29.04.2006

KINOSex mit dem Leben

Uschi Obermaier war eine Pop-Ikone der sechziger und siebziger Jahre: Sie posierte nackt für die Kommune 1, tourte mit den Rolling Stones und probierte alles aus, was Spaß macht. Nun wird das Leben der gebürtigen Münchnerin aufwendig verfilmt.
Eine Frau steht nackt am Strand und schaut auf das Meer, während die Wellen gleichmütig ans Ufer rollen. Die Sonne ist schon untergegangen, und doch leuchtet am Horizont ein helles Licht. In der Ferne treibt ein Floß, auf dem der Leichnam eines Mannes verbrennt. Für die Frau war er der Mann ihres Lebens. Ganz allein steht sie nun in der Bucht, da streicht sie sanft mit der Hand über ihren Oberarm, als wolle sie noch ein letztes Mal spüren, wie es war, von ihm berührt zu werden.
In diesem Moment, als die Sinnlichkeit über die Endlichkeit siegt, halten gut hundert Menschen in der Bucht inne. Sie hocken hinter Felsen, kauern hinter Booten, verbergen sich in Höhlen. Es sind die Mitglieder des Teams, das hier, an einem entlegenen Strand im südlichen Goa, das Leben von Uschi Obermaier verfilmt. Alle verharren andächtig still im graublauen Dämmerlicht. Regisseur Achim Bornhak schaut gebannt zu, wie die Hauptdarstellerin Natalia Avelon mit dieser kleinen Bewegung die Lebenslust dieser Frau spüren lässt, dann sagt er das böse Wort: Cut.
Ein Schlüsselbild ist im Kasten: der Augenblick, in dem ein übertouriges Leben zum Stillstand kommt. Es wird wohl der mit Abstand ruhigste Moment sein in dem vorläufig "Eight Miles High" betitelten Film, der so schnell und so dicht werden soll wie das Leben seiner Heldin. "Wir versuchen, das Wort ,Exzess' von seinem schlechten Ruf zu befreien", sagt der 37jährige Bornhak, während ein paar quirlige Inder fröhlich und lautstark das Feuer auf dem Floß löschen. "Der Film wird etwas Rauschhaftes haben."
Acht Jahre hat es den Produzenten Dietmar Güntsche, 37, gekostet, Obermaiers pralles Leben auf die Leinwand zu bringen. "Es bietet Stoff für zehn Filme", sagt er und betrachtet den Sand, der durch seine Hand rinnt. "Es war ein schwieriger und langwieriger Prozess, die entscheidenden Ereignisse herauszufiltern." Für eine konventionelle Filmbiografie hat Uschi Obermaier einfach viel zu viel gelebt.
"Es bräuchte wohl mehrere Folgen", sagt die 1946 im Münchner Stadtteil Sendling geborene Obermaier lachend, die heute bei Los Angeles wohnt. "Schmerzhaft intensiv" sei die Mitarbeit am Drehbuch gewesen, doch nun freue sie sich auf "das Experiment". Vielleicht müsse sie dann auch in Zukunft nicht mehr ständig die alten Geschichten aus den sechziger und siebziger Jahren erzählen. Wer an ihnen interessiert sei, könne ja ins Kino gehen.
Tatsächlich wird "Eight Miles High" die Jahrzehnte wie im Zeitraffer durchmessen: die sechziger Jahre, in denen Obermaier als Model ihr Geld verdiente und als Frontfrau der Berliner Kommune 1 berühmt wurde; die Siebziger, als sie Liebesaffären mit Mick Jagger und Keith Richards hatte und ihren Lebensgefährten Dieter Bockhorn kennenlernte; und schließlich die frühen Achtziger, als Bockhorn starb und Obermaier neu anfangen musste.
Als Galionsfigur der Gegenkultur verband sie Pop und Politik. Sie war die fleischgewordene Antithese zur deutschen Hausfrau, die Mann und Kinder treu umsorgt: ein wildes Mädchen, dessen Körper sich von Kopf bis Fuß jeder Mutterrolle zu verweigern schien. Im Gegensatz zu
den üppigen Schönheiten der fünfziger Jahre hatte sie kein gebärfreudiges Becken, sondern schmale Hüften, und ihre kleinen Brüste schienen nicht dafür geschaffen, Kinder satt zu machen, sondern nur die Männer unendlich hungrig.
Sie war die Frau, die sich nahm, was sie wollte, und nicht darauf wartete, dass die Männer es ihr gaben. "Was Alice Schwarzer gelehrt hat, hat Uschi Obermaier gelebt", sagt Eberhard Junkersdorf, 67, der "Eight Miles High" mit seiner Firma Neue Bioskop Film für ein Budget von 6,5 Millionen Euro produziert. "Ich wollte ganz harmlos, aber bestimmt nur das tun, was mich interessierte", sagt Obermaier heute. "Nicht mehr und nicht weniger."
