19.06.2006

GEHEIMDIENSTEEin Job für Lady

Deutsche und italienische Fahnder versuchen, eine internationale Operation der CIA aufzuklären: Ein Großaufgebot von Agenten entführte in Italien einen Islamisten mit deutscher Vergangenheit - und ließ ihn in einem ägyptischen Folterknast verschwinden.
Mailand, im Februar 2003. Vor dem Mann, der sich Abu Omar nennt, liegen an jenem Tag tausend Meter bis zur Moschee, tausend Meter über den Bürgersteig, und wenn auch nur etwas von dem stimmt, was dieser Abu Omar so alles erzählt, dann ist er in seinem Leben schon ganz andere Wege gegangen, um Allahs Ruf zu folgen. In Afghanistan, in Pakistan, in Albanien, mit der Kalaschnikow und für den Koran - das war wirklich gefährlich. Aber das hier? Ist ja nur ein Spaziergang, sein täglicher Weg zum Mittagsgebet.
Draußen vor der Haustür steht die übliche Kette geparkter Autos. Drüben ein weißer Lieferwagen. Nach 50 Metern kommt das Kabuff, in dem die örtlichen Sozialisten sitzen, nach 300 Metern das Reisebüro "Welcome Travel", nach 350 der Handy-Laden "HappyCall". Sozis, Welcome, Happy - alles wie immer, bis auf den weißen Lieferwagen.
Um kurz nach halb zwölf erreicht Abu Omar an diesem 17. Februar 2003 die Via Guerzoni, es ist der Moment, in dem er noch drei Seitenstraßen hat, um davonzukommen, drei Fluchtwege, um seine Freiheit zu retten, die nächsten drei Jahre seines Lebens. Aber Abu Omar nimmt nicht einen. Er spürt nicht die Blicke, die ihn verfolgen, hört nicht die hektischen Telefonate der CIA-Agenten, die seine Position durchgeben. Er geht einfach weiter.
Plötzlich steht vor ihm, auf dem Bürgersteig, ein Lieferwagen; jetzt fällt er ihm auf: der weiße, der schon vor seiner Haustür geparkt hatte. Ein Mann wartet neben dem Van, Handy zwischen Kopf und Schulter geklemmt, er hält Abu Omar an, fragt nach seinem Ausweis, tut offiziell. Dann, als Abu Omar den Pass vorzeigt, sprüht ihm irgendjemand Reizgas in die Augen, wirft sich auf ihn und zerrt ihn in den Wagen.
Sie rasen los: zu einem Flugplatz bei Venedig, zu einer Maschine, die ihn nach Deutschland bringt, auf die US-Base in Ramstein. Dort setzt man ihn in ein Flugzeug nach Ägypten, wo sie Abu Omar wegsperren werden, jahrelang, ohne Verfahren. Und wo sie ihn offenbar zum Krüppel foltern werden.
Seit diesem 17. Februar 2003 gehört Abu Omar zu den Opfern jener CIA-Entführungen, bei denen Amerika im Kampf gegen den Terror alles recht ist, auch das Unrecht. Sein Verschwinden steht in einer Reihe mit vermutlich mehr als hundert weiteren Operationen, die der Sonderermittler des Europarats, der Schweizer Dick Marty, jetzt in seinem Bericht über die CIA-Menschenjagd in Europa anprangerte.
Trotzdem ist der Fall einzigartig: In wohl keinem anderen haben Ermittler derart minutiös eine der internationalen Geheimoperationen der CIA rekonstruiert. Deutsche und italienische Staatsanwälte wissen inzwischen so gut wie alles über die Tarnmanöver der Agenten, ihre wochenlange Ausspähaktion, den Zugriff, die Absetzbewegung des Kommandos. Wie ein Geheimdienstthriller liest sich das Ganze jetzt, nur dass dieser Stoff echt ist und zwischen den Deckeln von Ermittlungsakten steckt.
Aus deutscher Sicht macht allerdings noch etwas anderes diesen Fall so speziell: dass Abu Omar eineinhalb Jahre lang in Deutschland gelebt hat, als Asylbewerber. Und dass auch Fahnder aus dem rheinland-pfälzischen Zweibrücken Jagd auf die CIA-Agenten machen, weil Deutschland offenbar die wichtigste Basis der Operation war: Die Amerikaner schleusten über die Bundesrepublik einen Teil ihrer Agenten nach Italien ein und zogen sie auf demselben Weg wieder ab.
