29.04.2006

BOLIVIENDer globale Indio

Dieser Präsident im Pullover ist zur Symbolfigur aller Linken und Antiamerikaner geworden. Dabei will der Bolivianer Evo Morales mehr sein als nur ein Ché Guevara des 21. Jahrhunderts. Von Jochen-Martin Gutsch
Vielleicht ist die Geschichte, die Alex Contreras erzählt, wahr, vielleicht ist es auch einfach nur eine gute Geschichte. Eine Geschichte über Bauern, Solidarität und die Geburt eines Kindes. Eine Jesus-Geschichte sozusagen. Aber sie würde passen, sie wäre ein guter Anfang für ein Heldenleben.
An einem Tag im Oktober 1959 sollte die Bäuerin María Ayma ein Kind bekommen. In der Holzhütte mit dem Dach aus Stroh saßen seit Stunden die Hebamme, ihr Mann Dionisio Morales Choque und einige Leute aus dem Dorf. Man konnte nicht mehr viel tun. Nur hoffen, beten, die Blutungen wurden immer stärker. Es sah nicht gut aus für María und das Kind, das sie erwartete. Plötzlich hatte sie Hunger. Heißhunger auf frisches Brot, warm noch, duftend. Jemand von den Dorfbewohnern lief los. Er fand kein frisches Brot in Isallavi, er lief weiter durch die staubige Steppe des Altiplano, eines bolivianischen Hochplateaus 4000 Meter über dem Meer, mit klirrenden Nächten und Tagen, an denen die Sonne den Boden verbrennt, er lief so lange, bis er die Hütten irgendeines Dorfes fand, eines Dorfes mit frischem Brot, und dann lief er wieder zurück, müde schon, aber mit eiligen Schritten, getrieben von der Angst, zu spät zu kommen und ein totes Kind zu sehen oder eine tote Mutter. Er kam nicht zu spät. Er gab der Mutter das Brot, aber sie wollte es nicht allein. Sie begann es zu teilen, mit ihren Händen zu zerreißen, ein Stück für jeden in der Hütte - und genau in diesem Augenblick des Teilens löste sich alles auf, der Schmerz und die Angst und die Zeit, und die Wehen pressten ein gesundes Kind hinaus. Juan Evo Morales Ayma. Das ist die Geschichte. Oder die Legende. Sie wird irgendwann in dem Buch stehen, der Biografie über Evo Morales, an der Alex Contreras seit acht Jahren arbeitet. Acht Jahre klingen
nach einem dicken Buch. Mit vielen Geschichten.
Alex Contreras hat ein schönes, großes Büro im Palacio von La Paz, einen dunklen Schnurrbart wie der Sandinistenführer Daniel Ortega und keine Zeit. Er wird gerade überflutet von Anfragen. Irgendwelche Dokumentarfilmer stehen plötzlich vor seiner Tür, Journalisten aus Europa, Fernsehteams aus Kalifornien und wollen mit Evo Morales sprechen, dem Indianer-Präsidenten, dem Ché-Guevara-Verehrer, dem Mann, der sagt, er wäre der größte Alptraum der USA, und über den einige Leute in den USA sagen, er sei ein Rauschgifthändler und Terrorist.
Eigentlich ist es kein schlechter Job, Biograf und Pressesprecher des bolivianischen Präsidenten zu sein. Nicht der aufregendste Job der Welt, aber auch keiner, bei dem der Stress einen umbringen sollte. Bolivien wurde zweimal kurz berühmt: 1967, als Ché Guevara in den Vorbergen der Anden erschossen wurde. Und 1997, als man seine Knochen fand. Normalerweise interessieren bolivianische Präsidenten niemanden besonders. Sie sind, global gesehen, in der Regel so unbekannt wie bulgarische Präsidenten oder albanische Fußballer. Meist bleiben sie auch nicht lange Präsident, sie werden weggeputscht oder geben irgendwann auf, weil das Volk in Massenstreiks das Land lahmlegt. Morales ist bereits der fünfte neue Präsident in den vergangenen fünf Jahren.
