24.04.2006

AUSSTELLUNGENBunter Hund am Canal Grande

Der französische Milliardär François Pinault hat sich für seine gigantische Sammlung zeitgenössischer Kunst einen frischrenovierten Palazzo im Herzen von Venedig gegönnt.
Geld macht offenbar nicht glücklich, sondern bisweilen ungemein ungeduldig. Fünf Jahre lang hat François Pinault, 69, mit einem geschätzten Vermögen von sechs Milliarden Euro einer der reichsten Männer Frankreichs, darauf hingearbeitet, dass sich sein Traum von einem eigenen Museum endlich erfüllt, dann hatte er vom Warten genug.
Auf der Île Seguin, einer Insel in der Seine in der Nähe von Paris, wo in besseren Zeiten Renault bis 1992 Autos baute, wollte Pinault, ein enger Freund von Staatspräsident Jacques Chirac, sich vom japanischen Stararchitekten Tadao Ando ein gläsernes Gehäuse für seine immense Kollektion zeitgenössischer Kunst errichten lassen.
Doch die behäbige französische Bürokratie, Kompetenzgerangel und schließlich diverse Einsprüche von Umweltschützern strapazierten Pinaults Langmut über Gebühr. Er stornierte das Projekt, schrieb rund 20 Millionen Euro Entwicklungskosten ab und hinterließ den Franzosen seine philosophisch-kapitalistische Erkenntnis: "Die Zeit eines Unternehmers ist die seiner Existenz, seines Alters und der Ungeduld." Die Zeit der Behörden dagegen sei die "der endlosen Prozeduren".
Es traf sich gut, dass der in Schwierigkeiten geratene Fiat-Konzern sich vom Palazzo Grassi in Venedig trennen wollte. Die Autobauer hatten seit 1986 aufwendige, meist kulturhistorische Ausstellungen, etwa über die Kelten oder die Etrusker, in dem klassizistischen Prunkbau aus dem 18. Jahrhundert unterstützt.
Doch nach dem Tod von Firmenpatriarch Gianni Agnelli wollte Fiat das belastende Engagement so schnell wie möglich beenden. Pinault sprang ein, erwarb das Gebäude für 29 Millionen Euro, gründete eine Betreibergesellschaft (20 Prozent hält das städtische Casino), ließ das Palais von Tadao Ando in nur fünf Monaten umbauen und eröffnet es nun am kommenden Sonntag mit einer Ausstellung eines kleinen Teils seiner großen Kunstkollektion. Zu sehen ist buntes, qualitätvolles Tuttifrutti der Gegenwartskunst.
"Where Are We Going?" heißt die Show, deren Titel sich auf eine Arbeit von Damien Hirst bezieht, einen Glas-Stahl-Container, der zahlreiche Tierskelette beherbergt. Außer einigen anderen Werken des Briten präsentiert Pinault vor allem weitere Blue Chips des zeitgenössischen Kunstbetriebs: Gerhard Richter, Mark Rothko, Luc Tuymans, Andy Warhol mit - natürlich - einem Mao-Porträt oder Raymond Pettitbon mit seinen schwarz-weißen Tuschzeichnungen im Comic-Stil.
Auch Maurizio Cattelan ist vertreten. Weltberühmt war der Italiener mit dem bissigen Humor 1999 geworden, als er eine naturgetreue Plastik von Papst Johannes Paul II. zeigte, die den Pontifex als zu Boden gegangenes Opfer eines Meteoriteneinschlags darstellte. Im Palazzo Grassi ist nun Cattelans nahezu drollige Skulptur
"Him" zu sehen, ein kniender, betender Hitler aus Wachs.
Ungeteilte Heiterkeit verbreitet dagegen Paul McCarthys "Mechanical Pig", eine lebensechte, animierte rosarote Tierplastik mit prallen Zitzen, die mit den Waffen einer Sau das Publikum beglückt.
Fürs Poppig-Dekorative hat Pinault ohnehin ein Faible. Und so weist Jeff Koons' "Balloon Dog", eine riesige, magentafarbene Skulptur, die aussieht wie ein überdimensionierter Hund aus zusammengedrehten Luftballons, über dem Canal Grande vor dem Palazzo den Touristen den Weg.
Am Ende der großen Galatreppe grüßt der neue Hausherr persönlich seine Gäste von oben herab - als venezianisch maskierter Carnevale-Prinz auf einem großen Foto des polnischen Neo-Pop-Künstlers Piotr Uklanski. Die Maskierung kann nicht nur als Reverenz an den Ort gedeutet werden, sondern auch als ein Symbol für Pinaults zurückhaltendes Auftreten. Interviews mit ihm sind selten, sein Privatleben (zwei Ehen, vier Kinder) ist tabu.
