03.04.2006

Die verlorene Welt

Es sind Brandbriefe, Bankrotterklärungen und Hilferufe: Die Lehrer mehrerer Berliner Hauptschulen klagen über die Unmöglichkeit ihrer Aufgabe. In einer Gesellschaft, in der Oben und Unten auseinanderdriften und Eltern ihre Kinder nicht mehr erziehen, eskaliert die Gewalt.
Jeden Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, träumt Karl-Heinz Fischer von schlechten Nachrichten. Er hofft auf diese schlechten Nachrichten, er sehnt und fleht sie herbei.
Nachrichten sollen das sein, die diesem verdammten Leben mit diesen verdammten Schülern dieser verdammten Schule ein Ende machen. Irgendwelche grausamen Nachrichten, fatale Nachrichten, zum Beispiel Nachrichten von einer Explosion. Karl-Heinz Fischer träumt also, wenn er in seinem Wagen sitzt und zur Arbeit fährt, dass er eines wunderbaren Tages in ebendiesem Wagen sitzt, das Autoradio einschaltet und die Meldung hört, "der Kasten" sei "endlich abgebrannt". Einfach weg, in Rauch aufgegangen, wie ein böser Lebensabschnitt, den man hinter sich lässt, um noch mal von vorn anzufangen.
Karl-Heinz Fischer würde wenden, heimfahren, glücklich werden.
Nicht blass, nicht krank, nicht gescheitert. Sondern mit Spaß und Elan und Kraft.
Nicht mehr vor einer Klasse stehen, um es zu überleben. Sondern um neugierigen Kindern etwas beizubringen.
Karl-Heinz Fischer heißt nicht wirklich Karl-Heinz Fischer, der wahre Name musste geändert werden, weil Herr Fischer wie alle Lehrer der Berliner Rütli-Schule nun Sprechverbot hat, das hat sein Bildungssenator verfügt. Wie absurd schon die erste Hälfte diese Wortes ist: "Bildung".
Im Zusammenhang mit der Rütli-Schule.
Karl-Heinz Fischer stellt sich dann vor, dass er nie mehr zurückkommen müsste an diesen Ort, der seinem Gesicht die Farbe genommen hat und seinen Augen die Lebendigkeit. Er sitzt da, ein grauer Mann an einem grauen Tag, und spreizt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, er spreizt sie so weit er kann, um die Stärke dieser "Lederhaut" zu beschreiben, die er sich zugelegt hat, zulegen musste, damit er nicht durchdreht in diesem Job.
Karl-Heinz Fischer ist Lehrer. In Berlin. Und der "Kasten", den er brennen sehen möchte, liegt im sogenannten Reuterkiez, einem Teil des Bezirks Neukölln, nicht weit vom Hermannplatz.
Der Kasten ist die Rütli-Hauptschule. Seit vergangener Woche: "Die Terrorschule".
Es war Mitte der Woche, da schockierte ein Brief die Republik. Drei Seiten, verabschiedet von der Gesamtlehrerkonferenz ohne Enthaltung und ohne Gegenstimme, verfasst von Petra Eggebrecht, kommissarische Schulleiterin. Ein Brandbrief. Eine
Anklage. Eine Bankrotterklärung. Und zugleich ein Schrei nach Hilfe.
Es beginnt mit ein paar Zahlen. Der Anteil der Schüler und Schülerinnen mit arabischem Migrationshintergrund liege inzwischen bei 34,9 Prozent, schreibt Frau Eggebrecht, der Anteil derer mit türkischem bei 26,1 Prozent, "der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. beträgt 83,2 %" - "n.d.H." steht für "nicht deutscher Herkunft.
Frau Eggebrecht schreibt:
"Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zur- zeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber ... Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Wänden gerissen ... Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden. Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. Die negative Profilierung verschafft Anerkennung in der Peergroup ... In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können ... In den meisten Familien sind unsere Schüler/innen die Einzigen, die morgens aufstehen ... Schule ist für sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung. Der Intensivtäter wird zum Vorbild."
Das hat es noch nicht gegeben, jedenfalls wurde so etwas bisher nicht bekannt. Immer wieder mal sind in den vergangenen Jahren Schulen ins Blickfeld gerückt, Schulen wie das Erfurter Gutenberg-Gymnasium, das war nach Verbrechen, nach Katastrophen - dass der ganz normale Irrsinn des Alltags zur öffentlichen Kapitulation eines Kollegiums führt, das war neu.
Was ist da los? Was für eine Welt zeigt sich da?
Wenn man sich die Wirklichkeit der Rütli-Schule und anderer Schulen in Berlin und im Bundesgebiet ansieht, die Wirklichkeit von Hauptschulen vor allem, dann sieht es so aus, als ginge es dort inzwischen
zu wie einstmals in der Bronx. Es wirkt wie eine Ansammlung vieler kleiner Kopien von Städten wie Karatschi oder Lagos, Städten also, die nicht mehr zu kontrollieren, nicht mehr zu regieren sind. In Deutschland sind es keine ganzen Metropolen, es sind bloß Viertel, aber sie sind abgetrennt vom Rest der Stadt, sie sind Ghettos. Und dort scheint sich inzwischen eine verlorene Welt neben der ganz normalen deutschen Wirklichkeit geformt und längst verfestigt zu haben, die mit der anderen Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat.
Aufklärung? Bildung? Lernen, für Zensuren, vielleicht sogar fürs Leben?
Was soll der Scheiß?
So reden die Bewohner dieser Welt. Ey, Mann, ey. Nutte. Killer. Krass. Es gibt viele "sch"- und "ch"-Laute in dieser Sprache, kaum noch ganze Sätze. Dreckische Deutsche, so reden sie.
In dieser Welt, mitten und vielerorts in Deutschland, geht es nur noch um einen Wert: Respekt. Respekt bekommt, wer cool und wer stark ist, wer die richtige Kleidung trägt, die richtige Sprache spricht, die richtige Musik hört, wer die richtigen Freunde und die richtige Bande hat. Respekt bekommt, wer die eigene, also die türkische oder libanesische Schwester vor Sex und Liebe und diesem großen glitzernden Westen schützt und selbst deutsche Schlampe fickt.
Ohne Artikel. Wie sie eben reden.
Und deutsche Kinder, 17 Prozent nur noch an der Rütli-Schule, aber anderswo 80 oder 90 Prozent, sind auch nicht konstruktiver, sprechen betont schlechtes Deutsch, sprechen den Slang der Einwanderer, denn Respekt bekommt, wer sich abgrenzt von der Welt jenseits des Ghettos, wer sich nichts gefallen lässt, wer nicht weich und zart ist.
Respekt kriegen die Harten, und genau das ist das Problem, vor dem Lehrer und Erzieher und Sozialarbeiter und Bildungspolitiker nun stehen: Sie können nicht einfach strenger sein oder neue Regeln aufstellen - es gibt ja längst eine Menge Regeln an der Rütli-Schule und an allen deut-
schen Schulen. Die Pädagogen müssen einen Dialog in Gang bringen, den die andere Seite auf keinen Fall will, weil gerade keinen Respekt, sondern nichts als Verachtung kriegt, wer mit Lehrern spricht.
Lehrer anzuspucken bringt viel Respekt.