Es ist eine unbequeme Ermittlung, die Zweibrücker Staatsanwälte deshalb nun führen, wegen Nötigung und Freiheitsberaubung. Sie macht es der Bundesregierung schwer, ein Auge zuzudrücken oder mit Rücksicht auf die USA besser gleich alle beide. Mehr noch: Vor dem Hintergrund des Berliner Untersuchungsausschusses zu den Geheimflügen der CIA, der seit vergangenem Monat läuft, muss sich die Regierung nun auch fragen lassen, ob sie wirklich jahrelang vom organisierten Menschenraub der Amerikaner nichts gewusst hat. Und warum sie davon auch bis heute lieber nichts wissen will.
Wohl selten nämlich haben Ermittler eine so dicke Akte über eine CIA-Operation vorgelegt, mit erdrückenden Indizien.
Und selten hat die Politik so wenig damit anfangen wollen. Die italienische Regierung nicht - sie hat die Forderung ihrer Fahnder abgelehnt, der US-Regierung den Europäischen Haftbefehl gegen 22 CIA-Agenten zu übermitteln. Und die deutsche nicht, die es bei lauen Nachfragen in Washington belässt.
Am Anfang der Geschichte steht allerdings erst einmmal eine deutsche Asyl-akte, und wer sie kennt, muss daran zweifeln, dass die Amerikaner wirklich wussten, wen sie da in Mailand von der Straße holten. Einen Paten des Terrors? Oder doch nur einen Münchhausen des Dschihad?
Am 26. Januar 1996 landet der Mann auf dem Flughafen München. Erst streckt er deutschen Grenzern einen gefälschten Pass hin, einen albanischen. Dann, als er damit auffliegt, zieht er seinen echten heraus, aus Ägypten. Name: Nasr Osama Mustafa Hassan, geboren am 18. März 1963, zuletzt wohnhaft in Tirana und Skopje. Auf dem Balkan will er so etwas wie der örtliche Generalvertreter islamistischer Terrorgruppen gewesen sein - der Grund, warum er dort nun seines Lebens nicht mehr so recht sicher sei.
Am 2. Februar stellt Hassan, genannt Abu Omar, seinen Asylantrag. Dem Befrager vom Bundesamt
erzählt er wilde Geschichten aus dem Leben eines Glaubenskämpfers, wie sie sich in so einem Antrag besonders gut machen. Seine Version geht so: Schon als Student wird er vom ägyptischen Geheimdienst gefoltert; der Dienst wirft ihm vor, bei der Gamaa Islamija mitzumachen, einer Fundamentalistengruppe, die Ägypten in einen Gottesstaat verwandeln will. Doch im Juli 1989 kann Abu Omar ausreisen, ein Versehen der Behörden, wie er behauptet.
Er geht in den Jemen, nach Pakistan, Afghanistan, Albanien, wird zu einem Wanderarbeiter des Terrors. In Afghanistan will er gleich zweimal gewesen sein, auch als Kämpfer. Vor allem aber trainiert er Rekruten, um sie als Attentäter nach Ägypten zu schicken. Damit steht Abu Omar bei den Ägyptern erst recht ganz oben auf der Fahndungsliste.
1993 verlegt er seine Kampfzone nach Albanien und Mazedonien. "Durch meine militärische Tätigkeit habe ich die Jugend in Tirana und Skopje trainiert", tönt er bei der Befragung durch das Bundesamt, "diese wurde dann nach Pakistan oder Afghanistan geschickt." 1995 verhaftet ihn der albanische Geheimdienst; er soll einen Anschlag vorbereitet haben. Wieder Folter, Befragungen, der Versuch, ihn als Spitzel zu gewinnen. Er flieht nach Deutschland.
