20.02.1967

FORSCHUNG / PARAPSYCHOLOGIEFlüchtiges Psi

Am 22. November 1963, zur selben da Präsident Kennedy im offenen Wagen durch Dallas fuhr, saß Jeane Dixon mit Damen der Gesellschaft im Washingtoner Hotel "Mayflower" beim Lunch. Sie aß fast nichts, und Mrs. Kaufmann, eine ältere Lady, fragte sie: "Kindchen, warum essen Sie denn nichts?"
Jeane: "Ich bin unruhig. Dem Präsidenten wird heute etwas Schreckliches zustoßen."
Minuten später meldete der Rundfunk: "Auf den Präsidenten ist geschossen worden." Die Lunch-Gäste erstarrten.
Schon einige Wochen zuvor, heißt es, hatte Jeane Dixon, hellseh-begabte Ehefrau eines Washingtoner Immobilien-Maklers, eine Freundin der Familie Kennedy aufgesucht und sie beschworen, den Präsidenten von der geplanten Reise abzubringen: "Er wird unterwegs getötet werden."
Wahrlich, ein Schock, ein höchst verwirrender Bebenstoß zumindest müßte das Weltbild selbst des aufgeklärtesten, des wissenschaftsgläubigsten Menschen im Raketen- und Computer-Zeitalter erschüttern, wenn die Geschichte der Jeane-Dixon-Prophezeiung wahr wäre. Und es gibt mehr Dinge:
4000 Konzertbesucher sollen Zeugen gewesen sein, als vor acht Jahren den italienischen Geiger Mario Muselli während einer Vorstellung in Rio de Janeiro das Zweite Gesicht überkam. Dreimal setzte der Virtuose den Bogen an, zögerte -- dann sprach er ins Mikrophon: "Ich kann es nicht genau sagen, aber ich glaube, in diesem Augenblick bemühen sich drei Männer, den Tresor der Ersten Kreditbank in Rio aufzuschweißen. Besser, es würde gleich einmal nachgesehen."
Die Polizei, laut Zeitungsmeldungen, nahm drei verdutzte Einbrecher am Tatort fest.
Und Dr. phil. et med. Hans Bender, Professor an der Universität Freiburg, schwört Stein und Bein -- er besitzt genaue Aufzeichnungen darüber -: Am 25. Oktober 1965 half der holländische Hellseher Gerard Croiset, 57, einem Bekannten, dem Binnenschiffer Willem Jansen, aus der Bredouille.
Jansens Rheinschiff war bei Antwerpen gesunken, und niemand wußte, wo das Leck war. Telephonisch bezeichnete Croiset -- selber in Utrecht, 111 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt -- bis auf 30 Zentimeter genau eine Stelle im Boden des Kahns, wo daraufhin ein Taucher das Leck lokalisierte.
Unerklärliche Begebenheiten, harmlos wie die letzte, oder -- sehr viel öfter -- mit unheimlichem Charakter und" in Nachbarschaft des Todes, begleiten die Menschheit seit Anbeginn.
Aufklärung und Materialismus, moderne Naturwissenschaft und nüchternes Konsumdenken der Industriegesellschaft haben dem Geheimnisvollen wenig anhaben können.
In einer Zeit, da schon fast alles berechenbar scheint, da sich das menschliche Gehirn als eine Art Super-Computer erweist, zeigen Arme und Reiche, Schlichtgläubige und Intellektuelle gleichermaßen aufgeschlossenes Interesse: Das "Außersinnliche"" das "Übersinnliche", "paranormale. Fähigkeiten", "sechster Sinn" und "Zweites Gesicht" beschäftigen ihre Phantasie.
-- Den Dichtern stand es seit je außer Frage. Seit Aischylos, Euripides und Shakespeare, in dessen Stücken summa summarum 14 Geister teils tragende Rollen spielen, ist die schöne Literatur gedrängt voll von Manifestationen des Magisch-Mysteriösen: über die Wahrträume in Kleists "Käthchen von Heilbronn", die obskuren Weissagungen in Mörikes "Maler Nolten" und Grillparzers "ob begangener schwerer "Thaten" ruhlos wandelnde "Ahnfrau" bis hin zu dem von Günter Graß ersonnenen Potenz-Gnom Oskar Matzerath, dem die Gabe eigen ist, Glasscheiben zu "zersingen".
Doch auch Männer der Tat, Prototypen des kühlen Zweckdenkens, leihen ihr Ohr beiläufig dem Zuspruch einer anderen, verborgenen Welt. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach gestand, daß er in früheren Jahren gelegentlich an Tischrück-Sitzungen teilgenommen habe. Der Krupp-Bevollmächtigte Berthold Beitz ließ sich ein Horoskop stellen, das nach Beitzens begeistertem Zeugnis "zu 85 Prozent ganz genau" stimmte.
Wie weiland Wallenstein und Adolf Hitler hält sich auch Axel Springer einen Hausastrologen, den Hamburger Sterndeuter Hans Genuit. Der Mieder-Boß Curt Braun ("Triumph") läßt sich von der Berliner Berufs-Hellseherin Ursula Kardos, 69, günstige Zeiten für geschäftliche Investitionen künden.
Kaum minder als im traditionell gespensterfreudigen England und im recht abergläubigen Amerika schrulliger Frauenklub-Kränzchen blüht in der Bundesrepublik das Geisterwesen.
Spiritistische Zirkel -- wie die Berliner "Psychowissenschaftliche Forschungsgemeinschaft" ("Weit über 1000 Séancen ... und die Jenseitigen antworten") oder der "Ewe-Kreis" einer Hamburgerin namens Elisabeth Watty ("Zum Ausklang hörten wir die Platte "Danke"") -- produzieren ein vielfältiges Sortiment religiös-messianisch eingefärbter Zeitschriften ("Die Burg", "Weltspirale", "Mene-Tekel", "Gottessohn Mikaal"). Die Abonnenten solcher Blätter zählen nach Tausenden.
Indes, die magische Anziehungskraft des Übersinnlichen hielt Menschen und Völker aller Kontinente in Bann -- zu allen Zeiten. Tief wurzelt im menschlichen Unbewußten die Vorstellung, daß sich hinter der sichtbaren Welt von Bäumen, Tieren und Menschen noch eine unsichtbare verberge, die, wie der Kulturhistoriker Egon Friedell formulierte, "als die wirksamere gilt".
Stets fanden sich Auserwählte, die sich berufen fühlten, Botschaften mit jener anderen Welt zu tauschen: die Propheten des Alten Testaments wie die Traumdeuter Ägyptens, die Hain,-Priesterinnen bei den Germanen ebenso wie Zauberpriester und Fetischmänner bei Negerstämmen und Südsee-Insulanern.
Ein "Zauberspiegel" verriet Chinesen und Japanern, der Zauberbecher des Sonnenheros Dschemschid kündete den Persern Zukunft, Vergangenheit und räumlich ferne Gegenwart. Feldherren und Könige beugten sich den Wahrsprüchen der Seher -- manchmal dem eigenen Volke zum Verderben, wie Lydiens letzter König Kroisos, der das zweideutige Delphische Orakel mißverstand und seine Heere in die Niederlage führte.