Lehrern den Rücken zuzudrehen oder einfach aus dem Raum zu gehen, das bringt ein bisschen Respekt.
Lehrer Wichser zu nennen und Lehrerinnen Fotze, den strengen Mathe-Lehrer zu bestehlen oder mit dem Messer zu bedrohen, die heulende Vertrauenslehrerin aus dem Klassenzimmer zu jagen, das bringt sehr viel Respekt.
Es sieht eigentlich ganz gediegen aus auf dem Planeten dieser neuen Jugend. Die Rütlistraße, nicht weit von der Sonnenallee, ist zur Sackgasse geworden, verkehrsberuhigt. Alte Bäume stehen hier, es gibt einen Meisterbetrieb für Heizungstechnik nebenan und Kopfsteinpflaster und gegenüber den Jugendclub "Manege". Das Gebäude, teilweise vier und teilweise fünf Etagen hoch, ist mit gelblichem Rauhputz überzogen, es hat weiße Fensterrahmen, es hat die Form eines eckigen "U", drei Seiten eines Quadrats.
Rechts ist die bessere Welt: die Heinrich-Heine-Realschule. Und links der Abgrund: die Rütli-Hauptschule.
Einen fassbaren, einen konkreten Auslöser, gab es nicht, als das Kollegium an jenem Morgen im Februar zusammentrat. Rund 25 Pädagogen saßen auf ihren Stammplätzen um die vier großen und zwei kleinen Arbeitstische des Lehrerzimmers - in ihrem Refugium mit den frisch- getünchten Wänden in freundlichem Beige, dem grauen Teppich und dem strikten Rauchverbot. Und sie resümierten nüchtern die zum Alltag gewordene Katastrophe: Noch immer war kein neuer Schulleiter gefunden, noch immer waren sie zu wenige Lehrer, noch immer waren da diese ständige Gewalt, diese ewigen Beleidigungen. Das Schlimmste, so erinnert sich ein Teilnehmer, sei diese "völlige Hoffnungslosigkeit" gewesen, der verlorene Glaube daran, dass sich hier "irgendwann irgendwie was ändert".
Darum schrieben sie ihren Brief. Und sie wollten damit nicht erreichen, dass ihre Schule geschlossen wird, auch wenn sie so verstanden wurden. Sie wollten Hilfe. Und ganz grundsätzlich wollten sie anregen,
dass das System Hauptschule, diese Ghettoisierung und Stigmatisierung von Schülern, die nicht mitkommen, in Frage gestellt wird, aufgelöst wird, und dafür bekamen sie gegen Ende der Woche zunehmend Unterstützung. "Es ist Zeit, diesen Schultyp aufzulösen", sagte Karla Werkentin von der Heinz-Brandt-Hauptschule.
Was sie zunächst erreichten, war jedoch der übliche Irrsinn: Kamerateams, Fotografen, Reporter, alle schrien alle an, und dann kamen Politiker mit neuen Fotografen und neuen Reportern und sagten, dass sie das alles sehr ernst nehmen und künftig Polizisten vors Schultor stellen würden.
An jenem Morgen, als die Bombe platzt, verschwimmen in Neukölln die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. "Hauptstadt knallhart", hatte der Berliner "Tagesspiegel" getitelt, in Anspielung auf den Film von Detlev Buck, der Jugendgewalt am Beispiel Neukölln zum Thema hat.
Es ist Donnerstag, der 30. März, kurz nach der großen Pause, als die Republik beginnt, das Herz der Finsternis ihres Bildungssystems in Augenschein zu nehmen. Ein Fotograf greift sich eine Gruppe 13-, 14-jähriger Araber, drapiert sie in Gangsterpose und sagt den Kindern, dass sie die Kapuzenjacken tief ins Gesicht ziehen sollen, weil das gefährlicher aussehe. Anderthalb Wochen sei er jetzt hier, erzählt der 16jährige Mahmad, und schon vier Schlägereien habe er mitgekriegt, die letzte am Donnerstag, als sich zwei Mädchen mit Steinen beworfen hätten. Mahmad trägt eine grüne Bomberjacke der Marke "Alpha Industries", und er sagt, dass er nur hier ist, weil er von seiner alten Schule geflogen sei, er sagt, dass seine Eltern es "Scheiße" fänden, dass er jetzt auf "die Rütli" muss. "Die hat einen ganz schlechten Ruf", sagt Mahmad noch, und dann greift er nach seinem Mobiltelefon; "Geschäfte", sagt er.
Ein paar Meter weiter steht Neuköllns SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky vor seinem schwarzen Dienst-BMW und doziert ziemlich gelehrt über "den Alltag in einer Schule in einem sozial segregierten Gebiet". Buschkowsky trägt eine gelbe Krawatte, und der Alltag, den er meint, gerät hinter ihm gerade wieder aus den Fugen: Die Kameras sind vor dem Schulhof postiert, in sicherer Entfernung hinter dem grünen Metallgitterzaun, das Ganze erinnert an einen Zoobesuch.
Ah, nun, so sehen die also aus!
Diese ... diese ... diese ... ja, Kinder, immer noch, Kinder mit Basecaps, mit Bomberjacken, mit Turnschuhen und Jeans, die zu tief sitzen, zu weit sind und sowieso zu lang. Gebeugt schleichen sie durch ihr Gehege, denn wer die Füße hebt, ist nicht cool. Kriegt keinen Respekt mehr.
"Wir sind Außenseiter!", brüllt ein Siebtklässler in Richtung Presse, "wir sind der Abschaum von Neukölln!" Dann fliegen Steine. Erst einer, dann viele, es ist eine ganze Kanonade, begleitet von aufgebrachten Schreien. Die beiden Männer, die sich die Schule vor ein paar Monaten von der Arbeitsagentur geholt und "Ordnungsdienst" genannt hat, treiben die Schüler zurück. Den Pausenhof dürfen die Rütli-Kinder nicht verlassen, das erzählt einer der beiden Aufpasser, weil sich die Filialleiter des Viertels beschwert hatten, dass die Schüler in den Pausen immer die "ganzen Läden leer geklaut" hätten. Der Mann, ein Ein-Euro-Jobber, schüttelt müde den Kopf und sagt: "Die haben hier alles aufgegeben. Alles ist im Arsch."
Vor einem halben Jahr hat der Hausmeister die äußeren Klinken der beiden Schultore abgeschraubt. Weil immer wieder "schulfremde" Jugendliche aufgetaucht waren, die "Stress gemacht" hätten. Einmal, erinnert sich Pädagoge Fischer, sei "so ein Kampftyp" mit einem scharfen Pitbull aufs Gelände gekommen, und ein anderer Lehrerkollege sei ohne jede Vorwarnung verprügelt worden, Faustschläge ins Gesicht, von einem fremden Jugendlichen, ohne zu wissen, worum es überhaupt ging.
Und der Grat zwischen verbaler und körperlicher Gewalt ist an der Rütli-Schule eine filigrane, scheinbar willkürlich verlaufende Linie. In einem Klima, in dem der Satz "Verpiss dich, du Missgeburt!" als ganz normale Begrüßungsformel zwischen zwei Schülern gilt, ist es schwer auszuloten, wann der Punkt erreicht ist, dass die Ehre nur noch mit Kickbox-Attacken wieder- hergestellt werden kann.
