03.07.2006

AFFÄRENDoppelmord unter Palmen

Ein Verbrechen in der Karibik erschüttert den Baukonzern Strabag. Es geht um Millionen, die beim Autobahnbau in Deutschland verschoben wurden, und um einen cleveren Jungmanager.
Es mögen vier oder fünf Cuba Libre gewesen sein. So genau weiß Michael Z. nicht mehr, wie viele Gläser seine beiden Kumpel Detlef C., René O. und er selbst unter karibischer Sonne herunterkippten, damals im April 2003, im Restaurant Gri-Gri des dominikanischen Stranddorfs Las Galeras.
Sie hätten jedenfalls schon kräftig getrunken, sagt er, bevor sie in ihrem gemieteten Jeep losbrausten, um einem untreuen Geschäftspartner einen überraschenden Besuch abzustatten. Der Plan war simpel: Notfalls mit ein wenig Gewalt wollten die drei den Mann namens Peter Pape dazu bringen, ihnen 135 000 Euro zu übergeben. Danach wollten sie schnell wieder abhauen, untertauchen im Heer der All-Inclusive-Urlauber, um dann mit dem nächsten Touristenjet zurückzufliegen, heim nach Deutschland.
Die Mission endete tödlich für den Deutschen Pape und seine Freundin, die vier Jahre zuvor aus Sachsen in die Karibik gezogen waren. Das Paar wurde auf einem Parkplatz beim Hafenstädtchen Samaná gefunden - zwei halbverkohlte Leichen mit eingeschlagenem Schädel.
Die Zecherrunde aus dem Gri-Gri wurde in der Dominikanischen Republik schnell verhaftet und kam 2004 nach Deutschland zurück. Im Dezember vorigen Jahres verurteilte das Landgericht Chemnitz Michael Z. wegen Totschlags zu acht und René O. wegen Freiheitsberaubung zu vier Jahren Gefängnis. Detlef C. steht derzeit noch wegen Mordes vor Gericht.
Doch die Ermittlungen rund um den bestialischen Doppelmord unter Palmen brachten die Chemnitzer Fahnder noch auf eine ganz andere Spur - und die führt mitten in ein dubioses Firmenkartell und in einen der größten Baukonzerne Europas: die Strabag Holding, die mit über 40 000 Mitarbeitern jährlich Milliarden umsetzt und bei vielen Autobahnprojekten im deutschen Osten kräftig verdient hat. Sowohl das Opfer Pape als auch Z. und C., so fanden die Ermittler heraus, gehörten zu einem trickreichen Firmenkonstrukt, mit dem Millionen beim Autobahnbau abgezockt worden sein sollen.
Belege für ihre Theorie suchten sich die Ermittler mit einem Großeinsatz am 6. Dezember vergangenen Jahres: über 200 Polizeibeamte durchsuchten 54 Firmen und Wohnungen in Deutschland und Österreich - darunter auch die deutsche Strabag-Zentrale in Köln. Günter Ibler, ein bis dato auffallend erfolgreicher Projektmanager der Strabag, wurde als mutmaßliche Schlüsselfigur festgenommen, wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.
Immer wieder waren bei den Befragungen zum Mord in der Karibik Namen von Firmen gefallen, die eines gemeinsam hatten: Sie alle hatten etwas mit dem von der Strabag betreuten Ausbau der Autobahn A 72 in Sachsen zu tun. Und oft ging es dabei um krumme Geschäfte.
Über ein Jahr brauchten die Ermittler, um aus Details Dimension und Struktur der Geschäfte zu rekonstruieren. Mittlerweile gehen sie von einer Betrugsaffäre aus, bei der sich eine Reihe von Beteiligten über Jahre schamlos bereichert und den öffentlichen Kassen einen Schaden zugefügt haben soll, der sich wohl auf zig Millionen Euro beläuft.
Über Dutzende von Firmen, teilweise im Ausland, sollen die Steuermillionen für die Autobahn hin- und hergeschoben und schließlich Privatleuten zugeleitet worden sein. Am untersten Ende dieses ausgeklügelten Pyramidensystems standen Baufirmen, die von Strohleuten des Kartells immer dann in den Konkurs getrieben worden sein sollen, wenn größere Rechnungen und Löhne fällig wurden. Zielgerichtet, glauben die Fahnder, sollten mit der Methode die Kosten niedrig gehalten werden. So sollen die Firmen Geldabflüsse an anderer Stelle kaschiert haben - zu Lasten des Fiskus und der Sozialkassen, die etwa für die geprellten Beschäftigten einspringen mussten.
