
Veesenmayer unterließ es, wie Winkelmann nachher rügte, "das gröbste Geschütz anzuwenden, das er verabredungsgemäß anwenden sollte, nämlich dem Alten zu sagen, daß bei dem geringsten Verrat sein Sohn an die Wand gestellt würde". Der skrupulöse Gesandte schwieg und gefährdete damit das Unternehmen: Um 14 Uhr verkündete Radio Budapest, Ungarn habe mit der Sowjet-Union einen Waffenstillstand abgeschlossen.
Inzwischen aber hatte Winkelmann Budapest längst in die Hand bekommen. Unter dem drohenden Kettengerassel von 40 deutschen Panzern des Typs Tiger konnte Untersturmführer Kernmayr die Rundfunkstation Budapest besetzen und die Proklamation des neuen NS-Regimes verlesen; zudem okkupierten deutsche Truppen alle entscheidenden Punkte der Stadt. Jetzt brach auch Otto Skorzeny auf, dem Horthy-Regime den Gnadenstoß zu versetzen.
Er alarmierte die 22. SS-Kavallerie-Division, die alle Zufahrtstraßen zu Horthys Feste, dem Burgberg, abriegelte. Dann verteilte Skorzeny seine Fallschirmjäger, die in den frühen Morgenstunden des 16. Oktober zum entscheidenden Sturm antreten sollten.
Pünktlich um sechs Uhr hechtete sich Skorzeny mit seinen Männern den Berg empor und war in kurzer Zeit Herr der Lage. Skorzeny: "Wir sind, ohne einen Schuß abzugeben, auf den Burgberg gekommen ... Keine halbe Stunde hat der ganze Einsatz gedauert." Im Grunde war die Mühe umsonst gewesen, denn schon kurz vor 4 Uhr hatte Veesenmayer dem HSSPF Winkelmann gemeldet, Horthy sei bereit, seine Macht an den NS-Führer Szálasi abzutreten. Ungarn mußte für Hitler weiterbluten.
Wieder einmal hatte die SS demonstriert, daß sie noch immer in der Lage war, durch scheinbare Blitzerfolge Hitler in seinem Durchhalte-Wahn zu bestärken. Und je spektakulärer sich die letzten Erfolge der SS ausnahmen, desto heller erstrahlte der Stern Himmlers an jenem wunderlich-düsteren Hof, der sich Führerhauptquartier nannte und doch dem Intrigennest eines arabischen Sultanats immer ähnlicher wurde.
Der Oktober 1944 darf denn auch als der Monat gelten, in dem die Macht Himmlers ihren Höhepunkt erreichte. Der Diktator wußte sich für die Erfolge seiner Garde in Polen, in der Slowakei und in Ungarn zu bedanken: Der SS-Chef erhielt das Privileg, am 8. November 1944 an Stelle Adolf Hitlers die traditionelle Bierkellerputsch-Gedenkrede in München zu halten.
Wie in Trance kostete Himmler seine Macht aus, berauschte ihn das Glücksgefühl, erster und scheinbar unersetzlichster Helfer seines Führers zu sein. Der Niedergang des Reiches, so spottet der britische Historiker Trevor-Roper, hatte Himmler "zu Gott gebracht": Der Mann, der noch wenige Monate zuvor die Kaltstellung Hitlers im Interesse des Friedens erwogen hatte, kannte keine Skrupel, für seine Gottheit die schauerlichsten Blutopfer zu fordern.
"Im Laufe des letzten Jahres", vertraute er dem Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk an, "habe ich wieder an Wunder zu glauben gelernt. Die Rettung des Führers am 20. Juli war ein Wunder." Mit schaurig-groteskem Optimismus tötete er in sich jeden Zweifel an dem Diktator ab.
Dem notorischen Skeptiker Felix Kersten hielt er vor: "Alle Kalkulationen Hitlers werden sich als richtig erweisen. Er ist doch noch immer das größte Genie aller Zeiten. Er weiß bis auf den Tag genau, wann wir den Sieg errungen haben. Am 26. Januar nächsten Jahres werden wir wieder an den Ufern des Atlantik stehen."
Als Heeres-Generalstabschef Guderian einwandte, er wisse nicht, wo er die Truppen hernehmen solle, um die nächste Offensive der Sowjets aufzuhalten, lächelte der Reichsführer über soviel unnötige Sorge und Kleingläubigkeit. Himmler: "Wissen Sie, lieber Generaloberst, ich glaube nicht, daß die Russen überhaupt angreifen. Das ist alles nur ein Riesenbluff."
