29.05.2006

DEBATTEDie Stunde der Wahrheit

Radikale Imame haben den Jargon der europäischen Linken übernommen und bezeichnen sich als Opfer der Ausbeutung. Wir sollten das nicht mitmachen. Von Flemming Rose
Rose, 48, ist Kulturressortleiter von "Jyllands-Posten", der dänischen Tageszeitung, die mit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen Proteste in der islamischen Welt auslöste.
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Die weltweiten Proteste, die durch die karikaturistische Darstellung des Propheten Mohammed entfesselt wurden, waren sowohl überraschend als auch tragisch, besonders für jene, die unmittelbar durch sie betroffen waren. Menschen kamen ums Leben, Gebäude wurden in Brand gesetzt, und mancher musste untertauchen.
Vor allem aber haben sie unangenehme Wahrheiten über das gescheiterte Experiment Europas mit dem Multikulturalismus zum Vorschein gebracht. Es wird Zeit, dass sich das alte Europa den Tatsachen stellt und seine Einstellungen zur Einwanderung, Integration und der bevorstehenden muslimischen demografischen Flut ändert. Nach Jahrzehnten der Beschwichtigung und politischen Korrektheit, begleitet von einer wachsenden Angst vor einer radikalen, gewaltbereiten Minderheit, ist Europas Augenblick der Wahrheit nun gekommen.
Europa ist heute in einer Haltung des moralischen Relativismus gefangen, die seine liberalen Werte untergräbt. Eine unheilvolle, dreifaltige Allianz aus nahöstlichen Diktatoren, radikalen, in Europa lebenden Imamen und der traditionellen europäischen Linken machen aus allen nicht-anpassungswilligen Muslimen eine verfolgte Minderheit. Das führt zu einer Kultur, die sich der Integration und Anpassung widersetzt, nationale und religiöse Unterschiede pflegt und lähmende, soziale Missstände, wie hohe Verbrechensraten unter Einwanderern und eine fest etablierte Arbeitslosigkeit, verschlimmert.
Als einer, der sich einst für den utopischen Zustand multikultureller Glückseligkeit eingesetzt hat, weiß ich, wovon ich spreche. Ich bin mit den Idealen der Sechziger aufgewachsen, mitten im Kalten Krieg. Ich sah das Leben durch das Objektiv der Gegenkultur, übernahm sowohl die Hippie-Pose wie auch den politischen Überlegenheitskomplex meiner Generation. Meine Schulkameraden und ich glaubten, der Westen sei imperialistisch und rassistisch. Wir analysierten den Zerfall der westlichen Zivilisation anhand der Texte von Marx und Engels und feierten John Lennons schönes, aber dümmliches Lied über eine Idealwelt ohne Privateigentum: "Imagine no possessions / I wonder if you can ..."
Als junger Student in der Sowjetunion, von 1980 bis 1981, brauchte ich gerade mal zehn Monate, um zu erkennen, wie eine Welt ohne Privatbesitz aussieht, auch wenn noch viele Jahre vergehen sollten, bis mir die Implikationen des zentralen, marxistischen Dogmas in ihrer ganzen Reichweite klar wurden.
Politisch gesehen, bin ich in der Sowjetunion mündig geworden. 1990 kehrte ich zurück, um dort elf Jahre als Auslandkorrespondent zu verbringen. Durch den engen Kontakt zu mutigen Dissidenten, die bereit waren, für ihren Glauben an die Ideale der westlichen Demokratie ins Gefängnis zu gehen, wurde ich von meinen verworrenen Träumen geheilt. Heute sehe ich in Europas Unfähigkeit, sich realistisch mit der dschihadistischen Herausforderung auseinanderzusetzen, erneut Parallelen zu jenen Tagen des Kalten Krieges.
Man behauptet heute, Dänemark sei sowohl rassistisch als auch islamophob. Das größte Hindernis für die Integration sei nicht die fehlende Bereitschaft der Einwanderer, sich ihrer Wahlheimat kulturell anzupassen (inzwischen gibt es 117 000 Muslime in Dänemark), sondern der militante Anti-Islamismus der Dänen.
Mullah Krekar - ein kurdischer Gründer der Ansar-el Islam, dem zurzeit die Ausweisung aus Norwegen droht - nannte unsere Veröffentlichung der Karikaturen "eine Kriegserklärung gegen unsere Religion, unseren Glauben und unsere Zivilisation. Unsere Denkweise durchdringt die Gesellschaft und ist stärker als die ihrige. Das führt zu Hass im westlichen Denken; sie verüben Gewalttaten, weil sie auf der Verliererseite stehen".
