10.07.2006

RADIKALEBeschmutztes Nest

In einem sachsen-anhaltinischen Dorf haben Neonazis öffentlich das „Tagebuch der Anne Frank“ verbrannt. Die Tat markiert das Ende eines „Aussteiger-Programms“, das aus dem Ruder lief.
Als Bürgermeister Friedrich Harwig den Glauben an das Gute im Menschen verlor, stand er auf der Wiese hinter dem Gemeindehaus und fühlte sich wie gelähmt. Vor ihm, in den Flammen des Lagerfeuers, verbrannte gerade das "Tagebuch der Anne Frank", doch statt Worte zu finden, den Spuk zu beenden, starrte Harwig reglos in die Glut und spürte nach eigenem Bekunden die Fassungslosigkeit in sich aufsteigen wie in einem kalten, bösen Traum, in dem man wegrennen will, aber von einer unerbittlichen Macht festgehalten wird.
Hätte er, der altgediente Klassenkämpfer, nicht etwas bemerken müssen? Hätte er wissen können, dass etwas faul war an diesem "Tanz zur Sommersonnenwende", zu dem sein Dorfverein "Heimatbund Ostelbien e. V." gebeten hatte?
Die Einladung sah harmlos aus: "Kulturelles Programm und Sonnenfeuer" hatte darauf gestanden, dazu das Bild eines gemütlichen Kaminfeuers - hörte sich doch gut an. Und die Zeremonie? Zugegeben, etwas theatralisch: sechs Fackelträger, die langsam auf einen Scheiterhaufen zuschreiten.
Erst als der Organisator der vermeintlichen Tanzveranstaltung, Sebastian K., anfing, "germanische Feuersprüche" zu rezitieren, und die Dorfbewohner dazu aufrief, "alles Artfremde dem Feuer zu übergeben", wurde es dem linken Bürgermeister dann doch mulmig zumute. Gott sei Dank folgte zunächst niemand der Aufforderung - bis auf K.'s Vereinskameraden Marc P., 28, der laut Zeugen einen Beutel mit einer DIN-A4-großen US-Flagge ins Feuer warf, und seinen mutmaßlichen Komplizen Lars K., 24, der eine Taschenbuchausgabe des "Tagebuchs der Anne Frank" hinterherschleuderte - angeblich mit den Worten "Alles Lug und Trug".
Plötzlich dämmerte dem Ortsvorsteher, dass eine Katastrophe auf sein besenreines Dorf zurollte, ein 915-Seelen-Nest namens Pretzien, gut 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg. Mittlerweile hat Sachsen-Anhalts Landesvater Wolfgang Böhmer (CDU) den Vorfall vom 24. Juni als "beschämend" gegeißelt, Innenminister Holger Hövelmann (SPD) sprach von einer "Tat von besonderer Abscheulichkeit".
Es hatte zwei Tage gedauert, bevor einer der rund 80 Festbesucher Strafanzeige erstattete; nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Magdeburg gegen Sebastian K., Marc P. und Lars K. wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Für vorigen Freitag angesetzte Vernehmungstermine ließen die Beschuldigten verstreichen, auch gegenüber dem SPIEGEL wollten sie sich nicht zu den Vorwürfen äußern.
Derweil sitzt Bürgermeister Harwig im Hof seines Einfamilienheims, ein Mann von 66 Jahren, mit tiefen Stirnfurchen und einem Schnurrbart, der ihm das Aussehen eines sachsen-anhaltinischen Leo Trotzki verleiht. Als Neonazi-Sympathisanten hätten sie ihn beschimpft, aus der Partei gejagt, nach fast fünfzig Jahren SED, PDS und Linkspartei.
"Wo waren die denn, als die Probleme anfingen?", fragt der frühere Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee und beginnt zu erzählen, wie es war, damals in den Neunzigern, als sich die "halbe deutsche Nazi-Szene in Pretzien herumgetrieben" habe, weil ein "paar Dorfjugendliche" eine Skinhead-Kameradschaft "Ostelbien-Pretzien" gegründet hatten. Wie es war, als die Gemeinde den Jugendclub schließen musste, weil die Jungs die Schule im Nachbardorf überfallen hätten.
Als es immer schlimmer wurde, erzählt Harwig, sei er dann eines Sonntagmorgens zu Christian S., einem der "Anführer" der braunen Truppe, gegangen und habe ihn
zur Rede gestellt. "Wenn dir deine Leute den Befehl geben würden, mich an die Wand zu stellen", fragte er ihn von Lokalpatriot zu Lokalpatriot, "würdest du es tun?"
