03.07.2006

WM 2006Im kollektiven Rausch

Die WM ist ein Fußball-Fest, und das überzeugendste Team ist das von Jürgen Klinsmann. Der Siegeszug ins Halbfinale zeigt, dass die deutsche Mannschaft Ordnung mit Phantasie vereint und Ernst mit dem Mut zum Risiko. Von Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer
Helden müssen heldenhaft sein, wenn es gilt, in diesen Sekunden, in denen alles auf dem Spiel steht. Danach nicht mehr. Nach der Heldentat darf der Held wieder Schrullen haben und Macken, man darf ihn dann durchaus seltsam finden, das ist nicht wichtig.
Jens Lehmann war ziemlich schrullig am Freitagabend in Berlin. Er verließ den Rasen, als die Kollegen ihn feiern wollten, er ging allein in die Kabine. Und als die Journalisten vor ihm standen, die schwitzten und ihn anstrahlten und wissen wollten, wie man zwei Elfmeter gegen Argentinien hält, da blickte Lehmann niemanden an. Er kaute irgendwas. Sagte: "Es ist eine große emotionale Sache, wie die Leute feiern. Es ist schön zu sehen, wie Deutschland feiert. Die Mannschaft hat gut geschossen."
Dann ging er weiter, sechsmal stoppte er, sechsmal sagte er die gleichen drei Sätze, er hörte keine Frage, und es ist denkbar, dass er schon im Mannschaftsbus nicht mehr wusste, dass er gerade zu Reportern gesprochen hatte.
War es Trance? Hypnose? Jens Lehmann war noch immer ziemlich entrückt, als die Kollegen Philipp Lahm oder Bernd Schneider auftauchten in den Kellergewölben des Olympiastadions, die fröhlich plauderten von ihrem Traum vom Finale und von diesem Moment, den sie als historisch empfanden. Die deutsche Mannschaft hatte nach einem 1:1 das Elfmeterschießen gegen Argentinien mit 4:2 gewonnen, sie steht nun im Halbfinale, und sie hatte anders gespielt als zuvor: nicht so schnell, nicht so schön. Erwachsener.
"Meine Erwartungen haben sich unglaublich erfüllt", sagt Angela Merkel, aber das Deutschland der WM und des Stadions, das Deutschland des Sommers von 2006 ist ein Deutschland, das so keiner erwartet hatte. Dieses Deutschland lacht, es singt, es genießt.
Wird es am Ende so werden wie Holland? Dann würde Fußball in seiner Wichtigkeit fürs nationale Wertgefühl relativiert, müsste aber immer und vor allem Spaß machen, also frech sein und forsch. Und kann diese Reise dieser Mannschaft durch dieses Turnier ein Modell sein für Wirtschaft und Staat? Das dachte man einst auch in Frankreich, wo die Equipe von 1998 Integration und Liberalismus fördern oder begründen sollte, und sieben Jahre danach kamen die Straßenschlachten.
Der große Michel Platini sagt: In Frankreich habe man erst mit der WM 1998 gelernt, "leidenschaftlich über den Fußball zu sprechen", das immerhin ist geblieben. Der kleine Arne Friedrich sagt: "Wir sind insgesamt eine Fußballgemeinschaft geworden." Und eine "Neugründung des deutschen Fußballs" beobachtet "El País".
Alle sprechen in diesen Tagen wieder von "wir" und "uns", wenn sie diese Mannschaft meinen. Es gab da eine Scheu, vor dem Turnier: Die Mannschaft war zu
schwach, wer wollte sich mit diesen Typen identifizieren? Doch nun gebärdet sich das Publikum dieser WM ein bisschen japanisch und ansonsten seltsam südländisch. Der deutsche WM-Gast lässt erst die Welle rollen und fotografiert sich selbst mittenmang. Er hat bezahlt, nun will er erleben, er hat verstanden, dass er sein Erlebnis selbst erschaffen muss. Darum singt er und ruft, und nur selten ist er noch ein richtiger Fußballfan, der schreit und pfeift.
