26.06.2006

NAHOSTVerhandlungen im Vakuum

Abdallah Frangi war die Stimme der Palästinenser in Deutschland. Jetzt sucht er einen Kompromiss mit den Hardlinern der Hamas.
Der Mann im blauen Polohemd sucht nach Worten. "Mutabaa", murmelt er auf Arabisch. "Wie sagt man das auf Deutsch?" Er kramt in seinem Gedächtnis, es dauert eine Weile, bis ihm die richtige Übersetzung einfällt. "Verfolgung", sagt er, wirkt aber nicht erleichtert. "Ich habe die deutsche Sprache schon verlernt."
Früher war Abdallah Frangi, 62, um Worte nicht verlegen. Mehr als 20 Jahre lang vertrat er die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO in Deutschland. Er ließ keine Gelegenheit aus, den Bundesbürgern seine Sicht des Nahost-Konflikts zu erklären. Besitzer von Radioweckern wurden morgens regelmäßig von seinem arabischen Akzent aus dem Schlaf gerissen. Es war ein monotoner Weckruf in den Frühsendungen des Rundfunks, den der "Generaldelegierte Palästinas" über den Äther schickte: Die Palästinenser wollen Frieden, so seine Botschaft, aber Israel stelle sich mal wieder quer.
Wenn man dieser Tage mit Frangi spricht, kommt es vor, dass er eine ganze Stunde lang nicht über Israel redet. Selbst die jüngsten zivilen Opfer israelischer Luftangriffe erwähnt Frangi nicht, so sehr sind die Palästinenser derzeit mit sich selbst beschäftigt. Die Parlamentswahlen Anfang des Jahres haben das System Palästina auf den Kopf gestellt.
Während die Fatah-Bewegung des verstorbenen PLO-Mitbegründers Jassir Arafat noch immer mit ihrer Oppositionsrolle hadert, wächst bei den Menschen angesichts des internationalen Boykotts die Wut über die Hamas-Regierung. Immer wieder kommt es zu Schusswechseln militanter Anhänger beider Lager, gegenseitigen Entführungen und Erstürmungen von gegnerischen Einrichtungen.
Die Welt ist für Frangi komplizierter geworden. Im vergangenen Jahr wurde er Chef der Fatah im Gaza-Streifen. Während er sich früher als Vertreter des ganzen Volkes betrachten konnte, ist er nun Teil des palästinensischen Bruderkampfes.
Sein Leben ist sogar gefährlich geworden. Vor kurzem besetzten militante Hamas-Anhänger sein Büro. Im Treppenhaus haben Frangis Leute notdürftig die Spuren der Einschusslöcher verputzt. Wenn Frangi aus der Parteizentrale tritt, springen ein halbes Dutzend Uniformierte mit Kalaschnikows auf, zu seinem Schutz.
Einsam wirkt Frangi inmitten seiner Bodyguards. Er vermisst seine Frau, eine gebürtige Deutsche, die sich in Meckenheim sicherer fühlt als in Gaza, ihm fehlen seine beiden erwachsenen Kinder, die in Speyer und Berlin leben. "Jeder Ort der Welt ist bequemer als dieser hier", sagt Frangi.
Er hat sich um diesen Job nicht gerissen. Präsident Mahmud Abbas bat ihn persönlich, die Partei in die Parlamentswahlen zu führen. Die Mission war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die alte Garde hatte das öffentliche Image der Fatah durch Korruption und Vetternwirtschaft ruiniert, die Jungen gründeten unabhängige Listen. Frangi sah die Katastrophe voraus. Am 21. November vergangenen Jahres schrieb er Abbas einen Brief. Wenn die Wahlen nicht verschoben würden, warnte er, werde die Hamas mit großer Mehrheit siegen. Er behielt recht.
Frangi sitzt in seinem Büro im vornehmen Teil von Gaza-Stadt und spielt mit einem kleinen Würfel aus Plexiglas, in den die Silhouette von Jassir Arafat eingraviert ist. Es gibt hier keine Wand, an der nicht ein Foto des PLO-Mitbegründers hängt. "Arafat war allgegenwärtig, er war das System", sagt Frangi. Er habe palästinensischen Organisationen Millionen gegeben, für die Familien der Selbstmordattentäter oder Verwundete. "Sein Tod hat ein riesengroßes Vakuum hinterlassen."
Mit Arafat, diese Botschaft ist unverkennbar, wäre es nicht so weit gekommen, dass die Hamas die Regierung stellt. Dem Arafat-Nachfolger Abbas hingegen hat Frangi nicht nur zu verdanken, dass er die Fatah aus den Ruinen der Wahlniederlage aufbauen muss. Er soll auch einen Showdown mit den Islamisten verhindern.
Abbas hat die Hardliner der Hamas-Regierung vor die Wahl gestellt: Sie sollen einen 18-Punkte-Plan akzeptieren, den in Israel inhaftierte Palästinenserführer verfasst haben. Sollte die Hamas nicht zustimmen, findet am 26. Juli eine Volksabstimmung statt. Das Referendum ist der Versuch, die ordentlich gewählte Hamas-Regierung in ihrer Handlungsfreiheit einzuschänken oder gar aus dem Amt zu jagen. Das geht vielen Palästinensern offenbar zu weit. Neueste Umfragen sagen ein Scheitern des Referendums voraus. Abbas hat für diesen Fall seinen Rücktritt angekündigt.
Um das zu verhindern, erhielt Frangi den Auftrag, sich mit den Islamisten über das Papier der Gefangenen zu einigen. Bis zu acht Stunden täglich verhandelte er in der vergangenen Woche. Zumindest einen Teilerfolg konnte er vermelden: Die Vertreter der Hamas hätten sich bereiterklärt, einen palästinensischen Staat im Westjordanland und im Gaza-Streifen mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt zu akzeptieren. "Das ist das erste Mal, dass die Hamas dies offiziell anerkennt", berichtet Frangi stolz.
Doch seitdem haken die Gespräche. Es geht darum, wer mit den Israelis verhandeln darf, ob das Parlament oder die PLO am Ende über die Ergebnisse abstimmen soll und ob die Hamas dem Terror innerhalb Israels abschwören muss. "Wir haben irgendwann begonnen, unsere Argumente zu wiederholen", seufzt Frangi.
Aus seiner Sicht wäre es am besten, wenn es nicht zu einem Referendum, einem Showdown zwischen Hamas und Fatah käme. Seine letzte Hoffnung ruht daher auf einem Spitzengespräch zwischen Abbas und Hamas-Premierminister Ismail Hanija: "Das müssen jetzt die Chefs regeln." CHRISTOPH SCHULT
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 26/2006
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