09.09.1968

ADEL WILHELM II.Traum vom Thron

Was noch meinem Tode aus Deutschland wird, das ist mir ziemlich gleichgültig. Wilhelm 11. am 29. Juni 1933
Zum erstenmal saß der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. am 6. März 1927 in seinem neuen Mercedes. Flügeladjutant Sigurd von Ilsemann über die Stimmung: "Der hohe Herr war sehr aufgekratzt."
Schon wenige Kilometer hinter seinem holländischen Exil-Haus Doorn beflügelte das neue Automobil die ohnehin bewegliche Phantasie des Hohenzollern. Er verkündete einen neuen Plan: "Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, muß der Marstall ganz neu aufgebaut werden. Pferde werden nicht wieder angeschafft. Der ganze Verkehr wird auf Autos basiert."
Ein Hauptmann, der mit im Mercedes saß, bekam Order, die Motorisierung sogleich vorzubereiten, denn: "Meine Fahrt von Holland nach Deutschland kann sehr plötzlich kommen." Und Wilhelm gab dem Hauptmann noch weitere Weisung: "Sie müssen sich auch überlegen, was für den Krieg notwendig ist, mit dem, vor allem wenn ich zurück bin, sehr bald gerechnet werden muß."
Über diese Mercedes-Ausfahrt berichtet der ehemalige Generalstäbler Ilsemann in seinem Tagebuch, dessen zweiter Band jetzt vom Münchner Biederstein Verlag veröffentlicht worden ist*. Der erste Band war im vergangenen Herbst freigegeben worden -- 26 Jahre nach dem Tode Wilhelms II. und 15 Jahre nach Ilsemanns Tod (SPIEGEL 44/1967).
Der Tagebuch-Autor war während des holländischen Exils (1918 bis 1941) einer der engsten Vertrauten des nur noch von einem kleinen Gefolge umgebenen Ex-Kaisers. Der jetzt vorliegende zweite Teil seiner Aufzeichnungen zeigt, daß Wilhelm bis in seine letzten Tage mit der Rückkehr auf den Thron gerechnet hat.
Unermüdlich deutete der Exil-Monarch nahezu jede politische Veränderung als sicheres Anzeichen für seine baldige Machtübernahme.
Als im Juli 1927 der König von Rumänien starb, eilte Wilhelm aufgeregt
* Sigurd von Ilsemann: "Der Kaiser in Holland (1924-1941)", zweiter Band. Biederstein Verlag, München; 368 selten; 25 Mark.
zu Ilsemann: "Das bedeutet ein zweites Sarajevo!" Aus sicherer Quelle wisse er, daß die Engländer bereits heimlich gegen die Sowjets mobilisierten.
Wilhelm weiter: "Die Engländer werden den Durchmarsch verlangen, und deshalb werde ich gezwungen sein einzugreifen! Ich will mir ja nicht schmeicheln, aber wenn die Engländer sehen, daß ich die Zügel der Regierung wieder ergriffen habe und daß sie eine Persönlichkeit vor sich haben, werden sie mehr Respekt bekommen." Es werde "natürlich sofort das ganze Volk zu den Waffen gerufen werden".
Anfangs hatte Wilhelm noch gehofft. Adel und Offizierkorps würden ihn zurückholen. Als das nicht geschah, setzte er seine Hoffnung auf die deutschen Arbeiter: "Ich brauchte nur zu pfeifen, dann hätte ich Zehntausende hinter mir." Und als auch die Massen sich nicht rührten, spekulierte der Emigrant darauf, daß ihn einer ganz gewiß heim ins Reich holen werde: Adolf Hitler.
Den Flirt mit den "Nazisozis" (Ilsemann) begann des Kaisers zweite Frau Hermine ("Hermo"). Die geborene Reuß und verwitwete Schönaich-Carolath strebte erheblich zielbewußter auf den Thron als ihr Ehemann, der sie als 63jähriger im Exil gefreit hatte. Als Kontaktmann schien ihr unter den größtenteils kleinbürgerlichen Nazi-Spitzen der Pour-le-mérite-Träger Hermann Göring geeignet.
Unter dem Pseudonym "Dr. Döhring" erschien Göring im Januar 1931 für zwei Tage in Doorn. Unverbindlich plauderte er davon, daß er eigentlich für die Monarchie sei. Das genügte.
Ilsemann notierte: "Der Kaiser hat aus allen Äußerungen Görings entnommen, daß er für seine Rückkehr arbeiten wird ... Auch I. M. ('Ihre Majestät', die Kaiserin) ist sehr stolz auf ihren Erfolg mit Göring und spricht nur noch von "dem treuen und anständigen Menschen."
Die Doorner Höflinge argwöhnten freilich schon damals, daß der eitle Göring mehr auf den Hohenzollern-Orden als auf ein erneutes Hohenzollern-Regime erpicht war.