Einen Augenblick schien es, als stünde das Reich "auf den vier Augen" Hitlers und Himmlers (so der Publizist Karl O. Paetel). Doch das Bild Himmlerscher Macht trog. Geschichtsschreiber Trevor-Roper bestätigt: "Dennoch war Himmler, trotz diesem anscheinenden Machtzuwachs, in Wirklichkeit im Abstieg."
Die Vier-Augen-Theoretiker haben vergessen, zwei weitere Augen mitzuzählen, die zu einem Mann gehörten, der mit brennender Eifersucht jeden Schritt des Nebenbuhlers Himmler verfolgte. Parteikanzlei-Chef Martin Bormann, Manager des NS-Apparates, Haupteinflüsterer des Diktators und zugleich Wächter am Eingang zu dessen engster Umgebung, stoppte den Aufstieg "Onkel Heinrichs", wie er Himmler gern nannte.
Schon der Himmler-Bormann-Streit um die Vollmachten des Inland-SD (SPIEGEL 4/1967) hatte die wachsende Macht der mausgrauen Eminenz im
* Mitte: OKW-Chef Keitel.
Führerhauptquartier dokumentiert. Je mehr das Reich unter den Keulenschlägen seiner Gegner zusammenschrumpfte, desto schriller wurden die Kommandos von Bormanns Goldfasanen-Brigade im Hinterland der Front.
Argwöhnisch wachte Bormann darüber, daß Himmler und die Höheren SS- und Polizeiführer die Vormachtstellung der Partei nicht antasteten. Sah sich ein Gauleiter durch Übergriffe eines SS-Führers herausgefordert, griff Bormann ein. Rüstungsminister Speer erinnert sich: "Bormann berichtete solche Fälle sofort an Hitler und nützte sie aus, um seine eigene Position zu stärken."
Da auch Hitler die Auffassung seines Ohrenbläsers teilte, die politische Führung des immer mehr auf deutschen Boden übergreifenden Krieges komme allein der Partei zu, schob Bormann seine Apparatschiks zusehends an die Schalthebel militärischer Kommandoposten. Nicht die SS trat an die Stelle der im Führerhauptquartier desavouierten Wehrmacht -- die Gauleiter boxten sich nach vorn. Der rabiateste unter ihnen, Erich Koch, von der Ukraine ins heimatliche Ostpreußen zurückgetrieben, demonstrierte zuerst, wie sich die Parteiführung Bormannscher Observanz die Heimatverteidigung vorstellte.
Als Reichsverteidigungskommissar seines Gaues schwang sich Koch zum wahren Herrscher Ostpreußens auf -- ungehindert von Wehrmacht und SS, die er beide gleichermaßen verachtete. Ohne die zuständige Heeresgruppe des Generalobersten Reinhardt zu befragen, ließ er Verteidigungsstellungen ausheben, stellte mit Invaliden, Greisen und Halbwüchsigen eine Privatarmee auf, die er "Volkssturm" nannte, beschlagnahmte die für das Heer arbeitenden Waffenfabriken Ostpreußens und verweigerte seinem Volkssturm jede militärische Fachberatung.
Ostpreußen-Verteidiger Koch handelte dem Führerhauptquartier sogar das Recht ab, jene Funktionen auszuüben, die schon Himmler für sich und die Seinen beanspruchte. Der Gauleiter durfte Offiziere und Soldaten kontrollieren und nach Fahnenflüchtigen suchen lassen.
Die aus Dilettantismus und Größenwahn gemischten Triumphe Kochs inspirierten Hitler und Bormann dazu, die Herrschaft der Partei über das letzte Aufgebot auf das ganze Reich auszudehnen. Guderian hatte vorgeschlagen, im Osten einen ortsgebundenen, dem Heer unterstellten Landsturm zu bilden; daraus machte Hitler einen von der Partei gelenkten Volkssturm nach dem Vorbild Kochs. Chef des Volkssturms: Martin Bormann.
Am 26. September instruierte Bormann die Gauleiter, sofort Vorbereitungen für die Aufstellung eines Volkssturms zu treffen. Drei Wochen später, am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig (18. Oktober 1813), wurde der Volkssturm offiziell durch einen Hitler-Erlaß ins Leben gerufen.
Die letzte große Verzweiflungstat des NS-Regimes minderte zugleich die Macht Himmlers. Denn: Dem Oberbefehlshaber des Ersatzheeres wurde nur zugestanden, Organisation, Ausbildung und Ausrüstung des Volkssturms zu kontrollieren, während Bormann Rekrutierung und politische Führung übernahm.
