09.09.1968

SCHWIMMEN PLANUNGLachen gelernt

Anfang August fachsimpelten der frühere Schwimm-Bundestrainer Janos Satori und Günter Bracker, Trainer des Bundesliga-Klubs Schalke 04, bei einem Schoppen Weißwein im Reutlinger Bahnhofshotel über die Misere der bundesdeutschen Bassin-Athleten. "Ich wette 50 Flaschen Sekt", brach der frühere Wasserballspieler Brocker die Debatte ab, "daß kein deutscher Schwimmer bei der Olympiade das Finale erreicht."
Tatsächlich hatten Planungs-Pannen die Schwimmer nach den Olympischen Spielen 1964 von der Weltspitze weit ins Kielwasser der internationalen Elite zurückgeworfen. Drei Jahre hindurch gelang ihnen kein Welt- oder Europarekord.
Eifersüchtige Klubtrainer werkelten nach Hausrezepten und verwehrten dem neuen Bundestrainer Horst Planert jeden Einfluß. Den einzigen Höhentest vor den Spielen in Mexico City (2200 Meter) sagte der Vorstand des Deutschen, Schwimmverbandes (DSV) ab: Das vorgesehene Bassin auf Teneriffa in 2300 Meter Höhe erwies sich als Hotel-Planschbecken.
Den besten deutschen Brustschwimmer, Klaus Barth, 19, schickten die DSV-Strategen nach Kalifornien (Kosten: 7500 Mark). Er sollte sich im US-Schwimmer-Zentrum, dem Santa-Clara-Schwimmclub, medaillenreif trainieren. Allein: dem Klub, dessen Mannschaft fast nur aus Weltrekordlern besteht, fehlen Brustschwimmer von Weltklasse. So kehrte Barth stilistisch verbogen nach Bremen zurück. Er schwamm langsamer als zuvor.
Der Mannheimer Trainer Hans Mill flog mit dem deutschen Kraul-Meister Hans Faßnacht schon im Juli nach Mexiko, um sich frühzeitiger als die Konkurrenz in der Olympiastadt anzupassen. Da das Internationale Olympische Komitee (IOC) nur vier Wochen Höhentraining erlaubt, mußte der DSV die beiden vorzeitig zurückrufen.
"Unfaßbar, was sportlich und finanziell an wertvollem Kapital verwirtschaftet wurde", kritisierte Klub-Trainer Gerhard Hetz. Ein Alt-Funktionär verklagte deshalb den früheren Weltrekordschwimmer vor dem Verbandsgericht. Solange das Verfahren schwebte, durfte Hetz nicht im Leistungsrat mitarbeiten, der die Arbeit der Klub-Trainer koordinieren sollte.
Da setzte der DSV im Januar den Sonthofener Oberstabsarzt Dr. Erich Gebhardt als Olympia-Inspekteur ein. Er beschleunigte den Prozeß gegen Hetz, um den erfolgreichen Trainer endlich als Mitarbeiter heranziehen zu können. Hetz gründete bei seinem Klub Blau-Weiß Bochum ein Leistungszentrum. Seine Schüler ließen sich zeitweise von Schule und Beruf beurlauben und schwammen täglich bis zu 17 Kilometer. Bademeister Bernd Mock verlor dabei 16 Kilo Übergewicht.
Das zweite Schwimmer-Zentrum entstand bei den Wasserfreunden Wuppertal. Sie verfügen über eines der wenigen heizbaren und rekordfähigen Klub-Becken. Der Wuppertaler Trainer und Oberrealschullehrer Heinz Hoffmann merzte als erster überholte Traditionen aus: Er trainierte auch Gastschwimmer olympiareif, die weiter für fremde Vereine starteten. Nach zwei Wochen Hoffmann-Training übertrumpfte Angelika Kraus aus Celle als erste bundesdeutsche Rücken-Schwimmerin seit acht Jahren die DDR-Spitze.
Auch Krauler Faßnacht aus Mannheim, der von seinem Trainer Mill nach spartanischen Methoden -- sogar mit Ohrfeigen -- gedrillt worden war, schlüpfte in Wuppertal unter." Bei uns hat er wieder lachen gelernt", freute sich Hoffmann.
Noch eine Außenseiterin, die frühere Meisterin Ursel Brunner, entdeckte und förderte Talente wie den Bayern Lutz Stoklasa. Seine Arm-Spannweite von 1,98 Meter versprach besondere Leistungen im Delphin-Stil, bei dem beide Arme weit ausgebreitet vorwärts geschleudert werden.
Mit schnellen Erfolgen rechneten freilich nicht einmal die Experten. "Der Zug nach Mexiko ist abgefahren", fürchtete sogar Hetz. Anfang August hatten erst vier Schwimmer die Qualifikations-Leistungen für Mexiko erfüllt. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) plante allenfalls zwölf Schwimmer für die bundesdeutsche Olympia-Mannschaft ein.
Doch am dritten August-Wochenende überraschten die Schwimmer in Wuppertal mit einer Rekordflut. "Jetzt können wir ohne Schlips über unseren Anteil an der Mexiko-Mannschaft verhandeln", freute sich Bundestrainer Horst Planert und befürwortete 28 Freiplätze. Einige der überrumpelten NOK-Herren argwöhnten, das Becken sei möglicherweise zu kurz, das Wasser präpariert oder einige Schwimmer gedopt gewesen.
Um alle Zweifel auszuräumen, verlangte Trainer Hetz bei den Deutschen Meisterschaften in der letzten August-Woche in Berlin Doping-Kontrollen nach allen Rennen. Außerdem wurden die Schwimmer elektrisch gestoppt, was sie gegenüber der üblichen Handzeitnahme um jeweils zwei Zehntelsekunden benachteiligte. Trotzdem steigerte sich die Schwimmer-Elite zu einer neuen Rekordserie.
Innerhalb von zwei Wochen stellte Hetz-Schüler Michael Holthaus einen Weltrekord und zusammen mit Faßnacht und dem Brunner-Schützling Stoklasa vier Europarekorde auf. Insgesamt erzielten die Schwimmer 15 gesamtdeutsche und 45 Bundesrekorde. Ursel Brunner analysierte, die Bundesdeutschen hätten so rasch Anschluß an die Weltklasse gefunden, "weil sie sich schon im Training wehtun".
Statt der eingeplanten zwölf nahm das NOK nun 30 Schwimmer in die Olympia-Mannschaft auf. Mehrkosten: 126 000 Mark. Sechs Staffeln und Einzelschwimmer reisen mit Medaillen-Chancen, fast alle außer den Ersatzleuten sind endkampfverdächtig.
Weltrekordler Holthaus frohlockte über seinen Mexiko-Freiplatz: "Der DSV ist das billigste Reisebüro der Welt." Sekt-Wetter Brocker allerdings möchte seine voreilige Wette über die Chancenlosigkeit der deutschen Schwimmer zurückziehen. "Zu dem Zeitpunkt war ich schon blau."

DER SPIEGEL 37/1968
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