17.07.2006

ROHSTOFFEUrkraft aus der Tiefe

Norwegen und Russland streiten um das Recht, die gewaltigen Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee auszubeuten. Mit Förderanlagen unter Wasser soll der Schatz geborgen werden. Hilfreich ist dabei die Klimaerwärmung: Das Meereis zieht sich immer weiter nach Norden zurück.
Eigentlich", so eröffnet Jan-Gunnar Winther seinen Vortrag, "eigentlich müssten wir vor uns Eis sehen." Die Mitglieder der Expeditionsgruppe, die sich vor ihm auf dem sonnengewärmten Gneis der Insel Rossøya lümmeln, blicken hinaus aufs Meer, das glitzernd und glatt vor ihnen liegt.
Als felsiger Zahn ragt Rossøya aus dem Polarmeer. Es ist das nördlichste Eiland Spitzbergens und somit der letzte Flecken Norwegens vor dem Nordpol.
Nur 900 Kilometer trennen die Insel von der Kuppel der Welt. "Etwas weiter nördlich, auf 81 Grad Nord, verläuft normalerweise die Grenze, bis zu der sich das ganzjährige Meereis erstreckt", doziert der Direktor des Norwegischen Polarinstituts weiter. So jedenfalls sei es auf den Schiffskarten zu sehen. "Doch die müssen wohl so langsam neu gezeichnet werden."
Winthers Zuhörer schwitzen in ihren warmen Polaranzügen. Es sind EU-Bürokraten und Ministerialbeamte aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die gerade an einer kleinen felsigen Bucht der Insel aus den Schlauchbooten gestiegen sind. Ihr Interesse gilt weniger dem Meereis und dem Klimawandel, der es schwinden lässt. Gekommen sind sie wegen des Öls und des Gases, das rund um Spitzbergen unter dem Grund der Barentssee liegt.
Eingeladen hat sie die Regierung Norwegens. Der Ölstaat will ihnen zeigen, wie planvoll, umsichtig und schonend er die Gestade um Svalbard, wie die Inselgruppe bei den Norwegern heißt, entwickeln will: In der Barentssee soll sich "Europas neue Petroleumprovinz" erstrecken.
Fünf Tage lang sind die Staatsdiener auf dem norwegischen Forschungsschiff "Lance" durch die eisfreie See gekreuzt und haben sich Vorträge ihrer skandinavischen Kollegen angehört. Denen geht das Schwarze Gold vor der Westküste aus. In den nächsten Jahrzehnten dürfte die Förderung zurückgehen, prognostiziert Mette Agerup vom Ölministerium in Oslo.
Weiter nördlich aber liegt "die See der Möglichkeiten", wie ihr Außenminister die Barentssee nennt. 1,4 Millionen Quadratkilometer groß, zwischen Spitzbergen im Westen und Nowaja Semlja im Osten, erstreckt sich das flache Gewässer mit den energiehaltigen Sedimenten.
Öl und Gas sollen hier sprudeln für die dürstenden europäischen Volkswirtschaften. Auch die Amerikaner wollen Flüssiggastanker schicken und von der flüchtigen Urkraft aus der Tiefe profitieren. Sogar China und Indien schickten Delegationen.
Das Treiben im Nordmeer entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wie Polarforscher Winther zugeben muss: Hat der Mensch es doch mit dem Verbrennen fossiler Treibstoffe erst möglich gemacht, neue Reserven unter dem einst ewig geglaubten Eis zur Exploration freizulegen - nur um dem Treibhaus mit der neuen Ausbeute gleich weiter einzuheizen.
Vom Eise befreit sind inzwischen viele Ströme und Gewässer des Nordens. Seit 1978 sei das Meereis rund um den Nordpol um 15 Prozent zurückgegangen, berichtet Winther den Delegierten aus dem Süden. "In gut 50
Jahren wird die Barentssee eisfrei sein", so der Forscher. Am weltgrößten, von den Russen in der Barentssee entdeckten Offshore-Gasfeld namens Schtokman friere das Meer derzeit noch jeden dritten Winter zu. "Aber das Problem sind die bald los."
Allerorten sind Zeichen der gestiegenen Temperaturen zu erkennen. Viele Gletscher Spitzbergens ziehen sich zurück. Neue Inseln tauchen aus dem Eis hervor - so wie unlängst ein kleines Eiland östlich von Spitzbergen, das sie Nyskjeret, "Neue Klippe", getauft haben. Und der Eisbär zieht mit der Meereisgrenze nordwärts.
Winther hat den Bürokraten die steil nach oben schnellende Fieberkurve gezeigt, auch jene Karte, die an den Polen violett eingefärbt ist. "Am stärksten erwärmt sich die Arktis. Acht Grad Celsius könnten es rund um Spitzbergen werden."
Lang ist es nicht her, dass sich hier in den Gewässern vor Spitzbergen russische und amerikanische Atom-U-Boote jagten. Doch nun sind, nach den Militärs, die Ölgräber gekommen.
