29.04.2006

BERGBAUHalbe Treppe

In Wassenberg bei Aachen hebt sich der Boden und zerstört Häuser - eine unerwartete Spätfolge des Kohlenabbaus, die auch andere Regionen treffen könnte.
Dass der durchlöcherte Boden unter ihrem Elternhaus absackte, daran hatte sich Rita Klöcker, 47, längst gewöhnt. Doch dass die Erde sich nach oben wölbt, Jahr für Jahr, schon bis zu 20 Zentimeter hoch, das ist selbst für die Menschen in Deutschlands ältestem Steinkohlerevier zwischen Aachen und Erkelenz etwas Neues.
Drei Jahre nach Schließung der letzten Zeche Sophia-Jacoba in Hückelhoven 1997 platzten in Klöckers Esszimmer in Wassenberg die Bodenfliesen auseinander. Dann fielen Putzstücke aus der Wand. Durch fingerbreite Risse im Mauerwerk pfiff der Wind. Nun soll das Gebäude abgerissen werden. "Mein Elternhaus hat jahrzehntelang dem Bergbau standgehalten", klagt Klöcker, "jetzt wird es durch Spätfolgen zerstört, mit denen niemand gerechnet hat."
Derzeit pilgern Wissenschaftler, Ingenieure, Juristen und Abgeordnete nach Wassenberg, um die ersten Bergschäden durch Bodenhebungen zu besichtigen. Entlang einer rund neun Kilometer langen Linie, die mitten durch den Ort führt, sind Häuserwände gerissen, Straßendecken aufgeplatzt, Kanäle lädiert. Selbst die Hälfte des Fußballplatzes des 1. FC Wassenberg-Orsbeck hob sich um acht Zentimeter an.
Die Schäden, so Axel Preuße, Leiter des Instituts für Markscheidewesen, Bergschadenkunde und Geophysik an der Technischen Hochschule in Aachen, seien offenbar durch ansteigendes Grubenwasser entstanden, nachdem die Bergwerksgesellschaft die stillgelegten Schächte geflutet hatte. Seine Befürchtung: Was in Wassenberg geschehen sei, könne "an vielen Orten passieren, wo nach dem Ende des Bergbaus die Pumpen abgestellt werden".
Damit wie in Wassenberg Häuser zerreißen, ist nach ersten Erkenntnissen ein besonders wackeliger Untergrund nötig, eine sogenannte tektonische Störungszone. Allerdings: In vielen Bergbauregionen, so Preuße, gebe es solche Zonen.
Im Ruhrgebiet und am Niederrhein könnten Schäden "nicht ausgeschlossen" werden, antwortete die nordrhein-westfälische Landesregierung auf eine Anfrage der Grünen. Es gebe noch "keine sichere Prognose" über "Umfang und Schadenswirksamkeit zu erwartender Hebungen".
Tatsächlich haben im südlichen Ruhrgebiet, in Westfalen und im Saarland mehrere stillgelegte Bergwerke ihre eigenen Pumpen ganz oder teilweise abgestellt - auch wenn das Ruhrrevier noch weitgehend über zentrale Pumpstationen entwässert wird.
Schäden wie im Wassenberger Friseursalon Dahmen sind dort noch nicht eingetreten. Zwischen dem Damensalon und dem Arbeitsraum klafft ein 15 Zentimenter breiter Riss. Der vordere Teil des Geschäfts hat sich seit 2000 um neun Zentimeter angehoben. Friseurmeister Diethelm Dahmen hat eine Stufe über die Lücke gebaut. Doch die Hausteile, sagt er, bewegten sich weiter auseinander - "seit September schon wieder einen halben Zentimeter". Ein paar hundert Meter weiter war ein Modegeschäft auseinandergebrochen. Der Neubauteil steht nun auf beweglichen Betonpfählen mit justierbaren Stahlspindeln.
Mindestens 10 bis 20 Jahre könne die Erde sich noch weiter heben, erläuterten Experten Abgeordneten des Düsseldorfer Landtags beim Ortstermin im März. Und: Schäden seien durchaus auch abseits der jetzigen Linie möglich.
Parlamentarier fragten inzwischen im Landtag nach, wer das alles bezahle. Zuständig ist der Essener Konzern RAG, in dem das frühere Bergbauunternehmen Ruhrkohle AG steckt. Die RAG bereitet gerade den Börsengang vor. Dabei will sie die sogenannten Ewigkeitskosten für Aufwendungen nach dem Ende des Bergbaus an den Staat weiterreichen. Kritiker fürchten, Spätschäden könnten dann dem Steuerzahler aufgedrückt werden.
Die RAG erklärte, sie sei bislang "allen berechtigten Forderungen nachgekommen", und dies werde auch in Zukunft so sein. Rückstellungen in ausreichender Höhe stünden zur Verfügung. Über den Zusammenhang zwischen den Erdhebungen und dem Anstieg des Grubenwassers, so eine Konzernsprecherin, lägen zurzeit nicht genügend gesicherte Erkenntnisse vor. Schäden, so versichert das Unternehmen, könne es ohnehin nur in Störungszonen geben. Diese aber seien an der Ruhr bekannt, die Gebäude dort gesichert. Darüber hinaus habe die Deutsche Steinkohle mehrere Forschungsaufträge vergeben, erste Ergebnisse würden dieses Jahr erwartet.
Manch Wassenberger Bürger hat allerdings wenig erfreuliche Erfahrungen mit der RAG gemacht. Der Eigentümer des Alten Rathauses etwa, an dem durch Bodenhebung faustdicke Fassadenrisse entstanden, kämpfte fünf Jahre um Entschädigung. Im Februar bestätigte der Bundesgerichtshof, die RAG Immobilien AG müsse die Schäden bezahlen. Die RAG hatte argumentiert, sie seien bereits über einen mit einem Vorbesitzer vereinbarten Bergschadensverzicht abgegolten.
Im nahen Hückelhoven weigert sich der Eschweiler Bergwerks-Verein, der im Namen der RAG Immobilien AG Bergschäden abwickelt, seit zwei Jahren, starke Risse an einem ehemaligen Bauernhof zu besichtigen. Die Schäden "müssen eine andere, bergbaufremde Ursache haben", so die Ferndiagnose per Brief. Ein Gutachter zog das inzwischen stark in Zweifel, der Besitzer will klagen.
Fast 200 Menschen versuchten derzeit noch, Entschädigungsansprüche durchzusetzen, so die Initiative "Bürger gegen Bergschäden". Bislang habe die RAG geschätzte sieben Millionen Euro gezahlt.
ANDREA BRANDT
Von Andrea Brandt

DER SPIEGEL 18/2006
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