09.09.1968

STÄDTEBAU / WEST-BERLINSlums verschoben

Wir wünschen uns nicht nur Beifall", sprach Hermann Wegner, persönlicher Referent des West-Berliner Bausenators. "Wir wünschen uns auch Kritik." Dem Wunsch des Bau-Beamten wurde entsprochen.
Wegner hatte die doppelte Hoffnung am vorletzten Sonntag zur Eröffnung der "Berliner Bauwochen" formuliert. Und Beifall wurde den Berliner Städteplanern planmäßig zuteil, als sie vergangene Woche beispielsweise mehr als 2000 Neugierige In 45 Senats-Bussen auf gefälliger Route zu den schönsten West-Berliner Nachkriegsbau-Plätzen kutschieren ließen.
Nicht planmäßig, sondern im Widerspruch zur wohlgefälligen Tradition der Bauwochen, die seit 1960 alle zwei Jahre stattfinden, wird dieses Jahr Kritik laut: Jung-Architekten formierten sich zum Aufstand gegen die Herrschaft von Bau-Bonzen und -Bürokraten; sie veranstalten die ersten West-Berliner "Anti-Bauwochen"
Die offizielle Bau-Schau des Senats ist auch in diesem Jahr geprägt vom Stolz auf das Erreichte. Zweieinhalbtausend Berliner besuchten letzte Woche die Ausstellung "Berlin und seine Kneipen". Richtfeste für mehr als 5000 Wohnungen, die Übergabe eines neuen Streckenabschnitts der Stadtautobahn, Besichtigungen des mehrstöckigen U-Bahn-Baus in Wilmersdorf stehen für diese Woche auf dem Programm. Und Innenminister Benda sowie Bürgermeister Schütz werden zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe (siehe Seite 140) Reden halten.
Zur selben Zeit aber wollen die Jung-Architekten den Blick auf die Schattenseiten von West-Berliner Nachkriegsbauten lenken. In einem halbfertigen Hörsaalgebäude der Technischen Universität klebten sie letzte Woche Großphotos auf Novopan-Platten, zimmerten sie Holzgerüste für graphische Darstellungen, installierten sie Lautsprecheranlagen" aus denen die Tonkulisse für die Protest-Ausstellung
Flackernde Dia-Projektionen auf rauhen Betonwänden sollen den Ausstellungsbesuchern die Steinwüsten neuer Berliner Stadtrandsiedlungen vor Augen führen: die tristen Betonfassaden des "Märkischen Viertels" beispielsweise (siehe nebenstehende Photos), wo Kinder wieder wie auf Zille-Hinterhöfen spielen und sich ein einziger Hochhaus-Block, erbaut von dem Franzosen René Gagès, über fast 700 Meter hinzieht -- Musterbeispiel für asozialen Wohnungsbau.
Daß die Jung-Architekten ihre Kritik vorbringen können -- so auch gegen die West-Berliner Schulbau-Misere, gegen Mißstände im Wettbewerbswesen und in der Architekten-Ausbildung verdanken sie kunosei-weise einem Einfall des Berliner Bau-Establishments, vertreten durch Architektenverbände und Senat.
Von dort kam die Idee, die offiziellen Bauwochen in diesem Jahr mit einer Sonderschau zur "Selbstdarstellung der jungen Architekten-Generation" zu schmücken. Der Senat stellte 18 000 Mark zur Verfügung; dafür sollten West-Berlins Architekten "Jahrgang 32 und jünger" Städtebau-Entwürfe einreichen.
Die Jungen wollten das Geld nehmen -- aber für eine Ausstellung nach ihren eigenen Ideen und unter eigener Regie: zur "kritischen Auseinandersetzung mit dem heutigen Baugeschehen". Nach einigem Hin und Her sagte West-Berlins Bausenator Schwedler zu.
Vorbereitet wurde die Gegen-Bauwoche sodann im Stil des Räte-Systems, nach Apo-Muster: 120 protestbereite Architekten versammelten sich im TU-Raum 507, gründeten die "Aktion 507" und begannen ein großes Palaver -- über jedes vorgesehene Photo eine Abstimmung der Vollversammlung.
Als Musterfall für Fehlplanung gilt den 120 Aufrührern der "Aktion 507" ein Projekt" das bei West-Berliner Behörden unter dem Stichwort "Stadterneuerung" aktenkundig ist. Zug um Zug sollen schäbige Mietshausviertel in den Arbeiterbezirken Wedding und Kreuzberg abgerissen werden. Und ihre Bewohner werden, als sogenannte Umsetzmieter" zwangsweise in neue Trabantenstädte umgesiedelt, vor allem ins "Märkische Viertel", das unweit von Berlins berühmter Irrenanstalt entsteht -- im Norden der Stadt zwischen Wittenau und der Mauer.
Bis 1972 sollen dort 16 000 Wohnungen für mehr als 60 000 Menschen errichtet werden. 22 Architekten sind an dem Riesenprojekt beteiligt, darunter der Züricher Ernst Gisel, der Berliner Ludwig Leo sowie der Brutalist Professor Ludwig Ungers. Für die Gesamtplanung zeichnen die Berliner Architekten Werner Düttmann, Hans Müller und Georg Heinrichs verantwortlich.
