12.06.2006

DEUTSCHE NATIONALELFDer zweite Kaiser

Der Erfolg der WM hängt an Männern, die in ihren Hoffnungen, ihrer Skepsis und vor allem in Abhängigkeit aneinandergekettet sind. Manchmal begegnen sich Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer freundlich, und manchmal begegnen sie sich lieber nicht. Von Klaus Brinkbäumer
Es war ein Freitag vor der Weltmeisterschaft, sieben Tage vor dem Eröffnungsspiel, da trafen die beiden aufeinander. Es war im dritten Stock des Borussia-Parks von Mönchengladbach, es gab drei Kameras, zwei Stellwände, drei Monitore, und es gab Jürgen Klinsmann, der stand in der Tür. Sie drückten ihm ein Mikrofon in die Hand. Er musste warten.
Franz Beckenbauer stand zwischen dem ZDF-Moderator Johannes B. Kerner und dem Trainer Jürgen Klopp, und Franz Beckenbauer fühlte sich wohl dort. "Es war kein Abfall zu sehen heute", das sagte Beckenbauer, und Kerner und Klopp kicherten, der Schiedsrichter Urs Meier stand auch noch dort und kicherte mit, und dann war Pause, die Fernsehzuschauer sahen nun einen Film. Und endlich wurde Jürgen Klinsmann zu Franz Beckenbauer geführt.
"Nun lach doch", sagte Beckenbauer, "kannst ruhig a bisserl lachen", Deutschland hatte 3:0 gewonnen gegen Kolumbien.
"Du sagst doch immer, dass ich zu viel lache", sagte Klinsmann und lachte nicht.
"War doch gut", sagte Beckenbauer.
"Doch, doch", sagte Klinsmann, blickte geradeaus, und das Rotlicht ging an.
Was war das? Ein Scherz? Ein Abgrund?
Das sagen viele Leute beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und rund um die Nationalmannschaft, denn erstaunlich viele Menschen sprechen dort von offen versteckten Aversionen zweier Alphamännchen, zwischen jenen Herren, von denen das Wohl der Nation abhängt bei dieser Weltmeisterschaft, die am vergangenen Freitag begann. Beckenbauer, 60, halte Klinsmann, 41, für einen Blender und seine Nationalspieler für fußlahm, so sagen sie es beim DFB. Klinsmann halte Beckenbauer für einen jener alternden Kritiker, die Jüngeren keine Erfolge gönnten, weil neue Erfolge die Erfolge von einst überlagern. Das berichtet ein Nationalspieler.
Die engeren Begleiter sind diplomatischer, sie nennen das Verhältnis der beiden "getragen von Respekt" oder auch "wechselweise notgelitten". Und wenn man die beiden dann zusammen sieht, wirkt es genauso. Dann sieht Beckenbauer ein bisschen lauernd aus, von der Seite beobachtet er den anderen, etwas sparsam guckt dieser Beckenbauer, so neugierig wie skeptisch. Und Klinsmann wirkt unruhig. Sein Blick wandert, seine Stimme hebt sich, das Ende von Sätzen und Worten zieht er so hoch, dass er kiekst wie ein Pubertierender, der sich für die eigene Anwesenheit entschuldigt.
"Was will er denn?", fragte Beckenbauer Kerner und die anderen, als Klinsmann wieder verschwunden war, "wir tun ihm doch nix. Er kann doch froh sein, dass er uns hat." So gingen sie in die Weltmeisterschaft, der Bundestrainer und der Chef des Organisationskomitees (OK).
Und am Freitag begann es.
Beckenbauer und Klinsmann begegneten sich nur kurz an diesem Freitag, in den Katakomben des Münchner Stadions, ein Handschlag, ein Klaps auf den Oberarm, der eine wünschte "viel Glück", der andere dankte. Franz Beckenbauer spazierte dann nicht mit den anderen Weltmeistern von 1974 ins Stadion, zu denen er längst nicht mehr gehört, er erschien mit Bundespräsident Horst Köhler und Sepp Blatter, dem Präsidenten des Fußball-Weltverbands, und während Köhlers Rede winkte er ziemlich vielen Bekannten zu.
Jürgen Klinsmann sah dann einer willig stürmenden, doch holprig verteidigenden deutschen Mannschaft bei ihrem 4:2 gegen Costa Rica zu, sprang auf, sackte zusammen. Beckenbauer sagte: "Man versucht an der Abwehrfähigkeit zu basteln, aber es gelingt nicht so recht." Klinsmann sagte: "Das sind ganz normale Fehler."
