15.04.2006

KARIKATURENKoschere Antisemiten

Israelische Künstler haben einen Wettbewerb für den besten antijüdischen Cartoon ausgerufen - mit witzigen Ergebnissen.
Aus dem Antisemitismus könne schon was werden, spottete bereits der k. u. k. Satiriker Roda Roda, "wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden".
Sechzig Jahre nach Roda Rodas Tod wird der Witz nun Wirklichkeit.
Zwar hat es auch zu seiner Zeit jüdische Antisemiten gegeben - Karl Marx, Otto Weininger, Karl Kraus etwa -, aber sie traten immer nur als Individuen in Erscheinung, nie als Kollektiv. Das könnte jetzt anders werden. Über hundert jüdische Zeichner und Karikaturisten haben sich an einem Wettbewerb für antisemitische Cartoons beteiligt, den zwei Israelis im Februar ausgerufen haben.
Vergangene Woche wurden die Gewinner bekanntgegeben. Sieger nach Punkten wurde Aron Katz, 24, aus Los Angeles. Er zeichnete einen "Fiddler on the Roof", der auf einem Pfeiler der Brooklyn Bridge steht und Geige spielt, während die Türme des World Trade Center brennen - eine grafische Umsetzung des vor allem im Internet geisternden Gerüchts, hinter dem Anschlag vom 11. September 2001 steckten nicht islamische Fundamentalisten, sondern die Juden und der israelische Geheimdienst Mossad. Katz stiftete sein Preisgeld, 600 Dollar, unter anderem den "Rabbis for Human Rights", einer israelischen Organisation, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt.
Der zweite Preis ging an Ilan Touri, 32, aus Sydney. Sein Cartoon heißt "Studio 6" und zeigt, was Auschwitz "wirklich" war: Kulisse für einen Film, wie es die Revisionisten immer wieder behaupten.
"Unsere Juroren haben sich die Entscheidung nicht einfach gemacht", sagt Amitai Sandy, der Erfinder des Wettbewerbs. Da sich die fünf Preisrichter, unter ihnen der New Yorker Zeichner Art Spiegelman ("Maus"), nicht auf einen Gewinner einigen konnten, vergaben sie Punkte, und am Ende hatte Katz die beste Note. "Wenn es nur nach mir gegangen wäre", versichert Sandy, "wäre der Preis an einen anderen Teilnehmer gegangen."
An Daniel Higgins aus England zum Beispiel, der einen hakennasigen Moses gezeichnet hat, wie er den Juden ein geheimes elftes Gebot übergibt - "PS: Vergesst nicht, die Medien zu kontrollieren". Oder an Leandro Spett aus Brasilien für seinen "Matze Maker", eine Maschine, die palästinensische Kinder zu Matzen verarbeitet.
Sehr gelungen findet Amitai Sandy auch eine eher subtile Arbeit: den Schiffbrüchigen von Jeremy Gerlis aus New York, der sich hinter einer Palme versteckt, als ein israelisches Schiff am Horizont auftaucht.
Sandy, 1976 in der Kleinstadt Kfar Saba nordöstlich von Tel Aviv geboren, arbeitet als Illustrator für alle großen israelischen Tageszeitungen und etliche Verlage. Er hat an der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem Visuelle Kommunikation studiert und in der israelischen Armee gedient, zuerst bei der Artillerie, später in der Küche seiner Truppe. "Nach 18 Monaten hatte ich genug." Er suchte einen Psychiater auf und drohte mit Selbstmord. Daraufhin wurden ihm die restlichen 18 Monate erlassen - die in Israel übliche Art, dem Wehrdienst zu entkommen.
Schon vor seinem Gastspiel in der Armee gab er ein Magazin für Comics, Musik und städtische Subkultur heraus: "Penguins' Perversions". Der Name war ein Phantasieprodukt, der Inhalt subversiv. Nach 21 Ausgaben war Schluss. Seit 2003 bildet Sandy mit vier weiteren Künstlern die Dimona Comix Group; bis jetzt sind drei Comic-Bücher erschienen, die auch in den USA vermarktet werden.
Als die iranische Tageszeitung "Hamschahri" nach dem Furor über die dänischen Mohammed-Karikaturen im Februar zu einem internationalen Cartoon-Wettbewerb über den Holocaust aufrief (der nach Meinung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gar nicht stattgefunden hat), war Sandy sofort klar: "Wir
müssen etwas unternehmen, um das Feuer mit Humor zu bekämpfen."