Contreras sagt, der Stress begann mit dem verdammten Pullover. Es ist die nächste gute Geschichte. Im Dezember 2005 gewann Evo Morales die Präsidentschaftswahlen. Anfang 2006 fuhr er nach Europa, um sich vorzustellen. Staatsbesuche. "Am Abend vor dem Abflug sagten wir: 'Evo, nimm dir was Warmes mit, in Europa ist es kalt.' Er steckte später diesen komischen Pullover ein, den ihm irgendeine Frau mal geschenkt hatte." Morales stand dann im blau-weiß-rot gestreiften Strickpullover, einer Chompa, neben dem spanischen König. Er sah aus wie ein Panflötenspieler aus der Fußgängerzone, der sich verirrt hatte. Ein Indianer aus der Neuen Welt zu Besuch in der Alten Welt, mit ihren dunklen Anzügen, schwarzen, glatten Schuhen und protokollarischen Empfängen.
In Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, wo rund 70 Prozent der Bevölkerung Indianer sind, lieben sie Morales für seine Auftritte. Das fügt sich in das Bild von einem neuen bolivianischen Präsidenten, der sich der Kultur des Westens nicht unterwirft, weil es nicht seine Kultur ist. In Europa schaffte es Morales auf die Titelseiten. Kommentatoren versuchten die Farben des Pullovers zu deuten, die Breite der Streifen. Indianer sind immer rätselhaft. Sozialistische Indianer erst recht. "Ich komme aus dem Volk, ich kleide mich wie das Volk", sagte Morales.
Es klingt, als würde es wieder losgehen. Ganz Südamerika ist gerade im Umbruch, der Kontinent scheint rot zu werden. Sie hatten dort schon immer die besseren Helden. Schön wie Ché, sanft wie Allende, auf einem dunklen Pferd reitend wie Daniel Ortega. Sie verkörperten den alten Traum von etwas Neuem, Gerechterem, ein lässiger Sozialismus am besten, in einem warmen Land, geführt von guten, entspannten Menschen. Ein Sozialismus wie ein schöner Rum. Asien ist bekannt für Wirtschaftswunder, Lateinamerika für Revolutionen. Evo Morales scheint auch auf dem Weg zu sein. Nach seiner Wahl flog er zuerst zu Fidel Castro, von dem er sagte, er sei sein Freund, dann zu Hugo Chávez nach Venezuela, den er einen Verbündeten nannte "im Kampf gegen Neoliberalismus und Imperialismus". Er sprach vom Kampf gegen "das Imperium", also die USA, und davon, dass die Kultur der Indios eine Kultur des Lebens sei und die Kultur des Imperialismus eine Kultur des Todes.
Alex Contreras spricht bereits vom "Evismo", der sich in Südamerika ausbreite. Aber was ist Evismo? Eine politische Strömung, eine neue gesellschaftliche Theorie? "Wir wissen es noch nicht genau", sagt Contreras. "Aber wir lassen das gerade untersuchen."
Evo Morales ist ein Bauernkind. Vier seiner Geschwister starben, bevor sie zwei Jahre alt wurden. Er ging zur Schule, zwölf Klassen, er war Lamahirte, Trompeter, Marathonläufer, Maurer, Fußballtrainer und Koka-Bauer. Er glaubt an die Pachamama, die Mutter Erde, und die Vier Gebote der Aymara-Indianer: Du darfst kein Dieb sein. Du darfst nicht lügen. Du darfst nicht faul sein. Du darfst nicht unterwürfig sein. Womöglich machen ihn diese Gebote schon zur Idealbesetzung für den Revolutionär in den kalten Zeiten der Globalisierung.