Der Trainer Klinsmann ist ein Autodidakt, einer, der die Grenzen der normalen Fußballerkarrieren sprengte, er wurde ein freier Trainer, ganz wie einst Beckenbauer. Klinsmann hat Mut, er hat Kraft, und wenn er seine Interessen durchsetzen will, verklärt er diese ganz gern zum allgemeinen Interesse. So wie Beckenbauer.
Erzählt wird, dass Klinsmann ein Mann des Pedantischen sei, so akribisch, dass jene Spontaneität verschwinde, so anders als Beckenbauer, der Bauchmensch, aber Letzteres ist falsch: Auch der Trainer Beckenbauer war pingelig, auch er nutzte Statistik und Sportmedizin, führte beim DFB Sachen ein, die es vorher nicht gegeben hatte.
"Ich war damals sehr bedacht darauf, den Ball zu halten, es ist eine alte Weisheit: Solange man in Ballbesitz ist, ist es für den
Gegner schwer, ein Tor zu schießen. Jürgen will den überraschenden Fußball", so vergleicht Beckenbauer den Trainer, der er war, mit dem Trainer, der der andere ist. Beckenbauer hatte einen Kapitän, Lothar Matthäus, der ihm fügsam folgte; Klinsmann und Michael Ballack gehen bisweilen spitz miteinander um, etwas zu scharf, nicht wie Rivalen, aber auch nicht vertraut, und manchmal sieht es deshalb so aus, als habe Klinsmann Schwierigkeiten damit, dass in seiner Teamgeist-Truppe auch Erwachsene mitmachen.
Dieser Unterschied könnte noch wesentlich werden bei diesem Turnier, Klinsmann jedenfalls schuf sich vor dem Eröffnungsspiel den ersten Konflikt mit seinem wichtigsten Spieler selbst. Ballack, der vor vier Jahren das Finale wegen seiner zweiten Gelben Karte verpasst hatte, hatte eben diese vier Jahre lang auf das Eröffnungsspiel gewartet. Dass der Trainer den zuvor leicht verletzten Ballack, der spielen wollte, dann nicht mitspielen ließ, weil dessen "Wade noch nicht da" war, "wo sie sein sollte" (Klinsmann), das war die eher normale Entscheidung eines Trainers; dass Klinsmann seinen selbstbewussten Ballack aber erst reizte ("Er muss doppelt so viel trainieren wie die anderen") und dann kränkte, das registrierten jene, die Klinsmanns Führungsspieler sein sollen.
"Die Verantwortung liegt immer beim Trainer", das sagte Klinsmann. "Es war eine harte, aber richtige Entscheidung", so kommentierte es Beckenbauer.
Vor knapp drei Monaten, es war in der Bibliothek des Hotels Intercontinental in Berlin, er war gerade von der Bundeskanzlerin gekommen, da stopfte Jürgen Klinsmann sich ein Kissen in den Rücken und erzählte von früher und vom Trainer Beckenbauer. Er sagte: "Er hat sein enormes Selbstbewusstsein auf die Mannschaft transportiert, und auch wenn er Momente hatte, wo er stinkig war: Ich war unter ihm extrem beflügelt. Und er konnte auch loslassen vor dem Spiel und der Mannschaft mit auf den Weg geben: Jetzt ist es euer Spiel. Ihr macht das jetzt schon."
Vor einigen Wochen, es war in einer Suite im Hotel Gravenbruch bei Frankfurt, da erzählte Beckenbauer vom Fußballer Klinsmann. Er sagte: "Klinsmann war ein Mannschaftsspieler, der sein Können, seine physische Überlegenheit in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Er war kein technisch besonders begabter Spieler, aber das musste er auch nicht sein, weil der Rudi Völler das Gegenteil war. Der Jürgen war halt einer, der die freien Räume gesucht hat und die langen Wege gegangen ist."
Hier also: Beckenbauer. Wie der Vater, der alles erreicht hat und zurückblickt - und dort hinten entdeckt er den Sohn, der auch nicht doof ist, aber niemals schaffen wird, was Papa schaffte. Dort: Klinsmann, so unsicher wie in Beckenbauers Nähe ist er sonst eher selten.