Wie einst die Kröte im Haus und der nächtliche Ruf des Käuzchens als unheilkündend galten, so werden auch im Atomzeitalter schwarze Katzen, die von links kommen, womöglich noch an einem Freitag, argwöhnisch beäugt. In den noch zuckenden Herzen indianischer Jünglinge und in den Eingewei-
* Angeblich authentische Photographie einer Geistererscheinung (1886).
den römischer Opfertiere offenbarten sich Gunst und Ungunst der Götter wie später in Handlinien, Spielkarten und Kristallkugel.
Jahrhundertelang beherrschten Magie und Mystik selbst die Naturwissenschaften. Kabbalistische Beschwörungsformeln sollten helfen, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Und der "animalische Magnetismus",wie ihn der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert verstand, wirkt fort in das Jahrhundert der Antibabypille: Handaufleger und Magnetheiler, Rutengänger und Pendler finden gläubige Patienten, wie der -- 1959 an Krebs verstorbene -- Wunderdoktor Bruno Gröning, der seinen Patienten Stanniolkugeln aushändigte" die er zuvor mit übersinnlicher Kraft bestrahlt hatte.
Die Mehrheit der Bundesbürger ist immer noch bereit, das Übersinnliche und Magische zu respektieren. Das bewies vor einigen Jahren eine Umfrage des Allensbacher "Instituts für Demoskopie": Zwölf Prozent der Befragten hatten Klopfgeister und anderen Spuk "schon erlebt", weitere 17 Prozent hielten derlei Erscheinungen für möglich, obschon sie sie selber noch nicht wahrgenommen hatten.
Auch auf die. Frage, ob sie schon Menschen mit dem Zweiten Gesicht begegnet seien oder doch an Helisehen und Gedankenübertragung glaubten, antworteten 64 Prozent der befragten Bundesbürger positiv.
Vollends das ganze Millionenvolk des "Bild" -Leser aber merkt auf, wenn Schlagzeilen vom Übersinnlichen Kunde geben -- so Anfang Juli 1965 von dem damals 14jährigen Lehrjungen Heinrich Scholz in Bremen, in dessen Gegenwart sich Vasen, Tassen, Schnapsgläser und Kaffeekannen auf unerklärliche Weise selbständig machten, in ihren Regalen klirrten oder auf den Fußboden hüpften und dort zerschellten.
In der Tat, das Spektrum der Ungereimtheiten, die einem Durchschnittsbürger irgendwann im Laufe seines Lebens widerfahren, ist weit gespannt. Es reicht von der offenkundigen Narretei des Aberglaubens bis hin zu jenen seltsam-unerklärlichen Vorfällen. die auch den Skeptiker stutzig machen.
Von "Ektoplasma", einer an Zuckerwatte erinnernden "feinstofflichen Substanz", die durch die oberen Luftwege eines Mediums ausgeschieden wird und in der sich Verstorbene "materialisieren", ist in den Spiritisten-Blättern noch die Rede, ebenso wie von wohlformulierten, über "Sprachrohre" und Medien aus dem Jenseits eingespielten Botschaften, die von einem "Geistigen Reich" hochentwickelter außerirdischer Lebewesen künden oder Fragen der Tagespolitik klären ("Wie lange bleiben die Amerikaner noch in Vietnam?" -- "Nicht mehr lange").
Geheimnisvolle krebsfördernde "Erdstrahlen" schrecken noch immer jene, die dran glauben, Berichte von Wünschelruten-Heilern erfüllen sie mit neuer Hoffnung. Und die berufsmäßigen Wahrsagerinnen, wie vor Jahrhunderten mit Spielkarten, Kristallkugeln und Kaffeesatz hantierend, beziffern ihre steuerpflichtigen. Bezüge immer noch nach eigenem Gutdünken.
Aber das Spektrum des Unheimlichen umgreift auch jene merkwürdigen Zufälle im Alltag, die eigentlich keine sein können, weil ihnen scheinbar jede statistische Wahrscheinlichkeit entgegensteht: der Straßenbahn-Fahrgast, der die Melodie eines Schlagers denkt -- und sie im selben Moment von einem neben ihm Stehenden gepfiffen hört; der Mann, der den Tod seiner Frau denkt, träumt oder spürt -- im selben Augenblick, da er sich an einem meilenweit entfernten Ort tatsächlich ereignet.
Kaum jemand, der nicht irritiert und zugleich ratlos solche Geschehnisse zur Kenntnis nähme, von denen Thomas Mann (in einem Essay über "Okkulte Erlebnisse"> meinte, es seien wohl "alberne Erscheinungen" -- und doch etwas, "was einem auf den Nägeln brennt".
Tief wurzeln das Mißtrauen und der Widerwillen, den die Schulweisheit, die offizielle Wissenschaft den Phänomenen einer möglichen anderen, "zweiten" Welt entgegenbringen. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so etwas wie ein neuer Wissenschaftszweig etabliert, der sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Okkulten auf die Spur zu kommen, das Mysteriöse zu enträtseln, das Ungeheuerliche endlich doch geheuer zu machen: die Parapsychologie, mitunter verfeinert auch "Grenzgebiete der Psychologie" geheißen*.
Mehr als 30 akademische Lehrstätten -- darunter so renommierte wie die Cambridger Harvard- und die New Yorker Columbia-Universität -- haben- der Parapsychologie ihre Pforten geöffnet. Die prominentesten Vertreter der jungen Fachrichtung sind schon in weisheitsschwangerem Alter: der Amerikaner Joseph Banks Rhine, 71, von Hause aus Botaniker, der Engländer S. G. Soal, 77, früher Mathematiker, sowie der Holländer Wilhelm H. C. Tenhaeff, 73, der -- nun ach -- Philosophie, Physiologie, Ethnologie und Psychologie studiert hat.
Auch die Sowjets betreiben seit Anfang der dreißiger Jahre parapsychologische Forschung. Seit 1960 verfügt die Leningrader Universität über ein "Institut zur Erforschung psychischer Fernwirkung". Dort wirkte auch der (1966 verstorbene) Parapsychologe Leonid L. Wassiljew, der einst über Distanzen bis zu 1700 Kilometer an medial begabte Versuchspersonen telepathische Einschlaf-Ordern hatte aussenden lassen.
Und auch die Bundesrepublik darf sich -- an der Freiburger Universität -- eines Lehrstuhls für "Grenzgebiete" rühmen, besetzt von Professor Hans Bender, 60, der sich nach eigenem Bekunden noch immer "zu 80 Prozent als Normalpsychologe" fühlt.
Seit 1950 leitet Bender das Freiburger "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene"" das vornehmlich aus Mitteln einer Stiftung finanziert wird: Die Schweizer Parapsychologin Fanny Moser, verstorben 1953, vermachte den Freiburgern Anteile an drei Schwabinger Mietshäusern.
Noch ist die Parapsychologie weit davon entfernt, als ernstzunehmende Wissenschaft -allgemein Anerkennung zu finden. Nur wenige Schul-Psychologen sind, den "Grenzgebieten" ihres Faches gegenüber so aufgeschlossen wie Freiburgs Psychologie-Ordinarius Robert Heiß ("Die paranormalen Äußerungen sind erforschungswürdig"). Meist sind die Paraforscher nur geduldete Außenseiter an den psychologischen Instituten.
Viele Ordinarien halten die Wissenschaft vom Okkulten, die den Ruf der eben erst anerkannten Psychologie gefährden könnte, geradezu ängstlich aus ihren Instituten fern. Und noch immer halten es wohl die meisten Wissenschaftler mit dem Frankfurter Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno, der den Okkultismus, Gegenstand der Parapsychologie, schlicht "als Metaphysik der dummen Kerle" abtat.