Manchmal bewegt sich Morales bereits, als dürfte er jetzt keine Fehler machen, die das Bild erschüttern. An einem Sonntagvormittag in der Avenida Ecuador von La Paz springt er hastig aus einem schwarzen 7er BMW, so als wäre es ihm unangenehm, mit dem schweren, glänzenden Auto gesehen zu werden. Er tritt kurz kräftig mit den Füßen auf, dann geht er los, durch das Spalier, das ihm ein Bodyguard in einer Blousonjacke freiräumt, auf eine Bühne, zusammengenagelt aus ein paar Brettern, und setzt sich auf einen Plastikstuhl.
Morales ist spät dran, die Leute warten. Er soll heute ein Haus einweihen. Eine neue Zentrale seiner
Partei, die "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) heißt. Von hier aus soll die Constituyente, die verfassunggebende Versammlung, vorbereitet werden. Vor kurzem war das dreistöckige Haus noch ein Büro von Morales' Gegenkandidat Jorge Quiroga, aber ein paar Leute von den "Satucos", Unterstützern der MAS, haben einfach ein großes Bild an die Wand vor dem Haus gemalt mit einer schönen aufgehenden Sonne, einem blassen, gottähnlichen Ché Guevara und den blau-weißen Farben der Partei. Morales hätte gern eine neue Verfassung für Bolivien, die der indianischen Mehrheit die volle politische Teilhabe garantiert. Er hat versprochen, "das Land neu zu gründen", da kann eine neue Verfassung hilfreich sein. Morales schaut kurz auf sein Handy, dann legt er die Hände in den Schoß. Er trägt eine braune Bundlederjacke, graue Jeans, weiße Tennissocken und hellblaue Adidas-Sneaker. Er sieht aus wie ein Fußballtrainer.
Ché Guevara trat 1964 im Guerilla-Look vor die Uno. Evo Morales trägt Lederjacke und Turnschuhe. Er macht Symbolpolitik. Das ist das Beste, was er im Moment anbieten kann.
Vier Tage nach seiner Vereidigung als Präsident kürzte Morales das eigene Gehalt um mehr als die Hälfte. Er verdient jetzt 15 000 Boliviano, rund 1600 Euro. Er wohnt selten im Präsidentenpalast, stattdessen bezog er mit ein paar Vertrauten eine Wohngemeinschaft. Er entließ den Hausschneider und die Wäschefrau, die einem bolivianischen Präsidenten zur Verfügung stehen, und sagte, er wasche sein Zeugs selbst. Den Arbeitsbeginn im Präsidentenpalast verlegte er drei Stunden vor, auf fünf Uhr morgens. Der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice schenkte er beim ersten Treffen in Chile eine Gitarre, an die ein paar Koka-Blätter geklebt waren. Es war so ähnlich wie damals, als Udo Lindenberg Erich Honecker eine Lederjacke überreichte.
Neben Morales sitzen die Botschafter aus Venezuela und Kuba. Wahrscheinlich wird das die Nordamerikaner wieder ärgern. Gut so. Der kubanische Botschafter trägt auch Lederjacke, der venezolanische Botschafter eine Basecap, niemand einen Schlips. Man könnte sich mit allen möglichen Mitgliedern der bolivianischen Regierung treffen, niemand wird einen Schlips tragen. Arbeiter und Bauern tragen keinen verdammten Schlips. Der Schlips ist ein Symbol des Kapitals, der Geschäftemacher und Ausbeuter. Das ist die Idee.
Morales hat sich, als seine Vereidigung bevorstand, Anzüge von der Modedesignerin Beatriz Canedo Patiño machen lassen, eher widerwillig, aber ganz ohne Anzug kommt kein Präsident aus, auch nicht der bolivianische. Er schickte jemanden aus seinem Stab zu Frau Patiño, die auch Kleider näht für First Ladies. Morales hatte zwei Wünsche: keinen Schlips, und der Anzug muss zu seinen indianischen Wurzeln passen. Frau Patiño nähte ein indianisches Muster in den Anzug ein. Sie gab ihm fünf Prozent Rabatt, er zahlte in zwei Raten, cash.
Wahrscheinlich war das der beste Kompromiss. Ein Anzug, aber ein indianischer. Wenn schon Kapitalismus, dann nach unseren Regeln. Eigentlich erzählt der Anzug das ganze politische Programm.
