15.04.2006

VERBRECHENDie Spur der Ceska

In einer beispiellosen Mordserie wurden neun eingewanderte Kleinunternehmer mit derselben Pistole getötet. Doch Landsleute und Familien schweigen - wohl aus Angst vor den Killern.
Alles ist wie jeden Tag im Demokratischen Kulturverein im Kasseler Norden. Nichts deutet darauf hin, dass vor wenigen Tagen nur drei Häuser entfernt im türkischen Internet-Café ein Mann ermordet wurde. Ein älterer Türke blättert in einer Zeitung. Über die Schüsse von nebenan will er keinesfalls reden. Doch in einem ist sich der Gast sicher: "Eure Polizei wird den Fall nicht lösen."
Der "Fall" - das ist die unheimlichste Mordserie Europas. Und danach, dass deutsche Ermittler diesen Fall bald aufklären werden, sieht es tatsächlich nicht aus: Seit mehr als fünf Jahren ziehen mysteriöse Killer eine blutige Spur durch Deutschland. Neun Männer, meist Inhaber kleiner Läden, wurden regelrecht hingerichtet - nach gleichem Muster, in Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel: immer durch Schüsse in den Kopf, am helllichten Tag, an belebten Straßen. Acht Deutschtürken waren es und ein Grieche. Erschossen mit einer Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter.
Monate oder Jahre lagen manchmal zwischen den Morden, doch vergangene Woche erhöhten die Täter plötzlich die Schlagzahl: Am Dienstag töteten sie einen Kioskbetreiber in Dortmund - und schon am Donnerstag darauf den jungen Inhaber des Internet-Cafés in Kassel. Die Nürnberger "Soko Bosporus" ermittelt auf Hochtouren und kommt doch nicht voran.
Dabei ging der Killer bei seinem letzten Attentat in Kassel ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internet-Café an der Holländischen Straße, obwohl mindestens drei Gäste dort im Web surften und eine Polizeiwache nur rund hundert Meter entfernt liegt. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide trafen ihn in den Kopf. Einer der Gäste will nur einen dumpfen Knall gehört haben, doch habe er sich gar nichts dabei gedacht.
Das Geld für das eigene Café hatte sich Halit vor kurzem von seinem Vater geliehen. Wie die anderen acht Männer vor ihm wurde er nicht ausgeraubt. "Was sollte man da auch holen", sagt ein Freund, "der Halit hatte doch nicht viel."
Fleißig, unauffällig, gut integriert - so waren fast alle Opfer der Mordserie, die im September 2000 in Nürnberg begann.
Enver S., Blumenhändler aus dem hessischen Schlüchtern, war der Erste. Er stand mit seinem Blumen-Mobil am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S., 38, vertrat einen Kollegen, der an dem Tag Urlaub wollte. Am Nachmittag fand man S. im Wagen, von Kugeln durchsiebt.
Neun Monate vergingen, bis es Abdurrahim Ö. traf. Der 49-Jährige war geschieden, lebte in Nürnberg-Steinbühl in einer alten Ladenwohnung. Er war Schneider,
seit langem in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag der Schneider tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln aus der Ceska im Kopf.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 28. Juni, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihn mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen. Spätestens jetzt war den Ermittlern klar: Die Morde haben System, die Waffe ist das verbindende Element. Nur: Wo ist ein Motiv, das zum Killer führen könnte?
Ende August waren die Mörder zurück in Bayern: Am 29. August starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländischen Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen.
Danach war erst mal Ruhe. Zweieinhalb Jahre gab es keine Spur mehr von der Ceska und auch keinen solchen Mord in Deutschland. Doch am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Denn er war erst seit ein paar Tagen in Rostock, der Besitzer des Dönerstandes soll ihn an diesem Morgen zum Aufsperren vorausgeschickt haben, er selbst habe noch Gemüse kaufen wollen.