Erst Ende vorvergangener Woche gab es wieder so einen Vorfall. Der Schüler Ahmad T. hatte ein muslimisches Mädchen aus der neunten Klasse "angemacht", weshalb das Mädchen über Handy den großen Bruder alarmierte. Kurz danach flog die Tür des Klassenzimmers auf, und der Bruder, begleitet von zwei Freunden, stürmte in den Unterricht. Er wolle dem Delinquenten auf "die Fresse hauen", sagte er, und nur dem Mut und der Autorität der Lehrerin war es zu verdanken, dass das Rollkommando bald wieder abzog. Aber was hätte die Frau tun sollen, wenn der Kerl ein Messer gezogen hätte?
Lehrer Fischer jedenfalls ist froh, dass er seine "Lederhaut" hat. Dass er keine psychosomatischen Schmerzen hat und keine
Psychopharmaka schlucken muss. Sein Leben zwischen den Schulferien, sagt er, würde er ausblenden. Immer wieder habe er um Versetzung an eine andere Schule gebeten, immer wieder habe er denselben Satz gehört: "Vergessen Sie's."
Dabei wollte er "immer Lehrer werden und immer Lehrer sein", doch die "Frustration" hätte "den Idealismus längst besiegt". Den wenigen Schülern, "aus denen man was machen könnte", werde durch die Hackordnung an der Hauptschule "jegliche Chance genommen": Früher oder später müssten sie sich dem übermächtigen Gruppenzwang eines Systems beugen, in dem "das Negativum die Heldentat ist". Prestige, so Fischer, hätten an der Rütli-Schule vor allem diejenigen, "die schon mal im Jugendgefängnis waren oder kurz davor sind".
Perspektiven? "Ich will Hartz IV werden", das soll ein arabischstämmiger Rütli-Schüler auf die Frage nach seinen Berufswünschen geantwortet haben. Ein anderer holte seinen Personalausweis heraus und rief: "Ist doch egal, ihr könnt mich jetzt nicht mehr ausweisen."
Das Ganze ist eine Welt, die sieben Kilometer vom Bundestag entfernt ist und drei Kilometer vom Hotel "Estrel", aus dem "Wetten, dass ...?" und der "Echo" übertragen werden. Für gutbürgerliche Konservative muss diese Welt wirken wie ein Jurassic Park voller degenerierter Halbstarker, und all die, die wieder Überfremdung durch Migration fürchten und sich viele deutsche Kinder wünschen, könnten sich natürlich bestärkt fühlen.
Aber Hauptschulen mit deutschen Schülern geht es nicht besser. Das Problem ist ein soziales: Die da oben haben die dort unten längst abgehängt. Reich wird reicher, arm wird ärmer, klug wird klüger, dumm wird dümmer, das ist die Welt, wie sie die Schüler von der Rütli-Schule sehen.
Natürlich, manchmal und viel zu oft geht es um Schulen mit hohem Ausländeranteil. Dass es gerade dort Probleme gibt, hat mit Integration zu tun oder ihrem Scheitern. Integration, gebaut auf Selbstbewusstsein und Toleranz, findet kaum statt, von beiden Seiten aus nicht. "Rational wissen wir, dass unsere Gesellschaft Zuwanderung braucht, emotional aber sind wir davon überzeugt, dass es zu viel Ausländer in Deutschland gibt", so der Berliner Schriftsteller Zafer Senocak.
All die Kurden und Libanesen von Neukölln sind geduldet, offiziell jedenfalls, aber mehr auch nicht. Darum dürfen sie nicht arbeiten, leben von Sozialhilfe, leben ganz unter sich auf ihrem Nebenplaneten. Und ihre Kinder lernen nicht Deutsch oder deutsches Leben, lernen nur die eigenen Regeln, lernen, dass sie in der Welt der Deutschen, der erfolgreichen Deutschen jedenfalls, ohnehin keine Chance haben. Die Berufsberaterin Hilde Holtmanns ließ ihre Rütli-Schüler mal Collagen anfertigen, auf denen sie erklären sollten, wie sie sich "Gestern", "Heute" und "Morgen" vorstellten, und im "Morgen" tauchten dann Villen, Motorräder, und Limousinen auf. Die Wirklichkeit von heute ist die, dass nicht ein Abgänger des letzten Jahrgangs der Rütli-Schule eine Lehrstelle erwischt hat.
Sie sind Ghetto-Kids, und sie wissen es. Und das Einzige, was ihnen Selbstbewusstsein bringt, ist die Kultivierung oder Verkultung dieser Ghetto-Welt. Ich bin Gangsta. Ich will gar nicht dazugehören. Leckt mich, alle.
Und fürchtet mich.
Inzwischen werden sogar Touristen zu zweistündigen Stadtrundgängen ins Reuterquartier gelockt - "zwischen Kiezidylle und Ghettoklischee", steht auf dem Werbefaltblatt, das geziert wird von fünf Kindern in Gangsterposen, 8,50 Euro kostet das Erlebnis.
Eltern des Viertels trafen sich erstmals Ende März unter dem Motto "Es reicht!", weil in letzter Zeit etliche Kinder auch außerhalb ihrer Schulen Opfer von Gewalt geworden waren. Nun wollen diese Eltern "den öffentlichen Raum" für friedfertige Zeitgenossen "zurückerobern". Dabei ähnelt der Reuterkiez den Betonghettos westdeutscher Großstädte noch nicht einmal: Fünfstöckige Altbauten stehen hier; es gibt Rad- und Fußwege, und am Straßenrand parken neue Volkswagen; es gibt die Kleingartenkolonie "Freie Stunde", die Kindertagesstätte "Villa Kunterbunt" und perfekt gezapftes "Schultheiss" im "Tell Stübchen".
Was also ist geschehen?
Vor langer Zeit war das Viertel eine ziemlich sumpfige Wiesen- und Buschfläche. Im 19. Jahrhundert siedelten sich dann erste Betriebe an, die Bevölkerungszahl wuchs, und aus der Gründerzeit um die Jahrhundertwende stammen die meisten der Bauten.
Inzwischen sind mehr als 30 Prozent der Bewohner des Quartiers Ausländer, die Arbeitslosenquote liegt bei 35 Prozent. Der Reuterkiez, wo etwa 18 000 Menschen leben, gilt als eines von 17 Arealen mit "besonderem Entwicklungsbedarf" in Berlin. Ein sogenanntes Quartiersmanagement-Büro soll helfen, die Lebensqualität zu verbessern - Vereine fördern, Projekte gegen Gewalt starten, Schulhöfe verschönern. "Aber das Hauptproblem, die Arbeitslosigkeit, können wir nicht lösen", sagt Quartiersmanagerin Ilse Wolter, die ziemlich ruhig, ziemlich gelassen hinter ihrem Schreibtisch aus Kiefernholz sitzt. Zum Teil, das sagt Ilse Wolter, lebten die Kinder hier in der "dritten oder vierten Generation" von Sozialhilfe. Und zu viele Kinder einstiger Migranten würden eingeschult, ohne annähernd Deutsch zu sprechen, "und wenn sie in die Hauptschule kommen, haben sie nur Frustration erlebt".
Wenn Sophie am Morgen die Wohnung verlässt und in die Schule geht, verlässt sie
das Leben, das sie mag. Sie geht dorthin, wo sie das Leben nicht mag.