Beckenbauer sagt: "Selbst wenn ich etwas gegen Klinsmann hätte, wäre ich als OK-Chef doch daran interessiert, dass die Mannschaft erfolgreich ist. Aber persönlich habe ich nichts gegen ihn. Im Gegenteil: Ich mag ihn." Klinsmann sagt, das Verhältnis sei "angenehm, respektvoll, da ist auch ein Schuss Bewunderung, weil er mein Trainer war, als wir Weltmeister wurden". Aber ihm liegt daran, dass der Überlibero von 1974 und der Überteamchef von 1990 etwas nüchterner gesehen werden:
"Wir haben uns durchgewürgt in gewissen Momenten, genauso wie die 74er sich durchgewürgt haben", sagt er. Es war nicht immer nur Beckenbauer, da war auch eine Menge Glück. Das ist wichtig.
Bei der WM 1990 fanden die beiden zusammen, Klinsmann spielte das Spiel seines Lebens, beim 2:1 gegen Holland. Aber danach lief er eher mit, und einmal sagte Beckenbauer: "Klinsmann, was glaubst du, wer du bist? Du bist nicht Pelé, du bist Klinsmann und wirst immer Klinsmann bleiben." Als dann Berti Vogts die Nationalelf übernahm und Klinsmann 1995 zum Kapitän machte, sagte Beckenbauer: "Was willst du mit dem Leichtathleten?"
Sie gingen dann getrennte Wege, aber es kamen die Jahre in München, als Beckenbauer Präsident und auch noch mal Trainer war und Klinsmann ein hadernder Stürmer, der den FC Bayern nicht begriff und schon gar nicht liebte wie Beckenbauer. Passagen seines Vertrags landeten bei "Bild", Beckenbauer und Lothar Matthäus waren Springer-Leute. Es sah danach nicht so aus, dass die beiden sich noch mal finden würden. Beckenbauer waren Matthäus und Völler stets näher gewesen.
Völler aber scheiterte 2004 in Portugal, Matthäus war nicht durchzusetzen beim DFB, es kam Klinsmann, und Beckenbauer wollte ihn nicht, hielt sich aber heraus.
Wenn man Beckenbauer vor dem Turnier beobachtete, in Berlin, Frankfurt, München, dann erlebte man einen sehr ruhigen Mann. Eine Kanzlerin macht ihn nicht mehr nervös, Fernsehkameras be-
merkt er nicht mehr, und als er neben Innenminister Wolfgang Schäuble im Bundespresseamt sitzt, lobt Beckenbauer die neue Regierung, die "sehr vorzüglich" arbeite, genau wie die alte Regierung. Wer ist hier Hausherr? Und im Berliner Olympiastadion wird das "Green Goal", die Umweltkampagne zur WM, vorgestellt, und der einstige Minister Klaus Töpfer redet und gestikuliert, und Beckenbauer hat ein schmales, braunes Gesicht, wenige Falten, weiße Haare, seine Hände umfassen die Tischkante, er sitzt einfach da und wartet. Er lächelt. Der Kiefer mahlt ein bisschen, das ist die einzige Regung, und sein Mikrofon liegt so lange auf dem Tisch, bis Beckenbauer gefragt wird.
Dann wird er gefragt, immer, zu allem. Herr Beckenbauer, was ist Ihre Rolle? "Ja nun", sagt er und lacht schon, "meine Rolle ist es eben, ja, da zu sein." Alle lachen jetzt.
Beckenbauer sagt: "Noch einmal: Ich habe mit Jürgen überhaupt keine Probleme, und er mit mir auch nicht." Klinsmann sagt: "Ich glaube, der Franz hat immer sein eigenes Idealbild vor Augen. Und wenn Dinge anders gemacht werden, als es diesem Bild entspricht, dann entspricht es seinem Perfektionismus nicht."
Franz Beckenbauer hatte eine gruselige Phase, vor acht Jahren, als er der Firlefranz war (SPIEGEL 50/1998). Damals kommentierte er bei RTL, begann krude Sätze und fand ihr Ende nicht, redete über Clubs, die er nicht kannte, weil sie ihn nicht interessierten, und dementierte, was er fünf Minuten zuvor gesagt hatte - falls man ihn denn richtig verstanden hatte.
Er ist heute ein anderer. Es könnte daran liegen, dass sie ihn beim ZDF schlauer und humorvoller befragen; es liegt sicherlich daran, dass er ein Thema gefunden hat, sein Lebensthema.