Die Sonne brennt. Der Vizepräsident spricht. Morales guckt wieder auf sein Handy, blinzelt. Er versucht eine blaue Parteischirmmütze aufzusetzen, als Schutz vor der Sonne, aber sein Kopf ist zu groß oder die Haare zu dick, jedenfalls passt sie nicht. Dafür tritt jetzt ein Mann von hinten heran, ein Mann in einer dunklen Uniform und mit einem weißen Uniformhut, ein Militärattaché vielleicht. Er spannt einen weißen Schirm auf und hält ihn über den Kopf von Morales. Der beugt sich leicht nach vorn, raus aus dem Schatten. Der Schirm rückt nach. Der Oberkörper biegt sich weiter vor. Der Schirm folgt. Es ist wie ein Spiel. Morales flüchtet vor dem Schirm, er weiß, dass Königinnen Schirmhalter haben oder die Damen aus San Miguel, dem Stadtteil im Süden von La Paz, wo die Häuser hinter hohen Zäunen stehen und die Reichen leben, die Weißen, und dass der Schirm das ganze Morales-Bild versauen kann. Leute wie er dürfen nie unter Schirmchen sitzen. Es wäre ein Anti-Symbol.
"Bruder, Genosse, Freund Evo", ruft endlich ein Mann in einer blauen Parteijacke, und Morales steht schnell auf und ist den Schirm los. Mit beiden Händen umfasst er das Mikrofon, hält es vor der Brust. Er malt das Bild einer Gesellschaft, die geprägt ist von Ungerechtigkeit und Diskriminierung. "Wir brauchen wieder Frauen und Männer, die das Land lieben", sagt Morales. Es ist keine besondere Rede. Man weiß danach noch immer nicht, wer er ist oder wofür er steht.
Ein Sozialist? Ein Revolutionär? Ist er das? Oder zumindest irgendwas davon? Morales verlässt die kleine Bretterbühne. Er hat vom Erdgas gesprochen, das er verstaatlichen will. Es ist sein großer Plan. Bolivien hat die zweitgrößten Vorkommen in Südamerika. Man sitzt auf einem Schatz, und Morales hat den Leuten gerade wieder erklärt, dass den Schatz immer andere heben, die Konzerne aus dem Ausland, und dass er wieder dem bolivianischen Volk gehören muss.
Die Leute haben geklatscht. Vor allem aber haben sie ihm zugeklatscht. Morales
selbst ist sein bestes Programm. Sein Leben. Er ist der arme Bauer, der erste Indio, der Präsident wurde, keiner der weißen Oberschichtjungs, die saubere Polohemden tragen, in Florida studieren und später in die Politik gehen. Aufsteigergeschichten werden immer geliebt. Gerade in Bolivien. Bolivien hat eigentlich immer verloren. Kriege, Revolutionen, Bedeutung. 1879 verlor man den Zugang zum Meer an Chile, die größte Niederlage. In Ländern, die oft verlieren, ist die Sehnsucht nach Helden noch größer als anderswo. Präsidenten sollen dort immer auch Erlöser sein.
Morales geht ein paar Schritte, dann kommen die Hände. Überall Hände, die ihn anfassen wollen, berühren, nur ein Stück von ihm, einen Arm, das Haar, sehnsüchtig, als wäre er ein kleiner Gott. Er flüchtet in das neue Parteibüro. Mädchen in blauen Parteijacken servieren Koka-Blätter auf silbernen Tabletts. An den Wänden hängen Bilder von Ché Guevara. In solchen Momenten ahnt man, wie hoch der Druck sein muss für einen Helden.