Christian habe entsetzt verneint - und fortan sei Ruhe gewesen. Ein halbes Jahr später hätten die Jungs dann sogar bei Harwig angefragt, ob sie "was machen" könnten für Pretzien. Die Dorfchronik überarbeiten, beispielsweise. Und da sei die Idee zu dem "kommunalen Aussteiger-Programm" geboren worden, wie Harwig sagt: Aus der neonazistischen Kameradschaft wurde der gemeinnützige "Heimatbund Ostelbien e. V.", aus der düsteren Stahlhelm-Symbolik der Skinhead-Truppe ein freundliches Aquarell-Logo mit Baum und Bach.
Er habe die Jungs halt "nicht fallenlassen" wollen. Er wollte sie "ins Dorfleben integrieren". Und zum Zeichen, dass er es ernst meinte, sei er auch gleich Vereinsmitglied geworden. Schließlich sei er selbst das beste Beispiel dafür, "wie sich Menschen ändern können".
In Harwigs Augen ging der Plan auf: Die "jungen Leute", wie er sie nennt, hätten begonnen, "sich zu bessern". Erst letztes Jahr habe der Heimatbund das Dorffest organisiert, "gewissenhaft und diszipliniert"; selbst der damalige CDU-Innenminister Klaus Jeziorsky, selbst Einwohner von Pretzien, sei begeistert gewesen. Gemeinsam hätten Heimatbund-Männer mit den Dorfbewohnern gegen die Elbeflut gekämpft. Dass sie dabei kollektiv T-Shirts mit der Fraktur-Aufschrift "Wehrmacht Pretzien" getragen hätten, habe er zunächst für eine Anspielung auf die örtliche Flutschutzanlage, das "Pretziener Wehr", gehalten. Auch dass der erste Buchstabe des Klingelschildes von Vereinsaktivist Sebastian K., einem der mutmaßlichen Volksverhetzer von der "Sonnwendfeier", verdächtig an eine halbe SS-Rune erinnerte, fiel Harwig angeblich nicht weiter auf.
War es gnadenlose Naivität? Ein wenig habe er den Jungs wohl entgegenkommen müssen, sagt er. Der Preis schien gerechtfertigt. Besonders Christian S., der neue Vereinsvorsitzende und frühere Skinhead, habe sich "prächtig entwickelt" und sei inzwischen sogar Gemeinderatsmitglied. Wenn Linkspolitiker Harwig heute über den vermeintlich geläuterten NPD-Aktivisten redet, klingt es fast, als spräche er von einem verlorenen Sohn. Sogar als Amtsnachfolger habe er ihn sich vorstellen können - aber jetzt? "Haben die mich all die Jahre angelogen?", fragt der Bürgermeister. Wenn Christian bloß nicht im Urlaub gewesen wäre an diesem verdammten 24. Juni. "Der hätte seine Jungs im Griff gehabt, da wäre die Sache nicht passiert."
Christian S., heute 28, hat den Verein inzwischen aufgelöst und eine computergedruckte Erklärung im Dorf angeschlagen. Die "Vorkommnisse" verurteile er "zutiefst, dieses war nicht in meiner Gesinnung und in meinem Ermächtnis".
Auch der Tatverdächtige Sebastian K. hat sich mittlerweile entschuldigt, am vorigen Mittwoch, während einer abendlichen Dorfversammlung. Der 27-Jährige verlas eine kurze Erklärung seiner Kameraden, in der sie sich dafür entschuldigen, dem Ruf ihrer Pretziener Heimat geschadet zu haben. Mehr nicht.
Und dann kam es, wie es meistens kommt in solchen Fällen: Viele der Dorfbewohner, die sich bei der Versammlung zu Wort meldeten, verurteilten zwar die "schlimme Sache", doch "noch schlimmer" sei die "Schmierenpresse", die ihr gemütliches Nest beschmutzt habe.
Eine Journalistin, die während ihrer Recherchen im örtlichen Parkhotel übernachtete, fand am nächsten Morgen die Reifen ihres Wagens ohne Luft. Jemand hatte heimlich die Ventile geöffnet.
SVEN RÖBEL
* Tatverdächtiger Sebastian K. (3. v. l.), Innenminister Klaus Jeziorsky (4. v. l.), Vereinschef S. (3. v. r.), Bürgermeister Friedrich Harwig (2. v. r.), Beschuldigter P. (r.) auf der Pretziener Internet-Seite, 2005.
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 28/2006
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