24.04.2006

HIGHTECHNation im Netz

Was morgen weltweit den Alltag prägen wird, lässt sich heute schon in Südkorea besichtigen: Das Land hat sich konsequent dem Internet verschrieben - mit allen Chancen und Risiken.
Als kleiner Junge verkleidete sich Lee Yong Su, 27, gern mit Freunden. Die nötigen Klamotten fand er im Kleiderschrank der Eltern. Das ist lange her. Inzwischen ist seine Heimat Südkorea zu einem Hightech-Land geworden, in dem sich Kindheit bisweilen nur noch im Cyberspace abspielt. Und Jungunternehmer Lee verdient mit seinem Internet-Portal puppyred.com daran kräftig mit.
In den zwar virtuellen, aber dennoch dreidimensionalen Kinderstuben von puppyred.com verabredet sich das junge Korea mit Freunden. Eine halbe Million Nutzer besuchen Lees Seite pro Tag, und es werden immer mehr. Denn auch Koreas Mütter loggen sich begeistert ein, um mit Nachbarinnen zu chatten, Familienfotos auszutauschen oder sich gegen Gebühr gar einer Schönheitsoperation zu unterziehen.
Zwar findet so ein Eingriff nicht wirklich statt, unters Messer kommt nur das zweite Cyber-Ich, das man sich wie aus einem Baukasten zusammenbasteln kann. Doch was ist in Korea überhaupt noch real? Und was spielt sich nur virtuell ab? Solche Grenzen lassen sich nur noch schwer ziehen, denn fast nirgendwo sonst auf der Welt krempelt das Internet den Alltag der Menschen derart rasant um wie in dem asiatischen Land. Und kaum eine andere Industrienation knüpft seine wirtschaftliche Zukunft so eng an neue Informationstechnologien (IT) wie Korea.
Internet über Breitbandanschluss? Videos auf dem Handy? Winzige RFID-Chips zur Überwachung von Gütern rund um den Globus? Manche Neuheiten, an die sich hierzulande viele gerade erst mühsam gewöhnen, gelten in Korea fast schon als überholt.
Von dem 48-Millionen-Volk surfen fast drei Viertel aller Haushalte über schnelle und billige Breitbandanschlüsse im Internet. Damit gehört das Land weltweit zu den Spitzenreitern. Fast jeder Koreaner über zwölf Jahren besitzt ein Handy - oft das allerneueste Modell der dritten Generation.
Die Hightech-Nation vernetzt sich so schnell, dass ihre Industrie - darunter mittlerweile global operierende Elektronikriesen wie Samsung und LG - nun auch als erste an die Grenzen des Informationszeitalters stößt: Neue Computer und Handys lassen sich auf dem nahezu gesättigten Heimatmarkt immer schwerer verkaufen. Oft schwankt zudem der weltweite Absatz sogenannter Dram-Speicherchips - den elektronischen Gehirnen der meisten Geräte - für die Korea der Hauptlieferant ist.
Aus dieser Klemme will und muss sich der asiatische Tiger befreien, um seine starke Position im IT-Sektor zu erhalten und auszubauen. Mit etwa 30 Prozent seiner Ausfuhren hängt das rohstoffarme Korea besonders stark von IT-Exporten ab; die Informationstechnologie trägt rund 14 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.
Gesteuert von der Regierung in Seoul setzen die Koreaner daher jetzt kollektiv zum Sprung in die nächste Dimension des Informationszeitalters an: Selbst Online-Services wie das Herunterladen kompletter Spielfilme - wegen der großen Datenmengen ist das bisher praktisch nur im Festnetz über Breitbandanschlüsse möglich - will Korea künftig mobil und drahtlos anbieten; allerorts, jederzeit.
In Suwon, anderthalb Autostunden südlich der Hauptstadt, werkeln koreanische Techniker zurzeit mit Hochdruck am mobilen Internet. Ein Wolkenkratzer aus viel Glas beherbergt dort das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Samsung. Song Hung, Marketingchef für die neuen Mobilsysteme, führt die neuesten handlichen Geräte vor, mit denen sein Unternehmen Fernsehen, digitales Fotografieren und Telefonieren verschmelzen will.
Ab Juni möchte Samsung die neuen Geräte auf den Heimatmarkt bringen. Dann geht Wibro - ein drahtloses Breitbandübertragungssystem - kommerziell an den Start. In Seoul läuft der Service schon testweise, bis Ende des Jahres soll die Hauptstadt mit der Technik flächendeckend versorgt werden. Bei der Fußball-WM soll die koreanische Technologie auch in Deutschland getestet werden.
Ob Wibro (das mobile Internet) oder DMB (digitales Fernsehen auf mobilen Empfangsgeräten) - Korea wimmelt nur so von technischen Kürzeln, die anderswo wohl allenfalls Experten kennen. Doch in Korea glauben viele daran, dass der Welt unmittelbar eine zweite Internet-Revolution bevorsteht, mit der totalen und drahtlosen Vernetzung des gesamten Alltags.
