03.04.2006

Damals, am Lagerfeuer

Ortstermin: Eine Kölner Ausstellung erinnert an die Zeit, in der Fußballer und Trainer aus Deutschland Exportschlager waren.
Wie ernst die Lage ist, kann man an Klinsmanns Gesicht sehen: wie jung, wie spitzbübisch, wie leidenschaftlich und vergnügt es aussieht, dieses Gesicht Jürgen Klinsmanns auf den Videos aus seiner Zeit bei Tottenham. Und wie nervös, wie verspannt, wie alt und ernst dieses Gesicht wurde, seit Klinsmann Bundestrainer ist.
Früher, das zeigt die Ausstellung "Global Players" im Deutschen Sport & Olympia Museum in Köln, gierte die Welt nach alemannischen Trainern. Klaus Schlappner strich seinen chinesischen Spielern Gewürze und alles Deftig-Fette vom Speiseplan, führte Tee und trockenen Kuchen ein, "damit se überhaupt ma wisse, was Sache is", so Schlappner.
Jupp Derwall verschaffte Galatasaray Istanbul einen Rasenplatz, und heute preist der Vereinspräsident Derwall als "Fundament-Anfertiger unseres Teams". Und "Riegel-Rudi" Gutendorf trainierte 55 Mannschaften in 29 Ländern.
Gutendorf, in der Bundesliga einst nicht besonders erfolgreich, doch noch der weltkundigste deutsche Trainer, ist in die Ausstellung am Kölner Rheinauhafen gekommen, weil ihm einer der 20 hölzernen Seecontainer gewidmet ist, die mit Trikots und Briefen und Trophäen und Bällen und Schuhen und Videoinstallationen ziemlich liebevoll hergerichtet und darum der Kern der Ausstellung sind.
Das Sport & Olympia Museum liegt neben der Severinsbrücke im Kölner Rheinauhafen; der sandfarbene Kasten mit vergitterten Fenstern und Basketball- und Fußballfeld auf dem Dach ist eine ehemalige Zoll- und Lagerhalle.
Gutendorf ist in Hemd und Pulli aufgelaufen, die weißen Haare in die Stirn gekämmt. Ein Film wird gezeigt, "Der Ball rollt für Ruanda", der ganze Film ein Denkmal für Gutendorf.
Die Geschichte deutscher Fußballer im Ausland beginnt mit Walther Bensemann, der 1898 die "englische Krankheit" namens Fußball in Deutschland so weit etabliert hatte, dass eine Auswahl zu Wettspielen nach Frankreich fahren konnte.
Es gibt Erstaunliches in dieser Geschichte wie die Camillo Ugis, Vorbild Sepp Herbergers, der 1905 nach Brasilien ging und für den SC Germania São Paulo spielte, ehe ihn das Heimweh wieder aufs Schiff trieb.
Und Trauriges gibt es wie das Schicksal Oskar Rohrs, der 1933 von Bayern München zu Grashoppers Zürich und später zu Racing Strasbourg wechselte - Deutschlands erster Profi.
117 Tore schoss Rohr in 150 Spielen, aber in der Heimat war er geächtet, weil die Nazis den "Professionalismus" zur "jüdischen Krankheit" erklärten. Zwei Jahre nach dem Einmarsch in Frankreich wurde Oskar Rohr verhaftet, aber er überlebte zuerst das KZ und später die Ostfront - Jahrzehnte danach trainierte sein Großneffe Gernot bei Girondins Bordeaux ein Talent namens Zinedine Zidane.
Deutsche spielten in Italien, Spanien und überall, und deutsche Trainer waren Marke und Mode.
Winfried Schäfer erlebte, wie in Mali sein kamerunischer Torwarttrainer verhaftet und verprügelt wurde, weil er den Platz verhext hatte; Sepp Piontek stand in Grönland allein im Mittelkreis, da seine Jungs davongerannt waren, um einen Wal zu fangen. Und Rudi Gutendorf wurde nach dem Völkermord Nationaltrainer Ruandas. Und er sagt, er habe Hutus und Tutsi abends ums Lagerfeuer gesetzt, beide Gruppen gleich stark, und dann habe er sie gezwungen, sich zu umarmen. 40 000 Überlebende sahen dann zu, als ein Hutu flankte und ein Tutsi das 2:1 gegen die Elfenbeinküste köpfte - "das war der größte Erfolg meines Lebens", sagt Gutendorf.
Damals waren die Deutschen Weltmeister oder Vizeweltmeister oder wenigstens Europameister. Ihre Spieler waren begehrt, sogar Andreas Möller, der "Mailand oder Madrid - Hauptsache, Italien" anstrebte. Damals lehrten die Deutschen den Rest der Welt alles, was kompliziert war am Fußball, das war im Wesentlichen Disziplin. Deutschland war auch Trainerexportweltmeister.
Die Trainer der Welt haben die Taktik schneller begriffen, als den Deutschen lieb sein konnte, so schnell, dass die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die einst Trainer als Entwicklungshelfer nach Afrika schickte, dieses Projekt weitgehend eingestellt hat.
Heute spielt der Torwart Jens Lehmann für Arsenal London, heute gibt es die Trainer Otto Rehhagel in Griechenland, Christoph Daum in Istanbul, Otto Pfister in Togo, und in Albanien werden Jungen und Mädchen auf den Namen Briegel getauft. Ansonsten sind da nicht mehr so viele.
Denn heute gelten deutsche Trainer weltweit als rückständig. Der Trainer muss schlau sein und schnell, ein Manager, ein Redner, ein Analytiker. Ein Wenger (Arsenal London), Lippi (Nationaltrainer Italiens), Mourinho (Chelsea). Ein Klinsmann? Heute, das sagt Rudi Gutendorf, 79, haben wir nicht mal mehr einen richtigen Bundestrainer.
"Wenn einer nicht ein, zwei Bundesliga-Clubs trainiert hat, wenn er nie durch die Hölle gegangen ist, macht er diese furchtbaren Fehler", das sagt Gutendorf, und dann sagt er: "Was beim Spiel in Italien passierte, als Klinsmann diese beiden Vorstopper, die zusammen vier Meter groß sind, allein ließ, weil alle anderen stürmen sollten, war fahrlässig und fast kriminell. Herberger hat gesagt, Taktik sei die Lehre der Aushilfe, des Ausgleichens von Schwächen, aber wenn du deine Schwächen nicht mal siehst, kriegst du eben mit 4:1 den Laden voll."
Früher war alles besser, das ist einer der dümmsten Sätze alter Männer. Ernst ist die Lage, wenn man ihnen nicht widersprechen kann. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 14/2006
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