17.07.2006

FREIZEITEine Frage der Ehre

In Hamburg verabreden sich rivalisierende Jugendgangs per Internet zu Massenprügeleien. Von Bruno Schrep
Selim hat angefangen. Selim hat beleidigt, verhöhnt, provoziert. Selim aus Wandsbek, der schon im Gefängnis saß. Er ist an allem schuld. An den Straßenschlachten. An den Verletzten. An den Festnahmen.
Sagen die Jungs, die jeden Tag am Wilhelmsburger Einkaufszentrum stehen, gegenüber vom Bahnhof, gleich neben dem Internet-Café. Immer bereit, sich provozieren zu lassen. Immer bereit, sich zu verteidigen, egal gegen was oder gegen wen.
Old Place Gangsters nennen sich die Jungs, kurz OPG. Junge Männer zwischen 16 und 19, stark, laut, mit viel Kraft und wenig Gelegenheit, diese sinnvoll einzusetzen. Ziel der täglichen Zusammenkunft? "Rumhängen, reden, rauchen, rappen", sagt Toni, einer der Wortführer. Oder kämpfen.
Der Feind steht im Hamburger Osten. Der Feind heißt ATW. Das ist das Kürzel für Alter Teichweg Wandsbek. Dort, in tristen Hochhäusern, von denen es in Hamburg so viele gibt, leben Jugendliche, die ihren Kontrahenten aus Wilhelmsburg verdammt ähnlich sind: ausländischer Herkunft zumeist, oft in der Schule gescheitert, oft schlecht ausgebildet, oft ohne feste Arbeit, ohne Perspektive. Aber ebenfalls bereit, sofort zuzuschlagen, wenn sie sich gekränkt oder herausgefordert fühlen.
Das auszulösen ist ganz leicht. Denn die Jungs, fast alle Muslime, die keine
Mädchen in der Gruppe dulden, sind hochgradig empfindlich, extrem reizbar. Manchmal genügt ein schiefer Blick, ein kurzes Anrempeln, ein einziges Wort. Oder eine Anspielung auf die Eltern, die Schwester, die Freundin. Das kann, das darf niemand auf sich sitzenlassen, der in der Gruppe respektiert werden will - eine Frage der Ehre.
Selim aus Wandsbek hat das alles gewusst. Aber weil er sich schrecklich aufregt, dass ausgerechnet ein Wilhelmsburger es wagt, auf einer Party seine Freundin anzuquatschen, einfach so, von der Seite, verfasst er mit ein paar Kumpels vom ATW einen Rapsong, den er per Internet an die OPG nach Wilhelmsburg schickt.
"Ihr Hurensöhne", singen die Wandsbeker im Stakkato, "wir ficken eure Mütter." Schlimmer sind die jungen Türken, die jungen Albaner, Mazedonier und Afghanen aus Wilhelmsburg nicht zu beleidigen.
"Unsere Mütter stehen nicht auf der Reeperbahn wie eure", schmähen die Old Place Gangsters zurück. Und rappen drohend: "Mit einem Schlag drück ich dir die Pickel weg." Oder: "Ihr wollt diesen Fight, ihr tut uns jetzt schon leid."
Der Zoff eskaliert. "Wenn ihr so dicke Eier habt, dann kommt doch her", mailen die Jungs vom ATW nach "Willy-Town", wie Wilhelmsburg von den Jugendlichen genannt wird. "Ihr seid doch viel zu feig." Von wegen.
Donnerstagnachmittag, 17 Uhr. Am Bahnhof in Wilhelmsburg treffen immer mehr Jugendliche ein. "Schnell, schnell, Brüder", heißt es beim Alarmruf über Handy. "Unsere Ehre steht auf dem Spiel."
Innerhalb weniger Minuten kommen 50 Leute zusammen. Ihr Ziel: Das Hauptquartier des Feindes, der U-Bahnhof Alter Teichweg. Um nicht aufzufallen, fahren die Jungs nacheinander in kleinen Gruppen los, nie mehr als fünf Mann gemeinsam.