Es gab wohl selten einen derart weitsichtigen Werbespot wie den von der Telekom, die aus Mannschaft und Volk eine Einheit, eine Kette aus vergnügten Menschen im weißen Trikot formte. "Es ist toll zu sehen, die Fans tragen uns auf einer Wolke", das sagt Jürgen Klinsmann. "Mit der Atmosphäre im Rücken gibt es keinen Grund, an uns zu zweifeln", so spricht Christoph Metzelder, der weiß, dass die Leistung zuerst kommt, er nennt das "die Strahlkraft nach außen".
Deutschland sei "die Siegesmaschine. Bei jedem Spiel habe ich die Vorstellung, dass unter dem Rasen Hunderte von kräftigen Deutschen sitzen und in die Pedale treten, rudern oder an einer Kurbel drehen", das schrieb der Argentinier Jorge Valdano noch 2004, und jenes Deutschland machte ein Geräusch: "Rrrrrrrrr."
Und heute? Heute spricht Valdano von dem "verwegenen Trainer" Klinsmann, einem Trainer mit Sinn für "Freude und Abenteuer", und was seine Mannschaft ausmache, sei das "Abenteuer Kollektiv".
Denn dies macht diese Mannschaft besonders: Es ist die Paarung von Phantasie und Ordnung, von Kreativität und Strategie, von Gewandtheit und Kraft. Vielleicht kann man sagen, dass Rudi Völlers Team Ernsthaftigkeit und Vorsicht vereinte; Jürgen Klinsmanns Mannschaft kombiniert die gleiche Ernsthaftigkeit mit Mut und der Bereitschaft zum Risiko. Sie hat eine Idee vom eigenen Spiel, und welche andere Mannschaft konnte das schon behaupten außer Argentinien, das am Freitag ausgerechnet gegen die Deutschen an seine Grenzen stieß, und außer Brasilien, das sich aber von der eigenen Arroganz bremsen ließ?
Der Mittelfeldspieler Bernd Schneider, 32, ist einer der eher nüchternen Zeitgenossen in dieser Mannschaft. Ein etwas brummiger Mensch kam da am vergangenen Mittwoch per Rolltreppe aus Richtung Dachgartenfoyer in die zweite Etage des ICC von Berlin herab, und dann saß er da auf schwarzem Leder, in kurzer Hose, links ein Ohrring, die Haare zerzauselt, die Augen sehr blau, und als er über das Neue im deutschen Fußball reden sollte, sagte er: "Man will ja etwas dazulernen, man benutzt ja auch nicht mehr sein altes Handy, wenn ein neues auf den Markt kommt."
Aber der Fußballer Schneider, genannt der "weiße Brasilianer", ist nur nüchtern und nicht doof. Er braucht im Gespräch
ein paar Minuten, bis er offen wird, und dann berichtete er davon, "dass man erst mal Zweifel hat", wenn ein Trainer wie Klinsmann alles neu und vor allem anders macht, "aber dann registriert man eigene Schwächen, die man nicht gesehen hatte. Ich habe meine Mobilität, meine Stabilität im Rumpfbereich, meine Ausdauer, meine Schnelligkeit verbessert".
Ist dieses deutsche Team noch deutsch?
"Die Leidenschaft. Der Wille. Die Laufbereitschaft. Der Einsatz. Das sind deutsche Tugenden, und das sind auch die Tugenden dieser Mannschaft", sagte Bernd Schneider, und auf dem Hemd trug er drei Sternchen.
Symbole schaffen Identifikation, und das Symbol dieser Mannschaft sind weder die Fahne noch der Adler, es sind diese drei Sterne, die für drei gewonnene Weltmeistertitel stehen. Die Spieler tragen sie auf den Socken, auf dem Jackett am Revers, sie tragen sie immer. Sie sind die Grundlage ihres Selbstbewusstseins, das Etikett der Fußballnation - für "Superdeutschland", wie die Anhänger singen, frei von Ironie.