Sie geht in die Schule.
Es sind nur zwei Straßen bis dorthin. Sophie spaziert sie entlang wie eine Dame. Jeans, schwarzer Mantel, schwarze Handtasche, große silberne Ohrringe, blonde Strähnen, Lidschatten. Sie ist 16. Sie sieht älter aus. Die Jungs hauen drauf auf die Jugend. Die Mädchen schminken sie.
Sophie hat vor sieben Monaten geheiratet, muslimisch, einen Libanesen, den sie seit zwei Monaten kannte. Sie wollte das, unbedingt. Vor der Schule räumt sie auf, mittags kocht sie. "Meistens will er Fleisch", sagt sie. Fünf andere Mädchen in der Schule sind auch verheiratet, einige sind verlobt.
An der Schule nimmt Sophie den linken Eingang. Er führt in einen der beiden Trakte des Gebäudes, in die Unterwelt, in die Hauptschule. Sophie findet die Schule hässlich und kalt. Es ist ein Altbau mit hohen Fenstern und Fluren, der Boden ist aus braunem Stein, es gibt kaum Bilder an den Wänden, aber Kleiderhaken. Mittags kommen die Putzfrauen. Überall im Treppenhaus ist dieser Steinfußboden. Es gibt ein paar Räume, die mit Teppichboden ausgelegt sind. Das Lehrerzimmer zum Beispiel, in dem es nach Kaffee duftet. Und das Zimmer über dem Sekretariat in Etage eins. Das ist der Raum, in den die Schüler müssen, die während des Unterrichts rausgeflogen sind, ein schöner Raum mit Ikea-Couch. Die Schüler müssen sich in eine Liste eintragen. Dann sitzt ein Lehrer neben ihnen, der aufpasst.
Ansonsten haben sie hier: zwei Computerräume, drei Turnhallen, eine Aula, in der Instrumente stehen, den Schulhof nach hinten. Und 268 Schüler.
Sophie ist eine von drei deutschen Mädchen in Raum 204, Klasse 9/II. Die Jungs nennen eine wie Sophie "Schlampe" und "Hurentochter".
"Das sagen sie besonders, wenn sie ein Mädchen süß finden", sagt Sophie. Ihre Freundinnen stehen neben ihr, Jasmin, 16, und Tugba, 17, sie nicken. "Sie haben eine große Klappe. Sie glauben, das kommt an", sagt Sophie. Zum Kino oder zum Eislaufen verabredet sich keiner der coolen Jungs mit den deutschen Mädchen. "Das wäre ihnen voll peinlich, wenn das rauskommt", sagt Jasmin. Sie wolle mal Hebamme werden, sagt sie, und Cihan, 16, der dazu kommt, fragt: "Was ist das denn?"
"Geburtshelferin", sagt Jasmin.
Dann erzählt sie weiter, wie das so läuft in dieser Welt mit diesen Jungs. "Sie gehen ins Internet und chatten uns an", sagt sie. Und vielleicht sitzen sie gerade nebeneinander in einem der Klassenräume.
Auf die Tische sind Namen geritzt, Flaggen gemalt, die libanesische, die türkische. Und die deutsche? "Die gibt es hier nicht", sagt Jasmin. "Wir sind hier Klein-Istanbul", sagt sie. Die deutsche Flagge weht draußen, vor der Schule.
Sophie ist Deutsche, aber muslimisch erzogen, ihr Stiefvater wollte es so. Sie sitzt ganz hinten im Klassenraum, sie wird die Schule nicht schaffen, wird ohne Abschluss gehen, dabei wollte sie Bürokauffrau werden. Es hängen gelbe Vorhänge in den Fenstern, unten gibt es eine Metallwerkstatt, die Aula liegt unter dem Dach. In den Etagen eins, zwei und drei gibt es Türen, die in den zweiten Trakt führen, hinüber zur Realschule. Aber dorthin dürfen die Hauptschüler nicht gehen. Sogar die Pausen der beiden Schulen sind so gelegt, dass die Schüler sich nicht begegnen.
Und das soll die Lösung sein: die Schulen zusammenlegen? Das jedenfalls ist, was der Bildungssenator ankündigt.
Samir, der 22 ist und reifer als die Jungs in der Schule, hat Sophie den Antrag gemacht, als ihre Mutter neben ihr am Küchentisch saß. Ihre Mutter stimmte zu, die Tochter zog aus, nun lebt sie mit Samir in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, in der Sonnenallee, ein paar hundert Meter von der Schule entfernt. "Zu Hause bei meinen Eltern und draußen gab es immer Stress", sagt sie. Jetzt ist Ruhe, wenigstens zu Hause, wenn schon nicht in der Schule.
Gewalt in der Schule ist nicht neu. Neu ist die Normalität der Gewalt, dieser Alltag, der an vielen Orten aus Hass und Aggressivität besteht.
Für das Schuljahr 2004/2005 hat die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport gerade einen Bericht über Gewalt an Schulen vorgelegt. Dort steht der Bezirk Neukölln mit 135 gemeldeten Gewaltvorfällen auf Platz zwei, hinter Mitte mit 205; Neukölln hatte damit mehr als viermal so viele Meldungen gemacht wie 2001. Allein 29-mal ging es jetzt um gefährliche, 54-mal um einfache Körperverletzung. Aber solche Statistiken sagen nicht unbedingt die
Wahrheit, sondern vor allem, wo Polizisten fleißiger waren oder eher träge - und wo Lehrer besonders viele Fälle melden.
Schon in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts klagten Lehrer über aggressive Schüler, und immer mal wieder kam es auch zu Exzessen. Im März 1967 überfiel der 15-jährige Axel B. im sauerländischen Neheim-Hüsten mit zwei Kumpeln seine Lehrerin, Tatmotiv: ein Blauer Brief. Die Schüler misshandelten die Studienrätin und warfen sie in die Badewanne. Und im Berliner Stadtteil Wedding erstach 1972 ein Schüler den Direktor der Otto-Bartning-Schule. Anlass: ein paar strenge Worte, ein Streit im Direktorzimmer.
Mitte der siebziger Jahre schlossen sich Banden zusammen. Rund 20 Jugendliche, die sich "Wild Pumas" nannten, terrorisierten eine Schule am Münchner Bayernplatz, bewaffnet waren sie mit Schnappmessern und Wasserhähnen. Die Gewaltausbrüche trafen auf überraschte Lehrer - im Juni 1967 beklagten sich Lehrer im badischen Radolfzell über "unvorstellbare Zustände" in ihrer Gewerbeschule, "unser Lehrpersonal wird mit den Rüpeln - es sind nur einige - einfach nicht mehr fertig", schrieb der Direktor. Und im Hamburger Stadtteil Neu-Rahlstedt protokollierten Lehrer: "Schüler wirft mutwillig Mitschüler über das Treppengeländer. Schüler drückt Mitschüler den Kopf unter Wasser. Schüler legt Mitschüler einen Gürtel um den Hals und zieht zu."
Trotzdem blieb die Gewalt an Schulen lange Zeit ein Tabuthema. Erst Ende der neunziger Jahre begann eine intensive Debatte über Jugendgewalt im Klassenzimmer, die durch spektakuläre Fälle immer weiter aufgeheizt und befeuert wurde.