Toni ist dabei, der jähzornige Toni mit der gegelten Frisur, der so stolz auf seine albanische Herkunft ist, dabei prima Deutsch spricht, obwohl er erst seit sechs Jahren hier lebt. Auch Nephiew kommt mit, der zwar Autolackierer lernt, aber so gern ein Rapstar werden würde. "Wir von den OPG wollen nur Musik machen", schwört er, "wir wollen uns nicht prügeln. Nur wenn wir beleidigt werden, dann prügeln wir uns."
"Wenn jemand was gegen unsere Mütter sagt, dann kann uns keine Polizei und kein deutsches Militär aufhalten", ergänzt Cero, 17 Jahre alt, der von einer Karriere als Fußballprofi träumt. Heute schwänzt er das Jugendtraining vom SV Wilhelmsburg.
Unterwegs machen sich die Angreifer Mut. "OPG ist die Macht", ruft einer. "Vor uns haben alle Angst", brüllt ein anderer. "Ich bin stolz, ein Wilhelmsburger zu sein", schreit ein Dritter - typisch.
Gequält vom Gefühl, auf sonst nichts richtig stolz sein zu können, ist der Stolz auf den Stadtteil für viele der entwurzelten Großstadtjugendlichen längst Herzensangelegenheit. Die Jungs von der Veddeler Türken-Bande (VTB) sind stolz auf die Veddel, für die gefürchteten Lutteroth-Kings aus Lokstedt sind die monströsen Wohnmaschinen der Hamburger Lenzsiedlung eine Heimat, die gegen Eindringlinge verteidigt werden muss. Der Lokalpatriotismus der Wilhelmsburger Jungs übertrifft jedoch alles.
18.30 Uhr. Am U-Bahnhof Alter Teichweg sind die Leute vom ATW bei der Ankunft der Old Place Gangsters in Minderzahl, telefonieren nach Verstärkung.
Der dunkelhäutige Eddie, Vater Jamaikaner, lässt seine Hausaufgaben liegen, kommt sofort. Er ist Gymnasiast, total ungewöhnlich für die Gruppe, in der die meisten bestenfalls den Hauptschulabschluss schaffen. "Ich bin mit den Leuten hier groß geworden", erklärt er seinen Kampfeinsatz, "die sind mir ans Herz gewachsen. Wer jetzt kneift, ist ein Kollegenschwein."
Mito, der ein paar Straßen weiter wohnt, rennt ebenfalls gleich los. Der 18-Jährige, gerade im Berufsförderungsjahr, ist der einzige Deutsche in der ATW-Bande, ein Ausnahmefall. Von den anderen Gang-Mitgliedern besitzen zwar einige die Staatsbürgerschaft, doch als Deutscher fühlt sich keiner. "Das Stück Papier zählt für mich nicht", erklärt einer, wedelt mit seinem Pass. "Es kommt nur aufs Blut an. Ich bin ein stolzer Albaner."
19 Uhr. Rund 100 Jugendliche stehen am U-Bahnhof, 50 von den OPG, 50 vom
ATW. Lärmend, drohend, ungeduldig. U-Bahn-Passagiere, die zufällig vorbeikommen, hasten schnell weg.
Jede Gang schickt einen Sprecher vor. Der Dialog, geführt auf Deutsch, ist kurz. "Was guckst du so dumm, du Missgeburt?" "Wie guckst du denn, du Kanake?" "Hurensohn." "Deine Mutter ist doch 'ne Nutte."
Gerangel, Geschubse, dann richtige Prügel. Erst die beiden Kampfhähne, dann ein Dutzend Helfer von jeder Seite, dann alle. Hundert Mann, fauchend ineinander verkeilt.
Aneinandergeklammerte Jugendliche wälzen sich auf dem Bahnsteig, stürzen die U-Bahn-Treppe hinunter, hauen einander ins Gesicht, in den Magen, überallhin. Es bleibt nicht bei Fäusten.
"Einer ist mit dem Totschläger auf mich los", erzählt Eddie vom ATW, "ich konnte mich gerade noch ducken. Andere hatten Schlagringe, Pfefferspray, Chakus."
"Wir waren unbewaffnet, wir sind doch spontan losgefahren", schwört dagegen Toni von den Old Place Gangsters. "Die vom ATW kämpften sogar mit Messern. Die haben noch getreten, wenn einer von uns auf dem Boden lag."