Zudem wußte Bormann noch einen Himmler-Rivalen gegen den SS-Chef ins Spiel zu bringen: Joseph Goebbels. Vor dem 20. Juli hatte der Reichspropagandaminister spekuliert: "Für Himmler die Armee und für mich die zivile Kriegführung! Das ist eine Verbindung, welche der Macht unserer Kriegführung neuen Auftrieb geben könnte"; nach dem Hitler-Attentat aber erkannte Goebbels in Bormann den Stärkeren und stellte sich auf dessen Seite.
Bormann setzte daraufhin die Ernennung des Promi-Chefs zum "Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz" durch. Im Dezember erhielt Goebbels den Auftrag, die Mannschaftsstärke der Wehrmacht zu untersuchen und dem Führerhauptquartier Versetzungen von Einheiten vorzuschlagen -- wiederum ein klarer Eingriff in die Domäne des Ersatzheer-OB Himmler.
Gleichwohl hatte Bormann die Macht Himmlers zu fürchten, solange der SS-Chef im Führerhauptquartier verkehrte und den Einflüsterungen des Parteikanzlisten entgegentreten konnte. Es gab nur eine Lösung: Himmler mußte aus der engeren Umgebung des Diktators entfernt werden. Bormann hatte eine Idee.
Er kannte die heimliche Sehnsucht des ehemaligen Fähnrichs Himmler" einmal an der Spitze kämpfender Truppen zu stehen; seit der Erste Weltkrieg dem Gymnasiasten aus Landshut das sogenannte Fronterlebnis verwehrt hatte, träumte der von einer Feldherrn-Karriere. Martin Bormann verschaffte sie ihm -- und leitete damit Himmlers Niedergang ein.
Ende November 1944 waren amerikanische und französische Verbände ins Elsaß eingedrungen und hatten die Truppen der deutschen 19. Armee bis auf einen Brückenkopf am linken Rheinufer zurückgedrängt. Es galt, am anderen Ufer einen Auffangverband zu bilden, der bei einem weiteren Rückzug über den Rhein die Trümmer der 19. Armee aufnehmen und die Offensive des Gegners stoppen konnte.
Das Führerhauptquartier beschloß, eine neue Heeresgruppe für den Raum zwischen Karlsruhe und Schweizer Grenze zu bilden. Da schlug Bormann vor, Himmler zum Oberbefehlshaber
* Gretel, geborene Braun, Schwester Eva Brauns.
dieser Heeresgruppe zu ernennen. Den entsetzten Militärs machten Hitler und Bormann die Himmler-Kandidatur schmackhaft: Himmler sei Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, das allein die Kräfte für die neue Heeresgruppe stellen könne, zudem gehe es in erster Linie um Auffangmaßnahmen, für die gerade der Polizeichef Himmler geeignet sei.
Himmler wurde Anfang Dezember ernannt. Der glückstrahlende "Oberbefehlshaber Oberrhein" sah nicht das aufgeklappte Messer, das ihm Bormann entgegenhielt. Jetzt konnte Himmler endlich den Traum seiner Jugendjahre verwirklichen, jetzt würde der Feldherr Himmler die große Wende des Zweiten Weltkriegs herbeiführen.
Anfangs vermochte er auch manchen Soldaten durch seinen Fleiß und sein Organisationstalent zu düpieren. Er baute in kurzer Zeit eine Abwehrfront auf, machte Einheiten seines Ersatzheeres für die Heeresgruppe Oberrhein mobil und gebot bald über eine seltsam buntscheckige Streitmacht aus Landsern, Volkssturm-Männern, Zollgrenzschützern, Flakhelfern und Ost-Bataillonen.
Er hatte zwar eine abergläubische Scheu, seine im Schwarzwald gelegene Feldkommandostelle zu verlassen, gleichwohl präparierte er sich für die große Schlacht mit dem Gegner. Einstweilen begnügte er sich allerdings mit kleineren Siegen über den internen Feind: Er entließ Korps- und Armeeführer wegen angeblicher Unfähigkeit und verweigerte jedwede Unterstellung der Heeresgruppe unter den für die gesamte Westfront zuständigen Oberbefehlshaber West.
