03.07.2006

NACHRUF„Jede Chemo ein Gedicht“

Heute, am Freitag, hat Deutschland verloren, und zwar seinen größten lebenden Dichter. Robert Gernhardt ist gestorben. Und während es draußen nun hupt und tobt, sitze ich hier, ein paar hundert Meter stickige Luftlinie nur entfernt vom Haus, in dem Gernhardt bis zuletzt - bis gestern doch noch, verdammt! - geatmet, gelebt, gedichtet, gesichtet, gelacht und Gott verflucht hat.
Ein elftes Gebot hatte Gernhardt mal verfasst, "Du sollst nicht lärmen!", und dagegen wird nun gerade aufs Heftigste verstoßen, da draußen, da brettern die Corsobereiten Fahnentrampel die Frankfurter Straßen hinauf und hinab, denn immerhin hat Deutschland heute ja auch gewonnen, offenbar, aber nichts Dolles, im Vergleich; Argentinien besiegt, ja nun, kurz zuvor hat der Krebs einen der besten Autoren, die jemals die deutsche Zunge in Beschlag genommen haben, besiegt. Und ich habe die Jalousien unten, sitze hier und hör mir Gernhardt an, unser vor zweieinhalb Wochen noch geführtes, letztes Gespräch. Er ist wahnsinnig lustig darin - und es ist so wahnsinnig traurig alles, nunmehr ohne ihn.
Vor 13 Jahren ungefähr habe ich Gernhardt zum ersten Mal erlebt, bei einer Lesung in einem Zelt, einem Kulturzelt genannten miefigen Zirkuszelt, aufgestellt in einem Göttinger Park, Gernhardt las, ich machte gerade mein Abitur und hatte just, unter anderem durch das Eintauchen in Gernhardts Werk, beschlossen, auch schreiben zu wollen, mein Leben lang. Sein Leben: kurz, zu kurz zumindest, sein Werk: eins der größten. Hup, hup, hup. Und wie sie sich freuen, da draußen.
Seine Stimme hatte mich erschreckt, heiser, müde, niedergekämpft hatte er geklungen, aber mich doch herzlich eingeladen, wir Göttinger, sagte er (auch er hatte dort Abitur gemacht), wir Göttinger also, wir müssen doch zusammenhalten, nicht wahr?
Ich solle mich nur sputen, hatte Gernhardt vor unserem letzten Treffen auf seinem Frankfurter Balkon noch gesagt, nicht wahr, denn es sei nun doch alles recht absehbar, die Zeit, die ihm noch verbleibe. Seine Frau würde uns auch einen wirklich guten Cappuccino machen, der sei wirklich gut, mit richtigem Milchschaum.
Es wurde sehr schön, der Cappuccino war auch wirklich allererste Milch, und so saßen wir an diesem heißen Juni-Montag auf dem Balkon seiner Wohn- und Atelier-Maisonette und sprachen über Gernhardts Leben, es ging nicht nur unterschwellig dabei natürlich auch immer um seinen Tod.
"Man lebt darauf zu. Es muss bedacht werden. Man macht ja Erfahrungen nur lebend, indem man das Leben wach wahrnimmt. Beispielsweise die Chemos, ich habe sie immer als Herausforderung begriffen, da hängt man am Tropf und kriegt wirklich harte Sachen, und ich hatte immer was zu schreiben dabei, schrieb beispielsweise über Schiller oder Ingeborg Bachmann, und ich hatte mir vorgenommen, jede Chemo: ein Gedicht. Ernst, hadernd manchmal.
So habe ich mir während einer Chemo mal ,Geh aus mein Herz und suche Freud' von Paul Gerhardt vorgenommen und es umgeschrieben:
,Geh aus mein Herz und suche Leid / In dieser schönen Sommerszeit / Schau an der schönen Gifte Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich aufgereihet haben.'
Ein ganz langes, haderndes Gedicht; aber zugleich schrieb ich auch Geschichten dabei, die dezidiert heiter sein sollten.
Wenn Sie mal den Stuhl etwas näher bringen, ich habe nämlich Wasser in den Beinen, das ist so eine dieser gemeinen Nebenwirkungen."
So brutal und realistisch verlief unser Gespräch, hochkomisch dem Getanen und Erlebten nachhängend, dabei immer wieder unterbrochen von "diesem beschissenen Krebs, nicht wahr".
