19.06.2006

GESUNDHEITGefährlicher Geiz

Die Lustseuche Syphilis kehrt zurück - auch weil sich viele Prostituierte heute nicht mehr testen lassen.
Die Blondine im knappen T-Shirt versteht sie nicht, diese Freier. Egal ob junge Männer, alte Herren, Familienväter, alle wollten sie nur das eine: Sex ohne Kondom. Dabei müssten die Kunden doch wissen, wie gefährlich das sei, hier, ganz unten am Aachener Kaiserplatz, wo Drogenmädchen den billigsten Sex der Stadt bieten - zur Not schon ab 7,50 Euro.
Gefährlich nicht allein wegen des HIV-Risikos. Denn eine alte Lustseuche breitet sich neuerdings wieder aus: "In der Szene", sagt die heroinsüchtige 37-Jährige, "hat inzwischen fast jeder Syphilis." Sie selbst auch.
Die jahrzehntelang nahezu bedeutungslose Infektionskrankheit sei in Deutschland wieder auf dem Vormarsch, auch weil gerade drogenabhängige Prostituierte und ihre Freier immer häufiger ungeschützten Risiko-Sex praktizierten, klagen die Gesundheitswächter vom Berliner Robert Koch-Institut (RKI). Zugleich sei das Infektionsrisiko "massiv" angestiegen, so eine RKI-Analyse, da die Untersuchungs- und Behandlungsangebote für Prostituierte nicht ausreichten.
Denn 2001 kassierte die rot-grüne Bundesregierung die Untersuchungspflicht für Sex-Arbeiterinnen. Die Koalition hoffte, die Frauen würden freiwillig regelmäßig zum Arzt gehen. Doch gleichzeitig schafften die meisten Kommunen ihre Kontrollangebote ab, um Geld zu sparen - mit dem Ergebnis, dass viele Huren sich heute gar nicht mehr testen lassen.
Der Geiz entpuppt sich nun als ziemlich gefährlich. So haben sich inzwischen nicht nur im Großraum Aachen reihenweise Frauen und Männer angesteckt. Auch Köln, Frankfurt, Darmstadt und Offenbach gelten laut RKI als "Risikogebiete". Zur Fußballweltmeisterschaft kontrollieren die Berliner Experten verstärkt die anonymen Meldungen von Syphilisfällen, die Ärzte und Labors an sie weiterreichen. Unter besonderer Beobachtung stehen Städte, in denen WM-Spiele stattfinden. Denn die, so die Annahme, locken derzeit auch massenhaft Besucher mit nicht nur sportlichen Interessen an.
Dass mehr Untersuchungsangebote nottun, zeigen die Zahlen: Nach einem deutlichen Rückgang in den achtziger Jahren wurden im vergangenen Jahr bundesweit 3210 neue Syphiliskranke gemeldet - mehr als dreimal so viele wie vor fünf Jahren. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres zählte das RKI bundesweit schon knapp 800 Neuinfektionen, und die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Denn die Krankheit ist tückisch, bei manchen Infizierten gibt es zwei Jahre lang kaum Symptome - so lange können sie andere anstecken, ohne auch nur zu ahnen, dass sie eine Gefahr sind.
Zwar treten noch immer 75 Prozent aller Syphilisfälle bei homosexuellen Männern auf - doch in mehreren Regionen Deutschlands registriert das RKI eine starke Zunahme unter Heterosexuellen, bislang am deutlichsten im Großraum Aachen: 100 Neuinfektionen meldeten Ärzte dort allein 2005, davon fast die Hälfte bei Frauen.
Vor allem die Freier hätten nur "sehr begrenzte Kenntnisse" über sichere Praktiken, schimpft RKI-Experte Osamah Hamouda. Viele wüssten etwa nicht, dass Syphilis über Schleimhäute übertragen werden kann und damit auch via Oralverkehr.
Und die meist nicht versicherten Prostituierten finden bei den Behörden zu wenig Hilfe. Hubert Plum, Leiter des Aachener Gesundheitsamts, räumt ein, dass die Stadt - wie viele andere Kommunen auch - für Professionelle seit fünf Jahren keine Untersuchung auf Syphilis mehr anbiete. Bis dahin mussten Prostituierte regelmäßig zu Untersuchungen erscheinen - im Szene-Jargon hieß das von Amtsärzten erteilte Gesundheitsattest "Bockschein". Wer nicht kam, wurde vielerorts sogar von der Polizei vorgeführt. Nach Abschaffung der Untersuchungspflicht, so Plum, strich Aachen bald auch die freiwilligen Testangebote: "Es ist ja keiner mehr gekommen."
Manche Prostituierte würden nun freilich wieder gern regelmäßig zum Test gehen, so wie eine 41-jährige Heroinabhängige, die am Kaiserplatz anschafft. Die schmale Frau sagt, sie habe derzeit "große Angst" vor der Syphilis, immer wieder sucht sie an ihrem Körper nach ersten Anzeichen der Krankheit, nach Geschwüren oder geschwollenen Lymphknoten.
Unbehandelt führt Syphilis zu Lähmungen und Tod, wird aber rechtzeitig Penicillin gespritzt, lässt sie sich relativ verlässlich bekämpfen. Die Prostituierte vom Kaiserplatz möchte deshalb einen Bluttest machen, am liebsten jetzt gleich, doch ist sie nicht krankenversichert. Die Streetworkerin Brigitte Brosius, die viele der Huren in Aachen betreut, muss sie vertrösten - bis der Antrag auf Arbeitslosengeld II bearbeitet sei: "Hoffentlich kommt sie dann noch wieder", sagt Brosius.
Etwa vier neue Syphilispatienten pro Woche kommen allein in die Universitätsklinik Aachen, meist Prostituierte. Nur melden sich viele nach der Erstbehandlung nicht wieder, und ohne Kontrolle bleibt ungewiss, ob sie noch weiter Freier infizieren können.
Die Kunden lassen sich offenbar ebenso schwer erreichen. Als die Aachener Stadtverwaltung und die Polizei kürzlich rund um den Kaiserplatz Flyer an Autofahrer verteilen ließen, wurden Mitarbeiter derart scharf angepöbelt, dass die Aktion abgebrochen werden musste. Die angesprochenen Männer suchten allesamt angeblich nur einen Parkplatz - und dabei wollten sie ungestört bleiben. ANDREA BRANDT
Von Andrea Brandt

DER SPIEGEL 25/2006
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