Nach zehn Minuten kommt die Polizei. Die Kämpfer stieben auseinander. In die U-Bahn, die gerade hält. Aus dem Bahnhof. In Hauseingänge. Nichts wie weg. Nur keine Anzeige. Nur kein Verfahren. Nur keine Benachrichtigung an die Eltern. Denn die haben meist keine Ahnung vom Treiben der Söhne.
Einige, die nicht schnell genug waren, werden festgenommen. Ein paar Verwundete verarzten ihre Blessuren selbst. Schwerverletzte hat es diesmal nicht gegeben. "ATW hat gewonnen", sagt Mito. "Gesiegt haben wir", erklärt Toni von den OPG.
Tatsächlich endet dieser dritte Kampf zwischen Wandsbeker und Wilhelmsburger Jugendlichen wie die beiden vorangegangenen: unentschieden. Irgendwann soll es weitergehen, bis zur Entscheidung. Wann, ist noch offen.
"Wir verhindern fast jede Woche eine Massenschlägerei", versichert Norbert Ziebarth, Landesjugendbeauftragter der Hamburger Polizei. Kein Wunder: Fast überall in den Problemvierteln der Millionenstadt gärt es, tragen Jugendliche mit Migrationshintergrund gewaltsam Konflikte aus.
Banden aus Billstedt kämpfen gegen die aus Hamm. Gangs aus Steilshoop gegen die vom Mümmelmannsberg. Der Jugendbeauftragte zählt auf, was dabei an Bewaffnung sichergestellt wurde: Springmesser, Pistolen, Handschellen, Schlagstöcke, Elektroschocker.
Weil Verabredungen zum Kampf häufig übers Internet erfolgen, tauchen surfende Beamte manchmal noch rechtzeitig am Treffpunkt auf, verhindern das Schlimmste. Oft kommen sie aber auch zu spät.
Beispielsweise Lokstedt. Am U-Bahnhof Lutterothstraße und in der angrenzenden Lenzsiedlung, dort, wo die Lutteroth-Kings regieren, rückte die Polizei lange Zeit immer erst an, wenn alles vorbei war. Mal lag ein 20-Jähriger mit schwersten Stichverletzungen auf der Straße, mal hatten Jugendliche Holzlatten auf den Kopf oder Pfefferspray ins Gesicht bekommen.
Die Anlässe: ein Mädchenfoto auf dem Handy eines Rivalen, eine Beleidigung in der Berufsschule, ein Einlassverbot zu einer privaten Party. Die Folgen: Strafverfahren, die womöglich den Ausbildungsplatz oder die Aufenthaltsgenehmigung kosten können.
Toni von den Wilhelmsburger Old Place Gangsters, schon ein paarmal im Visier der Polizei, will bei der nächsten Prügelei nicht mehr mitmachen. Er hat eine Lehrstelle als Karosseriebauer ergattert und möchte bis zur Rente in Deutschland bleiben.

Massenschlägereien zwischen Jugendlichen

unterschiedlicher Nationalität beschäftigen die Polizei vor allem in deutschen Großstädten. In Hamburg wird laut Polizei "fast jede Woche eine Massenschlägerei" geplant. In Berlin bezeichnet die Gewerkschaft der Polizei die Entwicklung als "sehr beunruhigend". Doch nicht nur in großstädtischen Problemvierteln, sondern auch in der Provinz ist der Trend wahrnehmbar - wie im niedersächsischen Cloppenburg, wo nach einem Flirt zwischen einer 16-jährigen Aussiedlerin und einem jungen Türken eine Massenprügelei zwischen rund 20 Jugendlichen einsetzte, bei der ein 20-Jähriger an Rücken und Kopf schwer verletzt wurde, oder im schwäbischen Sindelfingen, wo nach einem Kampf zwischen zwei Jugendcliquen ein 15-Jähriger monatelang im Koma lag. Nach Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen machen Gewalttaten zwischen Jugendlichen verschiedener ethnischer Gruppen zwei Drittel aller Gewaltkonflikte aus. Nur in jedem fünften Fall treten Deutsche gegen Deutsche an.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 29/2006
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