Das erste Förderprojekt heißt Schneewittchen (Snøhvit) und bezeichnet ein Gasfeld rund 75 Seemeilen im Eismeer vor der nordnorwegischen Küste. Schon zum Jahreswechsel könnte das Gas von dort in eine Anlage bei Hammerfest strömen, verflüssigt und per Tanker nach Europa und in die USA abtransportiert werden. 3,7 Billionen Kubikmeter Gas haben die Russen im Schtokman-Feld ermittelt. 50 Jahre soll der Abbau dauern. Zum Jahreswechsel meldete der italienische Ölkonzern ENI dann einen weiteren Fund im Goliat-Feld.
Auf den Seekarten des Ölministeriums ist die Barentssee wie eine Schrebergartenkolonie in Parzellen unterteilt. Für jede vergibt die Behörde an internationale Konzerne Lizenzen zur Erschließung des unterirdischen Reservoirs. Im Frühjahr wurden 6 Areale verteilt, 26 sollen dieses Jahr noch folgen. "Das Interesse der Energiekonzerne ist sehr, sehr groß", so Mette Agerup vom Ölministerium.
Das gilt auch für das vom russischen Gas stark abhängige Deutschland. Zur Besichtigung der Gasverflüssigungsanlage kam Außenminister Steinmeier. 25 Prozent des deutschen Gases kommen schon jetzt aus Norwegen. Politisch gewünscht ist mehr. "Wir wollen unsere Versorgung aus möglichst vielen Quellen sicherstellen", so Steinmeiers Gesandter auf der "Lance".
Früher war es zu teuer, unter den arktischen Bedingungen den Schatz zu bergen, wo Eisberge, Stürme, Kälte und Packeis das Fördergerät bedrohen. Und auch heute noch müssen die Konzerne den tiefen Temperaturen Tribut zollen. Statoil etwa musste für "Schneewittchen" bereits 50 Prozent mehr ausgeben als veranschlagt. Seit das Eis schwindet und der Ölpreis steigt, fallen die Kosten-Nutzen-Rechnungen der Konzerne dennoch positiv aus.
Außerdem soll das Meer im Norden Norwegens zum Testfeld für eine neue, kostensparende Technik werden. "Bohrplattformen gehören der Vergangenheit an", prophezeit Agerup, "künftig werden wir unter der See fördern." Vorexerziert wird diese Technik von Statoil und Norsk Hydro in einem Gasfeld in der Norwegischen See, das Ormen Lange heißt. Auf dem Meeresboden über dem Bohrloch installieren ferngesteuerte Tauchroboter gelbe Stahlgerüste mit der Förderanlage. Diese pumpen den Rohstoff dann durch Pipelines, die erst an der Küste aus dem Wasser treten.
Ormen Lange liegt in mehreren hundert Metern Tiefe. In der flachen, selten über hundert Meter tiefen Barentssee werden sich die Ölkonzerne leichter tun, die gegen Stürme wohlgeschützten Unterseeanlagen
zu installieren. Zerstörung droht ihnen dafür aber von großen Eisbergen. "Wir finden auf dem Boden der Barentssee Schleifspuren,
die nur von ihnen stammen können", erklärt Polarforscher Winther. Deshalb müssten die weißen Riesen von speziellen Schleppern weggezerrt werden. Die Konzerne schreckt das nicht. "Die bequem zu fördernden Ölfelder sind ja schon alle leergepumpt", sagt Bente Nyland vom Norwegischen Petroleum Direktorat: "Wo wir jetzt ranmüssen, wird es kompliziert."
Auch die ökologischen Risiken steigen. Denn im eiskalten Wasser der Arktis baut sich Öl nur sehr langsam ab. Gefahr, so fürchten die Experten, geht dabei weniger von der Förderung als vom Transport des Öls aus. Norwegen rechnet vor Hammerfest mit einem neuen Highway der Supertanker: Mindestens vier der Monsterschiffe würden künftig pro Tag durch das schwer navigierbare Gebiet kreuzen. 30 Seemeilen Abstand sollen sie von der Küste halten. "Dann bleibt bei einer Havarie Zeit, Schlimmeres für die Fjorde zu verhindern", verspricht Inger Johanne Wiese vom norwegischen Umweltministerium.
Greenpeace beruhigt das wenig. Die Naturschützer erinnern daran, dass die Barentssee die Kinderstube vieler Fische ist: Hering, Polardorsch und Schellfisch profitieren vom großen Nährstoffreichtum im Wasser - eine Folge des warmen Golfstroms, der sich hier mit polarem Tiefenwasser vermischt. Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen ist alarmiert: Sami, Nenet und Kanthy, winzige Völker am nördlichen Zipfel Europas, lebten vom Fischfang und seien damit Leidtragende des Ölbooms in der Barentssee.