Am Rand von San Francisco steht noch immer Morales' altes Haus. Er zog Anfang der achtziger Jahre vom Hochland des Altiplano hierher, ins warme Tiefland des Chapare, das Zentrum der Koka-Bauern. Der Frost hatte die Ernte zerstört, er versuchte einen Neuanfang als Koka-Bauer. Das Haus ist nicht leicht zu finden, es fällt nicht groß auf. Ein Holzhaus ohne Fenster und ohne Türen, gebaut aus dünnen Brettern, wie alle anderen im Dorf. Auf dem Dach hat jemand eine blau-weiße Fahne der MAS angebracht, wie ein Symbol des Sieges. In San Francisco gibt es eine Schule, einen holprigen Fußballplatz, die Koka-Felder, den Dschungel und die immer gleichen Tage mit Regen am Morgen, der die Wege aufweicht, Hitze am Mittag und nachts wieder Regen, manchmal lautlos und weich wie aus einem Bestäuber.
Koka ist eine gute Pflanze für Anfänger, man kann nicht viel falsch machen. Sie verlangt nichts, ein robuster Strauch, dessen Blätter man dreimal im Jahr ernten kann. Koka ist in Bolivien ein nationales Heiligtum. Jeder kaut Koka-Blätter. Oder trinkt Koka-Tee. Morales interessierte sich eigentlich nicht besonders für Politik, er versuchte, als Neubauer zurechtzukommen, aber er war ein passabler Fußballer, ein Stürmer, also wurde er Sportfunktionär in San Francisco. Sein erstes Amt. Später, als die Soldaten ins Chapare kamen, um die Koka auszurotten, wurde Morales Anführer einer Bewegung. Die Soldaten kamen meist morgens, sie standen plötzlich in den Hütten, bewaffnet mit Gewehren. Sie ließen sich die Felder zeigen, sie arbeiteten sich mit Hacken durch den Boden, viele von ihnen Wehrpflichtige, gelockt mit Geld. Mit Macheten zerstückelten sie die rausgerissenen Pflanzen.
Das Rausreißen war Teil des Gesetzes 1008, beschlossen Ende der achtziger Jahre. Bolivien war zu einem der größten Koka-Produzenten Lateinamerikas aufgestiegen, die USA wollten die Produktion von Kokain verhindern. Sie versprachen der Regierung großzügige Entwicklungshilfe, wenn sie die Koka ausrotteten. Die USA schickten Geld für den Drogenkrieg, sie schickten militärische Ausbilder. Die Maschine lief an, die Politik zur Bekämpfung der Koka. Sie brachte Armut und Gewalt. Es gab tote Bauern und tote Soldaten.
Morales' Aufstieg begann. Er schien der geborene Anführer zu sein. Er wurde Chef der Gewerkschaft der Koka-Bauern, er organisierte den Widerstand, die Protestbewegung. Er wurde verhaftet, verbannt, Polizisten der Drogenpolizei verprügelten ihn eines Tages so lange, bis sie dachten, er sei tot, anschließend warfen sie den matten Körper in den Dschungel. Morales wurde zum Staatsfeind und zum Märtyrer. Die Zeit prägte sein Bild von den USA. Den Gringos, die nie etwas Gutes brachten. Am Ende führte der Kampf um die Koka dazu, dass ein Koka-Bauer Präsident wurde.
Wahrscheinlich ist es jetzt nicht einfach, sich umzustellen, ruhig zu werden. Zu regieren. Ché Guevara, der Vater aller Helden, blieb nicht lange kubanischer Industrieminister. Es langweilte ihn. Er war kein Politiker. Morales muss Präsident sein, Politik machen, eine unendliche Kette von Kompromissen und Beratungen in Sitzungssälen mit Getränkeinseln auf dem Tisch. Vielleicht ist es deshalb ganz gut, dabei wenigstens Turnschuhe zu tragen.