Auf dem Papier seines Hauptquartiers schlug er bereits die große Entscheidungsschlacht im Westen und bemerkte dabei nicht, daß sein Regime in SS und Staat auseinanderbröckelte. Das Untertauchen des Reichsführers im Schwarzwald ermunterte manchen SS-Führer, sein Glück bei dem offenbar mächtigeren Himmler-Rivalen Bormann zu suchen.
Zu den Überläufern gehörten einflußreiche SS-Männer, so Himmlers persönlicher Vertreter im Führerhauptquartier, SS-Gruppenführer Hermann Fegelein, der Hitler-Gefährtin Eva Brauns Schwester Gretel geheiratet hatte, so der Obergruppenführer Dr. Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts.
Die Desertion des RSHA-Chefs entbehrte nicht der Ironie, denn nach dem Tode Heydrichs hatte Heinrich Himmler im Januar 1943 den zur zweitklassigen SS -- Führergarnitur zählenden Linzer Rechtsanwalt Kaltenbrunner in die Prinz-Albrecht-Straße berufen, um das Entstehen eines zweiten Heydrich zu verhindern.
Den hochaufgeschossenen, narbengesichtigen Kettenraucher kannte damals kaum jemand; Kameraden wollten wissen, er habe seine Karriere -- er leitete zuvor den SS-Oberabschnitt Donau -- nur dem Umstand zu verdanken gehabt, daß Österreichs halbfaschistische Polizei vor 1938 alle seine Vorgänger unschädlich gemacht hatte.
Zudem war von Himmler dafür Sorge getragen worden, daß Kaltenbrunner weniger Machtbefugnisse besaß als dessen Vorgänger Heydrich. Der SS-Chef hatte vorher dem RSHA die Zuständigkeit für Personal- und Wirtschaftsfragen genommen und sie zwei SS-internen Gegenspielern des RSHA zudiktiert, dem Personalhauptamt und dem Wirtschaftsverwaltungshauptamt.
Kaltenbrunner fand bei seinem Antritt ein RSHA vor, dessen Amtschefs mehr Autorität besaßen als der neue Herr. Er werde von seinen selbständigen Amtschefs "oft umgangen und erfahre vieles erst nachträglich", klagte Kaltenbrunner einmal seinem ehemaligen Studienkollegen Skorzeny, und der Mussolini-Befreier notierte: "Mir kam vor, als ob sich dieser Mann ... nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte."
Aber auch der etwas zu plump aufgetragene österreichische Charme des neuen RSHA-Chefs konnte nicht verbergen, daß Kaltenbrunner fieberhaft danach strebte, die Macht seines Vorgängers zurückzuerobern. 1944 durfte er bereits als der zweitmächtigste Mann des schwarzen Ordens gelten -- selbst Himmler erschauerte zuweilen vor den groben, ungepflegten Händen Kaltenbrunners, die schon den Abwehrchef Canaris erschreckt hatten.
Die Koalition mit Bormann aber garantierte Kaltenbrunner ein Privileg, das nicht einmal Heydrich genossen hatte. Der RSHA-Herr wurde ständiger Gast im Führerhauptquartier und nahm unmittelbar die Befehle Hitlers entgegen -- ohne Zwischenschaltung Himmlers. Das hatte es noch nie gegeben: Ernst Kaltenbrunner amtierte, als habe nur er die Politik des RSHA gegenüber seinem Führer zu verantworten.
Himmlers getreue Gefolgsleute verstanden den Abfall Kaltenbrunners zu deuten. Sie warnten den -Reichsführer vor den Machenschaften der Bormann-Clique und versuchten, Himmler von seinen Feldherrn-Phantasien abzubringen.
Am 21. Dezember 1944 schrieb Gottlob Berger an Himmler: "Ich bitte, die Tätigkeit als Oberbefehlshaber Oberrhein möglichst abzukürzen und wieder zum Führerhauptquartier zu gehen. Diese meine Bitte kommt nicht nur aus der von gewissen Seiten mit aller Energie geförderten Gerüchtebildung -- Reichsführer-SS ist in Ungnade, die Wehrmachtrichtung/Keitel hat .doch gesiegt -, sondern weil ich spüre, daß, wenn Reichsführer-SS nicht im Hauptquartier ist, unsere politische Arbeit ... unerhört leidet."
Auch die Himmler-Treuen in der Standarte "Kurt Eggers", der Propagandatruppe der Waffen-SS, wurden unruhig. Standartenführer Gunther d'Alquen ließ von seinen Offizieren eine Denkschrift für Himmler ausarbeiten, in der gefordert wurde, die SS müsse dem "Bormann-Monopol" ein Ende setzen.