So etwa geht Abu Omars Geschichte - nur kann sie so nicht ganz stimmen. Am 15. November 1996 bestätigt das Verwaltungsgericht München den Asyl-Ablehnungsbescheid. Merkwürdig finden die Richter zum Beispiel, dass Abu Omar noch im Februar 1993 in Afghanistan gegen das Regime des Russenfreundes Mohammad Nadschibullah ins Feld gezogen sein will. Wo doch Nadschibullah schon fast ein Jahr früher gestürzt worden war. Auch 1993, bei seinem Kampf um Mazedonien, musste Abu Omar etwas verpasst haben. Angeblich hielten die ungläubigen Serben noch das Land besetzt. Doch in Wahrheit war Mazedonien da schon längst unabhängig.
Für das Gericht steht fest: Abu Omar war weder als Krieger in Afghanistan, noch hatte er auf dem Balkan Jugendliche zu Glaubenskämpfern gemacht. Sein Verfolgungsschicksal sei "frei erfunden". So endet im August 1997 die deutsche Episode des Abu Omar. Er schlägt sich nach Italien durch, da nimmt man es offenbar nicht ganz so genau: Abu Omar bekommt Asyl.
Dass damit nun allerdings ein Fürst der Finsternis die Szene betritt, auf den radikale Muslime in Italien nur gewartet hätten, danach sieht es nicht aus: Um das Jahresende 1998 schreibt er an Abu Imad, den Vorsteher der Moschee an der Viale Jenner in Mailand. Abu Omar klagt, er halte dieses Nichtstun nicht länger aus, ob es denn nicht irgendetwas für ihn in Mailand zu tun gebe. Abu Imad, selbst Mitglied der Gamaa Islamija, hat nichts für ihn, will ihn aber auch nicht abwimmeln. So kommt Abu Omar nach Mailand, nimmt die Wohnung
in der Nähe der Moschee und fährt als Wanderprediger über Land.
Seine Ansprachen sind durchaus radikale. Er wettert gegen Führer der Gamaa Islamija, die mit der ägyptischen Regierung verhandeln wollen, statt sie zu bekämpfen. Und er knüpft Kontakte zu anderen Islamisten, gefährlichen Männern, ohne Frage. Schon Wochen vor der Entführung stoßen italienische Ermittler auf ein Netz radikaler Muslime, hören deren Telefone ab, auch das von Abu Omar. Es sind überzeugte Glaubenskrieger, doch Hinweise auf einen Anschlag finden die Carabinieri nicht. Erst recht keinen Beleg, dass Abu Omar bei so einer Sache der Drahtzieher gewesen sein könnte.
Den Amerikanern aber reichen Abu Omars Verbindungen. Für die USA, nach dem 11. September auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind, ist er einer der wenigen, die man als Gegner ausmachen kann, um sie über die Islamistenszene auszuquetschen. Wenn es sein muss auch mit Hilfe von Folterstaaten, die kein Problem damit haben, das Ausquetschen wörtlich zu nehmen.
Welche Rolle Ägypten in diesem System spielt, hat der ehemalige CIA-Agent Robert Baer beschrieben. "Wenn jemand hart verhört werden sollte, schickte man ihn nach Jordanien, sollte er gefoltert werden, war Syrien dran. Und wenn jemand ganz verschwinden sollte, war Ägypten der richtige Platz."
Im November 2002 werden in Italien ein paar Handy-Karten auf falsche Namen angemeldet. Und einige Amerikaner reisen ins Land: Geschäftsleute, Touristen, in ihren Brieftaschen neugeprägte Visa-Karten, bei denen es schon mal vorkommen kann, dass die ersten 14 von 16 Ziffern identisch sind. Die Operation beginnt.
Es sind die Spuren der Handys und Kreditkarten, die den Ermittlern heute verraten, wie die CIA arbeitet. Die Fahnder haben 10 700 Telefonate ausgewertet, die am 17. Februar zwischen 11 Uhr und 13 Uhr in den Mobilfunkzellen rund um die Via Guerzoni über das Netz gingen. Sie haben die herausgefiltert, bei denen beide, Anrufer und Empfänger, in einer dieser Zellen saßen - Telefonate auf kurze Distanz also, wie bei einer Observation. Die Polizei kam so auf 17 verdächtige Telefone. Und wertete dann alle Gespräche in den Monaten zuvor und den Tagen danach aus, die über diese Apparate liefen.