Selbst seine Liebe zur Kunst hat er lange geheim halten können. Pinault sammelt nun schon seit fast vierzig Jahren. Seine Leidenschaft, die er "fast eine Droge" nennt, begann mit dem Kauf eines spätimpressionistischen Gemäldes. Inzwischen soll er an die 2000 Stücke besitzen, die er zum Teil selbst noch nie gesehen hat. Viele Arbeiten liegen in Lagerhäusern, bei Galeristen oder noch in den Ateliers der Künstler.
Im Palazzo Grassi wird, neben Wechselausstellungen, immer nur ein Bruchteil der Pinaultschen Schätze zu sehen sein - im Rotationsprinzip. Für die rechte Vernetzung der neuen Institution sorgen ein hochkarätig besetzter Beirat und ein Direktorium, dem der ehemalige französische Kulturminister Jean-Jacques Aillagon vorsteht.
Die nicht oder wenig gezeigten Sammlerstücke, so stellt es sich deren Besitzer vor, könnten weltweit durch die Museen touren. Das spart Versicherungsprämien, Lagerraum und mehrt das Prestige für den Palazzo. Auch in Berlin, "Pourquoi pas?"
Er habe "sehr schnell" seinen Weg durch die Kunstgeschichte gemacht, beschreibt Pinault seine Sammlerkarriere. Bei den Werken des 18. und 19. Jahrhunderts habe er "seinen Blick geschult" und sei binnen kurzem dann "bei der zeitgenössischen Kunst" gelandet. Schließlich liebe er es nicht "zurückzuschauen". Eine Haltung, die auch sein als unerbittlich geltendes Geschäftsgebaren beschreibt. Wie in der Kunst, sagt Pinault, ziehe er auch beim Business den "Blick in die Zukunft" vor.
Die Mittel für sein kostspieliges Hobby hat sich der Bretone, der es ohne Abitur zum Milliardär gebracht hat, durch geschicktes und eiskaltes Taktieren erworben. Pinault, Sohn eines Holzhändlers, begann in den sechziger Jahren damit, marode Sägewerke aufzukaufen, sie zu sanieren und profitabel wieder loszuschlagen.
Aus dem Holzgeschäft entwickelte sich einer der größten Mischkonzerne Europas. François Pinault, der sich aus dem Tagesgeschäft inzwischen zurückgezogen hat, und seine Familie herrschen über die Warenhauskette Printemps, Versandhäuser
wie La Redoute, Modefirmen wie Gucci oder Yves Saint Laurent und besitzen, als Spielerei, das Weingut Château Latour, den Fußballclub Stade Rennes und das Theater Marigny in Paris.
Praktischerweise ist der Sammler seit ein paar Jahren auch noch Besitzer des Auktionshauses Christie's.
Die französischen Medien schildern Pinault gern als manischen Konkurrenten in einem permanenten Duell mit Bernard Arnault, Boss des Konzerns LVMH, der mit Marken wie Hennessy, Dior, Louis Vuitton und Givenchy die Gloire der französischen Luxusindustrie verkörpert. Zu einem eigenen Museum hat es Arnault allerdings noch nicht gebracht.
Dauerrivale Pinault kann ein bisschen positive Presse im Moment ohnehin gut gebrauchen. Zu frisch ist noch der Skandal um die kalifornische Versicherungsgesellschaft Executive Life. Die französische Staatsbank Crédit Lyonnais hatte die Gruppe 1991 durch einen Strohmann erworben und sie an Pinault weiterverkauft. Dabei ist gegen amerikanisches Recht verstoßen worden. Langwierige Prozesse waren die Folge. Es ging um Schadensersatz in Millionenhöhe. Pinault persönlich wurde schließlich freigesprochen, seine Holding Artémis, benannt nach der griechischen Göttin der Jagd, befanden die Geschworenen jedoch der Verschwörung für schuldig.
Schließlich musste Artémis im vergangenen November 189 Millionen Dollar bezahlen. Pinault verkaufte nahezu zeitgleich ein paar Kunstwerke im Wert von über 40 Millionen Euro, mehr als die Summe, die er in den Palazzo Grassi investiert hat.
Man müsse, sagt der Mann mit den frostigen blauen Augen, beim Sammeln "vor allem wissen, wann man verkaufen und wann man nicht kaufen soll".
Und dann hat der Sammler noch einen Rat für den Umgang mit komplizierter Kunst. Aber der Satz passt natürlich auch fürs Geschäftsleben: "Man muss sich bemühen. Man muss immer dranbleiben." JOACHIM KRONSBEIN
* Links: "Personengruppe" (1965), "Yellow & Blue" (1954); rechts: "Him" (2001), "Mechanical Pig" (2005).
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 17/2006
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