Doch der in seine Feldherrnpose vernarrte Himmler mißachtete die Warnungsrufe. Er war sich seiner Kronprinzenrolle sicher, er glaubte fest an sein Recht auf die Nachfolge Hitlers -- erst spät erkannte Himmler, was er dem SS-Obergruppenführer Best in der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1945 so umschrieb: Bormann und das OKW hätten ihn ausmanövriert, man habe ihm die militärischen Kommandos nur übertragen, um ihn scheitern zu lassen.
Ende 1944 wollte er es noch nicht glauben, da schien eine Feldherrn-Zukunft vor ihm zu liegen. Wie besessen drängte er sich vor, als sich ihm in den ersten Januartagen von 1945 die Gelegenheit bot, militärische Qualitäten zu zeigen.
Zwei schnellen Divisionen einer benachbarten Heeresgruppe war es gelungen, in einer begrenzten Gegenoffensive die französische Maginotlinie bei Hagenau zu durchbrechen und in das nördliche Elsaß vorzustoßen. Der Erfolg animierte Himmler zu einem ehrgeizigen Plan: Er beantragte im Führerhauptquartier, man möge ihm die beiden Divisionen unterstellen und ihn mit diesen Truppen Straßburg zurückerobern lassen.
Himmler pochte darauf, daß seine 19. Armee noch einen Brückenkopf im mittleren Elsaß unterhielt; verstärke man ihn mit den beiden Divisionen im Raum Hagenau, so sei es nicht schwer, Straßburg einzunehmen.
Gegen den Widerstand des OB West genehmigte das Führerhauptquartier den Plan Heinrich Himmlers, und der Obergeneral jagte seine Befehle hinaus. In einer umständlichen Operation wurden die beiden Hagenauer Divisionen den Rhein entlang nach Süden geführt, doch noch ehe sie ihre neuen Stellungen beziehen konnten, hatten sich die Alliierten von dem Rückschlag im Nordelsaß erholt.
Gleichwohl wurden die amerikanischen Verbände von Himmlers Angriff -- er kam bis auf wenige Kilometer an Straßburg heran -- derartig überrascht, daß der alliierte Oberbefehlshaber, General Eisenhower, bereits mit dem Gedanken spielte, die Stadt aufzugeben und den rechten Flügel seiner Streitkräfte hinter die Vogesen zurückzunehmen. Der Straßburger Bürgermeister Charles Fey protestierte jedoch -- und die Alliierten hielten die Stadt.
Der deutsche Angriff blieb stecken, ja schlimmer noch: Am 20. Januar traten die Alliierten zum Gegenangriff an, rollten die Brückenköpfe der Himmler-Truppe westlich des Rheins auf und trieben in einem knappen Monat auch den letzten deutschen Soldaten auf das andere Rheinufer.
Die Niederlage des späten Feldherrn kündigte sich bereits an, da hielt Bormann für Himmler ein neues Militärkommando bereit, das den SS-Chef noch ärger in die militärische Katastrophe des untergehenden Regimes verstricken und den Wutausbrüchen des mißtrauischen Diktators konfrontieren mußte. Himmler übernahm ein neues Schattenheer, diesmal an der Ostfront: die Heeresgruppe Weichsel.
Am 12. Januar 1945 hatten die Sowjets ihre von Himmler noch kurz zuvor als Bluff bezeichnete Angriffsabsicht wahrgemacht und die größte Offensive internationaler Militärgeschichte eröffnet: Drei Millionen Rotarmisten berannten 750 000 schlecht bewaffnete deutsche Soldaten und zerschlugen in wenigen Tagen nahezu die gesamte deutsche Abwehrfront.
Die Heeresgruppen (Fronten) der Sowjetmarschälle Tschernjakowski und Rokossowski stürzten sich auf Königsberg und Danzig, während Marschall Schukow in der Mitte der sowjetischen Angriffsfront den Warthegau eroberte und sein Kamerad Konjew bis nach Sagan vorstieß. Panik ergriff die deutschen Verteidiger: Im Chaos der Flüchtlingstrecks, der Verzweiflungsschreie vergewaltigter Frauen und dem selbstmörderischen Wüten deutscher Standgerichte ging Ostpreußen bis auf einen Randstreifen am Meer verloren; die Heeresgruppe Nord wurde schwer angeschlagen.