Mehr als jede andere Fachrichtung bietet die Parapsychologie ihren Gegnern Angriffsflächen. Denn es ist, in der Tat, ein eigen Ding um diese Wissenschaft: Während Forschung gemeinhin danach trachtet, vorhandene Gegenstände oder reproduzierbare Abläufe zu untersuchen und die zugrunde liegenden Gesetze aufzuspüren, stehen die Parapsychologen gleichsam noch im Vorhof ihrer eigenen Wissenschaft. Sie quälen sich noch um den Nachweis, daß es das Objekt ihres Forschens -- das Außersinnliche -- wirklich gibt.
Zu diesem Zweck reisen sie, bewaffnet mit Infrarot-Kameras, Blitzlicht und Höllensteinpulver (das sie auf Türklinken und Fensterbänken deponieren und das etwaige Betrügerhände für Wochen unabwaschbar schwarz färbt), in Spukhäuser und zu spiritistischen Séancen. Sie prüfen Berichte von Wahrträumen und belauern -- Katzen, die ihrer Herrschaft über Hunderte von Kilometern nachgelaufen sind.
Sie sammeln alles, was nach Meinung der Leute "kein Zufall sein kann". Sie stürzen sich auf Schauspielerinnen, Jünglinge und Greise, die mit dem Zweiten Gesicht begabt zu sein scheinen, und lassen sie unter Aufsicht würfeln, an Computern Zahlenreihen raten oder voraussagen, in welcher Reihenfolge eine eigens dazu konstruierte Maschine einen Packen Pappkarten mit magischen Symbol-Aufdrucken mischen wird.
Sie scheuen sich nicht, nach Poltergeistern und Verstorbenen zu fahnden,
* Parapsychologie: Kunstwort aus griech. para = neben, psyche = Seele, logos = Lehre; geprägt von dem deutschen Psychologen Max Dessoir (1867 bis 1947).
die angeblich durch Medien oder mittels schriftlicher Botschaften Kontakt zu Lebenden suchen. Und sie protokollieren Aussagen von Helisehern und Astrologen, um später zu vergleichen, was davon eintrifft und was nicht.
Wie Goldgräber sieben sie dabei alles aus, was nicht glänzt. Mit Stolz präsentieren sie die Nuggets -- und erwähnen nicht gern die Massen von Kies, die sie vorher haben verschwinden lassen.
Die Paraforscher legen Wert auf die Feststellung, daß ihre Jagd in den Grenzzonen seelischen Seins Methode habe. Vieles von dem, was Spiritisten-Zirkel und Jahrmarktbesucher ernstlich beschäftigt, erklären die Parapsychologen, soweit sie an renommierten Instituten tätig sind, für jenseits ihres Interesses oder für unter ihrer Würde -- so etwa Erdstrahlen und Kaffeesatz. Fliegende Untertassen und Wunderheiler, aber auch Astrologie.
Was übrigbleibt, ordnen sie systematisch. So ergaben sich für die Parapsychologie vier Hauptforschungsbereiche. Die ersten drei werden unter dem Begriff "Außersinnliche Wahrnehmung" (ASW) zusammengefaßt:
> Telepathie (Gedankenlesen) -- Übertragung von Gedanken und seelischen Vorgängen zwischen Personen ohne Zuhilfenahme der fünf bekannten Sinne. Beispiel: der von dem russischen Paraforscher Wassiljew überwachte Fern-"Induktor" I. F. Tomaschewski, wenn er durch hartnäckiges Daran-Denken in Sewastopol eine 24jährige Bäuerin in Leningrad zum Einschlummern brachte;
> Hellsehen -- die Fähigkeit, vor einer Art innerem Auge räumlich entfernte Gegenstände oder Ereignisse wahrzunehmen, die dem Hellseher keinesfalls bekannt oder mittels normaler Sinneswahrnehmung zugänglich sein können. Beispiel: der Geiger Muselli, wenn ihn im Konzertsaal die Vision des kilometerweit entfernten Bankeinbruchs heimsuchte;
> Präkognition (Zukunftshellsehen) -das Wissen um Dinge, die sich noch nicht ereignet haben und auch durch logisches Kombinieren nicht voraussehbar sind. Beispiel: Jeane Dixon, wenn sie schon Wochen zuvor den Tod Kennedys vorhersah. Der vierte Forschungsbereich gilt einer noch unheimlicher anmutenden Kraft:
> Psychokinese (Telekinese) -- physikalische Beeinflussung der Umwelt ohne physikalische Ursache, durch bloßes, meistens unbewußtes Wünschen oder Denken*. Beispiel: das Tassen- und Teller-Klirren, wie es aus der Umgebung des Kaufmannslehrlings Scholz gemeldet wurde.
Unter dem Rubrum Psychokinese versammeln die Paraforscher all jene Phänomene, die den Menschen von jeher besonders rätselhaft vorkamen -- nicht erst seit Luther, der (in einer Tischrede) beklagte, daß eines Nachts in seinem Wartburg-Zimmer ohne erkennbare Ursache der Inhalt eines Sackes Haselnüsse gegen sein Bett gepoltert sei: Die Heimgesuchten schaudern, die Parapsychologen begeistern sich, wenn es irgendwo umgeht, wenn es spukt.
Eldorado des Geisterhaften ist nach wie vor das britische Königreich. Noch in ihrer Ausgabe von 1963 vermerkte die ehrwürdige, für wissenschaftliche Verläßlichkeit weithin berühmte "En-
* Psychokinese, Telekinese: von griech. psyche Seele, tele = fern, kinein = bewegen,
cyclopedia Britannica" unter dem Stichwort "Spiritualism", es gebe "starke sichtliche Beweise für eine gewisse Verbindung mit menschlichen Geistern, die den Tod überlebt haben". Und in den Annalen der britischen "Society for Psychical Research" (SPR), die seit ihrer Gründung im Jahre 1882 über 40 Bände mit paranormalen Materialien füllte, sind zahllose Berichte und Analysen aus Spukhäusern Verzeichnet.
1956 veröffentlichte die Gesellschaft, als deren Präsidenten stets Gelehrte von Rang zeichnen, einen 180 Seiten starken Report über das "unheimlichste Haus in ganz England": das Pfarrhaus in Borley, Essex.
Seit 1900 hatte es in der Pfarrei gespukt. Der Geist einer Nonne war erschienen, Steine, Schlüssel und Münzen, teils antik, wurden "apportiert". Verschiedene Flüssigkeiten verwandelten sich in Tinte, Haushaltsgegenstände wurden aus angeblich verschlossenen Räumen durch Wände hindurch in andere Räume "transportiert" oder gingen zeitweise verloren. Klingeln schrillten, ohne daß jemand geläutet hatte, Klopfzeichen "ertönten. Und derart Unheimliches ereignete sich auch noch im Jahr 1944, als die Pfarrei schon seit fünf Jahren halb verfallen leerstand.
Nach Anhören aller lebenden Zeugen und Auswertung aller verfügbaren Berichte kamen die drei mit der Untersuchung betrauten -- dem Paranormalen durchweg aufgeschlossenen -- Mitglieder der "Society" zum Schluß, daß es in der Pfarrei von Borley wahrscheinlich nie gespukt hat, daß vielmehr alle Phänomene Einbildung der Bewohner oder Betrug waren.
