06.02.1967

MUSIK /BERNSTEINNiemals maßvoll

Ein Schnupfen von Bruno Walter verhalf ihm zu erstem Ruhm. Damals
applaudierte das Publikum der Carnegie Hall einem unbekannten 25jährigen Hilfsdirigenten, der in letzter Stunde für den kranken Altmeister eingesprungen war und sich vor den New Yorker Philharmonikern sogleich als mächtiger Konzertmeister bewährt hatte. Sein. Name: Leonard Bernstein.
Seit diesem fast schon legendären Debüt im Jahr 1943 hat sich Amerikas erster bedeutender Maestro noch manche Huldigung erspielt. Wo immer "Lennie", der photogene "Tänzer vorm Orchester", mit wilden Gesten und akrobatischen Körperverrenkungen den Takt angibt, ob als Chef der New Yorker Philharmoniker oder als Gastdirigent in London, Mailand, Tel Aviv und Prag, läßt sich eines hören: Bernstein, inzwischen. 48, ist auch seinen bedeutendsten europäischen Kollegen ebenbürtig. An Vielseitigkeit bleibt er unübertroffen.
Denn der "beherrschte, nervöse Musiker", der starke Effekte schätzt und die Melodien "sozusagen mit akustischen Scheinwerfern anstrahlt" (Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt), interpretiert einfach alles -- und alles mit der gleichen Bravour: seriöse wie leichte, alte wie neue Musik, Wiener Klassik wie amerikanischen Jazz, Bach wie Gershwin. Spezialität: die Symphonien des Höchstromantikers Gustav Mahler.
Und auch im Orchestergraben sorgt er neuerdings für Sensation. Verdis "Falstaff" etwa, den er letztes Jahr in der Wiener Staatsoper präsentierte -- die Einspielung mit Dietrich Fischer-Dieskau und den Wiener Philharmonikern ist seit kurzem als CBS-Kassette auf dem Plattenmarkt -, wurde von der Musikkritik schlicht als "triumphales Bühnen-Austerlitz" (Kritiker Joachim Kaiser.) empfunden*. Die "Zeit" rühmte nach diesem "Falstaff"-Fest: "Wien scheint seinen neuen Karajan zu haben."
Doch das "einzigartige und sehr amerikanische Wunderkind" ("Time") bietet mehr als Karajan. Bernstein ist Konzertpianist -- bisweilen leitet er sein Orchester vom Flügel aus -- und vor allem ein produktiver Tonsetzer: Das Verzeichnis seiner kontrastreichen, mit Jazz-Elementen durchwirkten Tonal-Werke enthält unter anderem Ballett- und Filmmusiken ("Die Faust im Nacken"), drei Symphonien, eine Vertonung hebräischer Psalmen, einen parodistischen Lieder-Zyklus mit dem Titel "Ich hasse Musik" und vier Musicals. Bisher größter Bernstein-Hit: die "West Side Story".
Mehr noch: Mit seinem Musikunterricht in der TV-Serie "Omnibus", so über die "Kunst des Dirigierens", den "Zeitlosen Mozart" und die "Welt des Jazz", hat sich der überaus beredte Showman Bernstein schon seit Jahren bei rund 15 Millionen Fernseh-Amerikanern als Volkserzieher hervorgetan.
Weitere Belehrung bietet sein jetzt in New York erschienenes Buch "The Infinite Variety of Music" (Die unendliche Vielfalt der Musik), in dem er eine recht pessimistische Musikphilosophie vorträgt, die atonale Musik der letzten Jahrzehnter verwirft und die "heilende, tröstende Wirkung" herkömmlicher Musik preist (siehe Interview Seite 91)**. Das neue Berastem-Buch, kaum vorgelegt, ist schon ein Bestseller: Über 25000 Exemplare wurden bereits abgesetzt. Bernsteins Erstling "Freude an der Musik", der ins Deutsche übersetzt wurde, fand 1959 in wenigen Monaten über 100 000 US-Käufer.
Kurz: Der smarte Bernstein" ein Fünfkämpfer der Tonkunst, hält viel& Rekorde. "Lennie gilt in jedem Winkel dieses Landes als das -Symbol für Musik", erläuterte Carlos Moseley, Manager der New Yorker Philharmoniker. "Alle verlangen nach Bernstein. Es ist nicht zu fassen."
