06.02.1967

Musik„DIE BEATLES BEEINDRUCKEN MICH“

SPIEGEL: Herr Bernstein, es ist bekannt, daß die Menschen unseres Jahrhunderts der Musik ein ungeheures Interesse entgegenbringen. Die Opernhäuser und Konzertsäle sind voll wie nie zuvor. Die Schallplattenfirmen machen Riesenumsätze. Sie aber haben sich in letzter Zeit mehrfach pessimistisch über das Musikleben der Gegenwart geäußert.
BERNSTEIN: Ja, und zwar deshalb, weil wir zum erstenmal in der Geschichte einen Musikbetrieb haben, der nicht auf der Musik seiner Zeit basiert. Es stimmt schon: Mehr Menschen hören mehr Musik. Aber was für eine Musik hören sie? Sie hören die Romantiker, die Klassiker, die barocken Meister. Aber von der neuen Musik wird doch kaum Notiz genommen. Das ist eine beklemmende Situation.
SPIEGEL: Die berühmte Kluft zwischen Komponist und Publikum ...
BERNSTEIN: Ganz recht. Doch die ist eben seit dem Ersten Weltkrieg breiter denn je. Komponist und Hörer sind seit fünfzig Jahren durch einen Ozean getrennt. Früher, im 18. und 19. Jahrhundert, gab es eine gewisse Beziehung, eine Wechselwirkung zwischen dem Komponisten und dem Publikum. Jede neue Oper von Rossini oder Puccini, jede neue Symphonie von Brahms löste Neugier und Erregung aus. Über welche Musik, über welchen Komponisten wird denn heute diskutiert? Über Wagner, wenn -Sie mich fragen, und das mit einer Leidenschaft, als ginge es um das allerneueste Werk von Stockhausen oder wie sie sonst alle heißen. Moderne Opern oder Konzertstücke finden nur selten wirkliche Beachtung.
SPIEGEL: Das stimmt wohl nicht ganz. Denken Sie an den Erfolg, den Henzes Opern haben. Denken Sie an Gershwins "Porgy and Bess", an Weills "Mahagonny".
BERNSTEIN: Ausnahmen. Übrigens hat der Erfolg der beiden letztgenannten Opern nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun.
SPIEGEL: Sie glauben also, daß die modernen Musik-Konsumenten keinerlei Verhältnis zur modernen Musik haben?
BERNSTEIN: O doch -- zur Unterhaltungsmusik. Sehen Sie: Ich bin ein fanatischer Musikfreund. Ich hielte es nicht aus, wenn ich nicht täglich Musik hören, spielen oder doch wenigstens über sie nachdenken könnte. Aber wissen Sie, welche moderne Musik in letzter Zeit den tiefsten Eindruck auf mich machte? Die Beatles-Schallplatte "Revolver".
SPIEGEL: Nun ja, das ist ja nicht die schlechteste Musik.
BERNSTEIN: Natürlich. Da ist doch noch ungebrochene Vitalität. Das ist doch amüsanter als alles, was die Komponisten der sogenannten Avantgarde heute schreiben. Diese ganze elektronische, serielle, aleatorische Musik, all diese notenlosen "Instruktionen" und Manipulationen von Geräuschen -- wie muffig und akademisch wirkt das-schon. Selbst im Jazz scheint es nicht weiterzugehen. Und die tonale Musik liegt in tiefem Schlummer.
SPIEGEL: Sie sagen Schlummer. Glauben Sie an eine Rückkehr der Tonalität?
BERNSTEIN: Ja, sonst müßte ich mich umbringen. Es geht überhaupt nicht ohne Tonalität. Die modernen Musiker haben geglaubt, in der Musik abstrahieren zu dürfen, so wie die Maler den Gegenstand abstrahieren. Aber das ist falsch. Das ist unmöglich. Denn die Musik ist von vornherein abstrakt. Sie muß erst realisiert werden -- hoch und tief, lang und kurz, laut und leise.
SPIEGEL: Mit Einschränkung, bitte. Abstrakt sollte man nur das Dur-Moll-System nennen. Die Tonalität, meinen Sie also, ist nicht mit dem Gegenstand in der Malerei vergleichbar?
BERNSTEIN: Auf keinen Fall. Sie ist in der Musik unentbehrlich. Wir können keine zwei Töne hören, ohne sie spontan in eine musikalische Beziehung zueinander zu setzen. Und das wird sich nie ändern. Ich glaube, der Sinn fürs Tonale ist dem Menschen eingebaut. Ein atonaler Komponist stellt sich außerhalb jeder Kommunikation.
SPIEGEL: Aber Herr Bernstein, Sie selbst schätzen doch gewisse atonale Komponisten.
BERNSTEIN: Sicher, zum Beispiel Schönbergs Drittes Quartett, von Webern die Zweite Kantate und von Berg fast alles. Aber ich spüre in diesen Werken eine qualvolle Sehnsucht nach der Tonalität.
SPIEGEL: Wie wirkt sich diese kritische Situation auf den Dirigenten und Komponisten Bernstein aus?
BERNSTEIN: Ich gestehe, ich weiß nicht recht, wie es weitergehen soll. Seit zehn Jahren habe ich nichts mehr fürs Theater komponiert, seit, den "Chichester"-Psalmen auch nichts für den Konzertsaal. Manchmal habe ich das Gefühl, das Ende der Welt ist nahe. Die Krise der Musik ist auch meine Krise. Aber die Musik wird überleben. Und wir werden uns die Tonalität zurückerobern.

DER SPIEGEL 7/1967
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