Am 9. November 1999 erstach ein 15 Jahre alter Gymnasiast im sächsischen Meißen seine Lehrerin. Den Mitschülern hatte er die Tat vorher angekündigt. Am 16. März 2000 erschoss ein 16-Jähriger den 57-jährigen Leiter eines Realschulinternats. Tatmotiv: Schulverweis. Am 19. Februar 2002 tötete ein 22-Jähriger den Direktor einer Wirtschaftsschule im oberbayerischen Freising und dann sich selbst.
Und schließlich, es war der 26. April 2002, es geschah im Erfurter Gutenberg-Gymnasium, da erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und sich selbst. Tatmotiv: Schulverweis, Scham, Rache.
Natürlich, Extremfälle. Klar, Katastrophen, denn bei diesen Fällen ging schief, was nur schiefgehen konnte, aber unter Experten ist unstrittig, dass in vielen Schulen zu viele Schüler glauben, Probleme mit Gewalt lösen zu können.
Es ist die Eskalation der Gewalt, es sind die fehlenden Grenzen in den Köpfen der Schüler, die stets aufs Neue erschüttern. In Wolfen, Sachsen-Anhalt, traktiert ein 18jähriger ehemaliger Schüler einen Kameraden, über den er gehört hat, dass er ihn als "männliche Schlampe" bezeichnet haben soll. Die Prügelei endet in einem Exzess. Mit beiden Fäusten trifft der Randalierer seinen 16-jährigen Gegner so fest, dass sich die Halswirbelsäule verdreht und das Rückenmark gequetscht wird. Das Opfer stirbt.
Eine Jugend in deutschen Randbezirken ist darum vieles, aber sicherlich nicht mehr unbeschwert: Kinder und Jugendliche prügeln, erpressen, rauben und vergewaltigen. Und das heißt: Kinder und Jugendliche werden verprügelt, erpresst, beraubt und vergewaltigt. Denn junge Täter suchen sich fast immer junge Opfer.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik lässt befürchten, dass sich die Jugendkriminalität längst eingepegelt hat auf einem sozial unverträglichen Maß. Ein Vergleich des Jahres 1993, als die erste einheitliche Bundesstatistik erstellt wurde, mit dem Jahr 2004 zeigt: tatverdächtige Kinder plus 31 Prozent, tatverdächtige Jugendliche plus 43 Prozent.
Immer wieder fordern deshalb Politiker, der kriminelle Nachwuchs müsse früher und strenger bestraft werden. Anfang Februar plädierte der Bundesrat erneut für mehr Härte, damit junge Kräfte nicht sinnlos walten. Friedbert Pflüger will in Berlin straffällig gewordene Schüler künftig "notfalls abschieben"; natürlich, Wahlkampf, der Mann will Regierender Bürgermeister werden. Bildungssenator Klaus Böger verweigert die Schließung der Rütli-Schule
mit Vokabeln wie von der Front: "Wir werden an keinem Standort zurückweichen." Und das übliche Geschrei nach Schärfe, nach Waffenkontrollen, nach Strafen kommentierte der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck im NDR-Hörfunk; Struck sagte: "Solche Täter sind relativ immun gegen Strafen. Wir wissen, dass es nur hilft, wenn unerwünschtes Verhalten aus dem Mund von hochanerkannten Gleichaltrigen verpönt wird und wenn erwünschtes Verhalten von hochanerkannten Gleichaltrigen verstärkt wird."
Und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagte, die Geschichte von Neukölln werfe die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Hauptschule auf.
Aber diese Geschichte spielt nicht nur in Berlin, sie spielt genauso in Frankfurt oder im Münsterland, denn das Problem ist ein Problem der Bundesrepublik, da sind sich alle Fachleute einig. Rüdiger Niemann, Sozialarbeiter im Frankfurter Kinderbüro, sagt: "Da braut sich was zusammen." Die Aussichten am Arbeitsmarkt würden immer schlechter, die Aggressionen immer größer, die Jugendlichen fühlten sich abgehängt. Problemstadtteile wie der Frankfurter Ben-Gurion-Ring könnten "schon in fünf Jahren so aussehen wie heute die Vorstädte in Paris".
Komplexer Förderbedarf - das ist, was den Kampf gegen die Jugendgewalt so schwierig macht. Denn der Bedarf ist so komplex wie die Ursachen der Gewalt. In den vergangenen Jahren warnten Experten immer wieder vor Horrorfilmen und Ballerspielen. Robert Steinhäuser, Amokläufer von Erfurt, liebte "Counterstrike" - Zufall oder kausaler Zusammenhang? Die Forscher sind uneins, aber viele gehen davon aus, dass sich virtuelle Gewalt in realer Gewalt niederschlagen kann - wenn die Jugendlichen ohnehin zu Gewalt neigen.
Als wichtigste Risikofaktoren hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen einmal die folgenden drei genannt: "Erfahrung innerfamiliärer Gewalt, gravierende soziale Benachteiligung der Familie und schlechte Zukunftschancen der Jugendlichen selbst aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus". Das Risiko erhöhe sich drastisch, wenn mindestens zwei der Faktoren zusammenkämen.
Streitigkeiten zwischen ethnischen Gruppen sind besonders typisch; "intern hält man relativ gut zusammen, gegen Fremde lässt man die Muskeln spielen", sagt Institutsdirektor Christian Pfeiffer. Und dann spricht Pfeiffer über eine "Macho-Kultur", die besonders Migranten präge: Jugendliche seien umso gewalttätiger, je stärker sie sich einer "Kultur der männlichen Ehre" verpflichtet fühlten.
In Berlin sollen Schulen Gewaltvorfälle binnen 24 Stunden melden, und jedes Jahr veröffentlicht der Senat eine Statistik, die nach Bezirk und Herkunft unterscheidet. Dass es eine besonders gewalttätige Ethnie gebe, sei schlicht falsch, sagt die Berliner Referentin für Gewaltprävention, Bettina Schubert, "aber Migration ist wie eine Scheidung der Eltern ein Risikofaktor, weil die Kinder Brüche verarbeiten müssen".
In der Gewaltstatistik fielen in Berlin 0,1 Prozent der deutschen Kinder auf, bei den Migranten seien es 0,15 Prozent, so Bettina Schubert. Kinder der dritten Einwanderergeneration
würden eher kriminell als jene der ersten Gastarbeiter, sagt sie, "weil sie merken, dass ihre Eltern hier nichts zu sagen haben".
Eines der wesentlichen Merkmale komplizierter Konflikte ist, dass sich die Experten oft schon bei der Beschreibung nicht einig sind. "Die Gewaltbereitschaft unter Schülern hat enorm zugenommen. Es wird viel schneller und härter gedroht und zugeschlagen", sagt Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Joachim Kersten, Soziologe an der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen, allerdings sagt: "Die Schule war im 19. Jahrhundert ein Ort jugendlicher, vor allem männlicher Gewalt, sie war es im 20. Jahrhundert, und - o Wunder - sie ist es auch im 21. Jahrhundert."
