03.04.2006

MOLDAUDie Lebenden und die Toten

Wer im ärmsten Land Europas geboren ist, sieht oft nur einen einzigen Ausweg für sich: Er flüchtet in den Westen. Bei der Ausreise hilft sogar der eigene Staat, die nötigen Papiere werden von Beamten gefälscht - zum Beispiel, wenn man als jüdischer Auswanderer nach Deutschland will.
Warum die steile Gasse am jüdischen Friedhof von Chisinau den Namen der italienischen Metropole Mailand trägt, weiß niemand in der Stadt zu sagen, die Gegend hat nichts von Charme oder Weltläufigkeit. Menschenleer ist sie und trostlos, so bedrückend wie das Wetter: Es ist neblig und kalt, aus dem niedrigen grauen Himmel fällt der letzte, nasse Schnee. Er setzt sich kurz auf den kahlen Ahorn- und Ulmenzweigen fest, bevor er schmatzend zu Boden geht.
Hinter einer langen Feldsteinmauer liegen die Juden von Chisinau. Die Rapoports und Schneidemanns, die Goldsteins und Kogans, die Galperins und Katzens; Advokaten und Kupferschmiede, Apotheker und Kaufhausinhaber, Provisoren und Revisoren - die einstige Elite der Stadt, als Chisinau noch Kischinjow hieß und zur Hälfte jüdisch war.
Die Steine über den 20 000 erhaltenen Gräbern sind mürbe und wie von Gram geneigt. Wer von den Hinterbliebenen Marmor- oder Granitdenkmäler setzen ließ, hat die wertvollen Stücke hinter Wellblechverschlägen mit Vorhängeschloss versteckt. Die bronzenen Einzäunungen, sagt Vasile, der Friedhofswärter, seien bereits Buntmetalldieben zum Opfer gefallen, "die Leute haben sie durch gewöhnliches Eisen ersetzt".
150 Jahre ist der Gottesacker alt. Ein steingewordenes Buch, das die Geschichte Kischinjows erzählt, der einstigen Hauptstadt des russischen Gouvernements Bessarabien, Zufluchtsort von 250 000 Juden, die der Zar hier siedeln ließ - sichere 1400 Kilometer vom Regierungssitz St. Petersburg entfernt. Es ist die Geschichte vom sozialen Aufstieg in vorrevolutionärer Zeit, vom blutigen Osterpogrom 1903, dem Wüten deutscher wie rumänischer Besatzer 40 Jahre später und von jüdischen Familienschicksalen in der sowjetischen Nachkriegsära.
Hinter manchem Stein aber verbirgt sich noch mehr: ein Geheimnis aus jüngerer Zeit. Zum Beispiel hinter dem von Sofia Schmuilowitsch.
Die schlichte Stele aus Marmorsplittern in Sektor 3 umgibt ein silbern angepinselter Metallzaun. Die Pforte steht offen; ein paar sorgsam abgelegte Steinchen neben Kunstblumen verraten, dass ab und an noch jemand nach der Verstorbenen sieht. "Liebe Tochter", steht auf der eingelassenen
Tafel, "dein lichtes Andenken wird auf ewig in unseren Herzen bleiben. Von Mama, Papa, Großmutter, den Großvätern und der Tante." Ein kleines Bild auf Emaille zeigt ein hübsches Mädchengesicht mit langem, dunklem Haar - Sofia Schmuilowitsch hat vom 3. September 1952 bis zum 18. März 1970 gelebt, sie wurde keine 18 Jahre alt.
Igor Wladimirowitsch Rabinowitsch, geboren am 3. November 1960, war nicht einmal sieben, als er am 2. Februar 1967 starb: laut Foto ein Junge mit dichtem schwarzem Haar und kräftig abstehenden Ohren. Sein Stein steht ein paar hundert Meter weiter den Hügel hinauf. "Schlaf ruhig, du unser geliebtes Söhnchen" haben die Eltern in die Tafel meißeln lassen.
Das Eigenartige an diesen beiden Gräbern: Weder Sofia Schmuilowitsch noch Igor Rabinowitsch sind wirklich tot. Frau Schmuilowitsch, auf Moldauisch Smuilovici und nunmehr 53 Jahre alt, lebt seit 2002 in Süddeutschland. Und der damals sechsjährige Igor ist heute ein ausgewachsener Mann, auch er wohnt seit September vergangenen Jahres in Deutschland, im Ruhrgebiet*.