Eine erste Option wurde sofort verworfen: Witze über die Mullahs in Umlauf zu bringen. "Das wäre nicht anständig. Man sollte nur über die eigene Sippe spotten." Und weil es bei den Juden alter Brauch ist, sich über Juden lustig zu machen, war "die richtige Antwort auf eine irre Kampagne" schnell gefunden: "Israeli Anti-Semitic Cartoons Contest".
Kaum war der Wettbewerb im Internet angezeigt, trafen die ersten Reaktionen aus aller Welt ein. Ein US-Iraner aus Los Angeles schrieb: "Ich habe gehört, dass die Juden die Weltherrschaft übernehmen wollen. Ich hoffe, es wird bald geschehen." Sandys Vater, Ezra Sanderovich, der in Singapur lebt, zeigte sich von der Idee seines Sohnes nicht so begeistert. Er sagte: "Warum musst du dich in Sachen einmischen, die uns nichts angehen?"
Die "Jerusalem Post" bat die Gedenkstätte Jad Waschem und das Simon-
Wiesenthal-Zentrum um Stellungnahme. "Wir glauben nicht, dass dies der richtige Weg ist", erklärte Jad Waschem. Auch vom Wiesenthal-Zentrum kam milder Tadel: "Galgenhumor". Strenger reagierten dagegen fundamentalistische Christen aus den USA, die Israel über alles lieben: "Wie können Juden so etwas machen?"
Sandy hatte mit Schlimmerem gerechnet. Am Ende war er "fast ein wenig enttäuscht, dass sich niemand richtig aufgeregt hat", denn die Cartoons, die er nach und nach online stellte, enthielten alle bekannten antisemitischen Klischees: Juden als Ausbeuter, Blutsauger, Betrüger, Kriegstreiber und Verschwörer, die nach der Weltherrschaft streben. "Der Wettbewerb für den besten antisemitischen Cartoon war eine Demonstration von Stärke und Selbstvertrauen", rechtfertigt sich der Inspirator: "Bevor die anderen mit dem Finger auf uns zeigen, machen wir es selbst - und witziger. Wir sind koschere Antisemiten."
Von den rund 150 eingesandten Cartoons wurde allerdings etwa ein Drittel
"disqualifiziert", nicht wegen des Inhalts, sondern wegen "schlechter Qualität". Einige Künstler machten sich über Jesus oder Mohammed lustig, "und das war nicht unsere Absicht". Die verbliebenen 100 werden vom 20. Mai an in einer Galerie in Tel Aviv ausgestellt.
Amitai Sandy, der sich selbst der "extremen israelischen Linken" zurechnet und bei den Wahlen für die kommunistische Hadasch-Liste gestimmt hat, hält sich trotz allem für einen guten Israeli.
"Als Künstler kann ich in Israel viel weiter gehen als in jedem anderen Land der Welt, niemand zensiert mich, niemand bedroht mich", sagt er. Er nimmt an Demos gegen den Bau der Mauer teil, die Israel gegen die palästinensischen Gebiete abriegeln soll, und stellt gemeinsam mit palästinensischen Künstlern aus. Ob er mit seinem Wettbewerb Antisemiten in die Hände spielt, interessiert ihn nicht. "Die sind auf mich nicht angewiesen, sie haben genug eigene Ideen."
Und so schaut er sich in aller Ruhe und mit kollegialem Auge die genuin antisemitischen Karikaturen auf www.irancartoon. com an. Einige, gibt Sandy zu, "sind wirklich gut gemacht". Denn während sich an seinem Wettbewerb für den besten antisemitischen Cartoon vor allem Amateure beteiligten, machen beim offiziellen iranischen Preisausschreiben unter den bisher 181 Teilnehmern aus 42 Ländern (darunter Russland, die Schweiz und die USA) auch viele Profis mit.
Jetzt hofft Sandy, dass sich die Palästinenser ein Beispiel nehmen und eines Tages einen Wettbewerb für die besten antipalästinensischen Karikaturen veranstalten. "Das wäre ein Zeichen politischer Reife. Aber wenn es einer heute ver- suchen würde, müsste er um sein Leben fürchten." HENRYK M. BRODER
* "Fiddler on the Roof" von Aron Katz, "Throbbing Heart" von Sharon Rosenzweig.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 16/2006
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