Die Wahrheit ist: Die meisten Lehrer und die meisten Schüler fühlen, dass Gewalt an Schulen zunimmt, aber keiner hat Werte, keiner Zahlen, da es keine Langzeituntersuchungen gibt. Der Osnabrücker Kriminologe Hans-Dieter Schwind hat nach Durchsicht zahlreicher Untersuchungen über Gewalt an Schulen immerhin einige Trends herausgearbeitet: Die Zahl der Schüler, die Schwierigkeiten in der Schule haben, nimmt zu, und deren aggressives Verhalten mündet oft in Gewalt; Haupt- und Sonderschüler sind häufiger Täter als Schüler anderer Schulformen; Gewalttätigkeiten gehen meist von einem kleinen Kreis aus, der zum Teil von Cliquen außerhalb der Schule beeinflusst wird; zu körperlichen Misshandlungen kann es heute schon aus nichtigen Anlässen kommen, mitunter ereignen sich die Angriffe auch völlig grundlos; der harte Kern der Rauflustigen trinkt mehr, geht häufiger in Discos und sieht mehr Gewaltvideos als die Mitschüler.
So groß und dominierend der Einfluss der Gewalt von außen auf die Schule auch sein mag, gewalttätige Konflikte entstehen auch durch mangelhaftes Verhalten innerhalb der Schule. Die Jugendlichen sehen im Lehrer die Person, die sie mit Leistungsdruck belästigt, die das Tempo vorgibt, dem sie nicht folgen können - und die ihnen verdammt fremd ist. Am Freitag voriger Woche konnte auch an der Berliner Rütli-Schule keiner mehr erklären, warum es dort bisher nie einen türkisch- oder einen arabischstämmigen Lehrer gab.
In dieser Schule, in diesem Viertel, bei diesen Schülern.
"Weil sie uns hassen und verachten", diesen Grund vermutet ein Schüler aus dem Libanon.
Die Lehrer wiederum, frustriert über die nachlassende und in ganzen Stadtteilen kaum mehr wahrnehmbare erzieherische Kraft der Eltern, scheinen immer weniger bereit zu sein, mitmenschlichen Einsatz zu zeigen. Soll der Pädagoge in Hamburg-Mümmelmannsberg oder Berlin-Neukölln ausbaden, was die Integrationspolitik für Ausländer in Deutschland jahrelang versäumt hat? Und sowieso, wie soll er gegensteuern, wenn sich Jugendliche immer weiter abschotten? Aus Überforderung entstehe ein "Rückzugsverhalten der Lehrer", sagt der Kriminologe Schwind, und das steigere die "Erosion der Lehrerautorität" weiter und immer weiter.
Die Verwaltung von Berlins Bildungssenator Böger jedenfalls hat die Lage an den Hauptschulen und dann auch noch die Sprengkraft des Notrufs aus Neukölln schwer unterschätzt. Erst am Mittwoch, vier Wochen nach Eingang des Briefs bei der zuständigen Schulaufsicht, will der Senator persönlich über den Vorgang informiert worden sein - am Vorabend der ersten Veröffentlichung im "Tagesspiegel".
Und nun droht, am anderen Ende der Hauptstadt, dem Arbeiterbezirk Wedding, die nächste Katastrophe: Lehrer der Theodor-Plievier-Oberschule haben ein Schreiben entworfen, das sich noch drastischer liest als der Hilferuf der Neuköllner Pädagogen. An ihrer Schule, so der Entwurf der Kollegen aus Wedding, hätten sie einen faktischen Ausländeranteil von 92,6 Prozent - eine Zahl, die den "Integrationsbegriff" geradezu "ad absurdum" führen würde. In einigen Klassen seien "bis zu 50 Prozent der Schüler nicht beschulbar". Ein Großteil der Schüler habe "keinerlei Empfinden für allgemeine Werte, Normen und Grenzen"; und durch die Ballung dieser Problemfälle an der Brennpunktschule "entwickelt sich eine annäherungsweise anarchische Situation". Besonders die Quote polizeibekannter Kleinkrimineller sei "erschreckend hoch, gewaltbereite Intensivtäter mit erheblichem Einfluss" säßen "kurze Zeit nach ihrer Verurteilung" schon wieder im Unterricht.
Es geht so weiter: "Gewaltvorfälle verbaler wie physischer Art sowohl gegen Mitschüler als auch gegen Lehrkräfte" hätten "in besorgniserregendem Maße zugenommen" und "respektloses, ignorantes, teilweise menschenverachtendes oder demütigendes Schülerverhalten, gipfelnd in Beschimpfungen und Bedrohungen" gehörten "zum Alltag". Die Zuweisung "extrem verhaltensauffälliger" Schüler "scheint kein Ende zu nehmen", was den Sinn der Hauptschule in Frage stelle.
Vielleicht muss man das wirklich: die Hauptschule in Frage stellen. Wer auf Lehranstalten wie die Rütli-Hauptschule oder die Theodor-Plievier-Oberschule gehen muss, ist gleichsam vorbestraft. Es war ja eine der Diagnosen der Pisa-Studie, dass in keiner zweiten Industrienation Bildung so abhängig von Wohlstand und Status der Eltern sei wie in Deutschland. Das dreigliedrige Schulsystem gleicht kaum Unterschiede aus, fängt selten Schwächen ab, führt die Überrundeten nicht zurück in die Spitze. Die Unterschiede werden immer nur größer. Unten bleibt unten und kommt nicht mehr hoch.
Darum lehnen die Lehrer der Theodor-Plievier-Oberschule es inzwischen ab, "Hauptschulen wie unsere zu Aufbewahrungseinrichtungen für problematische jugendliche Randgruppen zu machen".
Und sie fordern eine Diskussion darüber, ob das dreigliedrige Schulsystem überhaupt noch sinnvoll ist; die Präsenz eines Polizisten, der Schülerkonflikte deeskaliert und Ansprechpartner für Lehrer ist; die zügige, konsequente Durchsetzung von Strafen bei Regelverstößen; Eltern für die Vernachlässigung ihrer Erziehungspflicht zur Verantwortung ziehen zu können; den Einsatz aller juristischen Möglichkeiten zum verschärften Umgang mit jugendlichen Gewaltstraftätern;
und die bessere Absicherung des Schulgebäudes, die schulfremde Personen fernhält.
Am vergangenen Freitag wurde sehr offensichtlich, was hinter den dramatischen Sätzen steckt: Gegen 12.05 Uhr, die Schulleiterin gab gerade ein Fernsehinterview, kam ihr Stellvertreter ins Büro gestürmt. Er habe gerade die Polizei rufen müssen, sagte er, vor dem Schulhof habe es eine Massenschlägerei gegeben.
Zwei Streifenwagen fuhren vor. Die Beamten nahmen den Vorfall auf. Und verschwanden wieder.
Es ist gar nicht die Gewalt, die die Lehrerin von der Rütli-Schule als so problematisch ansieht. Die direkte Gewalt, sagt sie und zuckt mit den Schultern, sei natürlich nicht schön, aber die gebe es an fast jeder Schule. "Da holt man die Polizei - und die Sache ist vorbei", sagt die Lehrerin, namenlos, wegen des Redeverbots.
Es ist der Zermürbungskrieg, der sie so fertigmacht und dem die Versetzungsanträge geschuldet sind, die auch sie gestellt hat. Nur weg von dieser Schule, das wollen die meisten Lehrer. Und weil man sie nicht lässt, werden sie eben krank. "Hier kämpfst du um deine Existenz", sagt die Lehrerin.
