29.05.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEReich mit einem Schlag

Was passiert, wenn man Mitarbeiter mit Schlägen bestraft
Die Sache mit Janet Orlando und der Prügelstrafe ist für die Alarm One Incorporated jetzt natürlich ein bisschen peinlich, aber eigentlich war der Ruf der kalifornischen Firma auch vorher schon nicht so toll. Das Unternehmen vertreibt Alarmanlagen, die Verkäufer ziehen in Drückerkolonnen durch die Vororte von Anaheim oder Fresno, sie erzählen den Hausbesitzern von Einbruchserien und steigender Kriminalität und davon, wie schön es ist, sein Heim durch Alarm One gesichert zu wissen.
Sie sind freundlich bis zur Schleimgrenze, sie werben mit Preisnachlässen und Sonderaktionen, und wenn sie erst mal in der Küche sitzen, wird man sie kaum wieder los. Mit anderen Worten: Die Vertreter von Alarm One nerven so lange, bis man unterschreibt. Kunden entdeckten später im Kleingedruckten, dass nur die schriftlichen Bedingungen des Vertrags gelten und nichts von dem, was der Verkäufer sonst so verspricht.
Man kann sagen, das Image eines Alarm-One-Vertreters ist noch ein bisschen schlechter als das eines Gebrauchtwagenhändlers. Die Leute bei Alarm One wissen das. Hier arbeiten diejenigen, die nichts anderes mehr gekriegt haben.
Janet Orlando beispielsweise: Im Oktober 2003 fing sie bei Alarm One in Fresno an, mit ihren 51 Jahren eigentlich schon ein bisschen alt. Die meisten Vertreter waren unter 30, die Büroleiterin war gerade 23. Orlando kam von einem Autohändler zu Alarm One, sie dachte, sie könne so etwas wie die Mutter der Kompanie werden, respektiert von den jungen Leuten.
Am ersten Tag erklärte die Büroleiterin ihr die Regeln: regelmäßige Teamsitzungen, Pünktlichkeit, und wer zu spät kommt, hat Strafe verdient. Die Teams zählen ihre Vertragsabschlüsse, wer zu schlecht verkauft, wird ebenfalls bestraft - und die anderen dürfen dabei zuschauen, das fördert die Motivation.
Die Strafe: Der Delinquent muss sich hinstellen, Hände an die Wand, Hintern rausgestreckt. Einer der Büroleiter nimmt ein Aluminiumrohr, etwa 1,20 Meter lang, daran befestigt ein Blechschild, 25 mal 30 Zentimeter. Es ist die Reklametafel der Konkurrenz, und man schwingt sie wie einen Tennisschläger. Vorhand.
Orlando war entsetzt. In anderen Büros von Alarm One mussten die Verlierer Windeln tragen oder wurden mit Kuchen beworfen, das war schon dämlich genug - aber Schläge auf den Hintern? "Ist das euer Ernst?", fragte sie ihre Chefin. Orlando wollte nicht glauben, dass dies hier wirklich passieren sollte. Die Antwort: "Stell dich nicht so an, dich wird es auch noch erwischen."
Fast jeden Tag bekam einer aus dem Team einen Strafschlag verpasst, dreimal erwischte es Orlando, zuletzt am 14. Januar 2004. Entwürdigend sei das gewesen, sagt sie später, die anderen hätten gejohlt und anzügliche Bemerkungen gemacht: "Oh, oh, du warst ein böses Mädchen." Bei einem der Schläge sei ihr sogar die Haut aufgeplatzt.
Einen Monat später, im Februar 2004, kündigte Janet Orlando bei Alarm One. Man kann sich fragen, warum sie es so lange dort ausgehalten hat.
Sie sei auf den Job angewiesen gewesen, sagte Orlando, aber vielleicht ist das nur ein Teil der Wahrheit. Ihre Teammitglieder sagten später aus, Orlando habe bei den merkwürdigen Motivationsübungen durchaus mitgespielt und mitgejohlt, jedenfalls solange sie nicht selbst an der Wand stehen musste.
Im April 2004, zwei Monate nach ihrer Kündigung, reichte Orlando eine Klage ein - allerdings nicht gegen Alarm One, sondern gegen ihren früheren Arbeitgeber, den Autohändler. Sie sei dort von einer Frau sexuell belästigt worden, behauptete sie, und deshalb leide nun ihre Seele.
Der Autohändler kapitulierte schnell, er zahlte Orlando eine Entschädigung, über die Höhe wurde Stillschweigen vereinbart. Das Leiden blieb.
Im Dezember 2004, fast ein Jahr nach dem letzten Schlag auf den Po, nahm Orlando auch den Kampf auf gegen Alarm One. Wieder argumentierte sie mit seelischem Leid, wieder mit sexueller Belästigung, diesmal durch die Prügelstrafe in dem Vertreterteam.
Auch Alarm One bot ihr außergerichtlich eine Entschädigung an: 150 000 Dollar. Drei Kolleginnen, die ebenfalls geklagt hatten, nahmen den Vergleich an, Janet Orlando nicht. Da war noch mehr drin.
Ende April war Termin vor dem Zivilgericht von Fresno County. Die Jury, sechs Männer und sechs Frauen, sprach Orlando 500 000 Dollar für erlittenes und künftiges seelisches Leid zu, für Behandlungskosten und entgangenen Lohn. Zusätzlich muss Alarm One 1,2 Millionen Dollar Strafe zahlen, ein Viertel davon geht an Orlando, den Rest kassiert der Staat Kalifornien.
Zwei Dinge habe er gelernt, sagt der Anwalt von Alarm One: Man darf seine Angestellten nicht schlagen, und, zweitens: Mit dem Thema sexuelle Belästigung könne man eine Jury prima manipulieren.
Janet Orlando hat einen neuen Job, sie arbeitet bei einer Verbraucherberatung. Nach dem Urteil ließ sie sich für drei Monate beurlauben, trat bei "Good Morning America" im Fernsehen auf und würde, so sagt sie, künftig gern ihr Geld verdienen mit Vorträgen über sexuelle Belästigung. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 22/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Reich mit einem Schlag

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug