19.06.2006

SRI LANKARückkehr zur Gewalt

Vier Jahre nach Beginn einer brüchigen Waffenruhe steht der Insel ein erneuter Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen der singhalesischen Regierung und den tamilischen Rebellen bevor, nachdem vergangenen Donnerstag bei dem bisher blutigsten Anschlag der jüngsten Zeit 64 Menschen starben. Auf die Explosion von zwei Landminen neben einem Bus in Kabithigollewa im Nordosten Sri Lankas antwortete die Regierung mit Luftschlägen gegen Stellungen der Aufständischen. Zwar weist die Rebellenorganisation Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) die Verantwortung für den Anschlag zurück und macht rivalisierende Splittergruppen verantwortlich - doch vieles deutet darauf hin, dass das Interesse von Guerilla-Chef Velupillai Prabhakaran an einer politischen Lösung des Konflikts geschwunden ist. Die LTTE hält nach Expertenmeinungen 12 bis 14 Prozent von Sri Lanka unter Kontrolle und möchte ihren Herrschaftsbereich lieber sichern, als sich auf ein Abkommen mit der Regierung einzulassen. Auch die wachsende internationale Marginalisierung der Rebellengruppe fördert nach Ansicht von Beobachtern die Eskalation der Gewalt - am 29. Mai hatte die Europäische Union die LTTE auf ihre Terrorliste gesetzt und die Konten der Tamilen-Tiger eingefroren. Jehan Perera, Direktor des Nationalen Friedensrates in Colombo: "Wenn die Rebellen wirtschaftlich und politisch weiter isoliert werden, bleibt ihnen am Ende nur eine Option: der Krieg." Bereits seit vergangenem Sommer zeichnet sich ab, dass die Rebellen eine Verschärfung des Konflikts provozieren wollten - damals wurde Sri Lankas Außenminister Kadirgomer von Heckenschützen erschossen. Bei der letzten Runde der Friedensgespräche in Oslo wollten die Vertreter der LTTE nicht einmal mehr mit den Regierungsemissären sprechen. Seit 23 Jahren spaltet der Konflikt das Land, über 65 000 Menschenleben hat er bereits gekostet. Wegen der diversen tamilischen Splitterfraktionen neben der LTTE, die sich kaum noch an die vereinbarte Feuerpause halten, wird die Lage im Norden immer unübersichtlicher. "Es ist kaum noch zu erkennen, wer da auf wen schießt", sagt ein europäischer Entwicklungshelfer.

DER SPIEGEL 25/2006
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SRI LANKA:
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