Im Nordosten aber klaffte ein Loch, das die sowjetischen Angriffsverbände zwischen den deutschen Heeresgruppen Nord und Mitte geschlagen hatten. Der Raum zwischen Oder und Weichsel lag dem russischen Zugriff offen, kaum verteidigt von versprengten Truppenteilen, Ersatzeinheiten und Volkssturmabteilungen, die ohne jede einheitliche Führung operierten.
Generalstabschef Guderian schlug deshalb am 23. Januar vor, in Pommern einen neuen Heeresgruppenstab einzusetzen, der rasch die zwischen Weichsel und Oder stehenden Einheiten zusammenfassen und eine Abwehrfront aufbauen müsse. Diese "Heeresgruppe Weichsel" könne der Generalfeldmarschall Freiherr von Weichs übernehmen, dessen Stab durch die Verkleinerung des Kriegsschauplatzes auf dem Balkan freigeworden war.
Hitler stimmte zu, doch Guderians Kandidat für die Leitung der neuen Heeresgruppe machte dem Diktator einen "müden Eindruck". Er wußte einen besseren Mann: Himmler. Allein der SS-Chef komme für die Verteidigung jenes Raumes in Frage. Guderian protestierte.
"Ich war entsetzt über diesen krassen Fehlgriff", erzählt der Generalstabschef, "und bot meine ganze Beredsamkeit auf, um diesen Unsinn von der unglücklichen Ostfront abzuwenden. Alles war vergeblich. Hitler behauptete, Himmler habe seine Sache am Oberrhein sehr gut gemacht. Er habe das Ersatzheer an der Rand und verfüge daher ohne Umschweife über dessen Hilfsquellen."
Als Guderian versuchte, dem Laien-Strategen Himmler wenigstens ein paar erfahrene Generalstabsoffiziere beizugeben, machte der Diktator auch diese Aushilfe zunichte. Zum Chef seines Stabes erwählte sich Himmler einen couragierten, aber in der Führung großer Verbände unerfahrenen Panzergeneral der Waffen-SS, den Brigadeführer Heinz Lammerding, und umgab sich mit weiteren SS-Führern; erst später duldete er auch Heeresoffiziere in seiner Umgebung.
Allerdings: Der Mann, der am 24. Januar in Deutsch-Krone seine Feldkommandostelle aufschlug, besaß nicht mehr die größenwahnsinnige Zuversicht, mit der er sich noch am Oberrhein bizarren Feldherrn-Träumen hingegeben hatte. Er kam nicht ohne Bangen in den Osten; ihn beherrschte eine Furcht: die Angst vor dem unbeherrschten Temperament und der Rachsucht des Diktators.
Himmler wußte nur zu gut, daß er sich eine neue Niederlage nicht leisten konnte, ohne aufs Spiel zu setzen, was er sich in vielen Jahren aufgebaut hatte. Er durfte keine Zeit mehr verlieren, er mußte sofort und zu jeder Stunde Erfolg melden können. Ängstlich und zugleich fanatisch-blindwütig stürzte sich Himmler auf seine neue Aufgabe.
Er zog die letzten Kräfte des Ersatzheeres an sich, ließ SS- und Polizeikommandos in der Etappe nach kampffähigen Soldaten fahnden, stellte neue Waffen-SS-Verbände zusammen, deren Divisionen freilich nur noch Brigadestärke besaßen, und rief bewährte SS-Generale wie den Obergruppenführer Steiner in seine Heeresgruppe.
Was ihm an kampffähigen Truppen fehlte, ersetzte er durch das hohle Pathos seiner Kampf-bis-zum-letzten-Mann-Appelle und durch martialische Ankündigungen, die der Zivilbevölkerung eine Stärke vortäuschten, an die nicht einmal Himmler glaubte.
"Die Aufgabe, die uns gestellt ist", so belehrte er" die Kommandierenden Generale und Divisionskommandeure seiner Heeresgruppe, "haben unsere Ahnen gegenüber den Avaren, den Mongolen und im Südosten gegenüber den Türken und Tataren hundertmal zu lösen gehabt. Auch damals waren die einzigen verläßlichen Bundesgenossen die eigene Kraft und das tapfere Herz."
Und die parteiamtliche "Pommersche Zeitung" ließ er verkünden: "Die Auswertung der vorhandenen Vorräte an Soldaten und Waffen und der Einsatz der gesamten Kraft des rückwärtigen Gebietes wirken geradezu Wunder. Die Bevölkerung Südpommerns hat die Aufgabe der Stunde erkannt, die Front steht und wird ständig stärker."
