03.07.2006

BILDUNGSchummeln bei Vera

Die Aussagekraft der Vergleichstests für Grundschüler ist begrenzt - viele Lehrer mogeln, um selbst gut dazustehen.
Die Sache kam heraus, weil ein Schüler sich verplapperte: Der Viertklässler an der Grundschule Heimbach in der Eifel klagte nach den jüngsten Vergleichstests für Grundschüler beim Direktor, er sei mit den Aufgaben nur deshalb so schlecht zurechtgekommen, weil er beim Üben gefehlt habe.
Der Schulleiter wurde hellhörig, forschte nach - und musste bald in einem Brief an die Eltern Unangenehmes kundtun: Die Klassenlehrerin habe die Testaufgaben vorher gekannt und mit den Kindern geübt. Wegen dieser "nicht zulässigen Vorbereitung" seien die Ergebnisse verfälscht.
Was in dem Eifel-Ort im vergangenen Herbst ans Licht kam, sei "sicher kein Einzelfall", verteidigt sich der Heimbacher Grundschulleiter Joachim Dunkel. Der Mann hat recht: Inzwischen häufen sich Fälle, die belegen, dass zahlreiche Pädagogen bei den sogenannten Vera-Tests, die nach dem Pisa-Schock an Grundschulen eingeführt wurden, heftig schummeln. Die Vergleichsarbeiten, die einmal pro Jahr Aufschluss über die Mathe- und Deutsch-
kenntnisse von rund 300 000 Grundschülern geben sollen, laden dazu regelrecht ein. Denn die Vera-Erfinder an der Universität Koblenz-Landau setzen ganz auf die Ehrlichkeit der Grundschullehrer - und stellen den Schulen die Testaufgaben via Internet schon frühzeitig zu.
Die Mogelei ist peinlich auch für manche Politiker. Bremens Schulsenator Willi Lemke (SPD) freute sich lautstark über gute Vera-Noten, in Nordrhein-Westfalen bekommen
die Schulklassen mit den besten Tests neuerdings sogar Auszeichnungen. Dabei sind die Ergebnisse nicht so viel wert, wie die Bildungspolitiker meinen: Weil der Druck auf die Pädagogen wachse, mit ihren Klassen bei Vera gut abzuschneiden, sei es doch "nur menschlich, wenn Lehrer betrügen", so der Siegener Schulforscher Hans Brügelmann.
Bei Rixa Borns und ihren Kollegen von der Fachgruppe Grundschule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen melden sich "regelmäßig Lehrer, die zugeben, dass sie bei Vera-Tests gemogelt haben". Die Pädagogen würden sich Tage vor den Tests mit dem Zugangspasswort der Schule die Aufgaben von den geschützten Internet-Seiten herunterladen und dann in den Klassen üben. Viele würden ihren Schülern während der Tests zudem massiv helfen - "aus Angst, bei schlechten Ergebnissen selbst als Versager dazustehen", so Borns.
Die meisten Lehrer würden ihre Schüler intensiv auf die Tests vorbereiten, sagt Hans-Werner Johannsen, Leiter einer Grund- und Hauptschule in Jarplund-Weding bei Flensburg. Die Aussagekraft von Vera hält er daher für "sehr begrenzt".
Als NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) im Mai die besten Klassen des Bundeslands auszeichnete, wollten manche Pädagogen mit Spitzenleistungen partout keine öffentliche Ehrung: "Da haben wohl einige ein schlechtes Gewissen", unkt Sommer. Neben NRW machen inzwischen auch Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bei den Vergleichsarbeiten mit, die 2003 zuerst in Rheinland-Pfalz eingeführt wurden. Den Lehrern sollten sie helfen, Schwächen ihrer Schüler zu erkennen und den Unterricht zu verbessern.
Das war die Idee. Inzwischen aber verbessern viele Lehrer vor allem die Testergebnisse - auch mit fragwürdigen Mitteln. Zu besonderen Hilfsaktionen animierte bei der jüngsten Vera-Runde eine Aufgabe im Fach Deutsch. Viertklässler sollten auf einer Bundesbahn-Fahrkarte die Angaben zu Abfahrtsort und Fahrpreis entschlüsseln. Kollegen hätten vorab mit ihren Schülern Fahrscheine studiert, beschwert sich eine Grundschullehrerin aus der Pfalz: "Die Kinder waren dann im Test natürlich klar im Vorteil."
Um Schummeleien zu bekämpfen, wünschen sich Praktiker wie der norddeutsche Schulleiter Johannsen, dass alle Schulen die Aufgaben künftig erst am Testtag bekommen - und dass fremde Lehrer, zum Beispiel aus Nachbarschulen, als Testleiter eingesetzt werden. Sinnvoll sei es auch, wenn die Lehrer die Testergebnisse zukünftig nicht mehr eigenhändig in den Computer eintippen dürften.
Inzwischen räumen selbst die Experten vom Vera-Projektteam der Universität Koblenz-Landau ein, dass die Vorab-Information der Schulen über die Testaufgaben eine "Schwachstelle" sei. Statt auf mehr Kontrolle setzen die Uni-Leute aber weiterhin auf Idealismus. Die Pädagogen, hofft Jana Groß Ophoff vom Landauer Expertenstab, müssten doch selbst Interesse haben, einen "unverfälschten Eindruck" vom Lernstand ihrer Schüler zu bekommen.
Lehrer mit weniger Interesse am Erkenntnisgewinn können auch in der nächsten Vera-Runde schummeln. Die Aufgaben für die Mathematiktests für Viertklässler am 19. September etwa sollen ab dem 14. September im Internet stehen - den Pädagogen bleiben drei Unterrichtstage fürs verbotene Üben. ANDREA BRANDT
* Nach einer Urkundenverleihung für Vera-Gewinner am 29. Mai in Köln.
Von Andrea Brandt

DER SPIEGEL 27/2006
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