15.05.2006

Leben auf der Kippe

Global Village: Ein junger Ägypter sammelt Müll für eine Textilfirma in China.
Glück ist eine Plastikflasche, auf Krümelgröße zerschreddert. Glück ist eine Handvoll weißer Schnipsel. Genießerisch lässt Saad Ataullah seinen Schatz durch die Finger rieseln. "Spitzenmüll!", sagt er: "Bessere Qualität findest du in ganz Ägypten nicht."
Dann verschnürt er den blauen Plastiksack wieder und klettert vom Dach seiner windschiefen Ziegelbude, die er zärtlich "my factory" nennt. Sie besteht aus rußschwarzen, fensterlosen Wänden, einer Schreddermaschine und fünf schwitzenden Männern, die pausenlos Körbe voll Plastikflaschen hereinschleppen.
"My factory" liegt im Kairoer Elendsviertel Manschija Nasser, einem jener Orte, die in der Welle der gewaltigen Bevölkerungsexplosion unterzugehen drohen. So eng stehen die Häuser aneinander, dass manche Bewohner den Bauch einziehen müssen, wenn sie sich durch die Gassen zwängen.
Wo aber Platz ist, klaffen aasige Sickergruben, türmen sich Schrottberge. Schwarze Schweine und klapprige Ziegen wühlen im Abfall und suchen nach Futter. Die Luft riecht vergoren. Für den Recyclingunternehmer Ataullah ist der wüste Standort ein Segen. Genau hier, am Fuße des Mukattam-Berges im Osten der 18-Millionen-Metropole, findet er, was er braucht: Müll. Und Menschen, die an Müll gewöhnt sind.
Am Rande von Manschija Nasser haben sich rund 30 000 "Sabbalin" niedergelassen, Kairos Müllsammler-Kaste. Als gesellschaftliche Parias leben sie seit Jahrzehnten vom Abfallgeschäft. Mit ihrer Hilfe will Ataullah hinein in den Weltmarkt. Seine Ware: geschreddertes PET-Plastik. Sein wichtigster Kunde: ein internationaler Textilkonzern, dessen Namen Ataullah nicht nennen will. "Mit meinem Müll machen die in China Fleece-Jacken", schwärmt er.
Aus dem gemahlenen Kunststoff lassen sich in chinesischen Fabriken Polyesterfäden spinnen, die besonders gern für Sportbekleidung verwendet werden. Gestern noch die Wasserflasche eines durstigen Ägypters, morgen schon die atmungsaktive Radlerjacke im deutschen Discounter, so schön kann Globalisierung sein.
30 Sabbalin-Männer und -Frauen sammeln, waschen und sortieren den Plastikmüll für Ataullah. Das fertige Granulat holt ein Spediteur und fährt es nach Alexandria, von dort werden die Müllsäcke nach Shanghai verschifft.
Auch Ataullah entstammt einer Sabbalin-Familie, aber er war schlau und ehrgeizig, studierte Betriebswirtschaftslehre. Ein Freund überredete ihn, ins Recyclinggeschäft einzusteigen. Es wurde ein Erfolg. Andere folgten dem Beispiel, über 200 solcher Fabriken entstanden und neue Jobs, die die Armut lindern.
Im Viertel bewundern sie ihn dafür. "Saad, Saad!", rufen die Kinder und drängen sich um den 28-Jährigen, der mit gebügeltem weißem Hemd mitten in den Abfallbergen steht.
"Die Sabbalin verstehen es wie kein anderer, aus Müll Geld zu machen", sagt die ägyptische Entwicklungshelferin Laila Kamil. Was andere als Abfall bezeichnen, nennen sie "al-Cheir", das Wertvolle. Etwa 90 Prozent des gesammelten Mülls können die Sabbalin, die einst als landlose Wanderarbeiter aus Oberägypten in die Hauptstadt strömten, weiterverwerten - die Recyclingquote für Hausmüll in der Europäischen Union liegt unter 30 Prozent.
Dass die Sabbalin dafür unter einem Dach mit ihren Schweinen leben, quittieren die Kairoer mit Naserümpfen. Und sind doch dankbar, dass ihnen jemand den täglichen Dreck vom Halse schafft.
Ginge es nach der Obrigkeit, wären Ataullah und die Sabbalin längst aus dem Geschäft. Anfang 2003 beschloss Ägyptens Regierung, die betagten Kleinlaster der Müllsammler aus dem Stadtbild zu verbannen, zwei Entsorgungsfirmen aus Europa einzukaufen, Container aufzustellen und ein Heer aus ungelernten Tagelöhnern in orangefarbene Uniformen zu stecken. Ataullah hörte aus dem Radio davon. "Uns hat niemand gefragt", sagt er.
Doch der Regierungsakt geriet zum Flop. Die Kairoer waren nicht bereit, höhere Müllgebühren zu zahlen. Die Männer in Orange bekamen kein Gehalt, der Dreck blieb liegen. Die Sabbalin holten sich ihren Abfall nun nachts, heimlich.
"Für die Behörden sind wir ein Schandfleck. Sie wollen uns aus dem Weg räumen", sagt ein Funktionär des "Verbandes der Müllsammler". Doch die Sabbalin sind Kopten, ägyptische Christen, Leute, die sich immer wieder ihrer unwirtlichen Umwelt anpassen. Ins Müllgeschäft drängten sie, weil sie keine andere Arbeit in Kairo fanden. Als ihnen die Stadt das Müllsammeln per Eselskarren verbot, motorisierten sie sich. Und noch immer leben sie am Mukattam-Hügel, obwohl ihre Siedlung oft dem Erdboden gleichgemacht werden sollte.
Neuerdings parken nicht nur Mülltransporter auf den buckligen Wegen von Manschija Nasser. Manchmal rumpelt auch ein Touristenbus den Hügel hinauf. Mit gesenktem Blick, peinlich berührt von Schmutz und Armut, stolpern die Fremden weiter bergauf, auf dem Weg zu einigen berühmten Felsenkirchen.
Mehrere Kapellen und eine Kathedrale befinden sich auf dem Mukattam, dort, wo nach koptischer Legende vor 1000 Jahren ein Heiliger den Berg spaltete, weil der fatimidische Kalif al-Muiss einen Beweis für die Kraft des christlichen Glaubens verlangt hatte. Heute, im Gedränge von Manschija Nasser, sind die Kreuze auf den Häuserwänden eine Ortsmarke: hier der koptische, dort der islamische Bezirk. Junge Sabbalin lassen sich Marienbilder auf den Oberarm tätowieren, der Gebetsruf des Muezzin ist überall zu hören.
In der Felsenkirche steht ein weißbärtiger Priester vor dem Mikrofon, in seiner rechten Hand hält er ein intarsiengeschmücktes Kreuz. Die Gläubigen küssen es, auch Ataullah.
Er betet, dass ihm der Zoll und die Behörden nicht doch noch das Geschäft verderben. DANIEL STEINVORTH
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 20/2006
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