Als "ehrgeizigstes und umfangreichstes Projekt einer Satellitenstadt" wertete die "FAZ" das Vorhaben; die West-Berliner "BZ" sah in der -- jetzt halbfertigen -- Randsiedlung gar einen "Hoffnungsschimmer für die Städtebauer in halb Europa" und bescheinigte dem Entwurf "weltstädtisches Format".
Mit hochfliegenden Phrasen lobten auch einige der beteiligten Bauplaner ihr eigenes Werk. So tönte etwa der West-Berliner Architekt Herbert Stranz: "Die Maximalhöhe war vorgeschrieben, der Rest ist angewandte Sonne." Und: "Individualismus der Einzelwohnung im Arrangement, durch Staffelung und Farbe betont: Das ist Demokratie."
Als nun die Kampfgruppe "Aktion 507" Interviewer mit Tonband und Kamera ins "Märkische Viertel" sandten, ergab sich freilich ein anderes Fazit. Die Bewohner der neuen Trabantensiedlung seien isoliert, fanden die aufsässigen Jung-Architekten, sie müßten in einer Atmosphäre gegenseitiger Aggressivität leben und fühlten sich gegen ihren Wunsch von den .Behörden in das neue Wohnviertel hineingezwungen. Resümee: "Die Slums des Wedding sind nur ins Märkische Viertel verschoben worden."
Tatsächlich zählt die Mammutsiedlung im Norden Berlins zu den trostlosesten Gewächsen der Beton-Architektur. Ganze vier Wochen Zeit nahmen sich die Planer für den städtebaulichen Entwurf. Als eine einzige größere Grünflächen auf dem insgesamt 370 Hektar großen Gelände blieben einige Schrebergärten-Areale unangetastet; die Würstchenbuden dort sind vorerst die umdrängten Treffpunkte der Hochhausbewohner. Die Fläche zwischen den bis zu 18 Stockwerke hohen Wohnklötzen wurde durchweg mit Betonplatten belegt. Das einzige, was die Grünplaner vorsahen, sind Platanen-Bäumchen, die in regelmäßigem Sechs-Meter-Abstand rasterartig die Parkflächen zieren sollen.
Die desolaten Ergebnisse der Bauplanung im "Märkischen Viertel" sind jedoch nicht das alleinige Ziel des Angriffs, den die "Aktion 507" vorträgt. Die jungen Kritiker meinen vielmehr, daß solch hastige Fehlplanung auf die besondere Struktur der Berliner Bauwirtschaft zurückzuführen sei, die gierigem Spekulantentum Vorschub leiste, Ironisches Motto der Protest-Ausstellung im TU-Hörsaal: "Sei schlau verdien' am Bau!"
Solche Vorwürfe zielen in erster Linie auf das Berlin-Hilfegesetz von 1964, das in der Tat -- politischem Vorsatz folgend -- den Bauherren in West-Berlin finanzielle Vergünstigungen von verwegenem Ausmaß gewährt.
"Wertvolle Geldanlage" empfehlen an jedem Wochenende großflächige Immobilien-Anzeigen in bundesdeutschen Zeitungen finanzkräftigen In-
* Im West-Berliner Bezirk Kreuzberg, Wassertorstraße 5.
teressenten, die Baugeld nach Berlin fließen lassen wollen. "Abschreibungen bis zu 210 Prozent" werden versprochen, und: "Bedingt durch eine 75prozentige Sonderabschreibung Berlin gemäß Paragraph 14 BHG können Sie auch schon bei einer sehr niedrigen Steuer-Progression diese Beteiligung voll aus Steuermitteln finanzieren." Soll heißen: Für einen Groll-Steuerzahler sind 100 000 Mark, die er in Berliner Bauten investiert, reiner Gewinn, entnommen dem Steuertopf, den er sonst füllen müßte.
Daß der flotte Abriß in den Sanierungsgebieten vom Standpunkt allgemeiner Wirtschaftlichkeit kaum zu vertreten ist, errechnete indes Architektur-Professor Werner March, der Erbauer des Berliner Olympia-Stadions in einem Gutachten -- am Beispiel des Hauses Wassertorstraße 5 im Bezirk Kreuzberg.
Laut March-Gutachten würde ein Instandsetzung und Modernisierung dieses Hauses 91 500 Mark erfordert haben. Abfindungs- und Abreißkosten allein verschlingen demgegenüber 250 000 Mark.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte die West-Berliner Soziologin Ilse Balg in einem Gutachten über Kreuzberg-Althäuser, die vom Senat zum Abriß verurteilt sind: "Die Vorderhäuser wären durch Instandsetzung und Neuausstattung neuwertig mit einer vollen Hauslebensdauer von 50 Jahren herzurichten, und zwar für ein Drittel der Neubaukosten des sozialen Wohnungsbaus -- nämlich für maximal 6,4 Millionen Mark gegenüber minimal 18,1 Millionen Mark reiner Neubaukosten."
Leidtragende dieses Mißverhältnisses sind vor allem die West-Berliner "Umsetzmieter", die etwa vom Wedding ins "Märkische Viertel" oder vom Schrebergarten ins 18. Stockwerk verpflanzt werden. Die Architekten-Apo malte es in Großbuchstaben an alte Hausfassaden: "Weißer Kreis, großer Scheiß, doppelter Preis."
In den alten Slums am Wedding zahlten die Mieter für drei Zimmer 100 Mark; in den neuen Slums, draußen am Stadtrand, zahlen sie für die gleiche Wohnfläche das Dreifache.

DER SPIEGEL 37/1968
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