"Evo Morales ist ein Mann des Kampfes. Ein Anführer", sagt Flavio Machicado. Er war früher Finanzminister und hat ein paarmal mit Evo Morales gesprochen, noch bevor der Präsident wurde. Das Land war lahmgelegt durch Streiks. Morales und seine Partei MAS waren die Anführer. "Er hörte zu, was ich sagte, aber er schien es nicht zu durchdringen. Entweder hatte er keine Lust, oder er verstand es nicht." Machicado, 68 Jahre alt, war zweimal in der Regierung, Anfang der siebziger und Anfang der achtziger Jahre. Er wollte sparen damals, den Haushalt sanieren. Er war, wenn man so will, das Gegenteil von Evo Morales. Jemand, der nicht groß begeistert und sich einfügt in den zähen Kreislauf des Regierens. "Morales gilt jetzt für viele als Sozialist, aber ich glaube, er weiß gar nicht, was Sozialismus ist", sagt Machicado. "Ihm fehlt dafür die Bildung und die Überzeugung. Er ist ein Sozialist vom Hörensagen. Sie kennen ja sicherlich die Geschichte, wie er zu seiner Partei kam, der MAS?"
Vermutlich kennen viele in Bolivien die Geschichte. Sie ist kein großes Geheimnis. 1997 wollte Morales eine Partei zur Wahl anmelden, sie sollte IPSP heißen. Das bedeutet so viel wie "Politisches Instrument für die Souveränität der Völker". Der Wahlgerichtshof lehnte den Antrag ab, Morales hatte einige Formalitäten nicht erfüllt. Später wurde ihm dann von einer kleinen, bereits zugelassenen Partei einfach der Name angeboten. Die Partei heißt MAS, Movimiento al Socialismo, eine eher rechte Partei, geführt von dem Geschäftsmann und Ex-Militär David Añez Pedraza. Morales und seine Leute trafen mit der MAS eine Vereinbarung und übernahmen oder kauften neben dem Namen auch die Farben der MAS. Wahrscheinlich ist die MAS die erste Partei, die nach Sozialismus klingt, aber blau-weiße Fahnen hat.
Es stört eigentlich niemanden. Die ganze Geschichte stört nicht. "Evo Presidente",
steht auf unzähligen Hauswänden und Mauern im Land, getüncht in Blau und Weiß. Am Ende ist es völlig egal, wie die Partei heißt. Sie haben sowieso nur ihn gewählt. Evo Morales ist bereits zu einer riesigen Projektionsfläche geworden für die Sehnsucht nach dem guten Menschen, dem edlen Indianer, dem gerechten Sozialisten, dem kämpferischen Anti-Imperialisten oder was auch immer. Man lässt sich das nur ungern kaputtmachen. Es gibt sowieso schon zu wenig Helden.
Der letzte war Ché. Loyola Guzmán hat mit ihm gekämpft. Sie wollten von Bolivien aus auf dem ganzen Kontinent die Revolution entzünden. Heute sitzt Loyola Guzmán an einem großen Tisch im "Haus des Gedächtnisses" in La Paz, eine Frau mit ernstem, strengem Gesicht, die Haare leicht ergraut. Sie war 24, als sie sich der Befreiungsarmee des Comandante Guevara anschloss, eine junge Studentin, damals im Januar 1967. Im September wurde sie festgenommen. Im Oktober wurde Ché Guevara erschossen. Loyola Guzmán wird 1970 nach Chile ins Exil geschickt, von dort später nach Kuba. Sie kehrt zurück nach Bolivien, der Diktator Hugo Bánzer hatte sich gerade an die Macht geputscht, sie bekommt Arbeitsverbot, darf La Paz nicht verlassen. Sie ist eigentlich immer auf der Flucht. Es ist ein lateinamerikanisches Schicksal in diesen Jahren. Die Angst vor dem eigenen Land. Wahrscheinlich vergisst man das oft, wenn man sich wundert, warum sie in Venezuela heute den großmäuligen Hugo Chávez verehren, in Argentinien Néstor Kirchner. Es sind ihre Leute. Sie haben sie frei gewählt. So wie auch Evo Morales.
In den Regalen im "Haus des Gedächtnisses" stehen Videokassetten und Ordner voller Zeugenaussagen und Hinweise über die Verschwundenen jener Jahre. "Die Diktaturen haben eine ganze Generation ausgelöscht", sagt Loyola Guzmán. "Man spürte die Lücke lange in Lateinamerika." Einmal in der Woche trifft sie sich mit Angehörigen. Sie suchen immer weiter. Von 150 Verschwundenen in Bolivien fehlen noch die Überreste. Darunter die von sechs ehemaligen Mitkämpfern Ché Guevaras.
