24.04.2006

LITERATURDer Frauenversteher von Prag

Der Schriftsteller Thomas Brussig, 40, über seinen tschechischen Kollegen Michal Viewegh und dessen Roman „Völkerball“
Im Dezember 1999 begann ein "verzweifelt verliebter A." Briefe an seine Ex-Freundin Marie zu schreiben. Seine Episteln steckte A. nicht in einen nach Maiglöckchen duftenden Umschlag - er mietete dafür Werbetafeln in der Prager Metro. Alle vier Wochen, mit jedem Dekorationswechsel, konnten die Prager Neues von A. lesen, konnten verfolgen, wie der Mann um die Verflossene warb, wie er seinen Witz und seinen Charme sprühen ließ, wie er verzieh, hoffte, schmeichelte, bettelte, grübelte, verzweifelte - und wie rettungslos er sich sehnte.
Die Affäre wurde Stadtgespräch. Ein Psychologe befasste sich mit den Briefen (sein Urteil: A. lässt keine Gewaltneigung, aber einen ausgeprägten Mutterkomplex erkennen), und internationale Fernsehteams berichteten über Prager Eigenheiten großstädtischen Balzverhaltens. Nach einem halben Jahr kam heraus, dass die Briefe nicht echt waren. Es gab weder eine Marie noch einen A., vielmehr hatte eine Werbeagentur, um die Wirksamkeit, den Impact, von U-Bahn-Werbung zu beweisen, einen Autor gedungen. Hinter A. steckte in Wirklichkeit der Schriftsteller Michal Viewegh.
Dieser Michal Viewegh, Jahrgang 1962, ist in Tschechien eine Riesennummer. In Deutschland nicht. Vielleicht liegt das an einem untergründigen Chauvinismus: Tschechien ist Billiglohnland, so was erwarten wir kulturell definitiv nicht auf Augenhöhe. Viewegh - wie das schon klingt!
Dabei ist es höchste Zeit, einen Thronfolger für Milan Kundera auszurufen - und das kann nur Michal Viewegh sein. Ihm gelingt die Symbiose zwischen Bedeutsamkeit und Unterhaltung. Seine Bücher sind intelligent und zugleich leicht zu lesen, übersichtlich, aber nicht simpel. Er versucht sich, anders als Kundera, lustvoll an immer wieder unterschiedlichen Erzählformen. Dadurch ist keines seiner Bücher wie das andere, auch wenn seine Fans verlässlich das finden, was sie an ihm lieben. Vieweghs Ausstoß liegt seit Jahren kontinuierlich bei einem Roman pro Jahr. Immer wieder geht es um Männer und Frauen. Michal Viewegh scheint ein Autor zu sein, dem umso mehr zu diesem Thema einfällt, je länger er darüber schreibt.
Auch sein jüngstes ins Deutsche übersetzte Werk - mit dem leider etwas unglücklichen Titel "Völkerball" - erhärtet diesen Verdacht**. Hier geht es um fünf ehemalige Schüler, die mittlerweile vierzig geworden sind, ohne sich je aus den Augen verloren zu haben. Sie sind in ihren Berufen etwas geworden oder nicht, haben Kinder oder auch nicht, sie haben geheiratet, sind geschieden - das normale Programm. Was Michal Viewegh mit diesem Buch erzählt: dass es den klassischen Lebensweg kaum noch gibt, dass er ausstirbt wie eine seltene Art. Die Zeiten, da man in den Zug einstieg und Station für Station abfuhr (Schule, Studium, Heirat, Kinder), sind vorbei. Das Leben ist eine Baustelle.
Wenn Sven Regeners "Herr Lehmann" ein kluges Buch über die Dreißigjährigen ist, dann ist "Völkerball" ein ähnlich kluges Buch über die Vierzigjährigen. Und ein nicht minder amüsantes. Auf die Vieweghsche Pointenschmiede ist Verlass, und wie jedes seiner Bücher ist auch "Völkerball" mit reichlich Witz übergossen.
