26.06.2006

MEDIZIN„Gelenkte Demokratur“

Die Gesundheitskarte soll den „Gläsernen Patienten“ schaffen und Kosten sparen. Doch der Testbetrieb muss erneut verschoben werden. Drohen Pannen wie bei der Lkw-Maut?
Ein neues Leiden geht um in Deutschland. Kopfweh, Nervosität und schlaflose Nächte gehören zu den Symptomen. Besonders betroffen sind Ärzte, Apotheker, Krankenversicherer, Gesundheitspolitiker und Informatiker. Auslöser der Symptome ist die "Gesundheitskarte" - ein bundesweit einheitlicher elektronischer Ausweis, auf dem alle medizinischen Daten des jeweiligen Patienten gespeichert werden sollen.
Die neue Chipkarte soll eigentlich Probleme lösen, nicht schaffen. Und die Vision klingt durchaus bestechend: Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken sollen im 21. Jahrhundert ankommen und endlich flächendeckend die Vorteile der elektronischen Kommunikation nutzen. Von einer "Revolution im Gesundheitswesen" schwärmt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).
In der Theorie hört sich alles ganz einfach an: Eine Patientin hat beispielsweise Heuschnupfen und geht zu ihrem Arzt. Der schreibt ihr ein elektronisches Rezept aus ("E-Rezept") und speichert es auf ihrer Karte (siehe Grafik).
Die Patientin schleppt sich daraufhin zur Apotheke, schiebt ihre Gesundheitskarte in ein Lesegerät, tippt ihre Pin-Nummer ein, wie sie es vom Geldautomaten gewohnt ist, und bekommt das Medikament. Die Zettelwirtschaft mit unlesbaren oder verschlampten Rezepten entfällt.
Und mehr noch: In einer weiteren Ausbaustufe soll die Karte sogar den Zugang zur "Elektronischen Patientenakte" (EPA) und damit zur gesamten Krankengeschichte der Patienten ermöglichen. Arzt oder Apotheker könnten mit der EPA dann zum Beispiel auf einen Blick erkennen, dass die Patientin auf einen bestimmten Wirkstoff allergisch ist und ein anderes Medikament braucht.
So könnte die EPA Leben retten: Durch Unverträglichkeiten sterben jedes Jahr mehr Menschen als durch Autounfälle, schätzen Experten.
Auch sperrige Röntgenaufnahmen sind in Zukunft elektronisch abrufbar. Vor allem die Krankenkassen können damit Geld sparen, da die Transparenz hilft, teure - und für die Patienten schädliche - Doppeluntersuchungen zu vermeiden.
Nach den ursprünglichen Plänen sollte spätestens seit dem 1. Januar jeder in Deutschland Versicherte über eine neuartige Chipkarte verfügen. Doch der Start wurde mehrfach verschoben.
Noch vor wenigen Monaten besagte der neue Fahrplan: Ab 1. Juli können Zehntausende Patienten die Karten probeweise nutzen. Zu den auserwählten Testregionen gehören Flensburg, Bremen, Wolfsburg, Bochum/Essen, Löbau-Zittau, Trier, Heilbronn und Ingolstadt.
Doch Ende dieser Woche wird erneut - nichts passieren. Vergebens warten die Ärzte vor Ort noch immer auf Lesegeräte, Karten, Informationen. Der Starttermin wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.
Wieder einmal - so oder so ähnlich geht das seit Jahren.
Viele Teilnehmer aus den Testregionen sind sauer. "Was hier abläuft, verdient schon fast den Namen Medi Collect", schimpft etwa Siegfried Jedamzik in Anspielung auf das in Verruf geratene Autobahn-Mautsystem Toll Collect. Jedamziks Wort hat Gewicht; denn an sich ist der Bayer ein vehementer Befürworter der Digitalisierung im Gesundheitswesen und leitet derzeit das elektronische Praxisnetz "Go In" in Ingolstadt, an das bereits über eine viertel Million Patienten angeschlossen sind. Jedamzik: "Die Verantwortlichen haben nicht einmal eine lauffähige Musterumgebung, sondern nur so eine Art handgeschnitzten Prototyp."
Der Vergleich mit Toll Collect ist dabei noch schmeichelhaft. Denn technisch gesehen ist die Gesundheitskarte viel banaler: Es geht vor allem darum, sich auf Verfahren zu einigen, mit denen die Smartcards der Nutzer und die Lesegeräte bei Arzt und Apotheke Daten austauschen.
Vor allem aber geht es um die Frage: Wer zahlt für was? Rund 300 Krankenkassen müssen sich mit mehr als 125 000 niedergelassenen Ärzten, knapp 22 000 Apotheken und über 2000 Krankenhäusern in 16 Bundesländern verständigen. Schon über die Kosten der Einführung herrscht Uneinigkeit. Wird die Summe eher bei
1,4 Milliarden Euro liegen oder bei 5 Milliarden? Zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Und weil keiner die Zeche zahlen will, blockieren sich alle gegenseitig, wälzen Einwände, verschleppen Entscheidungen.
Wer versucht, im Drama um die Gesundheitskarte hinter die Kulissen zu schauen, landet im Berliner Theaterbezirk von Mitte. Im Spreekarree, umgeben von Berliner Ensemble, Deutschem Theater und Friedrichstadtpalast, liegt die Zentrale der Firma Gematik. Wenn es einen Menschen gibt, der sich mit der Gesundheitskarte auskennt, dann sollte es Geschäftsführer Dirk Drees sein.
Aufgabe der Gematik ist es, die Interessen der zersplitterten Gesundheitsbranche zu bündeln und die technischen Standards vorzugeben. Gesellschafter sind die 15 Spitzenverbände des Gesundheitswesens - die teilweise gegenläufige Interessen vertreten.
Auf der Bühne der Gesundheitspolitik ist Drees eine Art tragischer Held: Egal was er vorschlägt oder unternimmt - irgendeine Lobbygruppe prügelt immer auf ihn ein. Rund 60 Mitarbeiter haben bei der Gematik ihr Büro. Im Labor basteln ein paar Informatiker an Testgeräten.
Doch wer im Entwicklungszentrum nach Details fragt, trifft überraschenderweise auf Ratlosigkeit. Wie sollen zum Beispiel die Patientenakten später gespeichert werden - auf der Speicherkarte oder doch besser auf einem Internet-Server, von wo aus die sensiblen Daten abgerufen werden?
Drees kennt die Antworten auch nicht, denn darüber sind sich die Beteiligten noch nicht einig. Wie teuer wird die Karte? "Das hängt davon ab, wen Sie fragen." Und warum verschlampt die Gematik einen Starttermin nach dem anderen? "Tja, das ist eben gelenkte Demokratur", sagt Drees achselzuckend.
Kein Wunder, dass Drees als König ohne Königreich gilt: Offiziell koordiniert er zwar das Großprojekt - aber die Strippen ziehen andere, vor allem im Bundesgesundheitsministerium. Für Ulla Schmidt ist die Gesundheitskarte ein Vorzeigeprojekt - die Fortsetzung der Gesundheitsreform mit technischen Mitteln. Die Karte soll Bürokratie abbauen, Transparenz schaffen, Betrug durch Ärzte und Patienten aufdecken helfen. Die Detailarbeit übernimmt dabei ihr Staatssekretär Klaus Theo Schröder. Der scheint sich in der Rolle des Raubtierdompteurs zu gefallen, der gern bereit ist, all seine Machtmittel anzuwenden: Gesetze und Ersatzvornahmen. Bis in Details mischt Schröder beim neuen Standard mit.
Sein derzeit liebstes Instrument ist der Termindruck. Das Spiel geht so: Das Ministerium setzt eine Pressekonferenz an und gibt dabei jeweils einen neuen, haarsträubend ambitionierten Terminplan bekannt.
Drees bleibt dann nichts anderes übrig, als sich den Vorgaben zu beugen. Die 15 Spitzenverbände einigen sich daraufhin in den folgenden Monaten in zähen Verhandlungen auf ein paar Trippelschritte - bis sich der angepeilte Termin wieder nicht einhalten lässt.
Der Dauerzoff im Kartenhaus bindet viel Energie - die anderswo fehlt. Kaum jemand bei der Gematik scheine sich zum Beispiel für die tatsächlichen Arbeitsabläufe im ärztlichen Alltag zu interessieren, warnt Eckehard Meissner. Er betreibt in Flensburg eine Praxis für Innere Medizin und leitet das dortige Gesundheitsnetz mit über 170 angeschlossenen Heilberuflern. Vieles, was die Gesundheitskarte leisten soll, läuft hier schon seit Jahren auf regionaler Ebene.
"Die Gesundheitskarte droht an den Ärzten zu scheitern, wenn nicht entscheidend nachgebessert wird", warnt er. Zur Demonstration schiebt er einen Chipkarten-Prototyp in ein Lesegerät vor sich. Und wartet. Und wartet.
"Die Ausstellung von elektronischen Rezepten muss viel schneller klappen, sonst hält das den ganzen Laden auf und die Patienten müssen noch länger warten", sagt Meissner.
Ärzte, denen das elektronische Rezept zu lange dauert, könnten es massenhaft boykottieren, indem sie einfach weiter auf das "Ersatzverfahren" setzen: herkömmliche Papierrezepte. Denn dieser Ausweg muss bestehen bleiben - für den Fall eines technischen Defekts.
Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet Meissner jedoch das vollmundige Versprechen des Ministeriums, dass der Patient die alleinige Kontrolle über seine Patientenakte behalten soll. Jeder Patient darf zum Beispiel Diagnosen oder Medikamente löschen, die er als peinlich empfindet - was aus Datenschutzgründen auch unerlässlich ist. Ärzte dagegen brauchen vor allem zuverlässige, ungeschönte Befunde - ein bislang ungelöster Interessenkonflikt.
"Wenn mir ein Patient in seiner Akte verheimlichen kann, dass er Viagra bekommt, dann ist das lebensgefährlich, denn es gibt viele Wechselwirkungen mit anderen Präparaten", kritisiert Meissner. "Wenn ich mit so etwas rechnen muss, wäre die digitale Patientenakte für mich fast wertlos."
Bislang würden derlei Probleme von der Gematik und dem Ministerium nicht zur Kenntnis genommen, kritisiert der bayerische Praxisnetzwerker Jedamzik.
"Wenn die Ärzte die Karte annehmen sollen, müssen wir unbedingt offener über die Chancen und Risiken reden", fordert er, "ich will wissen, was geht, was nicht geht und was ungeklärt ist." Zeit genug wäre schließlich da: Für 2006 rechnet niemand mehr ernsthaft mit dem Beginn der großflächigen Tests. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 26/2006
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