03.07.2006

Trips mit Trolley

Global Village: Die Lufthansa fing damit an, Louis Vuitton kommt daran nicht vorbei - rollende Gepäckstücke sind das Symbol der weltweiten Business-Kultur.
Ohne geht nicht. Sabine Christiansen zieht ihn hinter sich her, dem Weltklassefußballer Arjen Robben hängt er an den Hacken, Tennisspielerin Anna Kurnikowa hat ihn dabei: kein Trip ohne Trolley.
Sein sonorer Sound in Hauptbahnhöfen und Flughäfen klingt nach Freiheit und Wichtigkeit. Auf den Champs-Elysées in Paris, in Berlin-Mitte oder im Brüsseler Europa-Viertel, überall auf den globalen Flaniermeilen verschmilzt das Reiseutensil mit seinem Besitzer zu einem Symbol der Moderne.
Jeden Morgen quellen die Repräsentanten der Allzeit-bereit-Gesellschaft im Kurztakt aus Flugzeugen und Fernzügen, Kompanien von Erfolgsmenschen, mit festem Blick und Griff, immer auf der Rolle, immer auf der Walz, im Dienste einer erdumspannenden Business-Kultur.
Selbst Louis Vuitton, snobistischer Anführer aller Kofferbauer, wird überrollt. In seinen berühmten Werkstätten, im Pariser Vorort Asnières, wo man einst mobile Bettschränke für Afrika-Forscher fertigte und heute in Handarbeit Schminkkoffer für Filmstars herstellt, Gepäck für Kunden, die "Privatjets und Personal zum Koffertragen" haben, wie die Vuitton-Koffermacher sich brüsten, selbst dort werden jetzt Trolleys gebastelt.
Das Unikat für einen bekannten französischen Journalisten ist fast fertig, mit maßgefertigten Fächern für Laptop, Dokumente und Schreibblöcke. Ein anderes Stück ist noch im Rohbau: acht Schubladen, je acht Fächer - zum professionellen Transport teuren Schmucks. Das Äußere muss stabil, vor allem aber unauffällig sein. Ist doch erst kürzlich einem Geschäftsmann aus Malaysia ein ähnlicher Roller gestohlen worden, mit Schmuck für eine halbe Million Schweizer Franken darin. "Wir kommen am Trolley nicht mehr vorbei", knurrt Jade Hantuche, Chef der Maßanfertigung, "auch unsere Kunden verlangen danach. Er sei so praktisch, sagen sie."
Das Material, ob Alu oder Polycarbonat, ist zweitrangig, wichtig sind die Maße: 115 Zentimeter sollte die Addition von Länge-Breite-Höhe nicht überschreiten. So passt er als Handgepäck in den Flieger.
1972 brachte der belgische Kofferfabrikant André Seynhaeve bei der Firma Delsey das erste rollende Gepäckstück auf den Markt, er nannte es "Trolley", vom englischen Wort für "Handwagen". Aber damals wollte niemand mit einem solchen Ding auf Reisen gehen. Es galt weder als ausreichend "männlich" noch als "damenhaft" und schon gar nicht als sexy.
Nur die Lufthansa, und später auch andere Fluglinien, erwärmten sich für die praktischen Roller und statteten ihre Stewardessen damit aus. "Trolley dollies" hießen die schnell, "Trolley-Püppchen", und schämten sich ein bisschen wegen ihres peinlichen Gepäcks.
Die "Trolley girls" von heute schämen sich nicht mehr. So heißt in Europas Süden jene Spezies junger, langbeiniger Blondies, die alle irgendwo Schönheitskönigin werden könnten, aber lieber an mediterranen Jet-Set-Ecken darauf warten, zum Spaß-Trip auf die Luxusyacht oder zur Party der Superreichen eingeladen zu werden - die rollende Grundausstattung immer parat.
Deren Verlust kann böse Folgen haben, für die Schönen wie etwa auch für einen bis dahin unauffälligen Kleinkriminellen. Der vergaß seinen Trolley im Zug, reklamierte den Verlust und wurde verhaftet, als er sein gutes Stück abholen wollte: Ein eifriger Drogenhund hatte zwölf Kilogramm Hasch darin erschnüffelt. Ein Boulevardblatt outete ihn als "Deutschlands dümmsten Drogenkurier".
Da kam Johnny Rotten von der Punk-Band The Sex Pistols noch vergleichsweise gut weg: "God save the Queen" hieß der böse Song über Britanniens Elizabeth II. zu ihrem silbernen Thronjubiläum 1977, der Royalisten in aller Welt erregte. Die Queen sei doch "gar kein menschliches Wesen", spottete der Punker, eher "ein Stück Pappe", das auf einem Trolley durch die Gegend gekarrt werde. Rotten wurde dafür verprügelt, sein Song von der BBC auf den Index gesetzt.
Natürlich gibt es auch Protest gegen den Trolleyismus, der sich vor allem im Internet bemerkbar macht. "Eine Wand, die vorwärtsdrängt, ohne Gefangene zu machen", wütet der 20-jährige Internet-Literat Lars Weisbrod über den Einfall der Trolley-Armeen. "Sie rollen ihre Koffer durch Stadt und Land, Hundekot und Kaugummi, Erbrochenes und Essensreste, Spritzbesteck und Urinlachen unserer Bahnhofsvorplätze", um "den Schmutz unseres großen Landes auf ihren Teppichen zu verteilen".
Seynhaeve hatte die Idee für den Trolley, aber er ließ sie sich nicht patentieren. 90 Prozent aller heute produzierten Koffer und Reisetaschen haben Räder, und jeder darf Trolleys bauen, wie er will: Vom Tchibo-Schnäppchen für 16,19 Euro bis zum Chanel-Kalbsleder-Gepäck für 3300 Euro. Bei Modemacher Jean Charles de Castelbajac kommen Trolley und Kostüm in dieser Saison im identischen Look daher: Die Einheit des Reisenden mit seinem Gepäck ist perfekt.
Diese symbiotische Liaison dauert freilich nur so lange, wie der Trolley-Mensch rollgeeignetes Terrain unter sich hat. Abseits aseptischer Flughafenfliesen und gleitfähiger Bahnhofsplatten wird die elegante Zweierbeziehung von Mensch und Gepäck rasch zum Problem. Ob auf dem Kopfsteinpflaster Roms oder in den Gässchen von Mykonos - verlässt der Trolley-bewehrte Globetrotter seine geschmeidig glatte Welt, wird er zum Rumpelreisenden, der laut holpernd seinen Koffer hinter sich herzerrt. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 27/2006
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