24.04.2006

Der Antipate

Global Village: Mittagstisch in Gela beim mutigsten Bürgermeister Siziliens
Rosario Crocetta ist ein levantinischer Typ, mit gefärbten Haaren und vorgeschobenem Bauch, die Brille über die Stirn geschoben und den Blick irgendwo in den Antipasti versteckt. Händeschüttelnd rennt er zum Büfett im "La Aroma", befrachtet seinen Teller und beginnt wortlos, mit der Gabel auf gegrillte Zucchini einzustechen, beide Ellenbogen auf dem Tisch und den linken Daumen mit dem Tippen einer SMS beschäftigt.
Doch die Leute hier haben Crocetta nicht seiner Manieren wegen zum Bürgermeister gemacht.
Gela liegt am äußersten Südrand Siziliens, hat Libyen als Gegenüber. Eine 80 000-Einwohner-Stadt - mit ihren drei Raffinerieschloten, ihren griechischen Ruinen bei Capo Soprano und Behausungen, die größtenteils genehmigungsfrei errichtet wurden und auch so riechen.
Es gab Jahre, da lag nahezu jeden Tag ein Toter auf der Straße. "Mafiaville" schrieben die Zeitungen. Wer hier überleben will, der hat Frau und Kinder und unterstützt den Fußballverein. Der hat mächtige Freunde in der Hauptstadt und ein geregeltes Verhältnis zu den Herren ohne Namen, die jeder kennt.
Rosario Crocetta ist schwul, Kommunist und auf der Feindliste der Mafia ganz oben. Und er hat den Vorstand des Fußballvereins abgesetzt. Zu seiner Überraschung ist er auch heute Morgen wieder aufgewacht.
"Ich bin kein einfacher Charakter", sagt er kauend und kaum verständlich im Tellerklirren ringsum, dem Babygegreine und der TV-Beschallung.
Er kam vor drei Jahren in sein Amt, per Gerichtsbescheid. Mit 107 Stimmen Mehrheit wollte sein christdemokratischer Gegner die Wahlen gewonnen haben: "Die Richter stellten fest, dass 500 Stimmzettel für ungültig erklärt worden waren. Wahlfälschung." Seither stellt die "Partei der Kommunisten Italiens" den Bürgermeister von Gela.
Noch am selben Tag kam die erste Warnung. "Ich würde von ihm hören." Es war kein anonymer Anruf. "Ich habe eine Nacht nachgedacht. Entweder ich lasse mich erpressen, oder ich verschärfe die Regeln, mit dem Risiko ..." - und das nächste Wort wird genauso zerkaut wie alle anderen - "... umgebracht zu werden."
Der Tod des Bürgermeisters war für Mariä Empfängnis eingeplant, den 8. Dezember 2003. Aus Litauen reisten "erfahrene Handlanger" an, um die "Bürgermeister-Schwuchtel auszulöschen" nach der Methode "der Corleonesi" - so klang es am Telefon. Es wurde abgehört.
Die Litauer wurden festgenommen und ausgewiesen mangels gültiger Aufenthaltserlaubnis.
"Nach Corleoneser Art, das heißt: in die Luft jagen." Crocetta weiß, von wem der Auftrag kam. Gela ist zu klein, um seine Feinde nicht zu kennen. "Er grüßt mich auf der Straße wie alle anderen."
Die Wohnung des Bürgermeisters wurde mit Panzerglas gesichert. Zwei leichtbewaffnete Zivilpolizisten begleiten ihn ständig. Sie passen auf. Bevor sie in die Trattoria gingen, haben sie die Diebstahlsicherung seiner Wohnung eingeschaltet.
"Die ganze Ökonomie ist mafiös, und die Politik duldet es. Die Mafia ist schwer zu bekämpfen, weil sie Teil des Staates ist. Nicht die Killer sind das Problem, sondern die Männer mit den weißen Kragen." Deswegen, sagt er, kann auch ein Einzelner im Rathaus einen Unterschied machen.
Er führte die Jobrotation in der Baubehörde ein. Nach jeder neuen Drohung verschärft er die Vergaberegeln für öffentliche Bauaufträge. Keine andere Gemeinde Italiens hat strengere Anti-Mafia-Vorschriften. Um einen Auftrag zu bekommen, reicht es nicht nachzuweisen, dass eine Firma sauber ist: "Damit die Mafia nicht durch die Hintertür reinkommt, muss der Unternehmer auch für seine Subunternehmer einstehen."
Das ist hart. "Das ist Sizilien."
Seine Stadt steht zu ihm. Ein Drittel der Tomatenbauern zahlt inzwischen kein Schutzgeld mehr. Und es wird ein neuer Justizpalast gebaut.
Vergangenen Sommer erklärte Crocetta die komplette Führung des Fußballclubs Gela Calcio für mafiös durchdrungen und damit für abgesetzt. Einige Freunde begannen nun zu fürchten, ihr Bürgermeister sehe jetzt Gespenster. Doch wenig später erschien in der Zeitung "Sicilia" ein Foto des ehemaligen Clubpräsidenten, in Handschellen diesmal, festgenommen wegen Drogen, Schutzgelderpressung und Unterstützung eines untergetauchten Paten.
Als eines Morgens wieder halbtote Flüchtlinge am Stadtstrand von Gela lagen, ließ Crocetta ein gerade geborenes Somalierkind symbolisch adoptieren und taufte es "Mabrouk" (Glückwunsch). Gegen Kleinkriminelle ließ er 65 Kameras auf den Plätzen montieren, weil er glaubt, dass der Staat technologisch nicht hinter der Mafia zurückstehen darf.
"Ich bin keiner von den Netten. Alles musste ich mir erkämpfen, wirtschaftlich, sozial, sexuell. Ich war immer allein."
Crocetta braucht kein Geld, er ist Kommunist. Er hat keine Kinder, die man entführen könnte, und keine Frau, die daheim wartet. Er ist allein. Es ist doch kein Nachteil, schwul zu sein in Gela und Kommunist. Wäre Rosario Crocetta es nicht, könnte er diesen Job nicht machen. Ein unmöglicher Mensch für einen unmöglichen Posten.
Es ist Zeit. Im Rathaus warten Tomatenbauern, murmelnd, die Wollkappen in den Händen, und sie werden ihm die Wange küssen wollen.
Crocetta steht auf. Er hat noch ein Gedicht zitiert von Salvatore Quasimodo, dem sizilianischen Nobelpreisträger: "Ein jeder steht allein auf dem Herzen der Erde / Getroffen von einem Sonnenstrahl: / Und plötzlich ist es Abend."
"Ciao, Bürgermeister", sagt der Wirt zu Rosario Crocetta, der die ganze Zeit hinter einem Betonpfeiler gesessen hat, den Blick zur Tür. ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 17/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Antipate