Die Opferrolle ist sehr bequem, weil sie das selbsternannte Opfer von jeglicher Verantwortung befreit, während sie gleichzeitig eine Haltung moralischer Überlegenheit erlaubt. Außerdem verschleiert sie gewisse unbequeme Tatsachen, die vielleicht eine andere Erklärung für die schleppende Integration mancher Einwanderergruppen nahelegen könnten - wie etwa die relativ hohen Verbrechensraten, die Unterdrückung von Frauen und die Tradition der Zwangsehe.
Nahöstliche Diktaturen und radikale Imame haben den Jargon der europäischen Linken übernommen, bezeichnen die Karikaturen als rassistisch und islamophob. Wenn wir ihren Mangel an Bürgerrechten und die Unterdrückung von Frauen anprangern, behaupten sie, wir würden uns wie Imperialisten aufführen. Sie haben die Rhetorik unserer linken aktivistischen Vergangenheit übernommen.
Diese Ereignisse finden vor dem beunruhigenden Hintergrund zunehmend radikalisierter Muslime in Europa statt. Mohammed
Atta, der Anführer der Todespiloten vom 11. September, wurde zum "wiedergeborenen" Muslim, nachdem er nach Europa gezogen ist. Die Täter, die hinter den Bombenanschlägen von Madrid und London steckten, und auch Mohammed Bouyeri, der junge Muslim, der den Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam niedergemetzelt hat, wurden im heimischen Europa radikale Muslime. Nicht der Nahe Osten ist inzwischen möglicherweise die wichtigste Brutstätte für den islamistischen Terror, sondern Europa.
Was stimmt nicht mit Europa? Zum einen wurzelt Europas Einstellung zur Einwanderung und Integration in seiner historischen Erfahrung mit verhältnismäßig homogenen Kulturen. In den USA wird Nationalität in erster Linie politisch definiert; in Europa wird sie, historisch bedingt, kulturell definiert. Ich bin Däne, weil ich europäisch aussehe, Dänisch spreche und über Jahrhunderte hinweg von anderen Skandinaviern abstamme. Aber was ist mit den dunklen, bärtigen neuen Dänen, die zu Hause Arabisch sprechen und auf der Straße schlechtes Dänisch? Wir Europäer müssen eine tiefgreifende, kulturelle Anpassung durchmachen, damit wir begreifen, dass auch sie Dänen sein können.
Ein weiteres großes Hindernis für die Integration ist der europäische Sozialstaat. Weil die hochentwickelten, aber zunehmend unfinanzierbaren sozialen Sicherungssysteme eine so starke Arbeitslosenunterstützung und zu wenig Anreiz zum Arbeiten bieten, landen viele neue Einwanderer unmittelbar beim Arbeitslosengeld.
Zwar könnte man argumentieren, die rasant wachsende Gemeinschaft von rund 15 Millionen muslimischen Einwanderern in Westeuropa entspreche den neuen hispanischen Einwohnern Amerikas. Doch die Unterschiede hinsichtlich ihrer Produktivität und ihres Wohlstands sind gigantisch. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 1999 zeigt, dass Immigranten in den USA mit dort geborenen Arbeitern fast ebenbürtig sind, was ihre steuerlichen Abgaben und ihren Beitrag zum amerikanischen Wohlstand anbelangt; während in Dänemark eine eklatante Diskrepanz von 41 Prozent zwischen den Beiträgen der gebürtigen Dänen und der Einwanderer besteht. In den USA erhält ein entlassener Arbeiter durchschnittlich 32 Prozent seines letzten Gehalts an Sozialleistungen; in Dänemark liegt diese Zahl bei 81 Prozent. Unter Einwanderern grassiert eine Kultur der sozialstaatlichen Abhängigkeit, die geradezu als selbstverständlich betrachtet wird.
Was ist zu tun? Offensichtlich können wir niemals zu den bequemen Monokulturen ehemaliger Zeiten zurückkehren. Eine demografische Revolution verändert zurzeit das Gesicht und das Aussehen Europas. In einem Zeitalter der Massenabwanderung und des Internet, billiger Flüge und Handys an jeder Ecke ist der kulturelle Pluralismus eine unumkehrbare Tatsache, ob es einem nun gefällt oder nicht. Eine nostalgische Sehnsucht nach kultureller Reinheit - Reinheit der Rasse, der Religion - kann leicht in ethnische Säuberungen umkippen.