Erst 16 Monate später, im Mai 1932, besuchte Göring den Kaiser zum zweitenmal. Wilhelms Hermine änderte die Tischordnung, damit "der Halbgott Göring" (Ilsemann) rechts neben ihr sitzen konnte. Darüber hinaus ließ "I. M." Göring durch den Hofmarschall fragen, ob er nicht in die Zimmerflucht des Kronprinzen überwechseln oder wenigstens den Salon benutzen wolle.
Doch Göring schockierte die Hohenzollern und ihre Höflinge durch plumpes Auftreten. Ilsemann notierte: "Gestern mittag erschien Herr Göring in Pumphosen zu Tisch, was sich wohl kein anderer Herr in Doorn erlauben würde." Er reiste wiederum ab, ohne dem Kaiser die Heimkehr zu verheißen. Wilhelm II. faßte als "nächstes Ziel" ins Auge, "Hitler selbst nach Doorn zu bekommen". Weder Göring noch Hitler kamen.
Gleichwohl rüstete Wilhelm für die Rückkehr und ging dabei ins Detail: "In Potsdam will ich gleich ein Infanterie-Lehr-Regiment zu meiner persönlichen Verfügung aufstellen." Ilsemann sollte Kommandeur werden.
Bald darauf sah der Ex-Kaiser bereits wieder eine andere Formation hinter sich. Ilsemann: "Sehr glücklich ist S. M. darüber, daß der Herzog von Coburg ihm die Schirmherrschaft des Deutschen Nationalen Automobilclubs angeboten hat, die der Kaiser nur allzugern annahm. Damit hat er nun 60 000 Menschen hinter sich."
Im Sommer 1932 fand Wilhelm II., daß Hitler zu zimperlich vorgehe. Er mache "den großen Fehler, daß er die Republik auf legalem Wege stürzen will. Das ist Unsinn". Der Kaiser wußte auch dies .- wie alles -- besser:
"Er hätte mit 50 000 Nazis nach Berlin marschieren sollen, Hindenburg nach Hause schicken und selbst die ... Macht nehmen sollen." Und: Wenn er dann noch "die Monarchie auf seine Fahnen geschrieben hätte, dann wäre er ein großer Mann".
Als Hitler ein paar Monate später anders an die Macht kam, war Wilhelm dennoch "begeistert". Doch als die Nazis sich von Hindenburg in der Potsdamer Garnisonkirche "den Mantel Friedrichs des Großen umhängen ließen" und ohne Wilhelm zu regieren begannen,
stimmte das den Ex-Kaiser verdrießlich: "Sie machen bereits soviel Unsinn, daß es höchste Zeit ist, daß ich eingreife, um zu verhindern, daß ein Nazi-Staat kommt."
Daß er wenig von Hitler hielt, offenbarte Wilhelm in den folgenden Jahren vor seinem Gefolge häufig. Für den Ex-Kaiser war der NS-Kanzler "der Gefreite eines bayrischen Landwehrregimentes und von Beruf Anstreicher. Und so ein Mann setzt sich auf meinen Thron!" Einmal nannte er Hitler eine "Küchenordonnanz bei Landwehrformationen". Dazu Ilsemann: "Wie er darauf kommt, weiß ich nicht." Freilich: Fast bis zu seinem Tode hoffte er trotzdem, daß Hitler ihn noch holen werde.
Um den Monarchen von den Volksgenossen daheim nicht vergessen zu lassen, brachte Kaiserin "Hermo" Gruppenreisen von Deutschland nach Doorn in Gang. Dort sollten die Besucher in einem Basar Kaiser-Andenken kaufen und im Park den leibhaftigen Wilhelm sehen. Doch am 3. Juni 1933 meuterte der Kaiser. An diesem Tage hatte Hermo 120 lärmende Frohnaturen aus dem Rheinland in den Park geschleust.
Ilsemann beobachtete: "Und wie jedesmal bei diesem Theater war 5. M. entsetzt, als er vom Sägen kommend die vielen Menschen erblickte. Durch Bäume gedeckt blieb er stehen und beauftragte Finckenstein" die Brücke zu säubern. Aber kaum fütterte er die Enten, da erschien 1. M. auch schon mit vielen alten Tanten auf ihrem Balkon, und im Garten tauchten hinter Büschen plötzlich überall Röcke und große Augen auf. Der hohe Herr, eingekeilt zwischen beiden, flüchtete ins Haus." Dort schlug er vor "seinen Herren" auf den Tisch und grollte: "Es ist unerhört, für zehn Pfennige wird man hier gezeigt wie ein Kamel!"
Nach dem ersten Nürnberger Reichsparteitag schien auch Wilhelm zeitweilig zu begreifen, daß die Nazis ohne ihn weitermarschieren würden. Im Zorn gelang dem Freund der Vorhersage am 7. September 1933 die einzige Prophezeiung, die dann auch zutraf: "Man wird die einzige Fahne, die sie noch übriggelassen haben, die mit dem Hakenkreuz, noch einmal verfluchen, und die Deutschen selber werden sie eines Tages verbrennen."