Die WM. Seine WM.
Dieses Turnier, für das er seit über neun Jahren arbeitet. Für das er in alle 31 Gastländer flog. Bei dem er 48 Spiele sehen wird, obwohl: Was heißt schon "sehen"? Der Hubschrauber wird bei Abpfiff auf ihn warten, "ich liebe ja Fußball", sagt er, "aber da wird dann alles verschwimmen, da wirst bald nimmer wissen, wer wie gegen wen gespielt hat, aber in den Stadien zu sein, das ist eine Frage der Höflichkeit".
Beckenbauer saß in Mönchengladbach draußen vor der Loge, als das Spiel gegen Kolumbien lief, er trug einen dunklen Anzug, trank Kaffee, aß Gummibärchen, er saß auf der Kante eines hochgeklappten Stuhls, damit er über das Geländer blicken konnte. Er kommentierte Spielzüge vor sich hin, "was bringt der den Metzelder denn so in Bedrängnis", so redete er, und dann sprach er über sein Turnier.
"Es ist alles gesagt, es ist alles getan", sagte er, "es ist komisch, dass es nach neun Jahren nun wirklich losgeht, aber es wird auch Zeit." Beckenbauer sagte, dass er sich ausgeruht fühle vor dem Turnier, weil er auf seinen Reisen besser schlafe als zu Hause, wo um sechs Uhr morgens die Tochter ihren Kakao verlange; und er sagte, dass er seit elf Jahren nicht mehr Fußball gespielt habe, wegen der Augen, wegen der Knie, "man muss aufhören, ehe es peinlich wird". Er erzählte dann, dass viele Energien verschwendet worden seien vor der WM, weil viele Kritiker "sich wichtig gemacht" hätten in den vergangenen Monaten; "der Deutsche richtet seine Kritik ja am liebsten gegen sich selbst". Und dann sagte er, dass er leere Sitze in den Stadien fürchte und hoffe, "dass unsere Gäste die Gewaltbereitschaft zu Hause lassen", und endlich kam er zur Mannschaft.
Er ist abhängig von diesem Trainer, von dieser Mannschaft, der er nicht traut. Er traut dem spielenden Torwart Lehmann nicht und den Verteidigern noch weniger, "a bisserl hölzern" findet er die, doch er sagt, "das Halbfinale müsste es schon werden, damit die Stimmung nicht abstürzt".
Es wurde dann keine leidenschaftliche Eröffnung, aber lustig und leicht. "Ab heute beginnt für mich die Erholung", sagte Beckenbauer hinterher.
Für Klinsmann eher nicht. Die Zuschauer in den WM-Stadien sehen diesen Bundestrainer vor der Trainerbank zappeln und hüpfen, und oben auf der Ehrentribüne sehen sie den Kaiser von "Franzland"
(Daniel Cohn-Bendit), gebügelt der Anzug, die Arme auf dem Rücken verschränkt, so wird Beckenbauer hinabblicken. Den Daumen wird er schon nicht senken, aber natürlich muss Klinsmann fürchten, was Beckenbauer nachher sagen oder morgen schreiben lassen wird.
Wenn man Klinsmann beobachtete im vergangenen halben Jahr, dann sah man einen Trainer, der feilte und bastelte und grübelte; fleißiger als seine Vorgänger war er und öfter in deutschen Stadien als Erich Ribbeck oder Rudi Völler. Auf dem Trainingsplatz stand er breitbeinig, oft trug er einen Ball auf dem Rücken wie eine Affenmama ihr Junges, und wenn einer seiner Stürmer aufs Tor schoss, zuckte auch Klinsmanns Bein und deutete den Torschuss an. Was ihm fehlte, das war, was die von ihm geschätzten Sportpsychologen eine "souveräne Haltung" nennen.
Das also, was Beckenbauer auszeichnet. Gelassenheit. Natürlichkeit. Leichtigkeit. Beckenbauer war ja im Leben immer von einer seltenen Wurstigkeit, sehr vergnügt und ziemlich sorglos. Er wurde ein lebenskluger Trainer, einer, der seine Spieler durchschaute, und am Ende ein Diplomat, immer frei redend, einer, der die Leute anblickt und gern Autogramme schreibt und dann nachsieht, ob sie gelungen sind.