Denn dies ist der Schulalltag im "Rütli": Morgens wird der Ausfallplan verteilt. Sie muss rein in die Klasse. Und das Problem beginnt schon mit den Verwechslungen: Da sitzen alles Mustafas und Alis, und alle sprechen sie an mit Ey Alte - wenn sie höflich sind.
Es gibt keine positiven Helden in dieser Schule, sagt die Lehrerin. Die, die ihre ersten Raubüberfälle schon hinter sich haben, die, für die sich die Polizei interessiert - das sind die Helden. Und wenn die Bösen die Besten sind, fliegt halt auch wenig auf. "Die halten einfach zusammen", sagt die Lehrerin.
Die einzige hin und wieder wirksame Drohung ist die Drohung, den Vater anzurufen. Der Vater, das zieht, bei den Kurden-Kids, bei den Türken-Kids, bei den Libanesen-Kids. Neulich diskutierten sie über den hessischen Fragenkatalog für Einbürgerungswillige, auch über die Frage, ob es erlaubt sei zu schlagen bei der Erziehung. Klar Mann, das war das Echo am Rütli.
Aber oft zieht die Drohung mit dem Vater nicht. Wenn die Lehrer überhaupt noch zu Hause anrufen, weil das Kind nicht erschienen ist oder weil es Mist gebaut hat, dann ist meist eine Mutter am Telefon, die kein Wort Deutsch spricht. "Die kommen aus einem anderen Leben als unserem", sagt die Lehrerin, "an die kommen wir nicht ran - und die nicht an uns." Wenn die Lehrer den in Deutschland geborenen
Kindern erklären, dass es ohne Schulabschluss schwer werde, dann hören sie: Ey, Alte, ich werd eh Hartz IV.
Die deutschen Kids passen sich an - oder ziehen sich zurück. Sie sprechen die gleiche Sprache, Hast du Ball, eh? "Kanackensprache", so nennen das die Lehrer.
"Seit dem ,Knallhart'-Film", erzählt ein Neuköllner Café-Besitzer, würden die Jugendlichen im Kiez "regelrecht durchdrehen". Vor ein paar Tagen hätten sie sich an der Pannierstraße getroffen, bewaffnet mit Holzlatten, und "Bandenkrieg" gespielt - wie im Kino, nur mit echten Schlägen. Die Geschäftsleute hätten es inzwischen aufgegeben, ihre Autos hier zu parken - aus Angst vor eingeschlagenen Scheiben.
Das Wiederaufleben der Berliner Straßengangs und die Erinnerung an die Zeiten, in denen sich die Spandauer "Kurdish Boys" blutige Gefechte mit den "Black Panther" aus Wedding oder den Neuköllner "Arabic Boys" lieferten, zeigen das kulturelle Vakuum, das viele Jugendliche der zweiten und dritten Migrantengeneration mit kruden Lebensentwürfen zu füllen suchen: Auf der Suche nach Identität, irgendwo zwischen dem stockkonservativen, islamischen Elternhaus und der brutalen Fäkalsprache des Hauptschulhofs, entscheiden sich viele für den vermeintlich einfachsten Weg: das heroische Übertreiben der eigenen Unterbemitteltheit.
Darum stilisieren sie die eher biederen Kieze von Neukölln zum härtesten Ghetto der Stadt, des Landes, der Welt - und die Nacht im Polizeigewahrsam zur Heldentat. Heute tragen sie Namen wie "Ausländische Gangster Boys 44" - "A.G.B. 44".
Und längst haben sie ihre eigenen Gesten, Symbole und Rituale entwickelt. Auf der Rütli-Schule lernen bereits die Jüngsten, wie man das Zusammenzucken bei einer angedeuteten Kickbox-Attacke vermeidet. Wer Angst zeigt, hat verloren. Wer als Elfjähriger den Zug aus der angebotenen Zigarette ablehnt, ist freigegeben als Opfer künftiger Demütigung.
"Die wissen noch nicht mal, dass es in diesem Jahr eine Fußball-Weltmeisterschaft gibt", so beschreibt ein Aufpasser vor dem Pausenhof das Niveau der Rütli-Schule, und was er damit meint, ist ein paar Meter weiter zu beobachten: Ein Hauptschüler fragt einen Journalisten, was eigentlich los ist, bekommt von ihm eine aktuelle Tageszeitung, und als der Junge nicht gleich kapiert, was da steht, zerfetzt er wütend das Papier und rennt weg.
Für die Lehrer ist das alles ein Alptraum, schließlich ist ihr Kasten steingewordene Geschichte. 1909 wurde er als "Mädchen- und Jungenschule" eingeweiht, im Ersten Weltkrieg zur preußischen Kaserne umfunktioniert und in der Weimarer Republik wieder zur Lehranstalt, zu einer der besseren Berlins: Bis 1933 war hier die weltliche Gemeinschaftsschule untergebracht, ein pädagogisches Reformkonzept, das ohne starre Stundenpläne auskam. 1933 zerschlugen die Nazis das Modell; 1942 wurden sieben ehemalige Rütli-Schüler von der Gestapo festgenommen, ein Jahr später wurden sie hingerichtet - sie hatten eine Widerstandsgruppe aufgebaut.
Jahrelang waren die Lehrer hier sehr stolz auf die Vergangenheit ihrer Schule. Die, die hier unterrichteten, meinten es ernst. Es muss eine Menge schiefgelaufen sein in all den Jahren.
Heute wird die Schule morgens um acht, wenn eigentlich alle da zu sein haben, geschlossen. Die beiden Sicherheitsleute lassen die Zuspätkommer rein und führen sie in die Klassenzimmer. Die Schlüssel zum Klo werden ausgehändigt - einzeln abholen, Beleg abzeichnen im Sekretariat. Für Jugendliche, die Ärger machen, gibt es wie in jeder Schule einen Strafkatalog. Aber der setzt ein bizarres Karussell in Gang: Für die, die von der Schule fliegen, kommen die, die anderswo gefeuert wurden.
In der Hausordnung steht: "Nimm Rücksicht auf deine Mitschüler/innen. Behandele sie so, wie du behandelt werden willst - mit Respekt! Beleidige niemanden mit Ausdrücken ... Du darfst keine gefährlichen Dinge in die Schule ... mitbringen. Dazu gehören Messer, Waffen, Knallkörper, Tränengas ... Spucke nicht auf den Boden aus, das ist ekelerregend und passt nicht länger in unsere Zeit."
Aber wen interessiert die Hausordnung?
Es führen ein paar Stufen in den Raum, in dem Christopher sitzt und sagt, er sei jetzt schlauer als die Jungs da draußen. Er sieht rüber zur Schule, die gegenüberliegt. Er sitzt an einem runden Tisch in der"Manege", dem Jugendtreff. Christopher trägt eine Baseball-Mütze, seine Haut ist die eines Kindes, hell und weich. Christopher ist 16 und sagt, er wolle seine Vergangenheit hinter sich lassen.