Immer nach vorn zu spielen, das "steckt in uns drin", versuchte der Projektleiter Jürgen Klinsmann dem Fußballvolk zwei Jahre lang weiszumachen.
Meinte er dieses Land?
Seine Botschaft an die Drei-Sterne-Deutschen war unmissverständlich: Nur wer glaubt, kann dazugehören, und wer dazugehört, ist zum Ruhm berufen. An einer Kabinentür standen auf einer Folie die Eigenschaften, die sich die Spieler zugeschrieben hatten: aggressiv, offensiv, selbstbewusst, schnell, attraktiv, erfolgreich. Das war das schwäbische Manifest.
Alle 23 Spieler glauben an einen Auftrag.
Das Metaphysische dieser Mannschaft ist nicht wirklich amerikanisch. Klinsmann, das meint der Berliner Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer, "ist bis in die letzte Faser seiner Seele deutsch": ein typischer Vertreter jener Spezies ausgewanderter Schwaben, deren Vorfahren strenggläubige Protestanten waren, die sich einer rigorosen Arbeitsethik unterwarfen. Sie lebten, um zu leisten, Erfolg war Indiz dafür, auserwählt zu sein. "Eine ganz deutsche Auffassung", sagt Gebauer, "und die Dynamik des Schwabentums wird in Amerika nun von der Kette gelassen": Denn dort treten dem Schwaben amerikanische Fitnessideologen zur Seite, "die erklären, dass sie neue Menschen erschaffen".
Für die gläubigen Schwaben waren die Früchte der Arbeit gesegnet. Siege, das sagt heute Klinsmann, "entscheiden, ob unsere Arbeit positiv oder negativ bewertet wird, ob unser Weg richtig oder falsch war".
Und was auf dem Spielfeld nach neuer Leichtigkeit aussieht, ist natürlich Produkt dieser neudeutsch-amerikanisierten Wertarbeit. Harte Arbeit, sagte Klinsmann im ICC, "ist Teil unserer Kultur". Kraft und Ausdauer gab es immer im deutschen Fußball, aber unter Aufsicht der Fitness-Sheriffs werden auf Vibrationsplattformen die Muskeln stimuliert. Und auf dem Trainingsplatz am Berliner Maifeld schleppen auch noch die Ersatzspieler mit Gewichten bewehrte Zugschlitten über den Rasen. Im "Ernährungsfenster" bis 90 Minuten nach Spielschluss reichen die Helfer Aminosäuren und Kohlehydrate, jeder Spieler erhält einen Tagesplan. Klinsmann und Assistent Joachim Löw treffen sich erstmals um 8.30 Uhr im Besprechungszimmer und fertigen die Dringlichkeitsliste für Einzelgespräche.
Zulieferer des Fußballkonzerns Klinsmann kommen von Arizona bis Köln. Studenten der Deutschen Sporthochschule schicken Sichtungsmaterial über die Gegner auf DVD. Auf Tastendruck lieferte die Analyse-Software alle Passrichtungen des Argentiniers Riquelme und alle Dribblings des Kollegen Crespo.
Darum entfernte sich Metzelder kaum mehr als einen Meter vom Stürmer des FC Chelsea, wenn die Argentinier den Ball im Mittelfeld führten, er versuchte die Pässe zu erahnen und lief schneller los als der Adressat Crespo.
Abgeklärt und machtbewusst sind sie geworden in den fast sieben Wochen ihrer Reise über Sardinien, Genf, Dortmund und München nach Berlin, immer wieder fahren sie nach Berlin. Die Erkenntnis, dass der Aufwand tatsächlich Ertrag abwirft, weckte den Glauben an das einst Unerreichbare. "Mit unserem Selbstbewusstsein haben wir alle Möglichkeiten", sagt Löw. "Die Mannschaft hat den Glauben in sich", so predigt Klinsmann.