Der Mann, der seine Landsleute zu Pionieren der neuen Ära erzieht, heißt Chin Dae Je und war bis vor kurzem Minister für Information und Kommunikation. Weil er Korea so erfolgreich umkrempelte, schickt ihn Staatspräsident Roh Moo Hyun jetzt als Stimmenfänger in den Regionalwahlkampf.
Am liebsten schaut Chin auf eine Weltkarte, die penibel zeigt, wohin Korea bereits mit neuen Technologien wie Wibro vorgedrungen ist. Bevor er Minister wurde, arbeitete Chin bei Samsung, dann wurde er der oberste Firmenchef seines Landes, scherzt er, "wenn auch mit sehr niedrigem Gehalt".
Chin liebt es, Besucher mit technischen Neuheiten zu beeindrucken. Er legt ein silberglänzendes Gerät auf den Tisch. Es sieht aus wie eine Digitalkamera, doch dann dreht Chin es blitzschnell um: Jetzt ist es ein Handy. Der Politiker strahlt triumphierend: So etwas, sagt er, gebe es bisher nur in Korea. Den Rest der Welt will sein Land damit möglichst bald beglücken.
Was Koreas Hightech-Strategen planen, ist ein nationaler Kraftakt, um alte Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen - von der Elektronikindustrie bis zur Film- und Software-Branche, die künftige Inhalte für das neue mobile Internet entwickeln soll. Im Erdgeschoss des Ministeriums für Information und Kommunikation zeigt eine Ausstellung, wie Koreaner angeblich schon in etwa fünf Jahren leben sollen.
Per Stimme, so macht die Ausstellung glauben, werden sie dann Internet-taugliche Kühlschränke und Kleidergarderoben kommandieren. Die Kinder werden aus der Schule Briefe mit nach Hause bringen, die mit Mikrochips versehen sind: Sobald die Eltern die Zettel an spezielle Monitorwände pinnen, leuchtet der Inhalt in Großbuchstaben auf. Und auch der Lehrer erscheint in Wort und Bild.
"Ubiquitous Dream" - so lautet Chins englische Wundervokabel, die in Korea jedes Kind lernt: der "allgegenwärtige Traum" von einer Nation im Netz. Der Hightech-Missionar Chin und sein Land sind dabei Jäger und Gejagte zugleich. Korea, wo im Jahr 1960 von 10 000 Einwohnern laut Statistik nur 36 ein Telefon besaßen, darf sich nicht ausruhen. Zwar verfügt das Land mit Samsung über einen Elektronikriesen, der inzwischen den japanischen Konkurrenten Sony abgehängt hat. Aber schon drängen nebenan die Chinesen mit billiger Elektronik nach.
Jetzt sind Koreas Firmen wieder einmal dabei, sich neu zu erfinden, auch Pantech, einer der drei großen Hersteller von Handys in Korea. Im Testlabor in Seoul klappen die allerneuesten Prototypen unermüdlich auf und zu: Etwa 150 000-mal werden die Geräte so auf Robustheit getestet, bevor Chefingenieur Lee Jeong Rhul sie zum Export freigibt.
Auch für das mobile Internet sieht sich Pantech gewappnet. Stolz führt Lee eine Palette von "Weltneuheiten" aus seinem Labor vor, etwa ein Musik-Handy mit dem bisher größten Speicherchip oder den "fortschrittlichsten" tragbaren Multimedia-Player mit anspruchsvollem Flüssigkristallbildschirm.
Für einen Manager, dessen Firma erst 1998 als kleiner Zulieferer des US-Herstellers Motorola bekannt wurde, klingt Lee äußerst selbstbewusst. Es hat sich ja auch viel verändert: Der Marktanteil des amerikanischen Handy-Giganten sackte in Korea von einst 50 Prozent auf 4 Prozent.
Dass die Koreaner keine Herausforderung scheuen, erklärt Lee mit ihrer hohen Risikofreude. Anders als etwa Siemens, das seine verlustreiche Handy-Sparte vergangenes Jahr an BenQ aus Taiwan abstieß, seien die Koreaner eben nicht darauf
aus, Produkte herzustellen, die gleich ein Jahrhundert halten, lacht der Pantech-Manager.
Wenn es nach Politiker Chin geht, wird Korea noch in diesem Jahr mit mobilem Digitalfernsehen auf allen Kanälen beginnen. Mit ihren Hightech-Handys sollen die Landsleute dann beispielsweise nicht nur Fußballspiele gucken, sondern auch einzelne Szenen an Freunde weitersenden können, während sie mit ihnen den Spielverlauf diskutieren.
Noch sperren sich Koreas große TV-Anstalten dagegen, ihr bisheriges Monopol mit den Mobilfunkbetreibern zu teilen. Doch die Regierung in Seoul macht gewaltig Druck für das Internet - dem sie größtenteils ihre eigene politische Existenz verdankt.
Präsident Roh Moo Hyun ist der erste koreanische Staatschef, der als Produkt der blühenden koreanischen Web-Kultur ins Amt gewählt wurde. Vor allem im Cyberspace mobilisierten Rohs Anhänger die Unterstützung für den Außenseiter aus einfachen Verhältnissen. Wie zum Dank gewährte der Präsident sein erstes Interview nach der Wahl nicht den traditionellen Medien, sondern dem Online-Portal ohmynews.com, das im ganzen Land ein riesiges Heer von Amateurreportern beschäftigt und werktags von durchschnittlich 700 000 Besuchern aufgerufen wird. Das Internet symbolisiert auch Koreas Wandel zur wohl lebhaftesten Demokratie ganz Asiens.