Derart rätselhafte Grabsteine findet man auch auf Chisinaus Zentralfriedhof zum "Heiligen Lasar" oberhalb der Stadt, wo in gesonderten Abteilungen weitere 10 000 jüdische Ruhestätten angelegt worden sind. In Sektor 108 zum Beispiel steht ein wuchtiger Stein aus rotem Granit, mit einem stilisierten Torso. Er ist Arkadij Fjodorowitsch Convisser gewidmet, der von November 1970 bis Oktober 1988 lebte. "Dem teuren Sohn, Enkel und Bruder" steht auf dem Grabmal und: "Im Gedenken an den Großvater, der 1937 erschossen wurde".
Wesentlich schlichter ist das zementgraue Denkmal für Aljoscha Aranov in Sektor 129. Aljoscha war zwischen dem 25. Juli 1975 und dem 26. Juli 1984 auf dieser Welt, genau neun Jahre wurde er alt. "Tragisch ums Leben gekommen" vermeldet ohne weitere Erklärung der Stein.
Auch diese beiden aus Chisinau sind offenbar nicht tot. Convisser verzog ins deutsche Saarbrücken, Aranov lebt heute in Hessen.
Aber Aranov ist nicht Aranov, Convisser nicht Convisser, Smuilovici nicht Smuilovici, und die Geschichte, die sich hinter Namen wie diesen verbirgt, ist vielschichtiger, als sich vermuten lässt. Es ist die Geschichte von deutscher Reue und krimineller Perfektion und vom Versagen eines Staats, der ungeniert am Elend seiner Untertanen verdient.
Das Ländchen Moldau, eingeklemmt zwischen Rumänien und der Ukraine und knapp so groß wie Nordrhein-Westfalen, hatte bislang 4,2 Millionen Einwohner; es wird vom Kommunisten Wladimir Woronin regiert. Der zweitkleinsten Sowjet-
republik bekam die Unabhängigkeit besonders schlecht: Der Durchschnittslohn beträgt magere 86 Euro. Moldau lebt heute allein von seinem Kognak, von Tabak und Wein, von Autoschmuggel und Mädchenhandel und von den Überweisungen seiner im Ausland wohnenden Staatsbürger. Es gibt mehr Schalterstuben der amerikanischen Geldtransfergesellschaft Western Union als Lebensmittelgeschäfte auf Chisinaus Hauptstraße Stefan cel Mare.
Denn mindestens jeder zehnte arbeitsfähige Moldauer malocht derzeit schwarz in Russland, Italien oder Deutschland und schickt den Verdienst an die Familie daheim. Offiziell macht das über eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr, knapp ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts; inoffiziell ist es weit mehr. Experten sehen Moldau deswegen in einer Reihe mit Ländern wie Tonga, Lesotho oder Haiti.
Wer vorübergehend einen Job auf dem westlichen Arbeitsmarkt sucht, reist meist mit einem Touristenvisum ein - und bleibt nach Ablauf der Gültigkeit illegal im Land, bis er genügend Geld angehäuft hat. Was aber tun, wenn man der ungeliebten Heimat für immer den Rücken kehren will?
Da bietet sich jene Sonderregelung an, die Deutschland 1991 für die sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlinge schuf. Um den Opfern von Diskriminierung im Sowjetreich zu helfen, ein wenig eigene historische Schuld abzutragen und die jüdischen Gemeinden wiederzubeleben, stieß die Kohl-Regierung damals weit das Tor nach Deutschland auf: Wer belegen konnte, dass er wenigstens von einem jüdischen Elternteil abstammte, durfte fortan ungehindert in den gelobten Westen reisen.
Ein Asylverfahren erübrigte sich, rechtlich werden die Antragsteller Flüchtlingen gleichgestellt. Der Vorteil: eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und besonderer Ausweisungsschutz. Rund 230 000 Menschen aus den Nachfolgestaaten der UdSSR nutzten die Möglichkeit bisher, auch viele moldauische Juden.
Den Wunsch, das Leben im tristen Chisinau mit einem im funkelnden München zu tauschen, verspüren aber auch ethnische Moldauer oder Russen. Ihnen
allerdings bleibt der dauerhafte Zugang zum Westen offiziell versperrt.
An dieser Stelle beginnt die Geschichte von Hauptmann M.
