10.07.2006

EHRUNGENDer Weltmeister

Der umstrittene Fifa-Chef Joseph Blatter erhält das Große Bundesverdienstkreuz. Aber wofür? Dafür, dass er die WM 2006 eigentlich an Südafrika vergeben wollte? Von Jürgen Leinemann
Vielleicht war es ja das Vorurteil, das den Blick verzerrte, aber der kleine Fußball, der das Rednerpodest von Joseph S. Blatter schmückte, sah aus wie eine Sparbüchse. Geld, das ist es, was einem in den Sinn kommt, wenn man den Fifa-Präsidenten sieht. Und weil er das weiß, redete er am vergangenen Freitag im Kanzleramt wohl auch so viel über Kultur, soziale Verantwortung und Solidarität.
Denn der Präsident sprach aus einem Anlass, den niemand so hehr fand wie er selbst - Bundeskanzlerin Merkel hatte ihm kurz zuvor das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland überreicht.
Und wie der Offensivfußball der deutschen Nationalmannschaft beim Eröffnungsspiel in München, bei dem es schon nach 18 Minuten 2:1 stand, "ein Feuer entzündete", so Blatter, das die Deutschen erhitzte, knipste die Ehrung in ihm ein Leuchten an, das mit den TV-Scheinwerfern mithalten konnte.
Es ist zwar der Fußball gewesen, "der einen Monat lang positive Emotionen in eine verrückte, böse Welt gesendet hat". Aber es war Joseph Blatter, 70, Herrscher über 207 Fußballnationen, mehr als in der Uno, der diesen Sport zu einem machtvollen Weltereignis machte.
Rund 1,5 Milliarden Menschen haben das Eröffnungsspiel gesehen, 3,2 Millionen saßen in den deutschen Stadien, Millionen feierten in aller Welt auf Straßen und Plätzen. Für Blatter ist klar: "Die Fifa-WM 2006 hat bewiesen, dass wir ein Global Player sind und sein müssen."
So tritt er auch auf. Seine Autokolonnen kamen vor das Kanzleramt geprescht, als rauschte George W. Bush heran. Selbst Uno-Generalsekretär Kofi Annan gab sich bescheidener.
Das Finale war noch nicht gespielt, aber der eigentliche Meister der Fußballwelt ließ sich schon lustvoll feiern: Donnerstag beim Bundespräsidenten, Freitag zuerst bei einer Präsentation der Südafrikaner, die 2010 die WM ausrichten werden, und schließlich im Kanzleramt zur Ordensverleihung und einem Empfang danach.
O wie der kleine Schweizer das liebt: rote Teppiche, Vorfahrten mit Blaulicht, Kameras, Blitzlichter, Applaus, Umarmungen wichtiger Menschen, und er, der Arbeitersohn aus dem Wallis, ist der Star. Ronaldinho ist weit weg in solchen Augenblicken.
Franz Beckenbauer nicht. Er saß neben dem Schweizer und wurde von Angela Merkel deutlich herzlicher begrüßt. "Der Franz" ist dem Blatter ein ständiger Stachel - prominenter, größer, charmanter, reicher. Überdies ein begnadeter Fußballer und ein ebenbürtiger Selbstverkäufer: "Heute vor 32 Jahren wurden die Deutschen Weltmeister, ich war zufällig dabei." Und zu allem Überfluss wird er auch noch geliebt.
Unangenehm zudem: Beckenbauer ist ein lästiger Zeuge dafür, dass Joseph Blatter mit allen Finessen und Tricks gegen das Ereignis gekämpft hat, für das er in Berlin geehrt wurde. Den Satz "The winner is Deutschland" hatte er fast herauswürgen müssen, damals, am 6. Juli 2000 in Zürich, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auf offener Bühne für die Vergabe des Weltturniers an Deutschland warb. Denn Blatter, der seine Macht in der Fifa aus der Unterstützung der kleinen Länder bezieht, hatte Südafrika die WM 2006 schon fast versprochen. "Ich war nicht gegen Deutschland", sagt er heute etwas gequält, "ich war für Südafrika."
Jetzt sitzt "der Franz" neben der Kanzlerin und lächelt süffisant, wenn Blatter ihn lobt. Beckenbauer sei "die Lokomotive" gewesen, "die die Welt nach Deutschland geholt hat", lobhudelte der Fifa-Boss tags zuvor. Aber dass er sich selbst als Zugführer, Weichensteller, Stationsvorsteher und Bahnpolizei in einer Person sah, daran ließ er keinen Zweifel.
"Wer will diese deutsche Mannschaft stoppen?", habe er sich nach den Vorrundenspielen
gefragt, erzählte Blatter am Freitag. Im Kreise der Zuhörer murmelte der Schriftsteller Moritz Rinke - in Anspielung auf die Sperre von Torsten Frings für das Italien-Spiel: "Die Fifa natürlich."