Am freien Tag bestellten acht Spieler den Fahrservice für den Transport zum Gelände des Tennisclubs Blau-Weiß, wo die Fitnessgeräte stehen. Inzwischen scheint die Mannschaft mehr Kräfte zu mobilisieren, als sie besitzt. Als die Mannschaft beim Training ärmellose Hemdchen trug und merkwürdige Tattoos präsentierte, fragten die Reporter ganz im Ernst, ob sie die Argentinier mit dicken deutschen Muskeln "einschüchtern" wollten.
Genau darum ging es.
Denn überall ist Wille drin und eine geradezu elektrische Ladung. Beeindruckend fand der Trainer Löw, wie die Ergänzungsspieler "unheimlich viel Energie in die Mannschaft geben".
Der Ergänzungsspieler Gerald Asamoah, 27, etwa, bis zur Vorbereitung noch ein Lieblingsspieler des Bundestrainers, registrierte einerseits durchaus, dass er auf einmal ganz unwichtig geworden war.
"Frust ist natürlich da, wenn du nicht richtig zum Zuge kommst", das sagte er am Tag vor dem Viertelfinale im ICC, aber er wollte auch nicht "eine Laune verbreiten, die für die anderen nicht erträglich ist".
Die Reservisten Oliver Kahn, David Odonkor, Thomas Hitzlsperger bat Klinsmann darum, vor Spielbeginn in der Kabine in den Kreis zu treten und eine Ansprache zu halten. Asamoah hat die Aufgabe, vor dem Anpfiff Musik aufzulegen. "Wir haben wieder Wind in den Segeln, und es spricht nichts mehr dagegen, unser Ziel zu erreichen, denn viele Zeichen zeigen, wir sind überlegen", heißt es bei Xavier Naidoo. DJ Asamoah dachte sich: "Passt ja gut."
Wenige Tage vor dem Spiel, sagt ein Mitbewohner im Mannschaftshotel, wirken die Klinsmänner "noch ganz normal", dann aber wie "auf Mission: Sie lassen die Jalousien runter und sind 36 Stunden im Trancezustand". Dann gehen sie, so war es auch am Freitag wieder, auf den Platz, um vor der euphorisierten Menge "Emotionen aufzusaugen" (Metzelder). Und nach den Siegen entspannen sie wieder zwischen Billardtisch und Tischtennisplatte unter Fichten und Birken.
Denn es stimmt ja nicht, was Kritiker diesem Klinsmann unterstellten: dass er nur Unmündige ertrüge. Sein Geheimnis ist dieser ständige Wechsel von Regeln und Freiheit, von Befehl und Diskussion, von Schemata und der Aufforderung zum Ausbruch aus jedem Schema. Es hat wohl selten einen Bundestrainer gegeben, der derart konsequent Lehren aus der eigenen Profizeit zieht wie dieser: Den Stürmer Klinsmann störte einst diese verdammte deutsche Passivität, und darum lässt der Trainer Klinsmann seine Deutschen stürmen; den Stürmer Klinsmann ereilte der Lagerkoller, darum gewährt der Trainer Klinsmann freie Zeit. Jedoch: Viele seiner Jünger wollen lieber trainieren.
Die wenigen Konflikte verstand Klinsmann zu moderieren. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Trainern und Michael Ballack, der mehr taktische Vorsicht forderte, führten dazu, dass sich der Kapitän selbst in die Pflicht nahm und verteidigt - das war der Schlüssel zu bislang fünf deutschen Siegen. Als Oliver Kahn sagte, er habe nie eine Erklärung erhalten, warum er nicht spiele, reagierte der Trainer sehr gelassen und sagte: "Es ist okay. Er fühlt sich noch immer als Nummer eins." Und nachdem Miroslav Klose seinen Angriffspartner Lukas Podolski zu mehr Bewegung aufgefordert hatte, bewegte sich der gegen Schweden und bekam Pässe von Klose und schoss auf einmal Tore. Der Lukas, bilanzierte Klinsmann, habe halt "versucht, seine Arbeit zu verrichten".