Klinsmann spricht mehr Fremdsprachen, und vermutlich denkt er auch ein wenig komplexer als Beckenbauer. Aber es gab im Frühjahr diese Phasen, da hatte er einen Drang, sich zu rechtfertigen, und darum redete und erklärte er. Ständig. Pausenlos. Er schien zu wünschen, dass ihn alle verstanden und mochten. Klinsmann redete zu viel und zu lange, und bald spürte man die Zweifel, bei den Funktionären, den Journalisten, irgendwann bei ihm selbst.
Es waren die Monate der falschen Ergebnisse, rund um das 1:4 in Italien, und da war dieses kalifornische Lächeln, das man einem Amerikaner abnimmt, das bei einem Deutschen aber so antrainiert wirkt wie jede Grimasse. Und weil er immer Gegner braucht, um gut zu sein, baute er sich die Mauern, die er einrennen konnte, selbst, und verprellte damit Menschen beim DFB, die er noch brauchen wird, wenn er bleiben will.
Leute waren das, die Franz Beckenbauer verehren.
Leute, die vor ein paar Wochen noch urteilten: Der Klinsmann ist nicht authentisch. Und viel zu misstrauisch. Natürlich schürte Beckenbauer dieses Missbehagen, weil es sein eigenes war. "Klinsi irritiert mich", das schrieb er oder ein anderer in seinem Namen.
Beckenbauer sagt: "Ich habe mich nur einmal geärgert, weil beim Fifa-Workshop alle Trainer da waren, nur der deutsche war es nicht. Obwohl wir Gastgeber sind. Das war einfach unhöflich. Da habe ich dann gesagt: So geht es nicht. Das war das einzige Mal, wo ich ihn kritisiert habe." Klinsmann entschuldigte sich, und Beckenbauer sagte: "Du brauchst dich nicht entschuldigen. Du hast einen Fehler gemacht, aber du musst jetzt nicht unter den Teppich kriechen." Klinsmann sagt: "Oftmals weiß ich ja gar nicht, ob er das alles so gesagt hat, wie es geschrieben wird. Aber wenn er mal überdreht hat, sage ich ihm: Was haben wir denn da wieder für einen Klotz losgehauen? Ich gehe dann mehr in den ironischen Bereich."
Was half es? Woche für Woche erschienen Kolumnen in "Bild", denn zum öffentlichen Franz gehört, dass Beckenbauer im Namen des Volkes diesen Wahl-Kalifornier zu bespötteln hatte. Einer seiner wunderbaren Erklärungen für das Phänomen, das er ist, war diese: "Was ich sagen wollte - da war ja auch teilweise etwas dabei, was ich gar nicht sagen wollte." Als Beckenbauer neulich in Johannes B. Kerners Sendung "Unsere Besten" zu
Deutschlands größtem Fußballer aller Zeiten gewählt wurde, war er ziemlich gerührt und wie immer alles zugleich: Kritiker, Ehrengast, Laudator und Sieger. Als auch Klinsmann unter die ersten Elf kam, sagte Beckenbauer, die Wahl sei "eine schöne Spielerei, wir wollen das nicht zu ernst nehmen".
Es gehört zu Klinsmanns Strategie, dass er sich und seine Mannschaft wegschließen will von der Welt und dem Lärm der WM. Jedes Zitat, das irgendwer vom DFB irgendwem liefert, ist zu autorisieren in diesen Tagen, ganz egal wie banal. Zeitungen liegen nicht aus im Schlosshotel im Grunewald, und Spieler, die etwas lesen wollen, tragen ihre Blätter heimlich unter den Trainingsjacken durch die hohen Hallen. Es geht darum, dass Beckenbauer und alle, die etwas zu sagen zu haben glauben, die Mannschaft nicht erreichen sollen.
Jens Lehmann sagt, dieser Beckenbauer sei "ein sehr, sehr netter, sehr höflicher, sehr charmanter Mensch, der natürlich in Deutschland der Übervater des Fußballs ist". Michael Ballack sagt, dass Beckenbauer mit jedem Satz Einfluss auf diese junge Mannschaft habe, da jedes seiner kritischen Worte die eher unsicheren deutschen Spieler weiter verunsichere und letztlich von ihrem Trainer entferne.