Dennoch ist Multikulturalismus, aus dem allzu oft lediglich kultureller Relativismus geworden ist, ein unhaltbares Unterfangen, das häufig zur Rechtfertigung von reaktionären und unterdrückerischen Maßnahmen herangezogen wird. Wenn den restriktiven Werten des konservativen Islam das gleiche Gewicht beigemessen wird, wie den liberalen Traditionen der europäischen Aufklärung, wird dies im Laufe der Zeit genau das zerstören, was Europa zu einem so begehrten Einwanderungsziel macht.
Europa muss die Zwangsjacke der politischen Korrektheit abstreifen, die es ihm unmöglich macht, Minderheiten für irgendetwas zu kritisieren - nicht einmal für Verstöße gegen die Gesetze, den traditionellen Sittenkodex und die Werte, die für das europäische Erlebnis von zentraler Bedeutung sind. Ich möchte dies erläutern.
Kurz nach der entsetzlichen Geiselnahme in einem Moskauer Musiktheater durch tschetschenische Terroristen 2002, die 129 Geiseln mit ihrem Leben bezahlten, traf ich mich mit einem befreundeten Dissidenten von früher, Sergej Kowaljow. Als Held der Menschenrechtsbewegung in der alten Sowjetunion war Kowaljow zwischenzeitlich ein Fürsprecher der Tschetschenen und ein Kritiker der russischen Angriffe auf Tschetschenien gewesen. Doch nach dem Theatermassaker kündigte er seine Unterstützung auf. Er verurteilte die Terroristen, ohne zu zögern, und beharrte darauf, dass das Recht einer Nation auf Selbstbestimmung kein Freifahrschein für das Töten und für die Missachtung der Grundrechte von Einzelnen sei. Für mich war das ein Moment grandioser Klärungen.
Ein anderes Erlebnis war die vitale russische Einwanderergemeinde in Brooklyn, die ich als USA-Korrespondent kennen lernte. Eine geschäftige, vor Lebendigkeit strotzende Gemeinschaft und ein perfektes Beispiel dafür, wie Menschen ein Stückchen ihrer alten Identität bewahrten (samowarweise Teetrinken, stundenlanges Schachspielen und der Besuch der Kirche) und dabei gleichzeitig rasch die Vorteile von Amerikas freiem und offenem Kapitalismus für sich nutzten, um wirtschaftlich Fuß zu fassen. Ich staunte über die Fähigkeit Amerikas, Neuankömmlinge zu absorbieren.
Ein Akt der Einbeziehung. Für mich bedeutet das, Einwanderer so zu behandeln, wie ich jeden anderen Dänen behandeln würde. Und als ich im vergangenen Jahr zwölf Karikaturen vom Mohammed veröffentlicht habe, hatte ich das Gefühl, genau das zu tun. Diese Bilder gingen in keiner Weise über die Grenzen des Geschmacks, der Satire und des Humors hinaus, die ich jedem anderen Dänen zumuten würde - sei es die Königin, das Oberhaupt der Kirche oder der Ministerpräsident. Indem ich eine muslimische Figur auf die gleiche Weise behandelte, wie ich es bei einem christlichen oder jüdischen Symbol täte, sandte ich eine wichtige Botschaft: Ihr seid keine Fremden, ihr seid dauerhaft unter uns, und wir akzeptieren euch als ein integrierter Bestandteil unseres Lebens. Und wir werden euch auch der Satire aussetzen. Es war ein Akt der Einbeziehung, nicht der Ausgrenzung; ein Akt des Respekts und der Anerkennung.
Leider haben einige Muslime ihn nicht so aufgefasst. Dabei ist es doch nicht zu viel verlangt, wenn man von den Einwanderern erwartet, dass sie nicht nur die Sprache ihrer Gastgeber lernen, sondern auch deren politische und kulturelle Traditionen respektieren. Gleichzeitig müssen Europäer die Bereitschaft zeigen, eingefahrene Vorstellungen von Blut und Boden über Bord zu werfen und Menschen aus fremden Ländern und Kulturen als das akzeptieren, was sie sind: die neuen Europäer.
Von Flemming Rose

DER SPIEGEL 22/2006
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