10.07.2006

LINKESichtbare Front

Die „Junge Welt“ wird zum Sammelbecken früherer DDR-Agenten und Verschwörungstheoretiker - mit engem Draht zur Linksfraktion.
Zwischen Freund und Feind weiß der Journalist Jürgen Elsässer, 49, klar zu unterscheiden. US-Präsident George W. Bush etwa ist für ihn ein Kriegstreiber, womöglich mit schuld an den Anschlägen vom 11. September 2001: "Da ist mehr im Bush." Der Diktator Slobodan Milosevic hingegen ist für ihn ein "jugoslawischer Held des 20. Jahrhunderts". "Slobo" nennt er den Serbenführer gern und spekuliert darüber, ob er ermordet wurde.
Verschwörungstheoretiker Elsässer hat neuerdings einen Zweitjob, der ihm ganz neue Einsichten verschaffen könnte: Die Linksfraktion des Bundestags beschäftigt den Autor der "Jungen Welt" seit wenigen Wochen als Mitarbeiter für den BND-Untersuchungsausschuss.
Ein "Junge Welt"-Journalist als Rechercheur im Bundestag - das ist ein Novum und könnte für die Linksfraktion noch zum Problem werden. Denn bei der Bewertung der linken Zeitung sind sich Blattmacher und Verfassungsschützer ausnahmsweise einmal fast einig. Chefredakteur Arnold Schölzel, 58, nennt seine Postille "marxistisch und antikapitalistisch", das Bundesamt für Verfassungsschutz will bei ihr "Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen" ausgemacht haben.
Womöglich hat die Fraktion ein klassisches Eigentor geschossen: Vor wenigen Wochen erst hatte sie sich darüber empört, dass die Schlapphüte zu einigen ihrer Spitzenpolitiker Dossiers (SPIEGEL 23/2006) anlegen. Nun lenken die Linken die Aufmerksamkeit der Geheimen regelrecht auf sich. Die Verbindungen einiger linker Genossen zu dem Blatt - in der DDR Zentralorgan der Parteijugend FDJ, nun mehr und mehr Sammelbecken von Verschwörungstheoretikern und Ex-Spionen - sind jedenfalls eng und äußerst pikant.
Einer von ihnen ist Rainer Rupp, 61, ehemaliger Top-Agent (Deckname "Topas") von Stasi-Aufklärungschef Markus Wolf. Der PDS im Bundestag diente Rupp Ende der neunziger Jahre zeitweilig als Berater für Außen- und Sicherheitspolitik. Seinen antiimperialistischen Kampf führt der rechtskräftig verurteilte Agent nun als Außenpolitikkommentator weiter. Gern schwärmt der Ex-Spion vom "legitimen irakischen Widerstand" gegen die "US-Besatzer".
Das Kaderkarussell zwischen "Junger Welt" und Linkspartei drehte sich schon öfter. Den erstaunlichsten Wechsel vollzog dabei die aus Hamburg stammende Ulla Jelpke, 55: Von 1990 bis 2002 war sie PDS-Bundestagsabgeordnete, danach witterte sie als Innenpolitikchefin der "Jungen Welt" bei ihren Genossen allerdings Verrat am wahren Sozialismus. Leseprobe: "Die PDS muss wegkommen vom Katzbuckeln und Anbiedern an Machtapparate." Seit vergangenem Jahr ist sie nun wieder Parlamentarierin und freut sich über "eine stetig steigende Auflage" ihres einstigen Blattes (nach eigenen Angaben 17 000 verkaufte Exemplare), für das "sehr nette und lustige Leute" arbeiteten.
Zu jenen vermeintlichen Spaßvögeln gehört Jelpkes Nachfolger in der Redaktion: Kenntnisreich berichtete Innenpolitikredakteur Peter Wolter, 59, jüngst über ein Treffen von Veteranen der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), auf dem auch Jelpke sprach. Wolter war bei diesem Meeting gutinformierter Beobachter. Lange Zeit war er selbst Kundschafter - als Westjournalist belieferte er Ost-Berlin. Mitte der neunziger Jahre wurde Wolter zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Heute weiß Wolter als Geheimdienstexperte zwischen den guten Spionen Ost und den bösen Agenten West filigran zu unterscheiden. Den HVA-Zuträgern habe vor allem "die Verhinderung eines Atomkrieges am Herzen" gelegen. Fast ausschließlich hätten sie "aus humanistisch-politischer Überzeugung" gehandelt. Spione des Westens seien dagegen vom BND erpresst oder mit Geld geködert worden.
Nach einem ähnlichen Freund-Feind-Schema wird in dem Blatt, laut Chef Schölzel "die einzige unabhängige linke Zeitung", Serbiens Slobodan Milosevic gewürdigt, werden führende Politiker Israels und der USA hingegen gegeißelt. In Erwartung des Deutschland-Besuchs von Lieblingsfeind George W. Bush fragten die Klassenkämpfer im Interview einen Polizeigewerkschafter, ob es rechtmäßig sei, "einen Politiker zu schützen, dem die Planung und Durchführung völkerrechtswidriger Angriffskriege zur Last gelegt werden".
Doch nicht alle Autoren möchten offenbar die alten Feindbilder bis in alle Ewigkeit pflegen. Sieben von ihnen protestierten kürzlich in einem Brief an das Blatt gegen die "unerträgliche Verniedlichung des offen antisemitischen Staatschefs des Iran".
Den Vorwurf freilich bestreitet Chef Schölzel: Solche "Brüche in der Streitkultur" müsse "eine Zeitung aushalten", sagt er, der selbst Bruch-Experte ist. Als 19-Jähriger desertierte er aus der Bundeswehr und setzte sich in die DDR ab, wo er später über "undogmatischen Marxismus" promovierte und an der Humboldt-Universität arbeitete. 1991 endete allerdings seine Karriere an der Uni - nach seiner Enttarnung als IM "André Holzer".
Schölzel und seine Kämpfer von der inzwischen sichtbaren Front holt nun die Vergangenheit ein. Die Redaktion sucht eine neue Bleibe. Der Grund: In ihre Räume im achten Stock in einem Hochhaus am Berliner Alexanderplatz soll demnächst ein Teil der Birthler-Behörde einziehen.
DOMINIK CZIESCHE, MARKUS DEGGERICH
Von Dominik Cziesche und Markus Deggerich

DER SPIEGEL 28/2006
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