Sie erdreistete sich, ein Leben jenseits der Pflichterfüllung zu führen und alles auszuprobieren, was Spaß machte. Sie war das aus der Art geschlagene Wirtschaftswunderkind, das auf Tugenden wie Fleiß pfiff und die Dreifaltigkeit von Sex, Drugs and Rock'n'Roll vergötterte. "Viele Menschen hatten vor ihr Angst", sagt Bornhak. "In einem früheren Jahrhundert wäre sie vielleicht als Hexe verbrannt worden."
Nackt stehen sie an der Wand, die Hände erhoben, bereit für eine Leibesvisitation. In einer stillgelegten Fabriketage im Berliner Bezirk Treptow wird für den Film jenes Foto nachgestellt, mit dem 1967 die Kommune 1 die Öffentlichkeit erregte. Aufgereiht stehen die Mitglieder der Kommune nebeneinander und recken der Kamera ihre Hinterteile entgegen. Dann tritt Natalia Avelon als Uschi Obermaier hinzu und wird von Rainer Langhans, dem von Matthias Schweighöfer verkörperten Mitbegründer der antibürgerlichen Lebensgemeinschaft, nackt und zart begrüßt. Brüskierten Langhans und Co. das Establishment, indem sie ihm auf dem berühmten Foto den Arsch zeigten, so verkörperte Obermaier bald die schöne Vorderseite der Kommune: Mit blankem Busen posierte sie auf den Titelblättern.
Sie blieb in der Kommune, weil sie sich in die Locken von Langhans verliebt hatte - Schweighöfer spielt ihn als wandelnde Sanftmut. Wenn in der Kommune über Politik diskutiert wurde, schlief Obermaier oft ein. Deshalb galt sie einigen Kommunarden als konterrevolutionär. Gegen ihren urwüchsigen Hedonismus halfen keine Argumente. In dem Film "Rote Sonne" von 1970 spielt sie eine somnambule Amazone, die dem einzigen Mann, den sie mag, einen Schlips bindet. So war wohl auch die Obermaier: Sie hatte grundsätzlich erst mal nichts gegen das bürgerliche Emblem - solange an der Krawatte nur der richtige Mann dranhing.
Sie war also ein kleinbürgerliches Versuchstier im Experimentallabor einer neuen Gesellschaft: In der Kommune 1 wurde freie Liebe praktiziert, manchmal auch zwanghaft, und der Einzelne von den Folgen sozialer Repression geheilt, notfalls mit kollektivem Druck. Protestantisch karg wirken die Räume am Drehort in Treptow, durch die weiten Fenster fällt ein inquisitorisches Licht auf die Gesichter. Irgendwie hatte man sich das Leben in Freiheit anders vorgestellt. Doch Obermaier war viel zu sehr Bauchmensch, um sich das Gehirn waschen zu lassen. Am Ende floh sie aus der Kommune wie aus einem Gefängnis.
"Sie war in der Kommune 1, aber keine Intellektuelle", sagt Bornhak "Sie ist mit den Stones getourt, war aber kein Groupie. Sie nahm Drogen, war aber kein Junkie. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der allen Schubladen, in die man ihn steckte, so leicht entkam."
Anderthalb Jahre lang gingen Junkersdorf und Güntsche auf die Suche, um für sie die Idealbesetzung zu finden. In einem Besetzungsmarathon testeten sie 500 Schauspielerinnen. "Seit ich in den siebziger Jahren die Verfilmung der ,Blechtrommel' vorbereitet und nach einem Darsteller für den Oskar Matzerath gesucht habe, habe ich so etwas nicht mehr erlebt", erzählt Junkersdorf. "Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben."
Und dann kam sie: Natalia. Junkersdorf betrachtet die Schauspielerin mit Entdeckerstolz. Avelon sieht der Obermaier zum Verwechseln ähnlich, bewegt sich vor der Kamera mit der gleichen katzenhaften Anmut. "Sie ist", findet die Obermaier, "wie meine kleine Schwester."
"Uschi war immer total gelassen und nie verbissen", sagt die 26-jährige Avelon, die neben einem Kurzauftritt in "Der Schuh
des Manitu" in zahlreichen Fernsehproduktionen zu sehen war. "Sie hat es nicht darauf angelegt, ein Star zu werden. Es war ein dauernder Flirt mit der Öffentlichkeit, der gerade deshalb so aufregend war, weil er kein Ziel verfolgte." Und während Avelon dies sagt, streicht sie sich kokett die Haare aus der Stirn.
