22.05.2006

SPORTRECHTEEin bisschen im Spiel

Telekom und Premiere feiern ihr Bündnis als Beginn eines neuen Medienzeitalters. Die Euphorie ist übertrieben: Zunächst einmal eskaliert der Konflikt um die Bundesliga-Übertragung weiter. Und bei den Sportfans herrscht drei Monate vor der neuen Saison allgemeine Verunsicherung.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Welt für die Freunde des Fernsehfußballs noch hübsch übersichtlich. Da gab es für die normalen Gebührenzahler um kurz nach sechs die "Sportschau" im Ersten. Und für all diejenigen, die monatlich rund 35 Euro zusätzlich investierten, zeigte der Münchner Bezahlanbieter Premiere schon samstags nachmittags die Liga live. So lief es auch in den vergangenen vier Jahren - bis zum Saisonfinale am vorvergangenen Samstag.
Doch während sich die Bayern im Meistertaumel gegenseitig mit Weißbier duschten, tobte hinter den Kulissen längst ein beispielloser Bilder-Krieg. Am 21. Dezember hatte die Deutsche Fußball Liga (DFL) ihre Fernsehrechte nämlich neu verteilt: Danach kann das Erste in seiner "Sportschau" für rund 90 Millionen Euro pro Saison weiterhin Ligabilder zeigen, allerdings künftig erst ab 18.30 Uhr. Die Live-Rechte indes gingen an den Neuling Arena, eine Tochterfirma der Kabelgesellschaft Unity Media, die der Liga dafür etwa 220 Millionen Euro überweisen muss. Und die Deutsche Telekom sicherte sich für rund 50 Millionen Euro die Rechte für die Übertragung per Internet-Protokoll (IP-TV). Eigentlich schien damit alles klar. Die Betonung liegt auf: eigentlich.
Premiere und seine 3,5 Millionen Abonnenten, so schien es, würden leer ausgehen. Am vorigen Mittwoch musste Premiere-Chef Georg Kofler sich bei der ersten Hauptversammlung seit dem Börsengang im März 2005 von erbosten Anlegern als "Börsenrohrkrepierer" beschimpfen lassen. Der Premiere-Boss wand sich. Er wusste zu diesem Zeitpunkt in Sachen Bundesliga längst mehr - doch vor seinen Aktionären wiederholte er noch einmal sein Mantra der letzten Monate: Premiere sei noch in Verhandlungen, die er nicht gefährden wolle. So einsilbig gibt sich der eloquente Südtiroler selten.
Ganze 48 Stunden nach der für ihn sichtlich strapaziösen Hauptversammlung hatte Kofler dann einen Auftritt, der eher seinem Gusto entspricht, und er hatte es eilig: Ganze drei Minuten nach Unterschrift der Vereinbarungen im 14. Stock des Münchner Ten-Towers-Telekom-Centers präsentierte er mit Telekom-Vorstand
Walter Raizner jene "strategische Partnerschaft", die er am liebsten schon vor Wochen verkündet hätte. Da leuchteten seine Augen wieder - auch, weil der Kurs der Premiere-Aktie während der Pressekonferenz zwischenzeitlich um rund zehn Prozent nach oben schoss. Kofler ist mit knapp 14 Prozent größter Premiere-Einzelaktionär.
Doch die Euphorie ist übertrieben. Premiere bleibt zwar im Spiel, aber nur ein bisschen: Der Bezahlanbieter produziert die Ligabilder für die Telekom und hilft dem Konzern mit seiner Sendelizenz aus, die der wegen der Beteiligung des Bundes selbst nicht bekommen würde. Einem kleinen Teil seiner Abonnenten kann Premiere zudem wie gewohnt seine Liga-Berichterstattung liefern - aber nur denjenigen, die sich einen Hochgeschwindigkeitsbreitbandanschluss (VDSL) der Telekom und eine neue Empfangsbox zulegen. Für ein eingeschränktes Angebot soll auch ein besserer DSL-Anschluss ausreichen.
VDSL, DSL, IP-TV: Für Fußballfans war die Fernsehwelt schon mal einfacher.
Immerhin: Wer in den Netzausbaugebieten wohnt und das neue "T-Home"-Angebot bucht, kann die Premiere-Stadionbilder über die neue Box auch künftig auf seinem Fernsehgerät empfangen. Die Liga bleibt mit der Marke Premiere verbunden - das war Kofler wichtig. Und entgegen allen Liga-Beteuerungen, es werde auch künftig nur ein Pay-TV geben, sind es jetzt mindestens eineinhalb. Neben den Live-Übertragungen aller 612 Spiele der Ersten und Zweiten Liga wollen die neuen Kooperationspartner dabei mit allerlei neuen Sperenzchen locken: Mehrere Bildfenster, Kleintexte zu den Spielern und einen ständig aktualisierten Tabellenstand soll es geben. Sogar das bekannte Premiere-Gesicht Franz Beckenbauer wird wieder als Experte auftauchen, er hat mit dem neuen Partner Telekom gerade einen entsprechenden Vertrag geschlossen. Was der Spaß kosten soll - darüber hielten sich Kofler und Raizner bedeckt.
Alles in allem ist das Geschäft eher eine Bonsai-Version der in den vergangenen Wochen ventilierten Kooperationsmöglichkeiten zwischen Telekom und Premiere. Zeitweilig hatte der Großkonzern sogar eine Übernahme oder Beteiligung an dem gebeutelten Bezahl-TV-Anbieter erwogen. Nun werden nur die wenigsten Premiere-Kunden vom Anpfiff der neuen Saison an mit von der Partie sein können.
