03.06.2006

Heidi ja, Kate nein danke

Global Village: Die Fluglinie Emirates sucht nach den schönsten Stewardessen der Welt.
Wer definiert Schönheit im Zeitalter der Globalisierung? Heidi Klum? Kronprinzessin Masako von Japan? Sonia Gandhi? "Eine Frau ist schön", sagen arabische Männer, "wenn man sie zart drückt und der Daumen dabei in ihrem Unterarm versinkt." Die Reize von Kate Moss sind anderer Art.
Abd al-Asis al-Ali ist Personalchef von Emirates, der rasant wachsenden Fluggesellschaft mit Sitz in Dubai. Er muss eigentlich wissen, was und wer schön ist, er setzt die Standards für seine rund 5000 Stewardessen.
Mit ihren sandfarbenen Uniformen, ihren roten Mützen und Haargebinden, mit ihrer Eleganz und Weltläufigkeit sind sie das Markenzeichen der Airline. Sie sind einfach die Schönsten ihrer Zunft.
Ali ist Mathematiker und scheut ästhetische Festlegungen. Unter seinen Flugbegleitern sind 108 Nationalitäten vertreten, und mit jeder Woche werden es mehr. Allein im Juni werden Personalberater der Gesellschaft in 13 Ländern auf fünf Kontinenten unterwegs sein, um Tausende Bewerberinnen zu sichten, oft auch in Städten, die Emirates noch gar nicht anfliegt: Peking, Vancouver, Algier, São Paulo.
Was schön ist, lässt sich unter diesen Umständen nur schwer beschreiben. Den Idealtypus gibt es nicht, es gibt viele davon.
Was schön ist, weiß man erst, wenn man es sieht, meint Ali. Und bescheiden sollen die Stewardessen sein. Ihr Einstiegsgehalt ist enttäuschend niedrig, knapp 1600 Dollar steuerfrei, dazu ein paar Privilegien und ein Freiflug ins Heimatland pro Jahr.
Die verwöhnten Töchter der wohlhabenden Emirater lockt der Job daher wenig: Nur 51 der Stewardessen stammen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
"In Dingen der Schönheit sind wir nicht religiös", sagt Ali. Fettleibige und Magersüchtige können sich die Mühe einer Bewerbung sparen, räumt er ein, aber schon bei der Mindestgröße verweigert er jede konkrete numerische Angabe. "Sie müssen in halbhohen Pumps an die Feuerlöscher in den Gepäckfächern heranreichen. Mehr nicht."
Außerdem sollten sie souverän mit Menschen jeder Herkunft klarkommen, nicht nur mit den Passagieren, sondern auch mit den täglich wechselnden Crew-Mitgliedern, mit denen sie auf beengtem Raum an Bord zusammenarbeiten. "Asiatinnen sind sehr zurückhaltend in ihrer Körpersprache, man nimmt sie kaum wahr, wenn sie in der Galley hantieren. Mediterrane Typen dagegen fuchteln beim Reden gern herum", sagt Mira, 29. Sie ist seit fünf Jahren bei Emirates, sie ist Palästinenserin und weiß, wovon sie spricht.
"Wenn zwei Araberinnen auf dem gleichen Flug Dienst haben, stecken sie automatisch in jeder freien Minute die Köpfe zusammen: Habibi guck mal, Habibi hör mal - das kann andere in der Crew irritieren", sagt Jacques, 40, ein Libanese, der seit 14 Jahren dabei ist.
Mira und Jacques bilden die Neuankömmlinge im Kabinensimulator aus: technische Pannen, Notwasserungen, Evakuierungen. Da müssen Befehle gebrüllt und Leute angefasst werden, da dürfen sie nicht zimperlich sein. "Du merkst schon im Training, dass das nicht jeder leichtfällt - zumal wenn die in vielen Kulturen wichtige Distanz zwischen Männern und Frauen fällt", sagt Jacques und lacht. Mira lächelt. "Im einen Fall sind die Briten diplomatisch", sagt Personalchef Ali, "im anderen die Araber oder die Afrikaner. Jeder hat seine Stärken."
Auf Emirates-Flügen arbeiten Inderinnen und Pakistanerinnen zusammen, Serbinnen und Kroatinnen, katholische Irinnen und protestanische Nordirinnen, Irakerinnen und Amerikanerinnen. "Ich mache diesen Job seit zwölf Jahren", sagt Ali. "Es gab genau vier Vorfälle, in denen wir einen Streit schlichten mussten."
Vor zwei Wochen traf die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate eine epochale Entscheidung. Sie verlegte das Wochenende, bislang Donnerstag und Freitag, auf Freitag und Samstag. Das erleichtert die Zusammenarbeit mit internationalen Geschäftspartnern und gibt ein Beispiel für die Lösung eines Problems à la Dubai ab: Das Business hat Vorrang. Übersetzt in die Sprache der Zivilluftfahrt heißt das: Asiatinnen, entspannt euch. Levantinerinnen, haltet eure Gestik im Zaum. Spielt eure Stärken aus, aber kommt euch nicht in die Quere.
Wer diese Mitte findet und sich wohl darin fühlt, hat mitunter viel Spaß bei der Arbeit. "Natürlich merkt eine Stewardess, wenn ihr die Blicke der Passagiere folgen", sagt eine Iranerin, die seit Jahren mit Emirates um die Welt fliegt. "Aber täuscht euch nicht. Manchmal flüstern wir uns in der Pause beim Take-off zu: Hast du diesen Mann auf 32B gesehen?"
Flug EK 923 nach Kairo hebt mit leichter Verspätung um 15.20 Uhr ab. Es geht in einer Kurve hinaus auf den Persischen Golf, links verschwinden die künstlichen Inseln von Dubai im Dunst, rechts taucht die Küste Irans auf.
Nach zehn Minuten ist das Band mit den Sicherheitshinweisen durchgelaufen, die Stewardessen schnallen sich los, es meldet sich der Purser, aber etwas ist anders als auf anderen Flügen. "Die Sprachen, in denen Sie sich auf diesem Flug mit unserem Personal unterhalten können, sind: Arabisch, Englisch, Farsi, Finnisch, Koreanisch, Thai, Ukrainisch, Kisuaheli und Malaiisch."
Multikulti lebt an Bord, Emirates total global. BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 23/2006
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