Doch auch das Getöse der eignen Propaganda konnte Himmler nicht darüber täuschen, daß er einer Katastrophe entgegensteuerte. Der abergläubische Pseudofeldherr, wie kein anderer Potentat des Dritten Reiches sternengläubig und von den Sprüchen der Astrologen abhängig, sah sich unter einem unguten Stern.
Schon Himmlers Versuch, durch Entsendung des X. SS-Armeekorps in das Gebiet des Oder-Warthe-Bogens den sowjetischen Vorstoß zur Oder aufzuhalten, war zum Scheitern verurteilt. Am 29. Januar tauchten Schukows Truppen vor den alten Panzerwerken der Oderstellung auf und konnten sie schnell erobern -- noch schneller als befürchtet, denn der SS-Brigadeführer Ballauf hatte die ihm anvertrauten Pläne der Panzerfestung bei einem fluchtartigen Absetzmanöver verloren und damit den Russen überlassen, die prompt im Rücken der Verteidiger in den Ostwall eindrangen.
Verzweifelt mühte sich Himmler, die Oder-Schlappe durch einen Gegenangriff wettzumachen. Er setzte seine besten Waffen-SS-Einheiten zu einem Flankenstoß gegen Schukows Armeen im Raum Schneidemühl ein -- das von Anfang an hoffnungslose Unternehmen scheiterte. Die Deutschen mußten weiter zurück.
Von Niederlagen verfolgt, der Gunst seines Führers nicht mehr sicher, flüchtete sich Feldherr Himmler in die Krankheit. Immer häufiger suchte er seinen Schulfreund Karl Gebhardt auf der in- Hohenlychen (Neubrandenburg) ein SS-Lazarett unterhielt; in der Feldkommandostelle aber war der Oberbefehlshaber Himmler nur noch stundenweise ansprechbar, ab 22 Uhr hörte für ihn der Krieg überhaupt auf -- kein Offizier wagte den hohen Langschläfer zu stören.
Die Selbstausschaltung Himmlers wollte nun Generalstabschef Guderian zu einem letzten Kraftakt der Heeresgruppe Weichsel nutzen. Er faßte den Plan, aus dem Raum Arnswalde überraschend gegen die sowjetischen Verbände vorzustoßen, sie nördlich der Warthe zu schlagen, Pommern von Russen zu säubern und die Verbindung nach Westpreußen zu sichern.
Zu diesem Zweck wollte Guderian den General Walter Wenck in den Stab Himmlers entsenden, wo er die Operationen leiten sollte; vermutlich hoffte Guderian, auf diese -Weise Himmler praktisch als militärischen Kommandeur ausschalten zu können. Der Generalstabschef trug Hitler den Plan am 13. Februar in der Reichskanzlei vor, doch der Diktator durchschaute sofort Guderians Hintergedanken.
Verlegen und bleich hörte der anwesende Himmler zu, als sich Diktator und Generalstabschef über die militärischen Qualitäten des SS-Chefs stritten. Immer lauter wurde der Disput, immer schärfer die Vokabeln.
Guderian: "Der General Wenck muß in den Stab des Reichsführers kommandiert werden, sonst besteht keine Gewähr, daß der Angriff gelingt."
Hitler: "Der Reichsführer ist Manns genug, um den Angriff allein zu führen!"
Guderian: "Der Reichsführer -- hat nicht die Erfahrung und nicht den geeigneten Stab, um den Angriff selbständig zu führen. Die Anwesenheit des Generals Wenck ist dazu unerläßlich."
Hitler: "Ich verbiete Ihnen, mir vorzuwerfen, daß der Reichsführer seiner Aufgabe nicht gewachsen ist."
Guderian: "Ich muß darauf bestehen, daß der General Wenck in den Stab der Heeresgruppe kommandiert wird, um die Operation sachgemäß zu leiten."
Zwei Stunden lang schrien die Kontrahenten einander an, keiner wollte nachgeben. Wütend schritt Hitler auf und ab, plötzlich blieb er vor dem SS-Chef stehen. Hitler: "Also, Himmler, der General Wenck tritt noch heute nacht zu Ihrem Stabe und leitet -- den Angriff." Er blickte Guderian an und lächelte dünn: "Bitte, fahren Sie in Ihrem Vortrag fort. Der Generalstab hat heute eine Schlacht gewonnen."