Einst peitschte Diktator Park Chung Hee gleichsam die Industrialisierung voran. Er ließ im ganzen Land Ziegeldächer einreißen und durch Wellblech ersetzen, weil er das moderner fand. Und er mobilisierte Mischkonzerne wie Hyundai und Samsung, die fast alles herstellten - von der Stecknadel bis zum Supertanker.
Doch in der Asien-Krise 1997 löste sich das sogenannte Wunder vom Han-Fluss auf: Von staatlich kontrollierten Banken bedenkenlos gestützt, hatten sich die größenwahnsinnigen Konzerne heillos überdehnt. Mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds entging Korea nur knapp dem Staatsbankrott.
Eine neue Generation von Managern - viele davon haben in den USA studiert - hält jetzt die Zügel der Industriepolitik. Sie öffnete Korea für Wettbewerb und neues Wissen. Gleichwohl gab der Staat seine Rolle als Lenker nicht aus der Hand, im Gegenteil. Eine zentrale Rolle spielt dabei Etri - das teils staatlich, teils privat finanzierte Institut für Elektronik und Telekommunikation in Daejeon, rund 170 Kilometer südlich von Seoul.
Seine rund 2000 Techniker verhalfen Koreas Konzernen zu Revolutionen in der Multimediatechnologie: 1996 entwickelte Etri die Mobilfunktechnologie CDMA für den kommerziellen Gebrauch weiter. Das Institut ertüftelte zudem eine eigene Technik für das mobile Digital-TV (DMB). Die enge Zusammenarbeit von Politik, Forschung und Industrie gewährleiste, dass Korea "eine führende Rolle in der Welt spielt", sagt Etri-Chefingenieur Hwang Seung Ku.
Doch Koreas staatliche Planer sind nicht unfehlbar. Ihren peinlichsten Reinfall erlebten sie in der Biotechnologie, die sie ebenfalls mit Milliarden von Dollar fördern, nur setzten sie dabei auf den Falschen. Vor zwei Jahren verkündete der Forscher Hwang Woo Suk, als weltweit erster Wissenschaftler menschliche Embryonen erfolgreich geklont zu haben. Die vermeintliche Pionierleistung entpuppte sich als dreiste Totalfälschung und lädierte das Image des ganzen Landes.
Trotzdem setzt die Regierung weiter auf prestigeträchtige Großprojekte. Yu Sang Yeol von der Immobilienfirma Albatros zum Beispiel bereitet in Daejeon zurzeit die Realisierung einer ganz besonderen Hightech-Stadt vor.
In seinem Büro strahlt das Projekt bereits in futuristischem Glanz von Werbepostern: Ein Wolkenkratzer ragt in den Himmel. Zwei der 53stöckigen Fassaden werde man als gigantische Reklameflächen nutzen, berichtet Yu begeistert. Ende 2009 sollen die ersten von insgesamt 30 000 Menschen ihre neuen Hightech-Wohnungen und -Büros beziehen.
Wenn sie nach Hause kommen, wird der Computer sie freundlich begrüßen und ihnen präzise vortragen, wer in ihrer Abwesenheit angerufen hat. Gehen sie morgens zur Arbeit, werden brave Staubsaugroboter sofort selbständig mit dem Hausputz beginnen.
Die Hightech-City soll auch sicher sein: Erst nach dem biometrischen Scannen ihrer Augen werden die Menschen Zugang zu ihren Wohnungen erhalten; 15 000 automatische Kameras sollen Einbrecher abwehren. Per Mikrochip werden vergessliche Autofahrer stets wissen, wo sie ihre Autos abgestellt haben. Der technische Aufwand wird die Wohnungen um 30 Prozent teurer machen.
Aber lässt sich Korea mit Hilfe solch futuristischer Projekte wirklich auf die nächste Stufe der Hochtechnologie katapultieren - oder handelt es sich letztlich nur um eine gigantische verdeckte Konjunkturspritze für die heimische Industrie? Zunächst einmal soll die Welt staunen - über die Besessenheit, mit der die Koreaner ihre Zukunftsvisionen vorantreiben.
Manchmal allerdings vertrauen selbst die asiatischen Internet-Pioniere lieber altmodischen Methoden der realen Welt, so auch Lee Yong Su vom Web-Portal puppyred.com.
Weil viele koreanische Kinder sein Cyber-Maskottchen Ayo für ein reales Lebewesen halten, schickten sie ihm tausendfach Briefe, per Post. Um die Illusion seiner kindlichen Kunden nicht zu zerstören, sah Lee nur einen Ausweg: Eine seiner Angestellten musste jeden Brief beantworten, und zwar nicht per E-Mail - das fand Lee doch zu unpersönlich -, sondern per Hand geschrieben, wie in den guten alten Zeiten. WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 17/2006
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