Es verging mehr als ein Jahr - doch dann gab es eine neue Spur: Am 7. Juni 2005 rollte ein schwarzer Van langsam auf einen fast verlassenen Parkplatz in Nürnberg, zwischen dem Wöhrder See und einer Hochhaussiedlung. Zwei Tage stand das Auto dann dort, man sah es aus den Fenstern der Mietwohnungen. Aber niemand merkte sich Kennzeichen oder Marke.
Erst Donnerstagvormittag erschienen zwei junge Männer auf Fahrrädern, sie luden die Räder und dunkle Rucksäcke in den Transporter, stiegen ein, das Auto verschwand. Alles ging ziemlich schnell und hinterließ bei den Nachbarn ein merkwürdiges Gefühl - denn es war noch keine Saison für Ausflügler und der See zum Schwimmen viel zu kalt.
Doch die beiden Männer wollten nicht ins Grüne, sie hatten einen Job erledigt. Mit gezielten Schüssen hatten sie Ismail Y., 50, in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße getötet, kurz bevor Kids aus der benachbarten Schule in der Pause bei "Onkel Y." Snacks kaufen konnten.
Bauarbeiter hatten zur selben Zeit zwei Radfahrer beobachtet: Sie standen an einer Litfaßsäule, studierten einen Stadtplan. Dann stellten sie ihre Räder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Augenzeugen erinnerten sich so gut an die beiden Radfahrer, dass es von den mutmaßlichen Tätern nun endlich ein Phantombild gab - sie sehen sich ähnlich wie Zwillingsbrüder.
Sechs Tage später töteten Unbekannte im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte. Wieder die Ceska, wieder der Kopf. B. hatte viele türkische Freunde. Und er sollte nicht der Letzte sein: Mehmet K., 39, hörte am Dienstag vergangener Woche wohl noch die Türglocke seiner kleinen Trinkhalle an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen Schüsse.
Es scheint, als legten die Täter bewusst eine Spur in diesem grausamen Spiel: die Ceska. Die Waffe und das brutale Vorgehen sind es, die die Soko sicher sein lassen: Die Schützen sind Profis. Vermutlich handeln sie im Auftrag einer internationalen Organisation.
Doch was der Polizei fehlt, ist das Motiv. Denn zwischen den Opfern gibt es offenbar keinerlei Berührungspunkte. Keiner der Männer war politisch oder religiös aktiv, es gibt keine Hinweise auf Drogen, Schmuggel oder Geldwäsche. Es gibt keine Kontakte zur Unterwelt, keine Spiel- oder Wettsucht, keine verdächtigen Verbindungen ins Ausland. Für Schutzgelderpresser waren ihre Umsätze viel zu gering. Mehr als tausend Spuren, die die Polizei verfolgte, führten ins Leere.
Wem waren die Händler so gefährlich geworden, dass sie sterben mussten? Wer wollte sich an ihnen rächen und wofür?
Einige Ermittler glauben, dass Familien oder Freunde teilweise Antworten auf diese Fragen geben könnten. Aber die sagen nur das Nötigste: Ehefrauen wollen sich um Geschäfte nie gekümmert haben, Freunde schildern die Bekanntschaften auf einmal als eher zufällig. Auch bei der Familie eines Nürnberger Opfers wollte niemand reden, eine junge Verwandte sagte nur: "Wir wissen nichts, aber wir haben ziemlich Angst. Wer weiß, was noch passiert."
Angst haben sie jetzt alle, doch es sind womöglich nicht immer nur die diffusen Ängste vor einem Phantom mit einer tschechischen Automatik-Pistole. Irgendeine Beziehung zwischen Ermordeten und Mördern müsse es geben, glauben Fahnder, und eine vage Ahnung bei deren Landsleuten. Aber so groß die Angst auch sein mag - niemand weiht die Polizei ein.
Die schwer durchdringbare Parallelwelt der Türken schützt die Killer. Soko-Leiter Wolfgang Geier bekannte, durch die Ermittlungen sei den Beamten bewusst geworden, "wie wenig die Polizei eigentlich über ausländische Bevölkerungsteile und ihre Mentalität in unserem Lande weiß".
GUIDO KLEINHUBBERT, CONNY NEUMANN
Von Guido Kleinhubbert und Conny Neumann

DER SPIEGEL 16/2006
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