Hauptmann M., Hauptinspektor bei der Chisinauer Kriminalpolizei, hatte eine glänzende Idee. Er wollte - gegen eine gewisse Gebühr - auch jenen Landsleuten helfen, denen die Ausreise nicht möglich ist. Einzige Bedingung: Sie mussten ihre Identität wechseln.
Selbst in einem Land wie Moldau ist das kein Kinderspiel.
Die Aktion begann mit einer lakonisch formulierten Annonce in einem Chisinauer Anzeigenblatt. Sie lautete: "Ständiger Wohnort in Deutschland", daneben war die Handynummer eines Vertrauten notiert, der M. fortan als Kontaktmann zur Außenwelt dienen sollte.
Der Lockruf erscheint ein einziges Mal, dann pflanzt er sich per Buschfunk fort.
Auch die Russin Tatjana Jewgenjewna Medwedewa hört ihn. Die Buchhalterin, geboren am 19. Oktober 1951 im Gebiet Twer nahe Moskau, lebt in einem fünfstöckigen Plattenbau in Balti, einer besonders trostlosen Kleinstadt 120 Kilometer nordwestlich von Chisinau.
Frau Medwedewa hat bereits einiges getan, um ihrem Wunschziel näher zu kommen. Sie hat einen Juden geheiratet, gemeinsam mit ihm den Antrag zur Übersiedlung nach Deutschland eingereicht und als mitreisende Ehegattin sogar schon eine Aufnahmezusage aus dem Bundesland Baden-Württemberg in der Hand. Da stirbt ihr Mann - tief enttäuscht packt Tatjana Jewgenjewna die Koffer wieder aus.
Es bleibt nur Hauptmann M. - und der Ausweg, sich selbst in eine Jüdin zu verwandeln.
M. hat dafür eine ausgefeilte Methodik entwickelt: Es gilt, für seine Kunden passende Moldauer jüdischer Herkunft zu finden - solche, die selbst nicht mehr ausreisen können, den Betreffenden aber ihre Identität zur Verfügung stellen. Tote Juden also, gestorben möglichst in jugendlichem Alter. Menschen, die während ihrer kurzen Lebenszeit in den Akten von Polizei- oder Meldebehörden kaum Spuren hinterlassen haben und deren Eltern inzwischen selbst verstorben oder ganz legal ausgewandert sind.
So etwas arrangieren kann nur, wer im Innern des Polizeiapparats zu Hause ist. Jemand, der Offizierskollegen im Innenministerium kennt, wo die Pässe ausgestellt werden, und Freunde hat im "Archiv für Bürgerakten", das zum Justizministerium gehört - jenem Ort, wo die Geburts- und Sterbeakten lagern. Leute, die für einen gewissen Obolus Lebensspuren verwischen und neue herstellen können. Auch die dazu nötigen Papiere - und zwar so, dass alles legal aussieht.
Denn die Deutsche Botschaft verlangt von jedem Antragsteller eine Geburtsurkunde, die aus der Sowjetzeit vor 1991 stammt, und einen ordentlichen Pass - Dokumente, in denen die jüdische Herkunft eingetragen ist. Sie vergleicht darüber hinaus die Geburtsdaten in den moldauischen Archiven. Aber es gibt eine Lücke in der Kette deutscher Gründlichkeit, eine entscheidende, die findigen Moldauer haben sie natürlich erkannt: Die Botschaftsleute haben keinen Zugang zu den Sterberegistern, die in Chisinau getrennt von den Geburtsunterlagen aufbewahrt sind.
Genau dort setzt Hauptmann M. an, auch im Fall Medwedewa. Er muss eine Kandidatin finden, die maximal zwei Jahre jünger oder älter als die Klientin war. M.s Konfidenten haben bald schon Passendes erspäht: In den Registern stoßen sie auf die Jüdin Sofia Smuilovici, die im März 1970 verstorben ist. Sie kam im September
1952 zur Welt - wäre also heute etwa so alt wie die Möchtegern-Jüdin Medwedewa.
Tatjana Medwedewa wird sich in Sofia Smuilovici verwandeln.