Mit wem standen ihre Besitzer in Kontakt und wie lange? Gab es Anrufe spätabends oder frühmorgens? Dann kamen die vermutlich aus den Hotels, in denen die Agenten übernachteten. Welche Hotels lagen also in der Nähe, welche Namen standen auf den Kreditkarten, mit denen Amerikaner bezahlten? Mit welchen Mietwagenfirmen sprachen die Nutzer dieser Telefone? Wann aktivierten die Handys Funkzellen entlang von Autobahnen? Und registrierten die Mautstationen einen Van? Es ist eine dieser gigantischen, akribischen Ermittlungen, wie sie italienische Staatsanwälte gegen die Mafia anstrengen - nur dass die Mafia diesmal der Geheimdienst des Bündnispartners USA ist.
Hat die CIA damit nicht gerechnet? Oder war man so leichtsinnig, weil der italienische Militärgeheimdienst Sismi sogar eingeweiht war, wie amerikanische Geheimdienstler heute sagen? Immerhin war der Mann, der Abu Omar nach seinem Pass fragte, ein verdeckter Ermittler der Carabinieri, Abteilung "Antiterrorismus" - das Innenministerium in Rom behauptet jedoch, dass der Beamte mit dem Decknamen "Ludwig" auf eigene Faust für die Amerikaner gearbeitet habe.
Auf jeden Fall strengen sich die CIA-Agenten bei der Tarnung nicht besonders an. Von den Handys, die am 17. Februar in der Nähe der Via Guerzoni postiert sind, wurden zwar 16 auf Decknamen registriert, aber gleich 6 auf denselben: Mihaj Timofte. Der völlig unbeteiligte Rumäne hatte sich mal in einem Mailänder Handy-Laden eine Vodafone-Karte gekauft. Und offenbar besorgte sich die CIA die Daten, die er dort angegeben hatte.
Ganz unvorsichtig sind die Amerikaner aber bei Handy Nummer 17: Angemeldet wird es auf Monica Adler, damals 30 Jahre alt, zu Hause in Arlington, Virginia. Das ist direkt um die Ecke des CIA-Hauptquartiers in Langley, Virginia.
Frau Adler legt in einem Handy-Laden am Mailänder Hauptbahnhof ihren Führerschein vor, den echten. Danach telefoniert sie: mit mindestens fünf Amerikanern, die am 17. Februar am Tatort sind oder ganz in der Nähe. Mit weiteren vier Amerikanern, die von dort zum US-Flughafen nach Aviano fahren, wo Abu Omar in eine Maschine nach Ramstein gesetzt wird. Und mit zwei Amerikanern, die vor der Tat auffällig oft in der Via Guerzoni waren - offenbar Späher der CIA.
Von Adler ist es nur noch ein Schritt zum Kopf der CIA-Operation: Einer der Geheimen, mit denen sie spricht, steht in Verbindung mit einem Mann namens Robert "Bob" Lady, zur Zeit der Operation CIA-Resident in Mailand. Offiziell ist Lady, 49, nur ein ehrbarer Diplomat des US-Konsulats, der sich nach Jahren im auswärtigen Dienst angeblich aus dem Beruf zurückgezogen hat, um auf einem Landgut in Penango den Lebensabend etwas früher zu genießen als andere.
Tatsächlich aber ist er kein Mann für den Ruhestand: Wo Lady auftaucht, hat die Agency einen heiklen Job zu erledigen. So wie in Mittelamerika, wo er früher für den Dienst linke Oppositionszirkel infiltrierte. Und so wie jetzt.
Ladys Leute haben für den Coup drei Teams aufgestellt: einen Spähtrupp, eine Einheit für den Zugriff, eine für die Fahrt mit der Geisel nach Aviano; manche Agenten sind für zwei Aufgaben eingeteilt.
Die Späher - 15 Geheime - sollen Abu Omars Bewegungsmuster ausspionieren, gut hundertmal gehen sie vor dem 17. Februar die Via Guerzoni ab. Am Tag der Entführung lauern dann am Tatort und in der Nähe acht Agenten. Und ein paar Kilometer entfernt wartet das Transportteam: sechs Amerikaner. Am späten Vormittag steht alles auf Start, dann kommt der Zugriff.