Zwei Dinge finde ich an "Völkerball" großartig gelungen: zum einen die Passagen, die sich der Schulzeit der fünf Hauptheldinnen und -helden widmen. Diese Gewissheit, das Leben meistern zu können. Das Gefühl von moralischer Überlegenheit gegenüber der Welt, nur weil das eigene Versagen noch nicht stattgefunden hat. Die unvergleichliche Leichtigkeit jener Wochen nach bestandenem Abitur, kurz bevor sich alle zerstreuen. Das Auf und Ab von Gefühlen, die tatsächlich einmalig sind, weil sie sich bei häufigem Gebrauch abnutzen. Wie man, allein wegen mangelnder Lebenserfahrung, daneben ist und schlimme, peinliche Dinge tut. Und wie man zugleich vom eigenen Draufgängertum und vom eigenen Leichtsinn immer wieder überrascht wird. Derlei hat man oft gelesen - doch bei Viewegh liegt über allem der Zauber des Einmaligen und Unwiederbringlichen.
Ein Kritiker hat behauptet, Michal Viewegh schreibe die besten tschechischen Frauenbücher. Das leuchtet ein, denn die Darstellung der beiden Frauenfiguren - sie heißen Eva und "die Hujerová" - ist der zweite Glanzpunkt dieses Romans. Viewegh wagt, was ich in dieser Konsequenz noch nie in der zeitgenössischen Literatur gelesen habe. Er thematisiert äußerliche Schönheit (bei Eva) und Hässlichkeit (bei der Hujerová). Das ist natürlich heikel, schließlich lernt jedes Kind, dass niemand hässlich genannt werden darf. Wenn aber bis zum Umfallen und in der Ich-Form von Hässlichkeit die Rede ist und noch eine Portion Selbstironie ins Spiel kommt, verflüchtigt sich das Tabu. Wenn zum Beispiel
die Hujerová nach ihrem Studium die anderen Innenarchitektinnen beim Kampf um den attraktivsten Job aus dem Felde schlägt, liest sich das bei Viewegh so: "Die abgelehnten Mitbewerberinnen hatten Design lediglich studiert, während ich seit meiner Kindheit ununterbrochen über Schönheit, Symmetrie, Ausgewogenheit, Proportionen und so fort nachdachte - und nachts sogar davon träumte. Mich konnte keine schlagen."
Die Hujerová, die sich als Gymnasiastin noch einen Freund erfinden musste, weil sie mitreden wollte, heiratet irgendwann wirklich - und wie! "Ich wusste schon immer, dass - wenn es mir wirklich darauf ankommt - ich das Potential zu einer zeitlich begrenzten, potemkinschen Anmut habe. Und dieses Wissen fand ich zum Glück bei der Hochzeit bestätigt. Mit Hilfe von einem Pfund Make-up und Gesichtspuder, zahllosen Lippen- und Augenbrauenstiften, Wimperntusche, Eyeliner und ähnlichem Zeug, Zahnweiß, Laser, einem Push-up-BH und last but not least einem buttercremeweißen Hochzeitskleid aus Paris (mit zwei zusätzlichen Seitenteilen) und einem schlichten Teerosenstrauß kreierte ich so etwas wie eine Kathedrale aus Sand."
Voilà: Potemkinsche Anmut! Kathedrale aus Sand! Doch auch die eigene Hochzeit ist einmal zu Ende. "Drei Stunden später ziehe ich das herrliche Kleid aus, spüle das einzig brauchbare Gesicht meines Lebens ins Waschbecken und verwandele mich zurück in die Hujerová." Um zumindest noch das zu verkünden: "Man braucht nur eine Friseuse, eine Kosmetikerin und eine Dermatologin, zwei Damenschneiderinnen und eine Blumenfrau - und für ein paar Stunden hört man auf, hässlich zu sein." Allein für dieses "nur" muss man die Hujerová doch lieben.
Ich habe Michal Viewegh am Valentinstag in Prag getroffen, in der "Kavárna Slavia". Er ist freundlich und hat etwas Vertrauenerweckendes. Er trägt ein dunkelgrünes Cordjackett überm schwarzen Pullover und Jeans, und er wirkt deutlich jünger, als ich es erwartet habe. Nicht jeder 43-Jährige hat so dichtes Haar und ist so gut in Form wie Michal Viewegh. Mit seiner abgewetzten Ledertasche und seiner dünngeränderten Brille wirkt der Frauenversteher von Prag eher wie ein junger Ingenieur, und er bewegt sich wie jemand, der seine Zeit nicht zu verplempern gedenkt. Auch nicht in Kaffeehäusern.