Dazu ist, zuallererst, eine wasserdichte Geburtsurkunde vonnöten. M. bittet unter einem Vorwand im Archiv für Bürgerakten um eine Geburtsbestätigung für das jüdische Mädchen Sofia Smuilovici. Die Gesuchte steht tatsächlich in den Büchern, die Spur ist verlässlich. Nun kann eine Urkunde gefertigt werden, die aussieht, als stammte sie aus früherer Zeit. Die 1991 noch vorhandenen Blankoformulare alten Typs sind vorsorglich nie vernichtet worden; sie werden innerhalb der Innenbehörde für 1000 Dollar pro Stück verkauft; Ausfüllen und Stempeln sind Formsache.
Was nun vor allem fehlt, ist ein "echter" Pass. Medwedewa alias Smuilovici eilt auftragsgemäß aufs Passamt, um dort den angeblichen Verlust ihres ebenfalls noch aus Sowjetzeiten stammenden Personaldokuments zu melden. Sie füllt eine Erklärung mit Angaben zur Familie Smuilovici aus und reicht zwei alte Fotos ein.
Es ist der entscheidende Moment: Der Beamte wird eine Personenstandskarte mit Passfoto ziehen, deren Daten mit den Angaben der Bittstellerin identisch sein müssen. Eine alte, originale gibt es in der Regel nicht, weil der Verstorbene meist noch nicht Besitzer eines Personalausweises war. Hauptmann M. aber hat über Vertraute bereits vorgesorgt: Karteikarte plus Foto sind ausgefertigt, beides steckt dort, wo es hingehört. Wunschgemäß erhält Medwedewa ein Duplikat ihres Passes: Er trägt die Nummer XXI-BM 506240. Es ist ein altes sowjetisches Modell, und in der Spalte "Nationalität" steht "evreicá", Jüdin: Aus der Russin Tatjana Medwedewa ist Sofia Smuilovici geworden.
Um sicherzugehen und in der Deutschen Botschaft nicht wiedererkannt zu werden, hat Medwedewa sich auch ein neues Outfit verschafft: Die ehemals hochgesteckten schwarzen Haare sind jetzt halblang und blond, und eine Brille ziert das Gesicht. Die Beamten haben nichts zu beanstanden, sie winken den Vorgang durch - bald darauf ist Tatjana Medwedewa endlich in Deutschland, an ihrem Ziel.
Hauptmann M. und sein Fälschungsteam kassieren eine fünfstellige Summe für den Service, bis zu 20 000 Euro - für moldauische Verhältnisse ein Riesenvermögen. Man bekommt es zusammen, wenn man die aufzugebende Wohnung verkauft. In Chisinau bringt das um die 30 000 Dollar.
So wie im Fall Medwedewa läuft es auch bei Convisser, der in Wirklichkeit Jewgenij Golowna heißt, bei Aranov, hinter dem sich Dmitrij Prochodzew aus dem moldauischen Tiraspol verbirgt, oder bei Elizaveta Rozenberg, die sich einst Vesta Fomiciova nannte und nun in Süddeutschland wohnt.
Prochodzew alias Aranov nahm, um den Sprung nach Deutschland zu schaffen, ganz besondere Mühen auf sich. Erst ließ er sich von seiner Frau Maria scheiden, dann reichte er das Ausreisegesuch als Alexei Aranov ein - und heiratete später Maria erneut, um sie als mitreisende Ehefrau ebenfalls aus dem Land zu bekommen. In Deutschland fühlen sich beide so sicher, dass auf ihrem Klingelschild neben dem neuen auch der alte, eigentlich abgelegte Name steht: Prochodzew.
Die Methode, aus Moldauern oder Russen Juden zu machen, ist perfekt. Fast perfekt. Es habe "kritische Situationen" gegeben, sagt M.s Mittelsmann: Eine Frau, die noch kurz vor der Ausreise unter ihrem neuen Namen zum Haarelegen in Chisinau ging, erwischte ausgerechnet eine Friseuse, die mit der namensspendenden jüdischen Familie befreundet gewesen war. Eine andere
traf fast der Schlag, als sie ihren neuen Pass abholte: Die Beamtin, die ihn ihr aushändigte, in den Deal aber nicht eingeweiht war, stellte sich als weitläufige Bekannte heraus. Klar, dass die sich über den neuen Namen wundern musste - anmerken aber ließ sie sich nichts.