Doch nur widerstrebend, verbrämt mit gewundenen Vielleicht-aber-doch-Floskeln, mochten sie diesen Befund in den SPR-Annalen veröffentlichen. Die Gesellschaft wollte die gläubigen Spiritisten unter ihren Mitgliedern nicht brüskieren -- den Spiritisten auch des 20. Jahrhunderts gelten Spuk-Phänomene aller Art als pietätheischend: als der Versuch von Verstorbenen, mit Erdenbürgern in Kontakt zu treten.
Deutschlands Paraforscher Bender -- immerhin einschränkend: "Denkmöglich ist alles" -- glaubt nicht an solchen Verkehr mit den Geistern Verstorbener. Für ihn sind Spuk-Phänomene aller Art auf eine weit schlichtere und plausiblere Weise erklärbar: als unmittelbare Auswirkung der psychokinetischen Dränge und Kräfte Lebender.
Bender, der für ein beweisversprechendes Phänomen "bis ans Ende der Welt" zu reisen bereit ist, hat bislang mehr als 15 Spukhäuser durchforscht. Eines seiner eindrucksvollsten Studienobjekte war das Haus des Bürgermeisters Notheis in Neudorf bei Karlsruhe.
Der 13jährige Sohn des geplagten Bürgermeisters war -- wenn auch mitunter schlafend -- immer dabei, wenn es bei Notheisens spukte. Für Bender gibt es kaum Zweifel, daß der von ihm als "aufgeweckt" klassifizierte Knabe als kinetischer Kraftquell wirkte, wenn sich des Nachts im Notheis-Schlafzimmer die paranormalen Ereignisse überstürzten -. so beispielsweise, nach dem Protokoll des Vaters, in einer einzigen Nacht:
> 21.40 Uhr: fünf Glühbirnen lockergeschraubt und fünf Würste in einen Krug mit Wein gesteckt;
> 21.50 Uhr: die Bettflasche aus dem Bett geflogen;
> 21.55 Uhr: Seifenschale ins Bett gekommen;
> 22.05 Uhr: Bettflasche zum zweitenmal aus dem Bett geflogen.
Dann "regnete es Nägel", und zwar 16mal in 45 Minuten, und eine Schraube wurde durchs Zimmer geworfen. Um 1.58 Uhr endet das Protokoll: "Eine Bürste durch den Raum geflogen, welche die Fensterscheibe zertrümmerte."
Bender startete, nach Parapsychologen Brauch, "eingehende Befragungen der Zeugen", gewürzt sogar mit "Fangfragen", aufgezeichnet mit dem "unbestechlichen Magnetophon", und kam im Fall Notheis zu dem Schluß, "daß keinerlei Verdachtsmomente für einen bewußten oder unbewußten Betrug zu finden waren". In Gegenwart des Professors freilich hatte es nicht gespukt.
Dies Mißgeschick, das Bender bisher auf all solchen Forschungsreisen widerfuhr, kennzeichnet in der Tat ein Hauptproblem der Wissenschaft vom Okkulten: Die Phänomene sind, wenn sie geprüft werden sollen, partout nicht mehr herbeizuzwingen. Selbst das hochmögendste telekinetische Talent schwindet, sobald es sich erweisen soll.
In klassischer Weise durchlitt Bender diese Enttäuschung bei seinem derzeitigen Para-Star, dem Bremer Porzellan-Kinetiker Heiner. Scholz. Nach dem rätselhaften Scherbengericht in der Hansestadt holte der Professor den pubertierenden Knaben zu sich und testete ihn mit den eigens für solche Zwecke entworfenen Symbol-Karten, die Heiners Begabungen in Telepathie, Helisehen und Präkognition enthüllen sollten.
Nach anfänglichen "kolossalen Erfolgen" (Bender) gerieten -- Tragik der Paraforschung -- Heiners Karten-Künste ins Wanken. Und als eine amerikanische Fernsehgesellschaft die angeblich so eindrucksvollen Kartenspiele des Bremers in Ton und Bild festhalten wollte, versagten Heiners Gaben jäh.
Auf unheimliche Weise schienen sie später nochmals aufzuflackern: In den Kellergängen eines Freiburger Schulneubaus brachen, wie Zeugen berichteten, in Gegenwart von Psychokinetiker Heiner neun Haken samt den Dübeln aus der Wand. Bender: "Zusammen mit meinem Assistenten konnte ich das Phänomen des Lockerwerdens beobachten."
Doch wieder war ihm kein Forscherglück beschieden: "Als wir es drei Tage später filmen wollten, ging es nicht mehr ..."
Ober die weitere Para-Laufbahn des inzwischen 15jährigen Bremer Psychokinetikers mag der Professor nichts aussagen: "Der Junge ist jetzt in einer sehr guten Pflegefamilie, unter deren Einfluß sich die störenden Eruptionen beruhigt haben."
Daß alle Holter- und Poltergeister dieser Welt sich immer und immer forschendem Zugriff zu entwinden scheinen, kränkt die Parapsychologen. Mit stillem Triumph dagegen dürfen sie konstatieren, daß sich ein Phänomen vor ihren Infrarot- und Blitzlicht-Kameras in den Rückzug flüchtete, dem sie seit je größere Skepsis entgegengebracht hatten -- obwohl einst- so erlauchte und kritische Geister wie das Ehepaar Curie, der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri Bergson und Thomas Mann sich davon hatten faszinieren lassen: Geisterbeschwörung und Materialisation Verstorbener mit Hilfe spiritistischer Medien.
Bergson und die Curies hatten um die Jahrhundertwende einigen Sitzungen des ruhmreichen, vollbusigen Mediums Eusapia Palladino beigewohnt. Ihr Repertoire: In mystischem Halbdunkel spielte ein von ihr beschworener Geist namens John King in einem Kabinett, das hinter ihrer Stuhllehne errichtet war, auf Spielzeugtrompete, Tamburin oder Gitarre. Auch levitierten sich Tische, die Vorhänge des Kabinetts wallten, und Klopfgeräusche gaben Antwort auf Fragen nach Verstorbenen.
Nach einer steilen Karriere in Europa wurde die gebürtige Apulierin am 18. Dezember 1909 bei einer Sitzung in Amerika von dem Harvard-Psychologen Hugo Munsterburg entlarvt. Der Forscher hatte noch richtig den Geist John King verspürt, wie er an "seinem Ärmel zupfte. Doch dann ertönte, wie der Wissenschaftler meldete, "ein markerschütternder Schrei": Einer von Munsterburgs Assistenten hatte sich, flach auf dem Fußboden liegend, mit festem Griff des medialen Fußknöchels bemächtigt, als dieser im Begriff war, nach einem rückwärtigen Tisch zu angeln, der programmgemäß hatte levitiert werden sollen.
Ähnlich erging es dem wohl berühmtesten deutschen Medium, dem Zahntechniker Willi Schneider, der in den zwanziger Jahren unter Anleitung und in der Wohnung des Münchner Arztes Albert Freiherr von Schrenck-Notzing seine okkulten Künste zeigte.
"Mit einem Anflug von Ekel", aber doch merklich beeindruckt, war auch Thomas Mann Zeuge einer dieser Sitzungen gewesen und hatte erlebt, wie plötzlich von Geisterhand eine, Glocke geläutet, ein Korb umgestürzt und in die Lüfte erhoben wurde, wie ein Taschentuch im Rotdunkel umherschwebte und ein Geist seine Konturen zur Erscheinung brachte.