Dem Meister selbst, der Ruhm und Reichtum schätzt, war dieser Trubel bisher recht und teuer. Denn eines weiß er: "Ohne Musik kann ich nicht leben."
Dabei hatte Vater Samuel, ein jüdischer Einwanderer aus der Ukraine, seinem Sohn eine ganz andere Existenz zugedacht: Lennie, seit seiner Kindheit asthmatisch, sollte ins väterliche Geschäft eintreten und die Schönheits-Salons von Boston mit Trockenhauben und Friseursesseln beliefern.
Aber Bernstein junior, .der mit zehn erstmals ein Klavier unter die Finger bekam, muckte auf. Er absolvierte die Harvard-Universität in Cambridge in Massachusetts (Sprachen und Musik), setzte sein Musik-Studium in Philadelphia fort und verdiente anschließend in New York seinen Lebensunterhalt als Laufbursche. Speditionsarbeiter, Tanzstunden-Pianist und Schlager-Arrangeur. Der amerikanische Komponist Aaron Copland und die Dirigenten Serge Koussevitzki, Fritz Reiner und Dimitri Mitropoulos sorgten für Protektion.
1943 schließlich durfte sich "The Wunderkind" entpuppen: Bernstein fand Ansteilung als Hilfsdirigent bei den New Yorker Philharmonikern, dem ältesten (1842 gegründeten) Symphonie-Orchester der Vereinigten Staaten. Als Ersatzmann für Bruno Walter holte er sich noch im selben Jahr ersten Riesen-Applaus.
Und emphatischer Beifall war ibm audi weiterhin sicher. Bernstein, Gastdirigent bei fast allen großen Orchestern der Neuen und der Alten Weit, wurde 1947 in Palästina "wie ein musikaliseher Messias empfangen" ("Time") Er debütierte 1953 mit Cherubinis "Meden" (Titelheidin: die Callas) als Operndirigent an der Mailänder "Scala" und wurde 1958 als Nachfolger von Mitropoulos Musikdirektor der New Yorker Philharmonie. Seither sind sämtliche Konzerte dieses Orchesters, ob in Amerika oder auf europäischer Gastspielreise, ausverkauft.
Seither freilich hetzt der überbeschäftigte, Maestro (Jahreseinkommen: rund zwei Millionen Mark), der mit seiner Ehefrau, einer chilenischen Schauspielerin, und drei Kindern ein 19-Zimmer-Split-Level-Apartment in der New Yorker Park Avenue bewohnt, auch von einem Termin zum anderen. Hinzu kommen Partys und Empfänge, von denen er nun einmal nicht lassen mag. Denn Ruhm und Publicity und ein gutes Maß Snobismus schätzt Bernstein sehr, Kritik hingegen gar nicht. Seine eigenen Kompositionen. verfaßt er oft in Flugzeugen, Flughäfen, Bahnhöfen, Hotelhallen oder Taxis. Frau Felicia, geborene Montealegre: "Lennie tut nie etwas maßvoll."
Aber das soll bald anders werden: 1969 will der Chef der New Yorker Philharmoniker zurücktreten und fortan nur noch als Gastdirigent seines alten Orchesters wirken. Den eigens für ihn kreierten Titel eines "Laureate Conductor", eines Ehrendirigenten auf Lebenszeit, hat ihm der Verwaltungsrat der Philharmonie bereits verliehen. In Zukunft wird Bernstein, so hat er sich vorgenommen, in aller Ruhe seine Komponisten-Laufbahn vorantreiben.
Eine Auftrags-Komposition allerdings muß schon vorher fertig werden. Am 1. Januar 1969 soll Bernstein eine Eröffnungskantate für das Kennedy Memorial Center in Washington abliefern. Nach einem Libretto sucht er noch heute.
Bernstein: "Ich komme immer wieder zurück auf Thornton Wilders wunderbares Stück "Wir sind noch einmal davongekommen'."
* Giuseppe Verdi: "Falstaff". CBS S 72 493/98; 75 Mark.
** Leonard Bernstein: "The Infinite Variety of Music". Verlag Simon and Schuster, New York; 288 Seiten; 8,50 Dollar.

DER SPIEGEL 7/1967
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Niemals maßvoll