Ich will im Gedächtnis bleiben, so hatte er sich angenehm offen und selbstredend durch ein selbstrelativierendes (und nicht nur eins) "Nicht wahr" in seiner Größe zurechtgezwinkert. Seine Frau (die mit dem Cappuccino!) hatte mich hereingelassen und hinaufgebracht zu ihm, und da saß er zwischen Zetteln und Diktiergerät, guckte schelmisch und angriffslustig wie immer, verhöhnungs- wie versöhnungswillig, dieser wunderbare Herr.
Die Krankheit war ihm anzusehen, der Chemotherapie-bedingte Flaum auf dem Kopf, sicherlich, aber die Flausen, die sah man zum Glück auch immer noch, und als er dann sein Stimmchen gewordenes Organ klingen ließ, überwogen die Flausen sogleich, und einmal pro Minute, mindestens, hört man jemanden auf meinem Interview-Kassettchen laut und langanhaltend kichern, das bin ich - und Schuld war er, natürlich. Auch in so unlustiger, tieftrauriger Situation blieb er und somit die Welt: witzig.
Unerträglich: Man sah ihn praktisch live im Niedergang begriffen, das fasste einem kalt ans Herz. Vorher hatte ich, Kuchen war ja verboten worden, überlegt, was ich ihm mitbringen könnte, damit verbunden natürlich, wie überhaupt aufzutreten, zu sprechen sein würde, ich war sehr nervös, wollte mir unbedingt mindestens ein Buch, eigentlich am liebsten das Gesamtwerk signieren lassen, aber wie hätte das ausgesehen, da mit dem OEuvre unter den Armen (ist schließlich ein umfangreiches, das Gernhardt'sche OEuvre) angestolpert zu kommen.
Das Werk: die frühen "Blusen des Böhmen" und die späten "K-Gedichte". Die Zeichnungen für "Pardon" und "Titanic". Der Film "Otto". Klassiker wie "Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter." Lockerungsübungen für die oft zu Recht so genannte breite Masse.
Er überhaupt hat der Linken das Lachen beigebracht und ist von ihren Epigonen immer wieder attackiert worden. Wegen
der Preise, die er kassierte, wegen all der Ehrungen. Zuletzt der Heine-Preis.
Wiglaf Droste zum Beispiel: "Er verfolgt mich mit seinem Anstandswauwau-Zorn, seit ich den Stadtschreiberpreis von Bergen-Enkheim erhielt."
Ich kaufte ihm dann statt Blumen im Antiquariat einen dicken, englischsprachigen Micky-Maus-Sammelband, dazu eine Karte, davon erzählte ich Gernhardt:
"Ich drehte am Postkartenkarussell, und zuallererst ins Auge fiel mir diese hier, auf der ein Herr im Anzug am Nudistenstrand vorbeiläuft mit dem Schild ,The end is in sight'."
"Sehr gut, ja."
"Aber ich dachte, die kann ich natürlich genau nicht nehmen."
"Doch, doch. Das kann man alles machen. Mein Zustand hat sich in den letzten Wochen sehr verschlechtert. Deshalb auch meine Anstrengungen derzeit, noch so viel wie möglich auf die Reihe zu kriegen, solang das noch möglich ist."
Dann kam seine Frau, brachte Cappuccino und Kuchen, stellte das Tablett, wie es nur Frauen können, pragmatisch zwischen, zum Teil auf all die Manuskriptblätter, und dann klingelte es erneut an der Tür, noch eine Dame kam, und zwar jene, die Gernhardt in den letzten Wochen beim Abschluss seiner letzten beiden Bücher, einem Erzählungs- und einem Gedichtband, zur Hand gegangen war.
Sie brachte neue Mikrokassetten für sein Diktiergerät, jeweils 60 Minuten fassend, es war ein todtrauriger, gleichsam heiliger Moment, wie wir da so um ihn herum standen.
Er bat mich, das Tablett zu nehmen und ihm auf den Balkon zu folgen, und so schlich er voran, und ich zitterte mit dem Tablett hinterdrein.
Auf dem Balkon dann nahm er im Schatten Platz und erzählte angesichts des Todes nun aus seinem die Welt so erfüllenden Leben. Wie er als Schuljunge zum ersten Mal nach Griechenland gefahren war, um dort zu malen, wie er dort seinen mitreisenden und -malenden Freund verloren hat, der Freund hatte die Pässe und das Geld, er, Gernhardt, hatte nur den Kochtopf und sein Malzeug, und beide saßen sie an leider unterschiedlichen Kirchtürmen und warteten auf den anderen.