Er wolle sich bessern, das sagt er. "Ich habe kapiert, dass das Leben scheiße war bisher." Er ist von der Hauptschule geflogen, weil er nie da gewesen ist und wieder und wieder die siebte Klasse nicht schaffte. Weil er Waffen besaß, Autos geknackt hat, Motorräder angezündet, all das, was die Jungs da drüben immer noch tun. Deswegen hat Christopher den Totschläger noch in der Tasche. "Wenn einer 'ne Waffe zieht, ziehe ich auch", sagt er. Sein Vater ist arbeitsloser Dachdecker und sitzt zu Hause in seinem Sessel und sieht fern.
Das ist der Alltag. Totschläger und Glotze. Gras, Speed, Ecstasy, Pilze, Heroin.
Christopher hat gedacht, er brauchte keinen Abschluss. Er könne doch Drogen verkaufen. Das würde sein Beruf werden.
Christopher ist vor ein paar Wochen zusammengeschlagen worden, sechs Mann, Türken und Araber, sechs Totschläger. Er schützte mit den Armen seinen Kopf. Sie schlugen so lange auf ihn ein, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Sie schlugen, um sich zu rächen, für irgendwas. Pure hate, sagt Christopher. Sie leben in Cliquen und bekämpfen sich.
Christopher gehört zu den Sprayern. Er sprüht auf U-Bahnen, Häuser, Autos. Er ist einer, der das gut kann, sprayen. Er sprüht "Toy", "Spielzeug", auf die Sachen der anderen, die er billig findet und lächerlich. "Toy" zu schreiben, das ist eine Kampfansage, das ist Phase eins.
"Paar Tage später kriege ich auf die Schnauze", sagt Christopher. Phase zwei.
Phase drei ist, wenn die, die auf die Schnauze gekriegt haben, ihre Freunde holen, um denen auf die Schnauze zu geben, die ihnen auf die Schnauze gegeben haben. Und irgendwann kommt die Massenschlägerei, Phase vier, fünf, sechs oder sieben, "eigentlich geht es nur um Respekt", sagt Christopher.
Christopher blickt noch mal raus, hinüber zur Schule. Da grölen Schüler aus dem Fenster, sie rufen den Reportern jenseits des Zauns "Ihr Schweine" zu. Warum? Ach, nur so. Andere tanzen, andere albern rum, sind laut und lachen. Sie sind gerade wer, für ein paar Tage, sie spüren RESPEKT, und das ist der absurde Effekt des Briefs von Frau Eggebrecht: Er lockte all die Journalisten und die Politiker her, so viel Respekt gab es nie für die Schüler vom Rütli, und darum lieben sie ihre Rolle, nie wurden sie so darin bestärkt wie durch diesen Brief und die Folgen.
Und was tut man dagegen?
Einige Lehrer versuchen, die Schüler, die sich nachmittags mit Gaspistolen und auch mit Messern bekämpfen, durch mehr Hausaufgaben und einen Verweis aus dem Klassenzimmer zu bestrafen. Christopher denkt, die Wiedereinführung der Prügelstrafe wäre effektiver.
"Alle finden ihr Leben scheiße hier, keiner hat Geld, keiner hat eine Chance", das sagt Christopher zum Schluss, "man hat überall Probleme", auf der Straße, in der Schule, zu Hause, und das bisschen Geld, das sie haben, geben sie für Drogen aus. Christopher sagt: "Dann ist alles leichter. Man sieht die Dinge, die sonst fehlen."
Alles ein Panoptikum? Ein außer Kontrolle geratener Stadtteil, doch ohne Aussagekraft für den Rest der Republik?
Vielleicht zieht man es anderswo ja auch nur vor zu schweigen, damit der gute Ruf nicht leidet. So jedenfalls handhabt das Problem die Charlottenburger Pommern-Hauptschule, in der es vorvergangene Woche zu einem Rausch der Gewalt kam.
Was geheim blieb. Weil es so schrecklich peinlich war.
Eine Gruppe von rund 15 vermutlich arabischstämmigen Jugendlichen drang in den Unterricht einer 10. Klasse ein und verhöhnte den Lehrer, der gerade "Arbeitslehre" unterrichtete. Die Jungs wollten, sagten sie, einen Schüler namens Paolo "entweder an Ort und Stelle im Klassenzimmer verprügeln oder ihn einfach mitnehmen", so beschreibt es ein Lehrer. Der Kollege, der während der Attacke in der Klasse war, versuchte Paolo, einem Schwarzafrikaner, zu helfen, indem er ihn in einer Art Besenkammer einsperrte.
Und darum griffen sich die Angreifer einen anderen farbigen Schüler aus der Klasse und schleiften ihn über den Fußboden aus dem Gebäude. Als einer aus der Gruppe mit dem Messer vor seinen Augen herumfuchtelte und ein anderer ihn mit dem Totschläger drangsalierte, hörten Schüler und Lehrer seine Hilfeschreie. Erst nachdem sie den Jungen eine Weile misshandelt hatten, ließen sie von ihm ab und verschwanden. Dann kam die Polizei.
Extreme, auch dies? Beim Wettbewerb um den Berliner "Präventionspreis" war die Pommern-Schule Sieger geworden. Noch vor fünf Monaten hatte ihr Direktor den 1. Preis aus der Hand des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit empfangen; die 5000 Euro sollten für Anti-gewaltprojekte ausgegeben werden.
"Die Zustände an der Neuköllner Rütli-Schule sind erschreckend, aber kein Einzelfall", das schrieb am Freitag eine weitere Gruppe Berliner Lehrer in einem Brief an den Schulsenat. Diese Pädagogen berichten, dass zwei ihrer Schulen bereits von bewaffneten Jugendbanden überfallen worden seien; organisiert, mit Messern und Totschlägern ausgerüstet waren die Kämpfer angerückt. Lehrer "werden bestohlen, beworfen, Steine fliegen durch die Fensterscheiben in Klassenräume und Lehrerzimmer. Einer Lehrerin wurde das Tafelwasser über dem Kopf ausgeschüttet. Andere Kollegen bekommen direkt oder indirekt Morddrohungen, Beleidigungen sind an der Tagesordnung. Auf Dauer kann niemand diesen Belastungen standhalten".
Der Staat könne seine Lehrer und auch die lernwilligen Schüler nicht schützen, indem er die problematischen Schüler und Schülerinnen aussortiert und in den Hauptschulen konzentriert. "Im Verbund sind bestimmte männliche Jugendliche verheerend", berichtet einer der Unterzeichner weiter, der aus Angst vor Repressionen durch die Schulbehörde natürlich ebenfalls ungenannt bleiben will, "es gibt unter den Clans der 15-, 16-, 17-Jährigen regelrechte Mafiastrukturen, die Gewalt ohne ein reflektiertes Ziel praktizieren."
"Die Ursache", das sagt dieser 43-jährige Lehrer, "ist letztlich eine Abkoppelung ihrer Eltern von unserer Gesellschaft."
KLAUS BRINKBÄUMER;
STEFAN BERG, DOMINIK CZIESCHE,
BARBARA HARDINGHAUS,
UDO LUDWIG, SVEN RÖBEL,
MARKUS VERBEET, PETER WENSIERSKI
* Aus der Reportage einer Berliner Fotografin.
* Im September 2001 mit Requisiten für eine Schüler-Theateraufführung.
Von Stefan Berg, Klaus Brinkbäumer, Dominik Cziesche, Barbara Hardinghaus, Udo Ludwig, Sven Röbel, Markus Verbeet und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 14/2006
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