Wie Willi und Eusapia, so wurden fast alle berühmten Medien, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Tische und Taschentücher levitiert hatten, betrügerischer Manipulationen überführt. So sind denn auch seit nunmehr 30 Jahren öffentlich auftretende spiritistische Medien ausgesprochen rar geworden.
Öffentliche Veranstaltungen spiritistischer Zirkel beschränken sich nunmehr -- neben pseudowissenschaftlichen Vorträgen über das Delphische Orakel und Reminiszenzen an die großen Medien der Vergangenheit -- vornehmlich auf das Vorführen von Dias und Filmen Fliegender Untertassen, bei denen es meist nur mäßiger Skepsis bedarf, sie als Photomontagen oder Trickfilme zu identifizieren.
Mit einem Skandal für Westdeutschlands Geisterfreunde endete der Versuch des in Gundelfingen nahe Freiburg ansässigen Esoterikers Hans Geisler, Herausgeber und Schriftleiter der "Anderen Welt", seiner Gemeinde etwas Besonderes zu bieten. Weil es in Europa keine spiritistischen Medien mehr gibt, hatte Geisler im Herbst 1965 für ein Spiritisten-Treffen -- die Kosten nicht scheuend -- aus Brasilien, dem derzeit noch geisterreichsten Land- der Welt, das Materialisations-Medium Dona Iris samt Bruder und Dolmetscherin einfliegen lassen.
Im Kurhaus zu Herrenalb im Schwarzwald sahen die 800 Sitzungsteilnehmer -- das Mitbringen von Taschenlampen, Streichhölzern und Feuerzeugen war untersagt -, wie auf der Bühne, nachdem Bruder Virgilio kurz Rotlicht gegeben hatte, exotisch anmutende Geister beiderlei Geschlechts erschienen, schleierumwoben, wie es sich rechten Geistern ziemt.
Unter den Gästen war auch Parapsychologe Bender. Der Diener der Wissenschaft züchte seinen Infrarot-Seher, der ihm erlaubte, "als einziger in absoluter Dunkelheit hellzusehen" (Bender)**. Der
* Infrarot-Aufnahme bei der Veranstaltung in Herrenalb.
** Der Infrarot-Seher sendet (unsichtbare) Wärmewellen aus, die von den zu betrachtenden Gegenständen reflektiert werden. Ein elektronischer Wandler in dem Gerät macht die aufgefangenen Infrarot-Bilder für den Betrachter sichtbar.
Hell-Seher sah, wie Dona Iris ihren Fesseln entschlüpfte, sich in bereitliegenden Tüll hüllte und den Geistern Gestalt lieh -- bei Bedarf auch männlichen, vermittels umgehängter Bärte und stimmverändernder Flüstertüte.
Der Professor begnügte sich mit einem Tip an die Veranstalter. Die Schau wurde vom Schnürboden aus photographiert -- der Rest war "Heulen und Zähneklappern" (Bender).
Das südamerikanische Trio, in dessen Gepäck sich Tüllschleier, weiße Nachthemden und Masken in Massen fanden, gab alles zu. Geisler-Sohn Peter brachte "die drei Brasilianer", wie sie fortan verächtlich genannt wurden, unverzüglich zum Rhein-Main-Flughafen. Einzige Materialisation: In der folgenden. Ausgabe der "Anderen Welt" bot Schriftleiter Geister einen "grünen Wollschlüpfer" feil; den Dona Iris bei dem Überstürzten Aufbruch zurückgelassen hatte.
Freilich, wenn Parapsychologen so obskure Vorstellungen wie die in Herrenalb besuchen, tun sie es kaum nur mit dem Ziel, Betrügereien zu entlarven. Sie lassen nicht ab zu hoffen, daß sie dereinst auch im Dunstkreis schwebender Taschentücher, ruckender Tische und wallender Geisterschleier noch jene Art von "Beweisen" erhaschen könnten, die sie auf einem anderen Para-Feld vielfältig, manchmal auf eindrucksvolle Weise zu demonstrieren vermochten: auf dem Gebiet der "außersinnlichen Wahrnehmung" -- Gedankenlesen, Helisehen und Zukunftshellsehen.
Die Parapsychologen stehen nicht an, Telepathie, Hellsehen und Präkognition sämtlich für nachgewiesen zu erklären. Urteilte der britische Psychologe Professor Hans-Jürgen Eysenck: "Es sei denn, eine gigantische Verschwörung ist im Gange, die einige 30 Universitätsinstitute auf der ganzen Welt umfaßt
muß der. unvoreingenommene Beobachter zu dem einzig möglichen Schluß kommen, daß es eine kleine Anzahl von Menschen gibt, die sich entweder aus den Gehirnen anderer oder aus der Außenwelt auf der Wissenschaft bisher unbekannten Wegen Kenntnisse aneignen können."
Als Vorkämpfer der wissenschaftlichen Erforschung "außersinnlicher Wahrnehmung" gilt der Amerikaner Rhine, (mittlerweile emeritierter) Parapsychologie-Professor an der Duke University im US-Staat North Carolina.
Rhine ersann das Testverfahren mit ASW-Karten (siehe Kasten) -- ein, wie es schien, selbst nach den gestrengen Maßstäben naturwissenschaftlicher Forschung zuverlässiges Hilfsmittel zur Entdeckung parasinnlicher Fähigkeiten.
Und jahrzehntelang galt eine von Rhine überwachte Versuchsserie -- mit dem Theologie-Studenten Hubert Pearce -- als unwiderleglicher Beweis für die Existenz solcher Talente. Denn Rhine hatte für die Pearce-Testreihe -- im Jahr 1933 -- ein besonders pfiffiges Arrangement getroffen.
Pearce und der Rhine-Assistent J. G. Pratt verglichen -- vor Beginn des Versuchs -- ihre Uhren, sodann begab sich Pearce in die etwa hundert Meter entfernt und mehrere Stockwerke tiefer als Pratts Zimmer gelegene Universitätsbibliothek.
Zur vereinbarten Zeit hob Pratt, an seinem Arbeitstisch sitzend, von einem Packen ASW-Karten die erste ab und legte sie -.- ohne sie anzusehen und mit dem Bild nach unten -- zuerst auf ein Buch vor sich und dann nach einer Minute, noch immer das Bild nach unten, auf einen Stapel.
In der Bibliothek versuchte derweil Hubert Pearce, sich auf die jeweils gezogene Karte zu konzentrieren. Auf einer Liste vor sich schrieb er nieder, in welcher Reihenfolge· die Karten-Symbole ihm erschienen waren. Erst "nach Beendigung des Versuchs, wenn zwei Packen Karten durchgeraten waren, drehte auch Versuchsleiter Pratt in seinem Zimmer die 50 Karten nacheinander um und notierte ihre Reihenfolge.
37 Versuchsreihen wurden durchgespielt -- insgesamt 1850 Karten. Nach der normalen statistischen Wahrscheinlichkeit hätte Pearce etwa bei einem Fünftel der gezogenen Karten Zufallstreffer erzielen können. Doch statt der zu erwartenden- 370 wiesen die von Pearce ausgefüllten Listen 558 Treffer aus -- ein Resultat, das nach den Berechnungen Rhines nur mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu zehn Millionen Millionen Milliarden hätte Zufall sein können.