Mit drei Autos jagen die "Transporter" danach über die Autobahn, ein Lieferwagen vorn, ein Pkw dahinter und mit Abstand noch ein Van. Nachmittags um halb fünf erreichen sie Aviano. Unterwegs hatten sie immer wieder den Sicherheitschef der US-Basis angerufen, offenbar um durchzugeben, wann sie ankommen.
In Aviano halten die Amerikaner Abu Omar zwei Stunden lang fest, dann geht in der Telefonzentrale des US-Luftwaffenstützpunkts im deutschen Ramstein ein Anruf ein, vermutlich die Ankündigung, dass das "Paket" in der Luft ist.
Für das CIA-Team ist die Operation damit endlich abgeschlossen - Zeit, sich mal was zu gönnen: Einige Agenten mieten sich im Sofitel Venezia ein, die Nacht für 250 Dollar, andere im Grand Hotel Croce di Malta im Kurort Montecatini Terme. Dem amerikanischen Steuerzahler wird anschließend eine Rechnung über 144 984 Dollar präsentiert - allein für das First-Class-Logis während der monatelangen Aktion. Allerdings wären die Kosten noch ein wenig höher ausgefallen, hätte sich nicht ab und an ein CIA-Agent eine CIA-Agentin nachts mit aufs Zimmer genommen.
Nur für einen ist der Job nach dem Zugriff offenbar nicht erledigt, für den Boss: Fünf Tage nachdem Abu Omar von Ramstein nach Ägypten fliegt, schaltet Bob Lady sein Handy in Italien aus - und kurz danach in Ägypten wieder an.
Danach vergeht ein gutes Jahr, und fast scheint es so, als sei in Wahrheit nie etwas passiert. Sicher, Abu Omars Frau meldet ihn als vermisst, eine Zeugin hat sogar gesehen, wie ihn zwei Männer in den Van zogen. Aber die Ermittler kommen nicht voran; und schließlich erhalten sie am 24. April 2004 auch noch einen heißen Tipp aus US-Quellen: Abu Omar habe sich auf den Balkan abgesetzt.
Dann aber gerät der Anschluss seiner Frau in eine Telefonüberwachung, und am 20. April 2004 glauben die Lauscher, nicht richtig zu hören. Am anderen Ende der Leitung ist der verschwundene Abu Omar, aber nicht vom Balkan, sondern aus Alexandria. Was die Polizei dann in den nächsten Tagen aus Gesprächen erfährt, die Abu Omar mit alten Freunden führt, klingt nach einer harten Zeit für ihn.
Schon auf dem US-Stützpunkt, in Aviano, hätten ihn US-Agenten geschlagen, ihn verhört, welche Verbindungen er zu al-Qaida habe, ob er Kämpfer für einen bevorstehenden Krieg im Irak rekrutiere. Die Ägypter hätten ihn danach zum Spitzel umdrehen wollen - ohne Erfolg. Dann habe die Folter begonnen: extrem laute Musik, Hitze- und Kälteschocks, Elektroschocks an den Genitalien, Aufhängen an den Beinen.
Macht sich Abu Omar am Telefon nur mal wieder wichtig, so wie früher in Deutschland? Er habe in der Haft einen Gehörschaden erlitten, klagt er, er schaffe zu Fuß kaum noch 200 Meter am Stück, wegen der Folter. Das alles ist zwar schwer zu überprüfen. Aber würde ein stolzer Islamist am Telefon seinen Freunden auch vorlügen, dass er sich ständig in die Hosen machte, weil er den Urin nicht mehr halten konnte nach den Elektroschocks?
Nach 14 Monaten Haft bieten die Ägypter Abu Omar die Freiheit an, unter zwei Bedingungen: Er darf niemandem ein Wort über die Haft sagen, und er muss ein Papier unterschreiben, dass er sich freiwillig den ägyptischen Behörden gestellt hat.
Abu Omar unterschreibt. Ein paar Wochen lang ist er frei, kann in dieser Zeit bei seiner Frau, seinen Freunden anrufen. Dabei redet er offenbar zu viel; auf jeden Fall stecken ihn die Ägypter wieder ins Gefängnis, in eines der schlimmsten, das in Istikbal Tura bei Kairo. Dort sitzt Abu Omar bis heute, ohne Anklage, so der Anwalt
seiner Frau, Antonio Nebuloni.