Die Gefahr, dass die frischgebackenen Juden daheim noch enttarnt werden könnten, ist nicht sonderlich groß. In der Wohnung von Fjodor und Zilja Convisser zum Beispiel, Bulvar Dacia Nummer 22 in Chisinau, lebt inzwischen eine alte Dame. Öffnen will die ängstliche Moldauerin nicht, aber dass die alten Convissers vor sechs, sieben Jahren nach Israel ausgewandert sind, bestätigt sie mit kräftiger Stimme durch die verschlossene Tür. Ja, Arkadij, ihren Sohn, hätten sie auf dem Friedhof der Stadt zurücklassen müssen, ruft die Alte: Er sei 1988 nach einer schweren Beinoperation verstorben.
Dass gefälscht wird bis in die oberen Etagen der Macht, gehört in Chisinau zum Allgemeinwissen. Aber das Thema ist tabu, die Presse schweigt, es sind hochrangige Namen im Spiel. Die Blankopässe zum Beispiel hat bislang ein Oberst, stellvertretender Abteilungsleiter im Innenministerium, verkauft. Und der Chef des inzwischen für Passfragen zuständigen "Ministeriums für Informationsentwicklung", ein General, ist Parteigänger des kommunistischen Präsidenten Woronin. Woronin war zu Sowjetzeiten Innenminister und damit Befehlshaber der Polizei. Im überschaubaren Moldau halten Seilschaften oft auf Lebenszeit.
Ist es moralisch verwerflich, Papiere zu fälschen und sich als Jude auszugeben, um sich materielle Vorteile in einem fremden Land zu erschleichen - Sozialhilfe, Mietunterstützung, Kindergeld?
Ilja Schaz zögert lange mit der Antwort. "Golj na wydumki chitra", sagt er dann auf Russisch, Not mache erfinderisch: "Ein Land, das ums Überleben kämpft, muss nach Auswegen suchen." Schaz ist Direktor des Jüdischen Zentrums "Kedem" in Chisinau, das amerikanische Sponsoren gerade für mehrere Millionen Dollar auf den Resten der alten Synagoge errichtet haben, mit allem Drum und Dran: Theatersaal, Ballettschule und Computerklasse. Das soll helfen, dass die Juden, die nach dem Exodus der vergangenen Jahre noch im Land sind, auch im Land bleiben. 30 000 sind es vielleicht, Menschen, die ihrer Heimat irgendwie noch verbunden sind und mit Erstaunen sehen, wie plötzlich auch ihr Nachbar Jude wird - nur um der heimischen Wirklichkeit zu entfliehen.
Schaz, ein feinfühliger Mann mit Schnauzer und Intellektuellenbrille, arbeitet hauptberuflich als Theaterregisseur, er weiß, dass die Welt eine einzige Bühne und der Mensch ein Verwandlungskünstler ist. Er könne diese "Konvertiten" nicht verteufeln, sagt er. Die Masse der Moldauer sei arm, die Machthaber aber würden nur in die eigene Tasche wirtschaften: "Der Staat hält seine Verpflichtungen gegenüber den Bürgern nicht ein. Warum also sollen sie sich an die Gesetze des Staates halten?"
Pervers nur, dass der auch noch die Flüchtenden abzuzocken versteht.
Bis zu 40 Prozent der jüdischen Aussiedler erschleichen sich ihre Visa, schätzen Experten. Wolfgang Lerke aber, der deutsche Botschafter in Chisinau, ist sich keiner Nachlässigkeit bewusst. Just an diesem Tag steht er 40 Jahre in Diensten des Auswärtigen Amts. Er kennt die Tücken des Geschäfts, aber auch die Nöte des Gastlandes. In seinem Büro kann man Fotos von Jürgen Klinsmann bewundern, der sammelt seit Jahren Geld für unterernährte Kinder im Chisinauer Krankenhaus.
"Wir sind eine kleine Botschaft", sagt Lerke, bei der Dokumentenprüfung seien seine Beamten "schon ganz gut"; man gehe "ab und an" dafür auch schon mal auf einen Friedhof. Die Regierung in Berlin habe zudem die ohnehin ungeliebte jüdische Flüchtlingsregelung gerade zu verschärfen versucht.
Es wird nicht viel helfen. Selbst Hauptmann M., der gewiefte Passfälscher, ist bereits in Deutschland.
Seinen Job haben andere übernommen. Es gibt noch viele verwaiste Steine auf dem jüdischen Friedhof von Chisinau.
CHRISTIAN NEEF
* Die genaue Anschrift aller genannten Personen ist der Redaktion bekannt.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 14/2006
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MOLDAU:
Die Lebenden und die Toten

  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
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  • Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
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