Loyola Guzmán hat sich gefreut, als Morales Präsident wurde. "Er ist kein Sozialist, aber er will eine Veränderung. Seit den sechziger Jahren versuchen wir ein souveränes Land zu sein, wie so viele andere auch in Lateinamerika. Wir wollen hier keinen Sozialismus, es geht um Würde, Gleichheit und Arbeit." Es klingt, als könnte man den Kapitalismus nicht mehr besiegen. Sondern nur noch zähmen. Und Ché?
"Ich vermisse ihn", sagt Loyola Guzmán. "Aber es kommen neue Anführer. Evo ist auch ein Anführer, auf seine Art. Er will das Richtige. Aber er braucht Training und gute Berater."
Ein paar Tage später gibt der Anführer Morales eine Pressekonferenz. Er verkündet, dass die Weltbank dem Land die Auslandsschulden erlassen wird. 1,5 Milliarden Dollar. Ohne Bedingungen. "Eine Bank ist natürlich immer noch eine Bank", sagt Morales. Aber sie hätte mit Freuden mitgeteilt, dass sie Bolivien die Schulden erlasse. Dann verschwindet er. Am Abend, sagt Alex Contreras, der Biograf und Pressesprecher, könne man mit dem Präsidenten reden. Am späten Abend sitzt Morales in einem Zimmer im Präsidentenpalast. Es ist vollgestellt mit zierlichen Rokoko-Möbeln aus der Kolonialzeit, am Fenster hängen schwere Vorhänge aus rotem Samt. Morales sitzt auf einer Couch mit Goldrand. Er lehnt sich nicht an, er sitzt nach vorn gebeugt in einer braunen Lederjacke. Er erinnert an einen Schauspieler oder Rockstar, den man in ein teures Hotelzimmer gekarrt hat, um ein Interview zu geben.
Evo Morales erzählt gern. Die Frage ist, was es bedeutet.
Er sagt, dass er nie gedacht hätte, so wichtig zu werden. Er fühle sich auch nicht als Präsident, eher wie ein Anführer. Die Gästehäuser europäischer Regierungen hätten ihn verwundert. "So viele Zimmer, so viele Schränke, wozu sind die da, wer benutzt das alles?" Er sei sehr natürlich, ein Ureinwohner. "In Chile riefen mir die Leute zu: 'Evo, bitte ändere dich nicht.'" Ob er ein Sozialist sei, könne er nicht sagen, "nur das Volk kann darüber entscheiden". Ché wollte eine Gesellschaft mit Prinzipien, die wolle er auch. Er beginne morgens um fünf mit der Arbeit, mache am Nachmittag 30 Minuten Mittagsschlaf, nachts zwischen null und ein Uhr schaue er Nachrichten. Sein Vater habe immer gesagt: Evo, eines ist heilig. Du darfst niemals eine Frau schlagen. Denn die Frau ist die Rippe des Mannes.
Es sind die Momente, in denen man das Gefühl hat, dass er hier nicht hingehört. In diesen Palast. Auf diese Couch. Er wirkt jetzt wie ein guter, tapferer Bauer, der irgendwie in den Klassenkampf geraten ist. Aber er kann jetzt nicht mehr zurück. Sie brauchen ihn. Es gibt so viele Hoffnungen.
Alex Contreras, der Biograf, kommt ins Zimmer und nickt kurz. Ein Fernsehteam aus Italien wartet bereits. Eigentlich hat man auch keine Fragen mehr. Evo Morales steht auf, ein einfacher Mann in einer braunen Lederjacke. Vielleicht wird man sich trotzdem an ihn erinnern, eines Tages. Für Helden gibt es eigentlich immer nur zwei Wege. Sie fallen. Oder werden unsterblich.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 18/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BOLIVIEN:
Der globale Indio

  • 80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"