Es ist ein Gefühl von Ohnmacht, und das kennt jetzt auch Norbert Dexheimer, Oberstaatsanwalt in Zweibrücken, zuständig für Verbrechen auf der U. S. Air Base Ramstein. Dabei haben Dexheimer und sein Chef, der Leitende Oberstaatsanwalt Eberhard Bayer, mittlerweile vier Leitzordner und fünf Hefter, gespickt mit Ansatzpunkten für die Fahndung. Der Mailänder Staatsanwalt Armando Spataro, der demnächst 22 CIA-Agenten in Abwesenheit anklagen will, hat geliefert, was er liefern konnte. Vor allem ein Satz in den Akten elektrisierte dabei die Fahnder in Zweibrücken: Vermutlich hätten fast alle Kidnapper Verbindungen nach Deutschland gehabt, seien entweder nach der Entführung in die Bundesrepublik gereist oder schon vorher, als sie ihre Arbeit im Spähtrupp beendet hatten.
Indizien? Eine Menge. Da ist zum Beispiel Anne Jenkins, vermutlich eine Späherin, derzeit leider unauffindbar wie all die anderen Verdächtigen. Jenkins, schon vor der Tat auf dem Rückweg, gab am 11. Februar 2003 ihren Mietwagen aus Mailand in Frankfurt am Main wieder ab; für die Nacht zuvor hatte sie im Sheraton am Frankfurter Flughafen eingecheckt. Ebenfalls im Hotel: Cynthia Logan. Sie gehörte vermutlich sechs Tage später in Mailand zu den "Transportern".
Oder Pilar Rueda, die am Tag der Entführung am Tatort war: Sie gab fünf Tage später ihren Mietwagen, einen VW Passat, in München ab. Das Gleiche bei Joseph Sofin, offenbar Mitglied des Zugriffsteams. Auch das Handy von Drew Channing, Transportteam, buchte sich am 19. Februar im deutschen Netz ein, das von James Harbison, Entführungsteam, am Tag danach.
26 deutsche Telefonnummern haben die Ermittler in Zweibrücken von den Italienern bekommen, die sie überprüfen sollen - über alle Anschlüsse liefen Kontakte zu den CIA-Agenten oder in ihr Umfeld hinein. Sieben Nummern auf der Air Base Ramstein sind darunter, eine auf der Air Base am Frankfurter Flughafen, außerdem der Anschluss einer seltsamen Firma, die als Rechnungsanschrift die Adresse des amerikanischen Generalkonsulats in Frankfurt angibt.
Die interessanteste deutsche Telefonspur ist allerdings ein deutsches Handy, zugelassen auf die 835. Communications Squadron, also auf die für die Ramsteiner Telefonvermittlung zuständige US-Einheit. Ende Januar 2003 geht es in Italien auf Empfang - in der Funkzelle der Luftwaffenbasis Aviano.
Seit 30 Jahren kümmert Dexheimer sich um Verbrechen in Ramstein, die in die deutsche Zuständigkeit fallen. Und immer, wirklich immer, schwärmt er, war die Zusammenarbeit mit den Amis erstklassig. Wenn deutsches Recht nicht viel hergab, sagten die Amerikaner: "Überlasst uns den Fall." Und dann bekam schon mal ein Soldat, der ein Mädchen entführt und ans Bett gefesselt hatte, 80 Jahre. Alle Kiffer dagegen schoben die US-Offiziere den Zweibrücker Staatsanwälten hinüber. Nie versuchten sie, Straftäter unter den eigenen Soldaten vor dem deutschen Gesetz zu schützen.
Aber jetzt das: Dreimal saß bei Staatsanwalt Bayer ein Colonel namens James R. Wise, den die Visitenkarte als Staff Jugde Advocat auswies, als höchsten Juristen der US-Luftwaffe in Europa und Afrika. Schon beim ersten Gespräch Ende August ließ Wise wissen, es gebe hier ein paar Schwierigkeiten mit der Weitergabe von Informationen.
Beim zweiten Besuch berichtete Wise, er sei wegen der Sache in Washington gewesen, habe aber noch nichts für die Deutschen erreichen können. Und Anfang De-
zember der letzte Besuch: Wise durfte nur noch mitteilen, dass er nichts mitteilen dürfe - seine Regierung habe ihn nicht autorisiert.