Seit über sechs Monaten sitzt der inzwischen von der Strabag gefeuerte Manager
Ibler in Untersuchungshaft. Sein Anwalt will sich zum jetzigen Zeitpunkt zu keinem der Vorwürfe äußern.
Derweil wächst im Strabag-Konzern die Nervosität - droht doch durch die Betrugsaffäre ein beträchtlicher Imageschaden, zumal Iblers Bekannte offenbar nicht nur beim Ausbau der A 72 agierten: Die Fahnder fanden Indizien für ähnlich zweifelhafte Geschäfte der Truppe in Österreich, etwa bei Arbeiten am Flughafen Wien.
Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner verspricht denn auch "lückenlose Aufklärung" und "die aktive Unterstützung der Ermittlungsbehörden". Sollte sich der Verdacht gegen Ibler bestätigen, so Haselsteiner, "wäre das eine Riesensauerei".
Dabei sah auch Haselsteiner in dem heute 36-jährigen Baumanager lange Zeit ein vielversprechendes Nachwuchstalent: Gleich nach dem Studium war Ibler zum Unternehmen gekommen. Beim Entree schadete wohl auch seine Herkunft nicht: Ibler ist der Enkel eines Haselsteiner-Kompagnons aus dessen Zeiten bei der Baufirma Ilbau, die inzwischen in der Strabag aufgegangen ist. "Ein redegewandter, sympathischer junger Mann mit einer Portion Cleverness", sagt Haselsteiner.
Der passionierte Wasserski-Fahrer Ibler glitt denn auch durch den Konzern wie über den heimischen Millstätter See in Kärnten: erst als Vermessungsingenieur, dann ab 1998 mit gerade mal 28 Jahren als Bauleiter in der Niederlassung Chemnitz, verantwortlich für Millionen-Projekte.
Hier lernte Ibler Michael Z. kennen, einen Bauleiter und ehemaligen Disco-Türsteher aus Duisburg. Dazu gesellten sich später zwei Rechtsanwälte, die sich wenig erfolgreich im Immobilien-Business versucht hatten, ein Bordellbetreiber aus Plauen sowie Geschäftsführer verschiedener Chemnitzer Baufirmen.
Für diese Arbeitsgemeinschaft begann eine goldene Zeit, als die Strabag 2002 den
Zuschlag für die Erneuerung eines Teilstücks der Autobahn 72 erhielt. 26,5 Millionen Euro hatte Ibler als Projektleiter zu verteilen, er und seine Spezis sollten offenbar davon profitieren. "Wer gut mit Ibler stand", sagt ein früherer Geschäftspartner, "dem ging es auch gut."
Seine Spezis aus Chemnitz und Umgebung sollen dafür wie am Fließband neue Firmen gegründet haben. Mal in Chemnitz beispielsweise die TBZ Tiefbau- und Baggerarbeiten, mal in München die Terra Bau AG oder in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt die Trans-Süd GmbH. Über ein Dutzend solcher Firmen im Dienste der Strabag hat die Chemnitzer Staatsanwaltschaft aufgelistet. Die Strabag-Einzelaufträge für diese Firmen sollen dabei immer Volumina von maximal 500 000 Euro gehabt haben. Denn bis zu dieser Summe konnte Ibler allein entscheiden, bei größeren Aufträgen hätte die Kölner Zentrale zustimmen müssen.
Die von Ibler versorgten Firmen wiederum beauftragten für die eigentlichen Bauarbeiten Sub-Subunternehmen. Deren vorrangiger Geschäftszweck sei es aber gewesen, so glauben die Staatsanwälte beweisen zu können, Kosten zu produzieren und nach kurzer Zeit wieder vom Markt zu verschwinden. Geleitet wurden die Unternehmen - die mal BTV, TC, STC, TL oder KBC hießen - von mutmaßlichen Strohleuten, die zum Beispiel in der Dominikanischen Republik residierten.