Eindrucksvoller noch schildern die Paraforscher die angeblichen Leistungen des Utrechter Hellsehers Gerard Croiset, der schön seit Jahren (mit Professor Bender und dem holländischen Parapsychologen Wilhelm Tenhaeff) zum Frommen der Wissenschaft, zu eigenem Nütz und manchmal auch zur Unterstützung polizeilicher Sucharbeit seine Talente spielen läßt.
Wohlhabend wurde Croiset mit einer Praxis als "Magnetiseur". Täglich besuchen ihn 80 bis 100 Patienten, um sich durch Croisets magnetisch-heilkräftiges Handauflegen kurieren zu lassen (Honorar: 5,50 Mark). Zwei Söhne helfen bei der Arbeit. Nebenher unterhält die Familie ein altholländisches Restaurant.
Bekannt aber wurde Croiset vor allem durch seine angebliche Fähigkeit, auf Befehl hellzusehen (Fehlerquote nach eigener Angabe: nur 20 bis 30 Prozent).
Zum speziellen Repertoire des frommen Holländers, der als Sechsjähriger beinahe ertrunken wäre, zählt das Tele-Lokalisieren von Leichen ertrunkener Kinder. Croiset gibt an, mehrmals -allerdings inoffiziell und kostenlos der Polizei bei der Vermißtensuche Fernseh-Hilfe geleistet zu haben. Er selber beziffert die Zahl der durch seine Hinweise -- tot oder lebendig -- aufgefundenen Kinder auf ungefähr 400.
Demgegenüber erklärte allerdings -- auf Anfrage eines deutschen Kollegen -- das holländische Landeskriminalamt, daß es "jede Zusammenarbeit mit Paragnosten (Hellsehern) ablehne".
Wenig erfolgreich verlief denn auch Croisets Mithilfe bei einem Fall, der 1964 die amerikanische Bundeskriminalpolizei (FBI) beschäftigte: Es galt, drei im US-Staat Mississippi verschwundene Bürgerrechtskämpfer aufzufinden. Croiset erklärt seinen Mißerfolg -- die Gesuchten wurden anderweitig aufgespürt -- mit dem Hinweis, es sei damals zu großer Druck auf ihn ausgeübt worden: "Der Präsident bemühte sich persönlich ... das FBI drängte mich."
Andererseits scheute der Mittfünfziger mit dem wild wegspringenden Haupthaar nicht Scheinwerfer und Kamera-Objektive in TV-Studios. So versuchte er -- sich beim Stuttgarter Fernsehen an einer sogenannten Stuhlprobe -- einem Experiment, das auch von Vertretern der Schul-Psychologie, so von dem Hamburger Professor Peter B. Hofstätter, als "ziemlich sicher gegen schwindelhafte Arrangements" bezeichnet wird.
Im Studio saßen 16 Gäste -- allesamt Journalisten -- auf numerierten Stühlen. Auf einen von ihnen konzentrierte der Meister seine Seher-Gabe, dann orakelte er:
> "Ich sehe eine Zeitung ... Hat er etwas zu tun gehabt mit einer Zeitung, die im Kriege nicht als prodeutsch angerechnet wird?"
Erst hernach wurde aus einer Lostrommel die Stuhlnummer gezogen, auf deren Besitzer sich Croisets Aussage beziehen sollte.
Während der Sendung erklärte der betreffende Studio-Gast, er könne mit Croisets Angaben nichts anfangen. Die nebelhafte, angesichts des Berufsstandes der Anwesenden nur mäßig originelle Vision des Holländers wurde als Fehlschlag gewertet.
Dann aber nahm sich die wissenschaftliche Parapsychologie des Falles an. Nach der Sendung, so berichtet Professor Bender, habe sich bei ihm telephonisch ein Angestellter des Studios -- der allerdings ungenannt bleiben wolle -- mit dem Hinweis gemeldet, Croisets Orakel könne doch gestimmt haben: Der von dem Holländer Benannte sei während des Zweiten Weltkrieges in einer Propaganda-Abteilung der französischen Armee tätig gewesen und habe das nur nicht in aller Fernseh-Öffentlichkeit zugeben wollen.
Kritischeren Forschern, die später den Sachverhalt zu rekonstruieren suchten, gelang es nicht, den Versuchsteilnehmer zu identifizieren oder den Wahrheitsgehalt seiner Angaben zu überprüfen.
Andererseits scheint der geheimnisvolle Anruf wiederum den kritischen Geist eines Bender-Kollegen, des Münchner Philosophie-Professors und Paraforschers Anton Neuhäusler, beeinträchtigt zu haben. Als Neuhäusler in einem Buch über paranormale Phänomene von der Stuttgarter Stuhlprobe berichtete, las sich die Wahrsagung Croisets wesentlich differenzierter:
> "Es ist ein Herr deutscher Staatsangehörigkeit, der Während des letzten Krieges auf selten einer ausländischen Macht Artikel gegen Deutschland beziehungsweise gegen das deutsche Regime geschrieben hat." Die phantasievolle Zitierweise des Münchner Professors macht deutlich, mit welcher Skepsis angeblich authentische Berichte in der parapsychologischen Literatur zu werten sind. Allzu vertrauensvoll den Phänomenen nachjagend, schrecken die Vertreter der Grenz-Wissenschaft auch nicht davor zurück, gelegentlich in die eigene Tasche zu flunkern.
Fast immer, wenn scheinbar Verbürgtes auf seine Quelle überprüft wird, endet die Spur im Vagen, Unverbindlichen, nicht mehr Rekonstruierbaren.
Was Washingtons berühmteste Hellseherin, Jeane Dixon, an Kennedys Todestag im Kreis der Lunch-Damen wirklich gesprochen hat, wird allzeit ungewiß bleiben.
Jeane soll zudem Roosevelts Tod und Churchills Wahlniederlage von 1945, allerdings auch einen dritten Weltkrieg für 1958 prophezeit haben aber in keinem Fall können die Forscher sich auf rechtzeitig besprochene Tonbänder oder vor dem Ereignis hinterlegte Notizen stützen, sondern nur auf die post festum verfertigte Dixon-Biographie, die schon im Titel die Para-Gläubigkeit ihrer Verfasserin erkennen läßt: "Gabe der Prophetie -- die einzigartige Jeane Dixon".
Wenn Hellseher Croiset angeblich ein Lech im Schiffsboden tele-dichtet, ist es "ein Bekannter" des Paragnosten, der den Sachverhalt bestätigt. Immer unentwirrbarer vermischen sich Wahrheit und Legende, je weiter die Ereignisse zurückliegen. Neuerdings beginnen die Parapsychologen, Träume und Prophezeiungen zur späteren Nachprüfung zu archivieren. Aber niemand wird mehr mit letzter Sicherheit entscheiden können, ob eine so legendäre Figur wie Hanussen im Berlin der zwanziger Jahre ein Hellseher oder ein Scharlatan war. Und es ist keine verläßliche Auskunft mehr darüber zu erhalten, ob US-Präsident Abraham Lincoln seine Ermordung tatsächlich -- wie behauptet -- in der Nacht zuvor vorausträumte.
Der Argwohn gegen die Parapsychologen wurde noch bestärkt, als im Sommer letzten Jahres ans Licht kam, daß auch ihre noch am ehesten wissenschaftlich anmutenden Experimente -- Rhines Kartenversuchsreihen -- keineswegs beweiskräftig und nicht einmal betrugssicher waren.