Er erzählte weiter, wie er dann vom Landschaftsmalen langsam, unsicher, aber doch zwingend zur Witzproduktion gelangte, er blätterte in schönstem Geplauder seine Biografie auf, die Entstehung seines durch Tiefe und Vielfalt immer wieder Staunen machenden Werks, entstanden und festgehalten in Hunderten von Oktavheften der Firma Brunnen, das immerselbe Fabrikat, Ende der siebziger Jahre hatte er diese als die für seine Arbeitsweise und seinen Materialanspruch perfekten Notizbüchlein gefunden:
Brunnen-Hefte, mit kräftigem, laminiertem Einband, dass da nichts passiert, wenn einem mal das flankierende Getränk drauf auskippt. 32 Seiten, blanko, da habe ich alles reingeschrieben und -gezeichnet.
Wir gingen rüber, zu einem Magazinschrank, in dem er all die Hefte aufbewahrt, er zog eine Schublade auf, zog ein gelbes Heftchen heraus, aus den siebziger Jahren, ein anderes aus den Neunzigern, blätterte darin herum, randvoll war es mit Notaten und Skizzen, ehrfurchtsvoll stand ich da und freute mich für die Literaturgeschichte, für die Forschung, für jeden wachen Menschen ob all dieser Schätze.
"Schauen Sie mal, die Schrift, da war ich wohl besoffen, und hier, da wurde sie dann kleiner mit der Zeit, da hatte ich mich dann endlich zum Tragen einer Lesebrille durchgerungen. Und hier, schauen Sie, Handke, im Hamburger Schauspielhaus, auf seiner Serbien-Tournee, das hab ich mir angeguckt, habe ihn gezeichnet und dazu Reflexionen notiert, was er gesagt hat. Und damit habe ich auch Marbach geködert, nicht wahr, die werden meinen Vorlass kaufen, das wurde jetzt entschieden, bekommen diese Hefte. Ich habe denen klargemacht, dass sie so was nicht noch mal kriegen, so eine Doppelbegabung, das kann ich auch wirklich ungeschützt behaupten, dass es so was in der gesamten deutschen Literaturgeschichte nicht noch einmal gibt. Hier, ein Kirchenwitz, den hab ich mal aus einer Schweizer Zeitschrift abgeschrieben: ,Du, der Toni raucht in der Kirche.' ,Ja, ich hab's auch gesehen, mir ist vor Schreck fast die Bierflasche aus der Hand gefallen.'"
Wir lachten zurück auf den Balkon.
Die Sonne war im Untergehen begriffen, vor uns lag die Postkarte: The end is in sight. Letzte Fragen! Ich wollte nicht gehen, es war klar, dass es das letzte Zusammentreffen sein würde, ich wäre gern gegangen, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, geben würde, eines Tages wiederzukommen, ich merkte aber, dass es langsam an der Zeit war, sich zu verabschieden.
Letzte Frage also: Wie ist es nun, gen Ende, mit ihm, Gernhardt, und dem Glauben? Was möchte er, der Wortgewaltige, auf seinem Grabstein stehen haben? Nein, sagte Gernhardt, er glaube nicht an das ewige Leben und all das, nicht wahr; die zahlreichen biblischen Bezüge in seinem Werk hätten einen nichtgläubigen, sehr profanen Grund gehabt: Der Dichter brauche nun mal Personal, und das habe die Bibel ja nun wirklich.
Ich erzählte ihm vom schönsten Grabstein, den ich je gesehen habe, auf dem Wiener Zentralfriedhof, nichts stand da drauf, bloß der Name eines anderen Ersatzgottes: Karl Kraus. Schön, gute Idee, sagte Gernhardt, da muss ich mir jetzt vielleicht auch Gedanken drüber machen, nicht, dass da ein Hesse-Spruch drauf kommt.
Im Aufstehen zitierte Gernhardt dann ein Sonett, das er kürzlich verfasst hatte, es beginnt mit der Zeile "Warum wir Deutschen die WM gewinnen".
Sollen sie ruhig hupen, da draußen, er, der lärmempfindliche, kann dadurch ja nicht mehr gestört werden, und, wer weiß, vielleicht hupt der eine oder andere ja gar nicht für die Nationalmannschaft, sondern für ihn. Und nun setze ich mich auf mein Fahrrad und fahre klingelnd in Richtung des Gernhardt'schen Hauses. Er ist weg, aber verloren ist nichts.
Von Benjamin von Stuckrad-Barre

DER SPIEGEL 27/2006
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