Zum Start des neuen VDSL-Angebots Ende Juni sollen in zehn Ballungszentren nämlich gerade einmal rund drei Millionen Haushalte technisch in der Lage sein, das neue dreiteilige "T-Home"-Triple-Play-Angebot zu buchen, das neben dem schnellen Internet-Zugang und Telefonie zum Start auch zahlreiche TV-Kanäle umfassen soll. Bis Ende 2007, so Telekom-Vorstand Raizner, sollen es dann bis zu 13 Millionen Haushalte in 50 Städten sein.
Für viele Fans von Bundesliga-Live-Übertragungen dürfte die allgemeine Verunsicherung drei Monate vor Anpfiff der neuen Saison durch den Deal eher noch zunehmen. Denn immer noch spielt ihr Wohnort eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob sie künftig überhaupt Liga-Live-Bilder empfangen können und bei wem sie im Zweifel am günstigsten versorgt werden. Auch Live-Rechte-Inhaber und Kabeltochter Arena, das seine Angebote in Anzeigen und Plakaten großflächig bewirbt, kann ausgerechnet Kabelkunden nämlich bislang keine flächendeckende Versorgung bieten. Bislang ist nur die Kabelverbreitung über die Unity-Gesellschaften Ish, Iesy und Tele Columbus gesichert.
Im Zuge der neuen Partnerschaft soll Premiere der Telekom nun helfen, möglichst schnell Abonnenten für ihr neues VDSL-Netz zu gewinnen. Die Münchner haben daran reges Eigeninteresse: Sie kassieren für Neukunden nicht nur eine Provision - die Kooperation der Unternehmen geht deutlich über die Bundesliga hinaus. Vom Start weg sollen die "T-Home"-Kunden auch alle übrigen Premiere-Programmangebote abonnieren können.
Die neuen Partner Raizner und Kofler gaben sich denn auch Mühe, ihre Partnerschaft mit Bedeutung aufzuladen: Es handle sich um "eine Weichenstellung von medienhistorischer Bedeutung", so Kofler.
Der nun schon seit Wochen schwelende Konflikt zwischen der Liga auf der einen und der Telekom auf der anderen Seite ist damit nicht beigelegt - ganz im Gegenteil. Es geht dabei um die Frage, ob die Telekom ihre Live-IP-TV-Bilder neben VDSL auch via Kabel und Satellit verbreiten darf. Die Telekom meint: selbstverständlich. Die DFL: auf keinen Fall. Rein technologisch wäre das kein Problem, denn IP-TV ist nichts anderes als ein neuer Übertragungsstandard und weder an das Internet noch etwa das Empfangsgerät Computer gebunden. Der einzige wirkliche Unterschied: Arena hat für die "klassischen" Fernsehrechte mehr als das Vierfache bezahlt.
Für die DFL ist die Situation ein Alptraum: Viele Fans sind ratlos und mit Arena und der Telekom gleich zwei
ihrer Rechtekäufer unzufrieden. Mehrere Schlichtungsversuche endeten ohne Ergebnis - wie zuletzt am vorigen Dienstag ein Gipfel mit allen Beteiligten in Köln. Außerdem gibt es eine erhebliche Rechtsunsicherheit. In einem Brief an die DFL-Bosse hatten Raizner und T-Online-Vorstand Burkhard Graßmann unmissverständlich damit gedroht, die Ausschreibung juristisch anzufechten (SPIEGEL 18/2005).
Raizner legte am Freitag noch einmal nach: Die DFL habe Rechte "doppelt verkauft", dies könne die Telekom "nicht akzeptieren" - ausdrücklich hielt er sich die Kabel- und Satellitenoption offen. Die DFL konterte prompt: Mit der VDSL-Lösung bewege sich die Telekom "im Rahmen der erworbenen Rechte, der allerdings damit erschöpft ist". Eine "herkömmliche TV- Verbreitung über Kabel und Satellit ist somit ausgeschlossen".
Bei Arena gibt man sich entschlossen: "Solange sie Briefmarken-Fernsehen über Internet machen, berührt uns das nicht", sagt Geschäftsführer Dejan Jocic. "Falls Telekom und Premiere aber unsere exklusiven Rechte tangieren, werden wir selbstverständlich juristisch gegen sie vorgehen. Auch anders könnte man der neuen Allianz wehtun: Arena verfügt nämlich ebenfalls über Live-IP-TV-Rechte. Vorsichtig haben Arena-Chef Bernard de Roos und seine Leute bereits das Interesse bei Telekom-Konkurrenten wie O2, Arcor oder Hansenet sondiert, die der Telekom beim "Triple Play" Konkurrenz machen wollen.
Außerdem erwägen die Arena-Verantwortlichen eine Beschwerde in Brüssel. EU-Kommissarin Viviane Reding sieht in dem von der Bundesregierung geplanten Wettbewerbsschutz für den teuren Aufbau der Telekom-VDSL-Netze ohnehin einen "wettbewerbsfeindlichen Sonderweg". In dessen Kombination mit dem bislang marktbeherrschenden Bezahlfernsehanbieter Premiere, so die Argumentation bei Arena, entstehe ein mächtiges Oligopol, das andere Marktteilnehmer nach Belieben diskriminieren könne. MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 21/2006
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