Dieser überraschende Nachweis gelang dem englischen Psychologie-Professor C. E. M. Hansel, als er mit den Methoden eines Detektivs jene berühmten Karten-Versuche nochmals durchspielte, mit denen Rhine 1933 den Ruf des Studenten Pearce als Hellseh-Talent begründet hatte.
Hansel, dessen Bericht im letzten Jahr erschien, beklagte zunächst, daß -- wie so oft in der Parapsychologie -- "die verschiedenen Berichte über das Experiment ... widersprüchliche Behauptungen" enthielten und daß überdies "wichtige Einzelheiten der Versuchsanordnung ... in den Berichten unerwähnt" geblieben waren*. Darüber hinaus aber stellte der britische Wissenschaftler fest, daß die erstaunlichen Leistungen des angeblich helisehbegabten Theologie-Studenten auch durch Mogeln zustande gekommen sein konnten.
Um das zu erweisen, wiederholte Hansel -- in der Rolle des Hellsehers Pearce -- zusammen mit einem ahnungslosen Rhine-Assistenten das Experiment von damals. Dabei gelang ihm durch schieren Betrug -- er schlich am Schluß des Versuchs ungesehen zum hundert Meter entfernten Zimmer des Assistenten und erspähte durch einen Türspalt fast jede einzelne von dessen Karten eine erstaunliche Leistung: Von den 25 Karten des Spiels riet Hansel 22 richtig. Rhines Assistent schöpfte keinen Verdacht, bis Hansel ihm den Schwindel offenbarte,
Hansels Arbeit, in der auch für drei andere berühmt gewordene Experimente Betrugsmöglichkeiten nachgewiesen wurden, erschütterte gründlich die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft vom Okkulten. Aber das Buch machte zugleich das Dilemma deutlich, dem sich
* C. E. M. Hansel: "ESP, a Scientific Evaluation". Charles Scribner's Sons, New York; 284 Seiten; 6,95 Dollar.
die Kritiker der Parapsychologie gegenübersehen:
Sie können die Unzuverlässigkeit einzelner Experimente nachweisen, sie können die eine oder andere Legende als Betrug entlarven und manche allzu offenkundig unhaltbare Hypothese der Paraforschung widerlegen. Aber solange auch der schulmäßigen Wissenschaft weite Bereiche der menschlichen Psyche rätselvoll und unerschlossen sind, sieht sie sich außerstande, das sogenannte Paranormale gleichsam in Bausch und Bogen abzuleugnen.
Tatsächlich wurde den Parapsychologen während der letzten Jahre unerwartet Unterstützung zuteil -- aus anderen Wissenschaftsbereichen, deren Versuchsreihen gar nicht darauf angelegt waren, Paranormales zutage zu fördern.
Höchst seltsame Ergebnisse erzielte beispielsweise der Psychologe Robert Rosenthal, Professor an der Universität von North Dakota. Ziel seiner Experimente war, zu prüfen, in welchem Maße sich Menschen von Vorurteilen leiten lassen, wenn sie Mitmenschen beurteilen.
Rosenthals Versuchspersonen sollten eine Serie von Porträt-Photos nach Gutdünken unter den Rubriken "Erfolgsmensch" oder "Versager" einordnen. Es zeigte sich, daß sie eine Reihe von Vorurteilen übernahmen, die Rosenthal zuvor seinen Assistenten eingeimpft hatte. --
Allerdings: Die Assistenten hatten mit den Testpersonen nie darüber gesprochen. Beim Betreten des Labors hatten sie zu den dort Versammelten lediglich "Guten Morgen" sagen, die Photos verteilen und die Test-Regeln verlesen dürfen. Rosenthal schloß: Die Vorurteile mußten sich auf bislang unerklärte Weise von den Assistenten auf die Versuchspersonen übertragen haben -- möglicherweise telepathisch.
Noch verblüffendere Hinweise auf bislang unbekannte Formen zwischenmenschlicher Kommunikation wurden vor zwei Jahren im Jefferson Medical College in Philadelphia erbracht.
Die Augenärzte Thomas Duane und Thomas Behrendt hatten feststellen wollen, inwieweit sich die Gehirnstromkurven eineiiger Zwillinge gleichen. Bei zwei von 16 untersuchten Zwillingspaaren fanden sie Überraschendes: Immer wenn einer der Zwillinge seine Augen geschlossen hielt, was im Hirnstrombild sogenannte Alpha-Wellen hervorruft, zeigte das Enzephalogramm des anderen Zwillings, der sich sechs Meter entfernt in einem anderen Raum aufhielt, die gleichen Alpha-Wellen.
Die Beobachtungen der Augenärzte legten erneut eine Vermutung nahe, die von Laien und Paraforschern seit Jahrzehnten gehegt wurde: daß sich Telepathie und womöglich auch andere Phänomene als eine Art "Gehirn-Radio", als Kontakt mittels geheimnisvoller Wellen erklären ließen.
Der Überprüfung dieser Hypothese widmete sich vor allem der sowjetische Parapsychologe und. Lenin-Preisträger Leonid L. Wassiljew. Bei seinen Versuchen mit Fern-Einschläferung nahm er die Existenz bislang unentdeckter elektromagnetischer Wellen an, die als Übermittler der Schlaf-Ordern gedient haben könnten.
Ein simpler Gegenversuch bewies jedoch die Unhaltbarkeit der These: Die Versuchspersonen -- laut Wassiljew telepathisch dazu angeregt, vielleicht aber auch nur einfach müde -- entschlummerten auch, wenn sie in dickwandigen Bleikammern saßen, die nachweislich für elektromagnetische Wellen aller Art undurchlässig sind. Wassiljew: "Die Hoffnungen, die sich auf die elektromagnetische Hypothese ... gerichtet hatten, haben sich nicht erfüllt."
Die Physiker freilich waren sich längst darüber einig, daß sie mi unentdeckten Wellen nicht mehr würden aufwarten können. So notierte 1947 der Hamburger Physik-Professor Pascual Jordan: "Es gibt keine unentdeckten Strahlungen, die zur Deutung (paranormaler Phänomene) herangezogen werden könnten." Und er fügte hinzu: Die Parapsychologen hätten also "die Physik als Erklärungsgrundlage aufzugeben
Das fiel ihnen so schwer nicht. Mit beträchtlicher Phantasie ersannen die Okkultforscher immer neue Theorien zur Erklärung paranormaler Begebenheiten. Namentlich beharren sie auf der Mutmaßung, der Mensch könne außer mit Seh-, Horch-, Riech-, Geschmacks- und Tastvermögen noch mit einem sechsten Sinn begabt sein, dessen Empfangsorgan nur noch nicht lokalisiert sei.
Diese Hoffnung gründet sich nicht zuletzt auf die verblüffenden Erkenntnisse, die während der letzten Jahre bei der Erforschung tierischer Sinnesorgane gewonnen wurden.
Die Zoologen entdeckten, daß Schlangen Infrarotlicht wahrnehmen und Bienen sich an der Polarisationsebene des Sonnenlichts orientieren, auch wenn der Himmel bedeckt ist. Sie fanden, daß Termiten und Vögel für Magnetismus empfänglich und daß Nil-Hechte, anstelle des Seh-Sinns, mit einem Empfangsorgan für elektrische Felder ausgestattet sind, mit dem sie ihre Umwelt ertasten.