Diese Einsicht hinderte den Hohenzollern freilich nicht, "sich die augenblickliche Konjunktur zunutze" zu machen, wie Adjutant Ilsemann kritisch vermerkte. Wilhelm 11. ließ einen seiner Vorträge in Deutschland drucken, in dem auch von der Entstehung des Hakenkreuzes die Rede war. Deshalb ordnete der Ex-Kaiser an, "dieses Hakenkreuz auf den Umschlag drucken zu lassen in der Hoffnung, daß es dadurch in dem heutigen Nazi-Deutschland besser gekauft wird".
Als der Direktor einer hohenzollernschen Tonwarenfabrik im ostpreußischen Cadinen anfragte, ob eine Bestellung von Hitler-Büsten mit der Aufschrift "Heil Hitler" ausgeführt werden dürfe, war der kaiserliche Fabrikant sogleich einverstanden: "Großartig, sie sollen soviel Hitler-Büsten anfertigen, wie sie können, das gibt ein gutes Geschäft."
Vom Beginn des Bürgerkrieges in Spanien an fand Wilhelm II. weniger Zeit, sich den Geschäften oder der Arbeit im Garten zu widmen. Er sagte auch Einladungen seiner Nachbarn ab, weil er "zuviel zu tun" habe.
"Was die viele Arbeit angeht", spottete selbst der loyale Ilsemann, "so hat er allerdings sehr viel zu tun, denn er zeichnet täglich jeden Ort, der in den zahlreichen Presseberichten (über den Krieg in Spanien) vorkommt, in eine Karte ein bzw. unterstreicht denselben rot oder blau. Er macht das sehr ernst und gewissenhaft."
Wilhelm markierte nicht nur die spanischen Heere, sondern auch, wie in aller Welt die Wolken sich bewegten: "Weiterhin besteht seine Arbeit darin, daß nach wie vor jeder Wetterbericht sehr sorgfältig mit Blau oder Rot angelegt wird." Und bunt wurde auch ein Buch: Der Kaiser las ein Werk über Friedrich den Großen "mit 400 Bildern von Adolph Menzel, und diese Bilder werden nun alle der Reihenfolge nach bunt von ihm angemalt".
Bei der Beschäftigung mit dem Bürgerkrieg in Spanien empfand sich der Heim-Stratege Wilhelm immer mehr als begnadeter Heerführer (der auch die Weltkrieg-I-Siege von Tannenberg und Skagerrak mittlerweile vornehmlich seinem Genie zuschrieb). Und nichts freute ihn mehr als Geländegewinn durch Francos Truppen. Nach der Einnahme eines kleinen Ortes im März 1938 ließ er die Buntstifte sinken und lobte den Siegesboten Ilsemann Na, das waren ja heute herrliche Nachrichten. Es ist mir immer wieder eine innere Wohltat zu hören, daß die Bolschewisten, diese fürchterlichen Menschen, verdroschen werden."
Der Kaiser wechselte die Karten, als Hitler den Zweiten Weltkrieg begann. Ilsemann: "Die Meldungen über den Einmarsch deutscher Truppen in Polen trug er sofort in ein Atlas-Blatt ein. Nun hat er also wieder einen Kriegsschauplatz, den er mit blauen und roten Einzeichnungen versehen kann."
Knapp ein Jahr später tat der frühere deutsche Kaiser, was er bis dahin trotz allen Drängens seiner Umgebung strikt abgelehnt hatte: Er schickte Hitler das erste -- und letzte -- Telegramm:
Unter dem tiefgreifenden Eindruck der Waffenstreckung Frankreichs beglückwünsche ich Sie und die gesamte deutsche Wehrmacht zu dem von Gott geschenkten gewaltigen Sieg mit den Worten Kaiser Wilhelms des Großen: Welch eine Wendung durch Gottes Fügung. In allen deutschen Herzen erklingt der Choral von Leuthen, den die Sieger von Leuthen des großen Königs anstimmten: Nun danket aiie Gott. Wilhelm 1. R.
Bis kurz vor seinem Tod freute sich Wilhelm II. an den deutschen Siegen -- nichts anderes, nicht einmal mehr die eigene Heimkehr ins Reich, beschäftigte ihn noch.
Am 3. Juni sah Ilsemann seinen Kaiser zum letztenmal. Er berichtete ihm van der Eroberung Kretas. Der Todkranke strahlte: "Das ist ja fabelhaft! Unsere herrlichen Truppen!"
Ilsemann: "Als ich S. M. beim Verlassen des Krankenzimmers gute Besserung wünschte, waren seine letzten an mich gerichteten Worte: "Bringen Sie nur weiter so gute Nachrichten, dann wird es schon wieder bergauf gehen."

DER SPIEGEL 37/1968
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ADEL WILHELM II.:
Traum vom Thron