17.07.2006

„Viele Komplexe“

Solidarnosc-Gründer Lech Walesa, 62, über die Kaczynski-Brüder und das Verhältnis zu den deutschen Nachbarn
SPIEGEL: Herr Präsident, muss sich die Bundesregierung bei Präsident Kaczynski für die Satire in der "taz" entschuldigen?
Walesa: Das soll doch wohl ein Witz sein. Auch bei uns herrscht Pressefreiheit. Über solche Verstimmungen können Diplomaten und Journalisten reden, aber die Regierung muss auf keinen Fall reagieren.
SPIEGEL: Hat die scharfe Reaktion der Zwillinge damit zu tun, dass die Satire aus Deutschland kam?
Walesa: Nein, das sind Leute mit sehr begrenztem Sinn für Humor und mit vielen Komplexen. Mir ist das peinlich, aber Menschen ohne das nötige Format reagieren eben so. Leider ist die Demokratie nicht repräsentativ: Zu wenige Polen sind zu den Wahlen gegangen, und nun haben wir den Salat. Das sollte eine Lektion sein, in Zukunft klüger zu wählen.
SPIEGEL: Hat sich denn unter den Kaczynskis das Klima zwischen Deutschen und Polen verschlechtert?
Walesa: Das Angesicht dieser Beziehung könnte besser sein. Zum Glück geht der Alltag weiter, die Kaczynskis können nicht viel kaputtmachen. Natürlich ist es unangebracht, einen Gipfel abzusagen. Aber schweren Schaden nimmt das Verhältnis dadurch nicht, die wirtschaftlichen Kontakte sind zu eng. Wenn wir wollen, dass man uns ernsthaft behandelt, müssen wir auch seriös reagieren.
SPIEGEL: Die Deutschen wundern sich sehr über empfindliche Reaktionen aus Warschau. Warum nehmen die Polen kaum zur Kenntnis, dass die Bundesrepublik ihre Vergangenheit aufgearbeitet hat?
Walesa: Diese Empfindlichkeit hat mit polnischen Komplexen zu tun. Außerdem sind wir noch dabei, demokratische Umgangsformen zu lernen. Andererseits urteilen die Deutschen auch sehr schnell über Polen. Sie sollten erst zweimal durchatmen und dreimal um den Häuserblock gehen, bevor sie reagieren. Mit der Zeit wird sich zeigen, dass der Schaden aus solchen Vorfällen viel kleiner ist, als es auf den ersten Blick aussieht.
SPIEGEL: Die Kaczynskis gehen hart mit dem Polen der Nachwende-Zeit ins Gericht. Braucht Ihr Land eine "Vierte Republik"?
Walesa: Das ist doch bloß ein Schlagwort. Die beiden haben in Wirklichkeit kein politisches Rezept für Polen. Niemand weiß im Ernst, was die Vierte Republik eigentlich sein soll. Als die Wende 1989 am Runden Tisch ausgehandelt wurde, haben die Kaczynskis keine besondere Rolle gespielt. Da können sie heute leicht reden, sie hätten alles besser gemacht.
SPIEGEL: Muss Polen denn nicht wirklich seine Stasi-Vergangenheit angehen, um endlich die Seilschaften alter Kader zerschlagen zu können?
Walesa: Heute könnte man in dieser Hinsicht in der Tat mehr machen. Doch damals, 1989, war einfach nicht mehr drin. Die Kommunisten waren zu stark, es gab die Sowjetunion noch.
SPIEGEL: Die Zwillinge regieren in einer Koalition mit der ultra-katholischen Liga polnischer Familien und dem unberechenbaren Bauernführer Andrzej Lepper. Sind diese Bündnispartner nicht eine Gefahr für das Ansehen Polens?
Walesa: Die haben nur durch Zufall gewonnen. Die Menschen in Polen hatten schmerzhafte Reformen zu ertragen, es gab hier nach 1989 keinen Marshall-Plan. Wir, die politischen Eliten, haben unseren Landsleuten nicht gut genug erklärt, worum es ging. Deswegen konnten Demagogen und Populisten bei der Wahl so gut abschneiden.
SPIEGEL: Welche Gefahren gehen denn von diesem politischen Spektrum aus?
Walesa: Sie benehmen sich hässlich, geschmacklos. Aber die Wirtschaft schnurrt trotzdem weiter, sie können keine großen Probleme machen.
SPIEGEL: Werden die Kaczynskis lange am Ruder bleiben?
Walesa: Nein, ich habe sie damals aus meiner Kanzlei geworfen, weil ich erkannt hatte, dass sie mehr kaputtmachen als konstruktiv zustande bringen. Ich glaube kaum, dass sie das Ende der Legislaturperiode erreichen. INTERVIEW: JAN PUHL
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 29/2006
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