Das Ende Himmlerscher Macht hatte begonnen. Guderians Plan scheiterte zwar -- Wenck erlitt vier Tage später einen Autounfall, der Angriff mißglückte -, aber der Generalstabschef -- ließ nicht locker bei seinen Versuchen, das Ostheer von Himmler zu befreien. Zweimal beantragte er bei Hitler die Ablösung des Oberbefehlshabers Weichsel. "zweimal lehnte der Diktator ab. Da faßte Guderian einen verzweifelten Plan: Er machte sich auf, Himmler den Rücktritt nahezulegen.
Als er jedoch die Feldkommandostelle -- sie war inzwischen nach Prenzlau verlegt worden -- aufsuchte und sich bei dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe melden lassen wollte, erfuhr Guderian, der Chef liege seit Wochen in der Gebhardt-Klinik in Hohenlychen, an "schwerer Grippe" leidend. Brigadeführer Lammerding fragte den Generalobersten: "Können Sie uns nicht von unserem Oberbefehlshaber befreien?"
Guderian konnte. Am 18. März stand er vor Himmler, der sich hustend und scheu in die Bettfedern drückte, als er den Besucher erkannte. Doch Guderian sprach begütigend auf den SS-Chef ein und versicherte ihm, man habe doch Verständnis dafür, daß der Reichsführer mit all seinen vielen verantwortungsvollen Posten nicht auch noch die Kleinarbeit eines Heeresgruppen-Befehlshabers übernehmen könne, zumal seine Gesundheit derart angegriffen sei.
Der gescheiterte Feldherr horchte auf und erschrak zugleich wieder. Was werde der Führer sagen, murmelte er und sah den Generalstabschef erwartungsvoll an. Guderian bot seine Hilfe an: Wenn der Reichsführer keine Bedenken hege, dann werde er, Guderian, von sich aus den Führer bitten, den Reichsführer vom Kommando der Heeresgruppe zu entbinden.
Am 20. März 1945 war es geschafft: Fast gleichzeitig stimmte Hitler dem Antrag zu, den Generalobersten Gotthard Heinrici, Oberbefehlshaber der 1. Panzer-Armee, an Stelle des Reichsführers-SS mit der Führung der Heeresgruppe Weichsel zu betrauen. Der Feldherrntraum Himmlers war zerronnen.
Kaum jemand aber ahnte, daß der 20. März 1945 einen Abschied manifestierte: den Abschied Heinrich Himmlers von einem lebenslangen Idol, die Abkehr von einem Gott, dem der Mystiker im SS-Rock die grausigsten Blutopfer dargebracht hatte, die Trennung von einer Lebenslüge.
Von diesem 20. März 1945 an wollte Himmler retten, was er noch retten zu können glaubte; das eigne Leben, den Orden, die Illusionen einer düsteren Karriere. Er wäre freilich nicht Heinrich Himmler gewesen, hätte er sich nicht in eine neue Wahnwelt geflüchtet. in neue Illusionen, die ihm vorgaukelten, er sei dazu berufen, Frieden zu stiften und das von Hitler befreite Nachkriegs-Deutschland zu leiten.
Generaloberst Heinrici erfuhr davon. als er sich am 22. März bei seinem Vorgänger im Prenzlauer Hauptquartier meldete. Verlegen zeigte ihm Himmler das Erbe, das er Heinrici hinterließ. aber als der Soldat den Reichsführer um eine "allgemein-politische Aufklärung" bat, kehrte die alte Zuversicht in Himmler zurück. Er war wie verwandelt.
Vorsichtig drehte sich der mächtige SS-Herr um, dann griff er Heinrici an den Arm und führte ihn behutsam auf ein Sofa in einer Ecke des Chefzimmers. Himmler wisperte: "Es ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem wir mit unseren westlichen Gegnern in Verhandlungen eintreten werden. Ich habe Schritte dazu eingeleitet, meine Unterhändler haben Verbindungen aufgenommen."
Zum erstenmal hatte Himmler einem Außenstehenden ein Geheimnis preisgegeben, das er bis dahin ängstlich gehütet hatte: Seit Monaten versuchte der SS-Chef, über schwedische und schweizerische Verbindungsleute mit den Alliierten in Kontakt zu kommen und die Westmächte zu einem Sonderfrieden zu animieren.
IM NÄCHSTEN HEFT
Das Ende der SS: Kersten und Schellenberg treiben Himmler zum Bruch mit Hitler -- Der SS-Chef stoppt Eichmanns Mordmaschine -- Hitler stößt Himmler aus allen Ämtern aus -- Himmlers Selbstmord
Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne

DER SPIEGEL 9/1967
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