08.05.1978

SKATWat soll dat?

Ein „Weltverband der Skatspieler“, in der Bundesrepublik gegründet, tastet die Einheit der deutschen Skatbrüder an.
Noch immer haben die deutschen
Skatbrüder zusammengehalten. Auch Krieg und Niederlage, selbst die Trennung in Ost und West haben sie nicht entzweien und dem deutschen Skat, dieser "Krone der Kartenspielschöpfungen" (Verbandsblatt), nichts anhaben können.
Noch immer wird hüben wie drüben nach gleichen Regeln gespielt, werden knifflige Skatprobleme einhellig, wenn auch an verschiedenen Orten, in Altenburg (Ost) und Bielefeld (West), entschieden.
Nicht mehr lange. Die bei allen deutsch-deutschen Hakeleien bewahrte Einmütigkeit der Skatdrescher ist schon zerbrochen. Bald sollen auch verschiedene Regeln gelten, und widerstreitende Skatgerichte werden Unfrieden an die Spieltische tragen.
Die Einhelligkeit wird nicht etwa von der DDR aus bedroht, wo schon mal der Versuch gemacht worden ist, die gesamtdeutsche Kartenspielgemeinschaft zu trennen. Der Spalter sitzt im Westen, in Aachen, wo der Unternehmer Peter Brand schon im Herbst 1976, anläßlich einer "Skat-Olympiade", den "Weltverband der Skatspieler" oder die "International Skat Players Association" (ISPA) ins Vereinsleben gerufen hatte.
Präsident Hermann Münnich von Deutschen Skatverband (DSkV) in Bielefeld hatte die Gründung eines deutschen Konkurrenzvereins zunächst au die leichte Schulter genommen: "Kein Problem." Und noch heute fühlt der DSkV-Chef sich als Kreuz Bube: "Wir sind zu ungleiche Gegner."
Der im vorigen Jahrhundert gegründete Deutsche Skatverband zählt immerhin rund 20 000 Mitglieder, und seine Wahrsprüche sind für alle streitenden Skatspieler geltendes Recht. Welt-Präsident Brand indes (er selber sagt nichts über seine Mitgliederzahl; DSkV-Geschäftsführer Fred Siegener schätzt sie auf "nicht mehr als 300") versucht zunächst, fehlende Masse durch gesteigerten Reklamelärm zu ersetzen.
Brand, der inzwischen einen eigenen Spielkarten-Verlag besitzt und ein Skat-Magazin herausgibt, verbündete sich mit Zeitungen und Brauereien, veranstaltet überall Skatturniere und lockt mit Freifahrten zu einer Skat-Weltmeisterschaft in den USA. Er erfand den Skat-Expreß, ein rollendes Skatturnier, und verstand es, prominente Skatspieler wie Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger und CSU-MdB Richard Stücklen für sich einzuspannen --
Das alles focht den ehrwürdigen Skatverband zunächst nicht an. Doch nun hat der ISPA-Zwerg die Stelle gefunden, an der die Skat-Päpste aus Bielefeld verwundbar sind: Er dachte sich einige Änderungen der bislang gesamtdeutsch hochgehaltenen Skatordnung aus und erklärte, sie sollten nach den im November geplanten Weltmeisterschaften international gültig werden.
Das würde bedeuten, daß Skat, "dieses kerndeutsche Spiel" (Siegener), hinfort vor allem bei ausländischen Ver-
* Beim Skat: Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger. CSU-MdB Richard Stücklen, Bundesbahnpräsident Wolfgang Vaerst.
anstaltungen nach Regeln gespielt wird, die mehr auf amerikanischen Geschmack zugeschnitten sind, so das Zeigen von gelben und roten Karten -- ähnlich wie beim Fußball -- für Spieler, die zu oft verlieren. Der Alleinvertretungsanspruch der in Altenburg und Bielefeld beheimateten traditionellen deutschen Skatverbände wäre damit dahin.
Entsprechend unwirsch sind die neuesten Reaktionen der DSkV-Leute. "In den USA machen die doch jedes Jahr zwölf Weltmeisterschaften. Das ist so wie Weltmeisterschaft im Laternensitzen oder wieviel Leute gehen in eine Telephonzelle", mokiert sich Skat-Funktionär Siegener. Und Präsident Münnich höhnt, das mit den Regeländerungen sei doch "Zirkus" -- "Wat soll dat?"
Dabei nehmen beide Seiten, wie es sich für einen deutschen Verein gehört, den Streit durchaus wichtig. Es ist ihnen ernst damit, ob etwa, wie die deutsche Skatordnung sagt, der "Grand ouvert" mit 36 Punkten als Grundwert oder, nach der jetzt kreierten ISPA-Regel, nur mit 24 Punkten bewertet wird.
Auch die Berechnung der Null-Spiele ist nun umstritten. Im Skatspiel, bei dem durchweg ein Spieler gegen zwei andere spielen und danach trachten muß, mindestens 61 von 120 möglichen Punkten zu erzielen, stellen Null-Spiele eine Art Skat verkehrt dar: derjenige gewinnt, der keine Stiche und keine Punkte bekommt.
Die ISPA will künftig das Spiel "Null", wie üblich, weiterhin mit 23, den "Null ouvert", wie gehabt, mit 46 und den "Null ouvert-Hand", logisch, mit 69 Punkten bewerten. "Null-Hand" soll nach ISPA-Plan nicht mehr gespielt werden.
Der Deutsche Skatverband, wie kann es anders sein, besteht jedoch auf "Null-Hand". Und er rechnet natürlich ganz anders: Da der "Null" mit 23 Punkten zwischen einem zweifachen Pik- (zweimal elf Punkte) und einem zweifachen Kreuz-Spiel (zweimal zwölf Punkte) angesiedelt ist, muß "Null-Hand" zwischen dreifach Pik und Kreuz liegen, mithin 35 Punkte wert sein. "Null ouvert", zwischen vierfach Pik/Kreuz, kostet somit 46 und "Null ouvert-Hand", zwischen fünffach Pik! Kreuz, 59 "Augen" -- auch logisch.
Verbindlich sind derlei diffizile Überlegungen freilich bestenfalls für die Organisierten. Die meisten von den auf zwanzig Millionen geschätzten deutschen Skatbrüder akzeptieren von den Regeln allein, was ihnen in den Kram paßt, und Neuerungen nehmen sie nur widerwillig an. So gibt es eine erhebliche Zahl Skatspieler, die den bereits 1932 auf 24 Punkte im Grundwert erhöhten "Grand" immer noch mit zwanzig zählen.
Und von "Kontra" und "Re", im altdeutschen Skat-Kodex verpönt, wollen die meisten auch nicht lassen. Der Berliner Christdemokrat Ernst Lemmer beispielsweise, einst bundesweit bekannter Skatdrescher, "konnte über alles diskutieren, aber bei Kontra und Re ließ er nicht mit sich reden", erinnert sich Präsident Münnich.
Ebensowenig ist der "Ramsch" auszumerzen, den die Skat-Päpste stets nur mit Abscheu nennen. Denn da flutscht es manchmal ganz schön. Da kann ein Pechvogel beim "Schiebe-Ramsch" in einem Spiel leicht an die 500 Punkte verlieren -- mehr mitunter, als ein Spieler bei gewöhnlichem Spiel an einem Abend zusammenkriegen kann.

DER SPIEGEL 19/1978
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