Im Moment führt er einen Prozess gegen eine große Boulevardzeitung. Die hat auf Seite eins im "Hat er es wirklich getan?"-Stil behauptet, Viewegh wolle seine schwangere Frau wegen einer anderen verlassen. Derartige Prozesse endeten in Tschechien bisher mit lachhaften Verurteilungen. Die höchste Entschädigung, die je gezahlt wurde, so erzählt Viewegh, waren etwa 4000 Euro. Jetzt will Viewegh eine Entschädigung erstreiten, die der Zeitung wirklich weh tut. Wenn er gewinnt, will er davon einen
Fonds einrichten, der es Künstlern in ähnlicher Lage ermöglicht, sich mit rechtlichen Mitteln zu wehren.
Michal Viewegh war sich nicht sicher, ob sein Englisch für unser Gespräch ausreicht, deshalb sekundiert ihm Marketa, eine 27 Jahre alte Englischlehrerin, groß und blond, ein ehemaliges Model. Mit zwanzig verliebte sie sich in ihn; heute ist sie mit einem anderen verheiratet, liebt aber nach wie vor Vieweghs Bücher.
Ich beginne, ihn mir als einen tschechischen Hornbystuckradbarreschulze vorzustellen: thematisch und in der Tonlage dicht bei Nick Hornby, von derselben Freundlichkeit und Belesenheit wie Ingo Schulze und mit den Groupie-Erweckungskapazitäten eines Benjamin von Stuckrad-Barre.
Wir reden über das, worum es auch in seinen Büchern geht: über Männer und Frauen. Wir reden über Onanie und ihre Darstellung im Theater, über Paare, über Liebe, Ehe und Sex. Es gibt so viele Abgründe, die noch nicht beschrieben wurden. Nur die Romanzen sind längst geschrieben. Aber die kommen im Leben nicht vor. Michal Viewegh erzählt einen Witz (auf welche Weise ein Schotte Viagra nimmt). Dass er ein glücklicher Mensch ist, erzählt er auch. Das sei ihm mal wieder gewahr geworden, als er sich neulich auf seinem Sofa sitzend umschaute: Da war seine Frau Veronika, zwei seiner Kinder und seine Freundinnen Marketa und Tereza, die einst um ihn rivalisierten. Nun sind sie Freundinnen, plaudern mit seiner Frau und schaukeln seine Kinder.
Der Abend könnte noch ewig so weitergehen, aber plötzlich sagt Viewegh, dass er nicht so lange bleiben kann; sein Vater liegt praktisch im Sterben. An der Garderobe hilft er Marketa in den Mantel und plaudert kurz mit der Garderobenfrau. Er wird oft erkannt, und seinen Ruhm verwaltet er mit freundlicher Gelassenheit. Na sicher, jeder darf ihn mal in ein kurzes Gespräch verwickeln. Wer seine Bücher gelesen hat, will natürlich auch was dazu sagen. Überhaupt, warum abschotten? Gibt ja nur zehn Millionen Tschechen.
Wir gehen hinaus auf die Straße. Viewegh lässt seine Straßenbahn abfahren und läuft noch ein Stück. Der Mond steht voll am Himmel. Männer mit Blumensträußen streben heimwärts; die Blumenkioske haben am Valentinstag auch um zehn Uhr abends geöffnet. Viewegh zeigt auf ein Plakat zur tschechischen Filmpreisverleihung: darauf auch ein Bild aus der Verfilmung seines "Romans für Frauen". Die hat im letzten Jahr alle tschechischen Kassenrekorde gebrochen. Kein US-Blockbuster, nicht mal Harry Potter hat Vieweghs Stoff vom Spitzenplatz verdrängen können.
Wir verabschieden uns. Von Marketa gibt's ein Küsschen, dann geht er zur Straßenbahn. Und morgen Vormittag wird er wieder in seinem Arbeitszimmer sitzen und schreiben. Von Männern und Frauen.
* "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" mit Lena Olin und Juliette Binoche.
** Michal Viewegh: "Völkerball". Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Verlag Deuticke, Wien; 240 Seiten; 17,90 Euro.

DER SPIEGEL 17/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 01:35

Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"

  • Video "Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis" Video 04:55
    Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"