11.09.1967

DIE KOMMANDEUSE UND DIE KOLLEKTIVSCHULD

Der Steuerzahler ist sie los, endlich, sie liegt ihm flieht mehr auf der Tasche. "KZ-Ilse", so "Bild am Sonntag", "nahm sich das Leben." Ihr Tod ist eine rechte Erleichterung: Wir müssen sparen, und da sind Ausgaben für die Verwahrung eines derartigen Geschöpfes wirklich nicht mehr zu vertreten.
Ilse Koch, 61, hat "sich selbst gerichtet", wie wir seit der bedauerlichen Abschaffung der Todesstrafe mit Befriedigung zu sagen pflegen. Und wie sie beschaffen war, ist aus nichts so deutlich zu ersehen wie aus einem von ihr hinterlassenen Brief: "Ich kann nicht anders, der Tod ist für mich eine Erlösung." Das ist schon frech: Denn in erster Linie sind doch wohl wir durch ihren Tod erlöst worden.
1951 wurde Ilse Koch von einem deutschen Schwurgericht in Augsburg zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Damals schrieb ein Berichterstatter, es gehe um weit mehr, als um die unschuldigen Opfer des KZ Buchenwald, als dessen ehemalige "Kommandeuse" Ilse Koch angeklagt war: "Es geht um die endgültige Widerlegung der Legende von der deutschen Kollektivschuld."
Mit Ilse Koch starb also, folgt man dieser These, ein Mensch von eigener Hand, der den deutschen Namen beschmutzt hat. Der, ärger noch, durch persönliche Untaten seine ganze Nation einem Verdacht ausgesetzt hatte, der nur mühsam, durch die Aburteilung persönlicher Schuld, wie zum Beispiel jener der Ilse Koch, ausgeräumt werden konnte.
Es ist immer um die Kollektivschuld gegangen, wenn es um Ilse Koch ging. Ihre Verurteilung sprach frei. Wann immer Ilse Koch, die in der bayrischen Strafanstalt Aichach einsaß, um Begnadigung ersuchte, mußte die öffentliche Empörung nicht erst gerufen werden. Bereitwillig quoll sie aus allen Spalten. In der Messalina der KZ hatten die Deutschen eine Person gefunden, mit der sie Tonnen voll feigem Schweigen, Nichts-Gewußt-Haben und bequemen Befehlsnotstand erledigten.
Als Stenotypistin einer Dresdner Zigarettenfabrik lernte Ilse Köhler 1935 den SS-Führer Karl Koch kennen. Der war als Angestellter und Buchhalter gescheitert und vorbestraft. Der war genau der Mann, dessen Zeit nun gekommen war. 1937 heirateten die beiden bei Fackelschein, in SS-Uniform und Abendkleid. Kurz darauf übernahm Karl Koch die Leitung des eben errichteten KZ Buchenwald. Karl Koch nutzte die Chance, die ihm das System gab, er nutzte sie nur zu sehr. So wurde er zuletzt seinen eigenen Herren unheimlich. 1944 machten sie ihm und seiner Frau den Prozeß. Wegen "Wehrkraftzersetzung" Unterschlagung und Mord" wurde Karl Koch gleich zweimal zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde aber kurz vor dem Zusammenbruch vollstreckt. Ilse Koch kam davon. Man sprach sie mangels Beweises frei.
Als Buchenwald befreit wurde, fiel schnell der Name Ilse Koch. Die Lagerinsassen hatten sie gehaßt. Nymphoman und sadistisch veranlagt, hatte sie die mörderische Lageratmosphäre mit einem gemeinen sexuellen Akzent versehen. Die amerikanischen Befreier, entsetzt über das, was sie vorfanden, waren nur zu bereit, das Bild der "rothaarigen, grünäugigen Hexe von Buchenwald" zu übernehmen. Ilse Koch wurde zu einem Begriff. In das Personalverzeichnis tollgewordener Männer gehörte auch ein der psychoanalytischen Literatur entsprungener Weibsteufel.
Am 14. August 1947 wurde Ilse Koch zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, von einem US-Militärgericht, das sie zum Tode verurteilt hätte und das auch entschuldigend wissen ließ, wäre es ihr nicht in der U-Haft gelungen, in andere Umstände zu kommen. Die Umwandlung dieser Strafe in eine Gefängnisstrafe von vier Jahren am 8. Juni 1948 durch General Clay wurde zum Fanal für eine Weltöffentlichkeit, die sich ihre allegorische Figur des Nazi-Frauentums nicht nehmen lassen wollte.
Zweifel an der Fairneß des US-Militärprozesses hatten zur Abänderung des Urteils geführt. Zeugenaussagen von 1947 waren inzwischen widerlegt worden. Daß Ilse Koch Häftlinge töten ließ, die tätowiert waren, um sich aus ihrer Haut Lampen anfertigen zu lassen, konnte nicht mehr als bewiesen gelten. Doch General Clay wich zurück. Zwar blieb es bei der Entlassung der Koch, aber ein deutscher Staatsanwalt empfing sie am Gefängnistor: Die deutschen Behörden waren einer amerikanischen "Anregung" gefolgt und hatten ein eigenes, deutsches Verfahren gegen die Koch eingeleitet.
Dieser Prozeß endete mit lebenslangem Zuchthaus und einhelliger öffentlicher Zustimmung zu dem Urteil. Doch stand er von vornherein juristisch unter einem Unstern. Waren wirklich von dem US-Militärgericht lediglich die Taten der Koch gegen alliierte KZ-Insassen verhandelt worden? Zeugen gegen die Koch wurden in Augsburg peinlich überführt. Unschuldig an Blut und Qual war die Koch nicht, das ergab sich zweifelsfrei. Doch war sie eine von den Schuldigsten unter Hitler?
Seit 1951 sind im Zug der verspäteten Vergangenheitsbewältigung, die man 1951 mit Urteilen wie dem gegen Ilse Koch für praktisch erledigt ansah, Entscheidungen deutscher Gerichte über NS-Täter ergangen, die glimpflich genannt werden müssen, vergleicht man, was ihnen an bewiesenen Verbrechen zugrunde lag, mit dem, was Ilse Koch nachgewiesen wurde.
Heute sind wir endgültig dahin geraten, nur noch die Mörder zu verfolgen, die "wahren Schuldigen", wie es selbstverräterischerweise heißt. Totschlag ließ der Bundestag verjähren. Doch sind vornehmlich und allein die Mörder schuldig?
In einer Welt, wie der unter Hitler, konnte und mußte eine Ilse Koch ihrer Veranlagung folgen. Was eine Welt wie die Hitlers durch Schweigen, Nichtwissenwollen und die Berufung auf den Befehl ermöglichte, wird nicht mehr erörtert. Wer wird denn noch von Kollektivschuld reden.
Es sind jedoch nicht nur die Mörder schuld. Die Welt, in der eine Ilse Koch unschuldige Menschen quälen konnte, hatte viele Autoren. Zu ihren Verfassern gehörte indessen bestimmt nicht Ilse Koch. Sie, tat, was man ihrer Veranlagung ermöglichte. Ilse Koch hat sich erhängt in Aichach, ein Opfer eigener Schuld, aber wohl mehr noch ein Opfer kollektiven Willens zur Selbstentschuldigung.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 38/1967
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