Tatsächlich hielt sich auch die Begeisterung der Bundesregierung über das Auftreten des Fifa-Bosses und seiner servilen Entourage sehr in Grenzen. Zu selbstherrlich hatten sie dem Gastgeberland Rechte abgesprochen und sich wie eine Besatzungsmacht aufgespielt. Der Vorschlag von Ex-Innenminister Otto Schily, dem Schweizer für seine Verdienste um Deutschland einen Orden zu verleihen, stieß deshalb auf wenig Begeisterung.
Allerdings - ein bisschen Verdienst für das Allgemeinwohl lässt sich aus diplomatischen Gründen immer finden, sagt ein grinsender Minister.
"Die Allmachtsphantasien der Fifa" nervten nicht nur SPD-Fraktionschef Peter Struck. Auch Beckenbauer knurrte: "Man hat im eigenen Land nichts mehr zu sagen." Blatter - von den Fans ausgepfiffen, sobald er sich im Stadion zeigte - sorgte, in aller Freundschaft natürlich, im Gegenzug dafür, dass Gastgeber Beckenbauer bei der Eröffnungsfeier in München nicht zum Milliardenpublikum der Fußballweltfamilie sprechen durfte. Denn das Sechstel der Weltbevölkerung, das direkt oder indirekt durch den Fußball verbunden ist, betrachtet Blatter als seine Privatgemeinde.
Joseph S. Blatter trägt einen dunklen Anzug an seinem Ehrentag, nachtblau, fast schwarz, elegant, maßgeschneidert. Bei weniger formellen Gelegenheiten, wie tags zuvor bei einem Hintergrundgespräch, sind es hellblaue Sommer-Jacketts. Blaue Anzüge, sagt er, seien nachträgliche Ehrenbezeugungen für den Vater, einen Fahrradmechaniker aus dem walliserischen Bergdorf Visp, den er 40 Jahre nur im "Blaumann" gesehen hat.
Vater Blatter war es auch, der ihm einst, als er noch Schüler und Amateur-Mittelstürmer war, das Kicken verboten hat: "Mit Fußball wirst du nie dein Leben verdienen." Man kann sagen, dass der Sohn fortan gelebt hat, um dem Vater das Gegenteil zu beweisen. Auf mindestens zwei Millionen Franken wird sein Jahressalär inzwischen geschätzt, all die wunderbaren Privilegien - Erste-Klasse-Flüge, Luxussuiten, Nobel-Limousinen - nicht gerechnet. "Als ich anfing, 1975, hatte die arme kleine Fifa elf Mitarbeiter, lebte von der Hand in den Mund." Heute sind es um die 300, in seinem neuen 240-Millionen-Franken-Fifa-Hauptquartier auf dem noblen Zürichberg ist die Tischplatte
seines Schreibtischs aus Nappaleder, "damit beim Unterschreiben der vielen Papiere die Handgelenke schön warm bleiben", wie die Architektin Tilla Theus sagte. Das WM-Turnier in Deutschland dürfte der Fifa mühelos 1,8 Milliarden Euro einbringen, davon wohl 800 Millionen Überschuss - nicht schlecht für einen steuerbegünstigten Verein, der den edlen Zweck verfolgt, "den Fußball fortlaufend zu verbessern".
Immer wenn Joseph Blatter von sich selbst ergriffen wird, weil der Fußball etwas wunderbar Großes und Schönes ist, greift er zu gravitätischen Begriffen: "Integration" sülzte er am Freitag, "Solidarität" und vor allem "Respekt". Er denkt in den Kategorien eines Weltpolitikers und eines Heilsbringers, für den Fußball Erziehung bedeutet, Hoffnung, Schule des Lebens.
In seinen Interviews klingt er wie Mutter Teresa: "Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn die Gesellschaft uns dabei unterstützt, mit dem Fußball zu einer besseren Welt beizutragen." "Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle anderen Religionen zusammen." Dass er den Friedensnobelpreis nicht ablehnen würde, hat er die Welt bereits wissen lassen.
Im nächsten Jahr will sich der 70-jährige Blatter noch einmal für vier Jahre als Präsident wählen lassen, um seine "Mission" zu erfüllen - Hilfe für Afrika. Aber ausgeschlossen ist nicht, dass ihn bis dahin Verstrickungen der Vergangenheit einholen, derentwegen in der Schweiz staatsanwaltliche Ermittlungen laufen. Es geht um Untreue, darum, dass hohe Fifa-Manager Geld bekommen haben sollen für die Vergabe von Fernsehrechten, auch Blatters Name wird immer mal wieder genannt, aber er bestreitet alle Vorwürfe.
Seine Karriere war begleitet von solchen Skandalen und Intrigen. Bisher hat er alle Beschuldigungen und Untersuchungen über Miss- und Vetternwirtschaft überstanden: "Ich bin nicht bestechlich, da können Sie mir beide Hände abhacken." Doch er weiß auch, dass sein schlechter Ruf Bestand hat. Macht- und Geldgier bleiben der Fifa als Markenzeichen erhalten. Und wer, fragt Blatter, "ist die Fifa? Natürlich der böse Blatter".
Er sagt es nicht ohne Genuss. In der Fußball-Welt können auch Pfiffe Applaus sein.
* Franz Beckenbauer, Gerhard Schröder, Claudia Schiffer.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 28/2006
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