Knapp ein Jahr lang hat sie sich auf diese Rolle vorbereitet und mehrere Wochen mit der Obermaier verbracht. "Ich will Uschi so spielen, dass sie selbst in ihren tragischen Momenten ihre Lebenslust nicht verliert", sagt Avelon. "Denn sie hatte ein ganz und gar erotisches Verhältnis zur Welt, der sie sich mit allen Sinnen geöffnet hat. Sie hatte Sex mit dem Leben."
Solche Sätze hauen rein, vor allem bei 30 Grad im Schatten. Doch Avelon sitzt gut gekühlt unweit des Strandes in einem Palmenhain. Sobald sie ihren Kopf auch nur für Sekunden in einen Sonnenstrahl streckt, springt ein indischer Helfer herbei und hält einen Regenschirm über sie. Denn gestern hat sie sich die Stirn verbrannt, trotz hohen Sonnenschutzfaktors. Nun kräuselt sich die Haut. Großaufnahmen sind heute nicht drin, der Drehplan muss umgeworfen werden.
So filmt Bornhak nun auf einem Plateau oberhalb des Strandes eine Szene, in der Uschi Obermaiers langjähriger Lebensgefährte Dieter Bockhorn einem Bauern ein Zicklein abkauft, um es zu schlachten. Die Szene spielt in den frühen Achtzigern in Mexiko, doch weil das Team ohnehin nach Indien reisen musste, um im Norden des Landes die Hochzeit zwischen Bockhorn und Obermaier zu drehen, bot sich Goa als ideales Double für Baja California an.
Das kleine Gehöft steht in der prallen Sonne, die so heiß brennt, dass man fürchtet, das Strohdach könnte sich von selbst entzünden. Im spärlichen Schatten kauern sich zahllose Inder zusammen. Wenn man hier einen Scheinwerfer bestellt, kommt stets ein Inder mit. Bei einem Kamerakran sind es sechs. Mit Bussen werden sie jeden Tag zum Drehort gefahren.
"Where's the goat guy?", ruft der Aufnahmeleiter, denn auf einmal laufen die Ziegen kreuz und quer durcheinander. Eigentlich brauchen sie nur ein oder zwei Tiere, doch nun haben sie eine ganze Herde. Während jemand losrennt, den Hirten zu holen, läuft der Tierarzt zu dem Zicklein, das Bockhorn-Darsteller David Scheller umfasst hält. Es soll in Schellers Armen wegdämmern. Doch bei der ersten Betäubungsspritze war die Dosis zu niedrig; nun verpasst der Arzt dem Tier eine zweite.
"Muss ich's noch mal küssen?", ruft Scheller verzweifelt. Von Ziegenhaaren kriegt er Ausschlag. Er traut sich - da schreit der Aufnahmeleiter: "Stopp!" Das Pferd, das sich am linken Bildrand befindet, hat gerade eine Erektion bekommen.
Etwas abseits des Gehöfts steht Eginhard Zaschke neben seinem Motorrad, einer schmucken Royal Enfield. Er ist Anfang 60, arbeitet auf dem Frankfurter Flughafen und macht Urlaub in Goa. Er hat gehört, dass hier ein Film über Uschi Obermaier gedreht wird, und schaut deshalb vorbei. Er hat sie schon Ende der sechziger Jahre bewundert, auch in die Kommune 1 hat er mal kurz reingeschnuppert und damals mit seiner Ente heroisch einen Konvoi von Wasserwerfern gestoppt.
Ehrfürchtig nähert sich Zaschke dem Wohnmobil, mit dem Obermaier durch Nordamerika gereist ist. Die Filmproduktion hat es ihr abgekauft, um die halbe Welt verschiffen und komplett überarbeiten lassen. Die Innenausstattung stammt von Obermaier selbst, gefertigt in liebevoller Kleinarbeit. Der Handlauf am Eingang ist aus Plexiglas, das Armaturenbrett aus Perlmutt, die Schubladen der Schränke sind mit violettem Samt bezogen.
Dies ist das Eigenheim einer Globetrotterin, die, aus der Enge geflohen, das Weite gesucht hat: der in Erfüllung gegangene Traum von einem Märchenschloss auf Rädern, mit dem man durch die ganze Welt reisen und sich überall heimisch fühlen kann. "Doch letztlich", sagt Bornhak, "ist Uschi Obermaier immer eine bodenständige Bayerin geblieben."
Dietmar Güntsche betrachtet das Wohnmobil, das in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne glitzert. In wenigen Tagen, wenn die Szenen in Indien abgedreht sind, wird es nicht mehr gebraucht. "Vielleicht", sagt er mit einem Anflug von Wehmut, "sollten wir damit zum Filmstart im November auf Tournee gehen." Jede große Leinwandheldin braucht schließlich ihr eigenes Gefährt. Das Uschi-Mobil jedenfalls ist schon mal startklar. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 18/2006
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