Das Finanzkarussell kam nun in Schwung. Über fingierte Rechnungen sollen die Strabag-Gelder verschwunden und teilweise in bar an die Hintermänner zurückgeflossen sein. Auch Ibler selbst soll von dem undurchsichtigen Firmenkonstrukt profitiert haben. "Es galt die Zwei-Drittel-ein-Drittel-Regel", sagt ein ehemaliger Strabag-Geschäftspartner. Ein Drittel soll oft an Ibler zurückgeflossen sein - "mitunter in bar". Auch hierzu möchte sich Iblers Anwalt nicht äußern: "Kein Kommentar."
Aber die Leistungen, die bei Firmen eingekauft wurden, die nicht zum Kartell gehörten, beglichen die Unternehmen - diesen Verdacht legen die Ermittlungen nahe - nicht oder nur teilweise. Leer gingen demnach oft auch die Beschäftigten, der Fiskus und die Sozialkassen aus. Forderte also jemand sein Geld ein, ging die entsprechende Tarnfirma in Konkurs. Die Arbeiten übernahmen neue Firmen, die zufälligerweise oft dieselben Adressen oder identische Geschäftsführer hatten.
Einen Einblick in die Finanztransaktionen gewährt das Beispiel der TBZ GmbH von Ibler-Spezi Michael Z.: Um Geld, das er als Subunternehmer von der Strabag kassierte, aus den Büchern verschwinden zu lassen, soll Z. von der Scheinfirma TC GmbH des in der Domikanischen Republik lebenden Peter Pape fingierte Rechnungen bekommen haben. Z. überwies, so seine eigene Darstellung, danach die Summen, anfangs mal 10 000 Euro, mal 15 000 Euro. War das Geld auf dem TC-Firmenkonto gelandet, soll Pape nach Deutschland geflogen sein, um es Z. oder einem Mittelsmann in bar zurückzugeben, abzüglich einer kleinen Gebühr von 16 Prozent, die Pape für sich behielt.
Diese Form der Geldwäsche funktionierte derart reibungslos, dass Z. es im Januar 2003 mit einer größeren Summe probieren wollte. Er überwies Pape 135 000 Euro. Doch diesmal wollte Strohmann Pape das Geld nicht brav in bar zurückbringen, sondern offenbar einfach behalten. Wenig später wurde er ermordet.
Bereits als Z. in der Dominikanischen Republik in Haft saß, interessierte sich ein Mann auffallend intensiv für das Verfahren: Strabag-Jungstar Ibler. Regelmäßig erkundigte er sich bei dem Anwalt seines Geschäftsfreundes, wie es denn um die Auslieferung von Z. nach Deutschland stehe. So eng wurde der Kontakt, dass Ibler dem Anwalt nebenbei Mandanten vermittelte - Geschäftsführer von Strabag-Subunternehmen etwa, gegen die wegen Insolvenzverschleppung ermittelt wurde.
Nur aus Freundschaft? Oder fürchtete Ibler in den Sog der Mordermittlungen gezogen zu werden? Denn zur selben Zeit nahm nun auch die Strabag-Konzernrevision den Manager ins Visier.
Den Controllern kam merkwürdig vor, dass die Bürokräfte der Chemnitzer Strabag-Niederlassung mehrfach die Rechnungen von Subunternehmen ausgefertigt hatten. Das nährte bei den Prüfern den Verdacht, dass es zu enge - und vom Konzernreglement ausdrücklich untersagte - Verbindungen oder gar personelle Verflechtungen zwischen der Niederlassung und den Subs geben könnte.
Nachweisen konnten die Prüfer Ibler allerdings nichts. Der clevere Manager hatte eine simple Erklärung: Diese Subunternehmen seien ja Ostfirmen. Und deren Leute seien mit westdeutschen Abrechnungs-Modalitäten halt nicht so vertraut, verklarte er den Revisoren. Deshalb habe er ihnen einfach ein "bisserl g'holfen".
ANDREAS WASSERMANN
* Neben den Anwälten sitzend Detlef C. (l.), René O. (3. v. l.) und Michael Z. (2. v. r.) vor dem Chemnitzer Landgericht am 8. August 2005.
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 27/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Doppelmord unter Palmen

  • Neues Start-Up: Elon Musk will Hirn und Rechner vernetzen
  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich
  • Ein Surfer und seine Begleiter: Delfine, alles voller Delfine!