Indes, zumindest für einige als paranormal bestaunte Fähigkeiten scheint gar nicht erforderlich, nach unentdeckten Sinnesorganen zu fahnden so insbesondere bei berufsmäßig geübten Telepathie- und Hellsehkünsten.
Zu den Glanzpunkten im Programm des Circus Krone beispielsweise zählte im letzten Jahr die Nummer "Cora, das Gedankenwunder". Die Dame Cora ("Die Frau, die alles weiß"), bürgerlich Gudrun Gräfin von Haslingen, demonstrierte zusammen mit ihrem Gatten, Joachim-Gert Graf von Haslingen, "Gedankenübertragung".
"Bei jeder Vorstellung", berichtete die "Süddeutsche Zeitung", "beschreibt sie in der Manege mit traumwandlerischer Sicherheit die Gegenstände, die Zuschauer ihrem Partner gegeben haben und die dieser, oft 30 und mehr Meter von ihr entfernt, für sie unsichtbar hinter einem Büchlein verbirgt."
So erhielt einmal (bei einer Pressekonferenz) der Graf einen Zettel mit der Aufschrift "Kornwestheim". Und nach etwa einer Minute sah die Gräfin hell: "Da ist ein Zettel, auf dem ein Wort geschrieben steht, und zwar das Wort Kornwestheim."
Die Parapsychologen mochten der Gedanken-Cora gewisse außersinnliche Fähigkeiten nicht absprechen. Aber am Ende erwies sich das Gedankenwunder doch als ein besonders kultivierter Trick: Der Graf signalisiert seiner Partnerin den zu erratenden Gegenstand oder Begriff vermittels einer für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Zeichensprache.
Nach einem raffinierten Code aus Mimik und Gebärden übermittelt er -- bei dem zitierten Beispiel -- zunächst ein Zeichen für "Zettel", dann ein Zeichen für "Schrift" oder "Wort" (etwa durch ein bestimmtes unauffälliges Krümmen des rechten Zeigefingers) und schließlich das Wort -"Kornwestheim", entweder mit vorher vereinbarten Buchstabensignalen oder mit Zeichen, die ganze Begriffe wie "Korn", "West" und "Heim" bedeuten.
Es war nicht das einzige Mal, daß die Erforscher des Okkulten schon Magisch-Außergewöhnliches anvisierten, wo in Wahrheit artistisches Können, jedenfalls die gewöhnlichen fünf Sinne oder der Zufall walteten. Die eifrige Suche nach "Phänomenen" macht Paraforscher geneigt, welche zu finden.
So wissenschaftlich sich die Parapsychologen auch gebärden, in Wahrheit sind sie eher unkritisch und selber wundergläubig. Ihre Methoden sind unzulänglich (wie bei Rhines Karten-Experimenten), ihre Verfahrensweisen unsauber (wie bei der unscharfen Dokumentation im Fall Croiset).
Vollends mit Grausen aber wenden sich Vertreter der modernen Naturwissenschaft, wenn bei den Kollegen von der außersinnlichen Fakultät die Rede auf jenen Begriff kommt, der in den dreißiger Jahren von dem amerikanischen Paraforscher Rhine geprägt und mittlerweile zu einem Zentralbegriff der Parapsychologie wurde: "Faktor Psi".
Psi ist so sinnschwer, flüchtig und konturlos wie ein ausgewachsener Hausgeist. Es ist der Inbegriff des Außersinnlichen: Psi ist jene unheimliche Kraft, die alle paranormal Begabten über gewöhnliche Sterbliche erhebt. Es ist die plötzliche Eingebung, die dem Hellseher vom mutmaßlichen Fundort einer Kinderleiche, dem Wahrsager vom Schicksal eines Präsidenten kündet.
Es ist auch der magische "Musenkuß" (Rhine), der talentierte Versuchspersonen befähigt, durch Mauern hindurch und Tage im -- voraus die Reihenfolge zu erahnen, in der ein Spiel Karten gemischt sein wird. Und es ist jene magische Kraft, die im Umkreis von Telekinetikern Dübel aus den Wänden und Tassen aus den Schränken springen läßt.
Aber Psi ist auch heikel, Es läßt sich nicht messen und nicht auf Anhieb testen. Die rätselhafte Begabung zeigt sich
> oft nur in gewissen Lebensperioden des Begnadeten;
> nur, wenn die Versuchsperson stark "motiviert" ist, das heißt, auch im Unbewußten wirklich gute Ergebnisse wünscht;
> nur, -- wenn der Experimentator geeignet ist -- nicht jeder dahergelaufene Versuchsleiter kann Psi hervorlocken;
> nur, wenn die Atmosphäre des Tests gelockert und sympathisch (so bei Professor Rhine) oder besonders dicht und "geladen" ist (so bei Professor Bender).
So muß denn Faktor Psi auch herhalten, wann immer angeblich parabegabte Versuchspersonen versagen.
Das Fernseh-Team verscheucht Psi, wenn es den Bremer Geschirr-Gefährder Scholz aufnehmen soll. Psi weicht, wenn Hellseher Croiset von FBI-Beamten "unter Druck" gesetzt wird. Und ähnlich verblaßten auch die angeblichen Fähigkeiten des Karten-wahrsagenden Theologie-Studenten Pearce schlagartig und für immer, als er, wie Parapsychologie-Professor Rhine mitteilt, einen bekümmerlichen Brief erhielt.
Folgerichtig ist an all jenen Instituten, die mit kritischeren Methoden nach paranormalen Talenten fahndeten, Psi zusehends rar geworden. Es wurden getestet:
> an der Princeton University (US-Staat New Jersey) 132 Teilnehmer in 25 064 Versuchen,
> an der Colgate University (US-Staat New York) 30 Versuchspersonen in 30 000 Experimenten,
> an der Southern Methodist University (Texas) mehr als hundert Teilnehmer in 75 600 Versuchen,
> an der Brown University (US-Staat Rhode Island) neun Teilnehmer in 41 250 Versuchen,
> an der Johns Hopkins University in Baltimore eine ungenannte Anzahl von Versuchspersonen in 127 500 Experimenten.
Resultat: In keinem einzigen Fall ergaben sich Anhaltspunkte für die Fähigkeit "außersinnlicher Wahrnehmungen", sei es Telepathie, Helisehen oder Präkognition.
Gleichwohl steht nicht zu erwarten, daß die Zahl der Legenden von wundersam Begabten abnimmt, daß der Glaube der Menschen an übernatürliche Sinnesgaben schwinden könnte.
Zu groß ist das Bedürfnis, im Strom der nüchternen Alltäglichkeit neblige Inseln des Irrationalen zu beschwören. Und die muffigen Wartezimmer der Wahrsagerinnen werden sich nicht leeren, solange die alte Menschheits-Hoffnung wach bleibt, es ließe sich durch ein wenig Hell- oder Zukunftssehen doch dann und wann das kleinere Schicksals-Übel oder das große Los ziehen.
Aber die Wissenschaft vom Okkulten wird dieser Hoffnung wenig zur Hand liefern. Zum Forschen gehört das Objekt, das es zu erforschen gilt. Doch gerade daran leiden die Parapsychologen empfindlichen Mangel.
In den Vereinigten Staaten, wo die Suche nach außersinnlichen Talenten am eifrigsten betrieben wurde, ist seit 1939 kein Psi-Begabter mehr gesichtet worden.

DER SPIEGEL 9/1967
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