Es kam zu einer Kommunikation zwischen Spielern und Publikum, wie es sie bei der Nationalelf kaum je gegeben hatte. Vier Tore gegen Costa Rica - patriotischer Karneval in München. Das späte Tor gegen Polen - Ekstase in Dortmund. Und diesmal, gegen Argentinien, spielte die Mannschaft abgeklärt, lauernd, und die Anhänger trällerten nicht, sie waren natürlich laut, doch vor allem gebannt.
Es sind Wochen, so sagt es der Torwart Jens Lehmann, "in denen ich das Gefühl
habe, man könnte als Nationalspieler alles verlangen; wenn man sagt, das ist jetzt wichtig und gut für Deutschland, dann würde man auch alles bekommen". Er sagt: "Das Pathos kommt nun hinzu. Wir spielen wirklich für 80 Millionen, wir spielen für unser Land."
Es sind Wochen des kollektiven Rauschs. Des Fiebers. Das liebste Wort aller Nationalspieler im ICC ist: "Wahnsinn."
Und Jens Lehmann, 36, ist einer jener Spieler, mit denen man ganz gut über die Nation und ihre Mannschaft reden kann, und jetzt sitzt er in schwarzer Trainingshose und rotem Polohemd vor einem Fenster des ICC, verschüttet Wasser, dann beginnt er.
Das Ganze sei kein Rausch und kein Fieber, sagt er, nicht für ihn, "es ist harte Arbeit am Ende eines langen Jahres, ich bin jetzt in der 50. Woche, ohne dass ich mehr als zwei freie Tage gehabt hätte". Und natürlich gingen die Spieler "mal raus aus dem Hotel, aber nicht so wirklich, wir kriegen das WM-Gefühl nicht mit", das sagt Lehmann, "wir sind mittendrin, aber auf einer Insel, wo die Euphorie nicht hinkommt, da ist mehr Ebbe als Flut".
Aber dann kommen sie. Wieder und wieder. Diese Momente, die entschädigen. Die Momente, die eben nur durch Arbeit zu haben sind. Lehmann sagt: "Diese Stadien, die Fahnen und die singenden Menschen, die fünf Minuten der Hymne und die fünf Minuten nach den Siegen, dieses Über-den-Platz-Gehen danach, das ist das Emotionalste, das ich erlebt habe im Sport, da kriege ich schon eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke."
Es ist ein wenig kitschig, aber man sieht sie. Die Gänsehaut auf dem Unterarm.
Jens Lehmann spricht dann vom Wechselspiel zwischen Publikum und Mannschaft, er sagt: "Wir haben sicherlich den
ersten Schritt gemacht, weil wir von relativ weit unten kamen und nun einen begeisternden Stil haben, den es lange nicht gab. Die Leute merken: Wow, da ist ein neuer Ansatz. Dieser Klinsmann-Optimismus hat inzwischen das ganze Land angesteckt."
Er ist nur nicht mehr deutsch. Findet Lehmann. "Was wir machen", sagt er, "unterscheidet sich vollkommen von der Bundesliga, das ist nicht deutsch, das ist Klinsmann. Aber die Spieler haben Spaß daran, in einem klaren System zu spielen und durch das Training hier diese Sharpness, diese Spritzigkeit zu haben, dass sie nach 20 Sprints noch 5 dranhängen können."
Das sind Spieler wie Lukas Podolski, der am Freitagabend mit sonnenverbranntem Gesicht und silberner Halskette im Olympiastadion vor einem Gitter stand und erstaunlicherweise sagte, dass die "Argentinier nix gemacht" haben, "dat war'n Spiel auf ein Tor". Und Spieler sind das wie Philipp Lahm, der sehr stolz war. "Wir können immer einen Gang hochschalten, und wir können die Großen schlagen", sagte Lahm.
Zwei Tage vor der Partie in Berlin war der kleine Mann, den alle als großen Gewinner des Turniers ausgemacht haben, in den Konferenzsaal 10 des ICC hereingeschneit. Philipp Lahm trug ein weißes Handtuch über der Schulter, stellte seinen bonbonfarbenen Energiedrink vor sich auf den Tisch und legte los wie sonst knapp neben der Seitenlinie. Auf dem Platz, sagte er, gehe es zuweilen zu "wie im normalen Leben auch": Ein paar gute Aktionen, "das gibt Sicherheit. Und wenn man Sicherheit hat, traut man sich was zu".