Natürlich bleibt die Konstellation heikel: Der deutsche Erfolg bei dieser WM und damit der Erfolg der ganzen Veranstaltung hängt an diesen beiden fremdeln-
den Männern, und keiner weiß, wie Klinsmann auf Krisen reagieren, wie Beckenbauer diese Krisen kommentieren und wie Klinsmann dann wieder auf Beckenbauers Reaktion reagieren wird. Es dürfte eine
der wesentlichen Leistungen Beckenbauers sein, dass er all diese Abhängigkeiten früh genug, etwa acht Wochen vor Turnierbeginn, verstand und zuerst zu loben begann und dann tatsächlich, einstweilen, verstummte.
Keine Frage, dass sich Beckenbauer insgeheim wünscht, dass Klinsmann hin und wieder seinen Rat suchte. Tut er das? "Nö", sagte Beckenbauer auf der Tribüne von Mönchengladbach.
Nie? "Nie."
Aber wäre es nicht die wahre deutsche Reform, wenn der Junge nicht länger gegen den Alten anträte und wenn der Alte nicht mehr zeigte, dass er den Jungen nicht ernst nimmt, wenn also Jung und Alt aus moderner Lehre und Erfahrung ein gemeinsames Projekt entwickelten? "Ach", sagte Beckenbauer bloß und schwieg dann. Dann schoss dort unten Borowski ein Tor. "Geht doch auch so", sagte Beckenbauer und lächelte, es war ein Beckenbauer-Lächeln, keine Grimasse.
Und dann sagte Beckenbauer, dass ja nichts schwieriger sei, als in dem Trubel, welcher der Fußball inzwischen geworden ist, eine souveräne Haltung zu finden: "Als
ich anfing, habe ich ja auch alle gewürgt und gemordet, die mir nahekamen."
Es war dann Klinsmanns Leistung, dass er zuletzt mehr und mehr herausfand aus seinen Verklemmungen. Vier Tage vor dem Costa-Rica-Spiel setzte er sich mit acht Journalisten in eine Ecke des ICC von Berlin, in Jeans saß er da, zu Beginn mit verschränkten Armen, die Finger am Reißverschluss, doch dann löste er die Arme, rückte vor, wurde freundlich, strich den Pony zurück, lächelte, das war ein Klinsmann-Lächeln wie früher auf dem Platz. Leuchtend.
Er erzählte dann von seiner Mutter Martha, die ihm in Botnang Spätzle gemacht hatte - fast so, wie einst Beckenbauer von Giesing und seiner Mutter Antonie erzählt hatte. Dann sagte Klinsmann, wie schwierig es heute sei zu entspannen: "1990, als Spieler, hast du darüber nachgedacht, dass du ein Tor machen wolltest, welche Gegenspieler du hattest, mehr nicht. Als Trainer denkst du an alles, immer ans große Ganze, und das ist viel komplizierter." Loslassen wolle er vor dem Spiel, das kündigte er an, denn er wolle das Spiel vor dem Anpfiff an seine Mannschaft übergeben und sagen: "Jetzt ist es euer Spiel. Macht etwas draus." Merkte er, dass er sich vornahm, so zu sein, wie er einst seinen Trainer Franz B. erlebt hatte?
Die Mannschaft, die 1990 Weltmeister wurde mit dem blonden Stürmer mit der Nummer 18, startete mit einem 4:1 gegen
Jugoslawien, diese Leistung trug sie weit.
Die Mannschaft des blonden Trainers mit dem hellblauen Hemd startete mit einem 4:2 gegen Costa Rica, und danach redete er minutenlang von "großen Momenten, die wir leben wollen". Er sollte dann auf Englisch über die Qualität des Balls reden, aber er hatte keine Lust mehr. "Ball is ball", sagte er, "put it into the net."
Er klang wie Franz Beckenbauer.
* Nach Lahms Tor zum 1:0 gegen Costa Rica am vorigen Freitag in München.
* Mit Lothar Matthäus, Pierre Littbarski und Teamchef Franz Beckenbauer nach dem 1:0-Finalsieg über Argentinien am 8. Juli 1990 in Rom.
* Bei der öffentlichen Unterzeichnung des Arbeitsvertrags am 12. Juni 1995 in München.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 24/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DEUTSCHE NATIONALELF:
Der zweite Kaiser

  • Schildkröten-Prothese: Pedro läuft jetzt auf Rädern
  • Machtkampf der Tories: Der Populist gegen den Moderaten
  • Klimaprotest in NRW: Aktivisten stürmen Tagebau
  • Ehrenlegion Frankreichs: Elton John zum Ritter ernannt