10.04.1967

GRAPHIK / BILDERBÜCHERTexte auf Töchtern

Im Guckkasten des Puppen-Theaters erschien ein unverhüllter Mädchenbauch. Aufschrift: "Wir fordern 1. die normale Lage". Das O von "fordern" umschloß den Bauchnabel.
Der Mädchenkörper drehte, bückte, reckte sich, bot Rumpfteile und Gliedmaßen und darauf ein "Neun-Punkte-Manifest" dar: "Wachstum" forderte der Busen, "Vollbeschäftigung" kündete die Hüfte. "Verzichten", prangte auf dem Gesäß. SPIEGEL 47/1966 ("Kampf der Kandidaten") mit Kiesinger- und Brandt-Porträt diente der vorsätzlich Entblößten als letzte Hülle. Der "erste literarische Strip-tease"" am Mittwoch vorletzter Woche in der West-Berliner "Galerie im Europa-Center" veranstaltet, warb für eine neue kuriose Buchreihe, deren erster Band in dieser Woche beim Hamburger Merlin Verlag erscheint. Titel der Serie: "Auf den Leib geschrieben"**.
Das Werk, von dem auf literarische Erotica (Haus-Autoren: Genet, de Sade) spezialisierten Hamburger Verlag in einer Start-Auflage von 3000 Exemplaren gefertigt, enthält zwischen den Einband-Pappen nur eine einzige bedruckte Seite: eine Art überdimensionale "Playboy"-Ausklapptafel" in Lebensgröße. Format: 44 mal 174 Zentimeter.
Die Texte (Untertitel: "Ein Beitrag zur politischen Bildungsarbeit") sind nicht aus Bleilettern gesetzt: Ah Schindehütte, 27, und Arno Waldschmidt, 31, Mitglieder der als "Rixdorfer Drucker" (SPIEGEL 9/1966) bekannt gewordenen West-Berliner Graphiker-Gruppe, malten die "Manifest"-Parolen mit Filzschreibern auf die nackte Haut des Bilderbuch-Mädchens. Das lebende Plakat wurde sodann photographiert, achtmal gefaltet und gebunden -- und läßt sich nun ziehharmonika-artig von Kopf bis Stiefelsohle auseinanderklappen.
Die Idee zu dem Ulk reifte den "Rixdorfern", die sonst im Dachgeschoß eines Kreuzberger Fabrikgebäudes auf alten Handpressen Holzschnitte, Kalender und Bilderbogen fertigen, bei einem Umtrunk in Worpswede, in dessen Verlauf "ein Knabe bemalt, wurde" (Schindehütte).
Schindehütte erprobte die Wirksamkeit solch hautnaher Graphiken sodann während der Hamburger Kulturwoche ("Hamburg literarisch") im November letzten Jahres mit einem Selbstversuch. In den Verkaufsräumen einer Hamburger Buchhandlung enthüllte der Künstler eine achterliche Zeichnung "Katz und Maus" ("Bild" anderntags, dreispaltig: "Ein Mann ließ die Hosen fallen").
Zweihundert Neugierige drängten sich in der "Galerie" auf dem Dachgarten des Europa-Center, als die stiefelte Hannelore (sonst im Berliner Nachtklub "007") ihre bewegte Vorschau auf das Buch darbot. Unter den Gästen: ein con Schaustellern entliehener Schimpanse, Architekt Richard Neutra und "zier Berliner Aquariumsdirektor Werner Schröder.
Schindehütte und Waldschmidt betexteten derweilen schon das nächste Falt-Mädchen der Buchreihe. Rubrum: "Die höhere Tochter" ("als Beitrag zur konkreten Poesie"; Aufschrift: "Rechts deine Brust, links deine Brust, wie leicht betrügt man nachts die eine mit der andern").
Für spätere Folgen der Buchserie sind geplant: "Die Braut des Schornsteinfegers" ("als Beitrag zur Reinlichkeit"), "ein Hirtenknabe" ("Brüderlichkeit") und schließlich, ohne Aufpreis, "Zwillinge" -- als "Beitrag zur Wiedervereinigung".
* Beim Literarischen Strip-tease Im Berliner Europa-Center.
** Schindehütte & Waldschmidt: "Auf den Leib geschrieben". Merlin Verlag Andreas J. Meyer, Hamburg; 10,80 Mark.

DER SPIEGEL 16/1967
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