Bayers Kollege Dexheimer liebt amerikanische Verschwörungsthriller, die "Bourne Identität", "Air Force One", kürzlich "Der Manchurian Kandidat", die hat er alle im Kino gesehen. Doch "im richtigen Leben" war so etwas für ihn "unvorstellbar", genauso wie für Bayer, der sich eine CIA-Entführung höchstens in Afghanistan oder im Irak hätte ausmalen können. "Mittlerweile reicht meine Phantasie weiter", sagt Dexheimer.
Gut möglich, dass Dexheimers Phantasie demnächst aber noch viel weiter reichen muss: US-Agenten entführen einen Menschen via Deutschland, aber die Bundesregierung tut so, als wäre nichts geschehen. Denn dass sich Berlin wegen Abu Omar oder des anderen deutschen Falls, des Neu-Ulmers Khaled el-Masri, ernsthaft mit Amerika anlegen will, davon können sie in Zweibrücken nichts merken.
Was hätte die Regierung nicht alles tun können: zum Beispiel den amerikanischen Botschafter einbestellen, eine Protestnote überreichen. Vor allem aber: Was hätte sie nicht alles getan, wenn etwa der iranische Geheimdienst Deutschland zur Operationsbasis gemacht hätte. Hier aber bleibt es bei informellen diplomatischen Anfragen, zu deren Ritual gehört, dass die Amerikaner sie nicht beantworten.
Dabei sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier noch am 30. November 2005 im Bundestag, die Europäer erwarteten Aufklärung von den Amerikanern; er hoffe, "dass die Antwort auf die europäischen Fragen zeitnah erfolgt und Klarheit schafft". Daraufhin formulierten Dexheimer und Bayer umgehend ein "Auskunftsersuchen": Sie wollten wissen, was die deutsche Regierung über den Fall weiß.
Leider, ließ das Bundeskanzleramt verlauten, habe US-Außenministerin Condoleezza Rice bei Regierungsgesprächen "keine konkreten Angaben und Hinweise zum Fall Abu Omar" mitgeteilt - so formuliert man das wohl, wenn man offenlassen möchte, ob man überhaupt scharf nachgefragt hat.
Die Deutschen haben sich also damit abgefunden, dass nichts zu machen ist. Das ist realistisch. In Mailand dagegen sitzt der Anwalt von Abu Omars Frau, Nebuloni, und sagt: "Hier geht es um die Menschenrechte, und die sind wichtiger als unsere Außenbeziehungen zur USA." Was nicht realistisch ist. JÜRGEN DAHLKAMP,
GEORG MASCOLO, HOLGER STARK
* Drei Wochen vor der Entführung 2003 in Mailand; Observationsfoto der CIA, gefunden auf einer Festplatte des CIA-Organisators Bob Lady.
* In Mailand.
Von Jürgen Dahlkamp, Georg Mascolo und Holger Stark

DER SPIEGEL 25/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEHEIMDIENSTE:
Ein Job für Lady

Video 00:51

So groß wie ein Mensch Taucher filmen Riesenqualle

  • Video "Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: Diese Leute hassen unser Land" Video 02:39
    Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: "Diese Leute hassen unser Land"
  • Video "Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien" Video 12:35
    Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien
  • Video "Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not" Video 01:02
    Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not
  • Video "Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an" Video 01:14
    Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an
  • Video "Italien: Wasserhose verwüstet Strand" Video 00:40
    Italien: Wasserhose verwüstet Strand
  • Video "Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben" Video 04:19
    Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben
  • Video "Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen" Video 00:59
    Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen
  • Video "Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg" Video 01:02
    Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg
  • Video "Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft" Video 01:34
    Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft
  • Video "Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug" Video 01:21
    Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug
  • Video "Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover" Video 49:23
    Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover
  • Video "Amateurfußball: Torwart patzt - und dann..." Video 00:58
    Amateurfußball: Torwart patzt - und dann...
  • Video "Festival Zen OpuZen: Sand vom Feinsten" Video 01:21
    Festival "Zen OpuZen": Sand vom Feinsten
  • Video "3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!" Video 03:51
    3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!
  • Video "Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend" Video 06:37
    Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend
  • Video "So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle" Video 00:51
    So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle