24.04.2006

Die letzte Autorität

Ortstermin: In München präsentiert Doktor Sommer eine Studie über das Liebesleben der Jugend.
Wahrscheinlich hatte Doktor Sommer, der richtige Doktor Sommer, wenig Haare auf dem Kopf, und die, die ihm geblieben waren, waren weiß. Wahrscheinlich hatte er eine sanfte Stimme, eine Stimme, die beruhigt. Sein Herz war gut. Er hatte immer Zeit für einen. Man konnte ihn alles fragen. Alles. Ob man nach dem ersten Sex nicht mehr wächst. Ob man von Selbstbefriedigung Rückenmarksschwund bekommt.
Man musste sich nie schämen für solche Sachen, denn Doktor Sommer war eine Gestalt ohne Gesicht. Man schrieb ihm, und er schrieb zurück. Er hatte eine Sprechstunde in der "Bravo", der Zeitschrift für die Jugend, man las sie meistens unter der Bettdecke, weil die Eltern sagten, Doktor Sommer sei Schweinkram.
Seine erste Sprechstunde erschien 1969, zwei Jahre nach dem Tod von Benno Ohnesorg, ein Jahr nach den Schüssen auf Rudi Dutschke.
37 Jahre später, am vergangenen Dienstag um elf Uhr, steht Doktor Sommer im Redaktionsgebäude der "Bravo". Er trägt spitze Stiefel aus Reptilleder, er hat lange blonde Haare, er klappert mit den Augen, Lidschatten liegt darüber, und seine Stimme klingt anders, als man dachte, höher, weniger samtig.
Er streckt die Hand aus und sagt: "Doktor Eveline von Arx."
Doktor Sommer ist jetzt eine Frau. 31 Jahre, studierte Pädagogin. Aber alte Schule. Sie führt die Sprechstunde fort - in seinem Namen, in seinem Geist.
Ein Laptop wirft ein Schaubild an die Wand, rosa wie ein Katalog für Barbie-Puppen. Man liest darauf Wörter, die nach Kommune 1 klingen, nach Befreiung, nach Revolution. "Liebe! Körper! Sexualität!" Die Ausrufezeichen stehen da wie eine Verheißung.
Es geht um eine Studie. Um die Frage, wie es die Jugend von heute mit solchen Sachen hält, eine Jugend, von der man meint, sie sei so cool wie Tokio Hotel und so geil wie Paris Hilton. Von der man annimmt, dass sie mit acht ihre ersten Zungenküsse verteilt und die Liebe des Lebens mit einer SMS beendet.
Der Chefredakteur von "Bravo" spricht ein paar Sätze, er trägt einen lässigen schwarzen Anzug und benutzt Wörter, die man nicht versteht. Er sagt: "Wir haben den Quellcode der Generation Schule entschlüsselt." Quellcode. Doktor Sommer hätte wahrscheinlich "Geheimnis" gesagt.
Der Chefredakteur läuft unter dem rosa Schaubild auf und ab, unruhig, wie man es von Wölfen im Zoo kennt. Er sagt: "Die Studie enthält tolle News. Man erfährt: Wer befriedigt sich wann selbst? Hey! Die Jugendlichen wissen jetzt: Ich bin nicht allein." Seine Sätze sollen sagen: Wir sind alle ganz locker hier.
Dann sagt er "Zweitausendsex" statt "Zweitausendsechs".
Nach ihm spricht ein Herr vom Umfrageinstitut. Einmal will er "Selbstbestätigung" sagen, aber er sagt "Selbstbefriedigung".
Es ist alles nicht leicht.
An den Fenstern sind die Jalousien heruntergelassen. Die Deckenleuchten hat man mit Stoffen zugehängt. Der Raum dünstet etwas. Hätte es Ende der sechziger Jahre schon Präsentationen von Sex-Reporten gegeben, dann hätte es einen Diaprojektor gegeben, keinen Laptop, und Kaffee aus Kännchen vielleicht, keinen Macchiato, aber ansonsten wäre es wahrscheinlich so ähnlich gewesen wie hier. Jalousien runter.
"So, und jetzt wird es interessant", sagt der Herr vom Umfrageinstitut.
Doktor Eveline von Arx tritt nach vorn, hochgeknöpft. "Liebe", sagt sie nur, das Wort segelt durch den Raum wie ein chinesischer Papierdrachen. Dann kommen die harten Fakten.
Die Jugend küsst sich zum ersten Mal mit Zunge zwischen 13 und 14. Sie beginnt mit Petting zwischen 14 und 15. Sie hat den ersten Sex zwischen 15 und 17 Jahren. 60 Prozent sind nervös vor dem ersten Mal. Die Jugend von 2006 ist ungefähr so wie die Jugend von 1969, so cool oder so uncool, vielleicht bis auf ein paar Stellen hinter dem Komma. Sie ist nicht mehr aufgeklärt und nicht weniger. Es gibt immer noch welche, die mit einem Tampon verhüten wollen.
Es spielt keine Rolle, ob Doktor Sommer ein Mann mit weißen Haaren ist oder eine Frau mit Reptillederstiefeln.
Doktor Sommer ist die Erfindung einer Zeit, die Autoritäten stürzen wollte. Der Kanzler dieser Zeit war Kurt Georg Kiesinger. Heute gibt es Fotos mit dem nackten Hinterteil von Angela Merkel.
Die Welt ist anders geworden seit der ersten Sprechstunde. Nur Doktor Sommer heißt noch immer Doktor Sommer. Der Ausschnitt der Welt, für den er verantwortlich ist, hat sich nicht verändert. Er hat dieselben Rätsel. Ein Drittel der Mütter weiß noch immer nicht, was in den Zimmern ihrer Kinder passiert, wenn die Tür geschlossen ist. Es gibt auch keine neuen Fragen in dieser Welt. Es gibt immer noch Fragen, die nur Doktor Sommer beantworten kann. Er ist die letzte Autorität, die überlebt hat.
Auf den Tischen hinter den Jalousien liegen die Prospekte mit den Ergebnissen der Studie und eine neue Ausgabe der "Bravo". Es gibt ein Quiz darin. Es wird gefragt, was man unter einem Orgasmus versteht. Eine der möglichen Antworten ist: "Reinigung der Ohren".
Und während sich vorn Doktor Eveline von Arx durch ihre Schaubilder arbeitet, fragt man sich, wozu es gut war, dass Uschi Obermaier oben ohne durch eine Wohngemeinschaft gelaufen ist, die keine Tür vor den Klos hatte. MATTHIAS GEYER
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 17/2006
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