Lahm traute sich im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica einen fulminanten Torschuss zu, und die WM hatte ihre erste Heldengeschichte. Lahm, 22, war ja ein Shooting-Star schon 2004, dann brach der Mittelfuß, und nur fünf Wochen nach der Rückkehr riss das Kreuzband im rechten Knie. Lahm kam rechtzeitig für das Abenteuer WM in Form, aber im letzten Test vor der Reise fiel er auf den Arm. Als er nach der Ellbogen-Operation aus der Narkose aufwachte, musste er weinen, da er wusste, was auf ihn zukam: "das Ranarbeiten an die Mannschaft, die Plagerei".
Es wurde dann die Wiederkehr jenes deutschen Fußballers, der niemals aufgibt. Und weil der kleine Lahm mit den dicken Brauen und dem hellen Stimmchen so unbekümmert ist, behandeln ihn Journalisten wie einen Fünfjährigen. Ob die Eltern ihm schon gesagt haben, wie er sich jetzt, "als Star", zu verhalten habe? "Nee, ich glaub, ich weiß schon, wie ich mich verhalte", sagt Lahm, der zum ersten Knuddelkicker seit Thomas Häßler wurde, schon weil er so oft bei seinem Heimatclub, der Freien Turnerschaft Gern, vorbeischaut, wo die Mama die Jugendleiterin ist.
Auch dies, vor allem dies ist Klinsmanns neues Nationalteam: Da ist wieder ein Spieler, wie es lange keinen gab, einer, der sich nicht aufspielt, der nicht cool sein will und nicht smart, einer, der nicht mal Star sein muss, sondern nichts als das, was er ist: Fußballer. Einer, der Instinkte hat. Lösungen. Der die Taktik versteht und ausbricht, wenn Ausbrechen hilft.
Am Freitagabend drückte Lahm einen Eisbeutel auf sein geschwollenes Auge, als er durch den Keller das Olympiastadion verließ, da stürmte Klinsmann noch schnell in die Pressekonferenz. Das Jackett trug der Bundestrainer über dem Arm, das schwarze Hemd hing über der Hose, seine Stimme überschlug sich zwei-, dreimal, noch immer vor Aufregung und Freude. Seltsam gönnerhaft sagte er über den überlegenen Gegner, er habe "toll mitgespielt". Die Schilderung seiner Gefühle geriet dann bereits wieder programmatisch: "Wir genießen den Moment, aber wir wollen noch mehr."
Eine fast schon mystische Zuversicht hat diese Mannschaft ergriffen. So wie sie "gefightet" habe, eröffnete ihr Anführer Michael Ballack, "war es eine logische Folge, dass wir das Elfmeterschießen gewinnen". Der Sieger dieses Elfmeterschießens, Torwart Jens Lehmann, lebt in London, er glaubt, dass die Welt in den Wochen der WM ein anderes, ein leichteres Deutschland kennengelernt habe. Er sagt: "Wir nehmen die einmalige Chance wahr, zu zeigen, dass wir mit der Geschichte leben können und dass wir partymäßig integrationsfähig sind. Die Deutschen wurden im Ausland ja lange Zeit so wahrgenommen, dass sie ihren Spaß und ihre Zufriedenheit nur daraus ziehen, hart zu arbeiten und damit etwas zu erreichen."
Ein Klischee von gestern? Klinsmanns Deutsche stehen im Halbfinale. Sie arbeiten. Und sie siegen wieder und lachen auch noch.
Dass der Aufwand tatsächlich Ertrag abwirft, weckte den Glauben an das einst Unerreichbare.
* Gegen den Argentinier Fabricio Coloccini am vergangenen Freitag in Berlin.
Von Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer

DER SPIEGEL 27/2006
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