Ganz kurz kommt beim Ministeriellen-Seminar auf der "Lance" die Idee eines Moratoriums auf, das wie in der Antarktis den Abbau von Rohstoffen auch in der Arktis untersagt. Doch dann wirft der Projektor wieder rote Zahlen an die Wand: Sie zeigen den Weltenergieverbrauch des Jahres 2030: plus 56 Prozent.
Das lässt die Skeptiker rasch verstummen. Denn die Reserven im Nordmeer sind beträchtlich.
Die genauen Schätzungen über den fossilen Reichtum der Barentssee gehen allerdings weit auseinander: 590 Milliarden Kubikmeter Gas vermutet dort das Osloer Ölministerium. Das ist fast ein Fünftel mehr als in der Nordsee. Die Russen jedoch sind noch weitaus optimistischer: Zehn Billionen Kubikmeter Gas, so ihre Schätzung, warten allein in ihrem Teil der Barentssee auf die Ausbeutung - Deutschland könnte hundert Jahre davon versorgt werden. Wer auch immer recht behält mit seinen Schätzungen - die Botschaft der Frau vom Ölministerium lautet: Seid froh, wenn wir es fördern und nicht die anderen.
Von diesen anderen wird viel gesprochen auf der Fahrt. Gemeint sind die Russen, und die müssen nicht einmal in den Hochglanzbroschüren ihrer Jahresberichte das Wort "Umweltschutz" verwenden. Sie seien unberechenbar wie Eisbären, so sagt man in Norwegens hohem Norden. Und sie melden Ansprüche an auf hoher See.
Gezerre gibt es gleich um zwei Gebiete. Zum einen geht es um ein mehr als 150 000 Quadratkilometer großes Areal im Herzen der Barentssee. Norwegen beharrt auf seiner 200 Seemeilen großen Wirtschaftszone und will sie, wo sie mit der russischen Wirtschaftszone überlappt, in der Mitte teilen.
Die russische Seite pocht allerdings auf einen alten, aus der Sowjetzeit stammenden Anspruch. Damals hatten die kommunistischen Machthaber einfach einen Strich von der russischen Nordwestgrenze hoch zum Nordpol gezogen. Schon in den siebziger und achtziger Jahren haben sowohl Norwegen als auch Russland in diesem Areal geophysikalische Untersuchungen angestellt - und angeblich ein enormes Gasfeld, viermal größer als Schtokman, gefunden.
Eine rechtliche Einigung scheint ausgeschlossen. Seit die diplomatischen Gespräche vergangenen Sommer wieder aufgenommen wurden, habe man immerhin "eine Ebene der Verständigung" gefunden, sagt Anne-Kirsti Karlsen vom norwegischen Außenministerium.
Doch auch um den Status von Spitzbergen wird gerungen. Völkerrechtlich ist der karge, von schroffen Tafelbergen geprägte Archipel ein Kuriosum. 1920 einigten sich die Staaten darauf, Norwegen die Souveränität über die Inseln zuzubilligen - die Rohstoffe aber sollten für alle 39 Unterzeichnerstaaten zugänglich sein.
Jahrzehntelang galt dies vor allem für die Steinkohle, die reichlich in den Bergflanken zu finden war. Norwegen und Russland förderten sie einträchtig an diesem unwirtlichen Ort. Sonderlich wirtschaftlich war dieses Abenteuer nie.
Doch nun geht es um Öl, und Russland beharrt darauf, dass auch die 200-Meilen-Wirtschaftszone um Spitzbergen unter den alten Vertrag fällt. Die Norweger aber wollen die Öl- und Gasfelder in diesem Gebiet nicht teilen, und deshalb behaupten sie: "Der Vertrag bezieht sich nur auf das Land sowie die umliegende 12-Meilen-Zone", so Karlsen. Die Staatsdienerin aus Oslo beruft sich auf Geologen. Die hätten nachgewiesen, dass Spitzbergen Teil des norwegischen Kontinentalsockels sei.
Wie schwer es werden wird, einen Kompromiss zwischen diesen Standpunkten auszuhandeln, dürfte der ministerialen Expeditionsgruppe auf ihrem letzten Landgang aufgegangen sein. Die Exkursion führte sie in die letzte verbliebene Siedlung der Russen auf Spitzbergen.
Langsam vor sich hin witternde Plattenbauten schmiegen sich hier an den grauen Schotterhang, eine Büste Lenins schaut stur auf den Hafen mit dem schwarz stinkenden Kraftwerk. Die Kohle, die auf Förderbändern Richtung Verladestelle rattert, ist für den Weltmarkt viel zu teuer.
Und dennoch krallt sich die Weltmacht am Archipel fest. Trotzig steht Wjatscheslaw Nikolajew, Konsul in der 700-Seelen-Siedlung, vor einem riesigen Wandteppich in seiner auffallend aufwendig renovierten Residenz. "Die Präsenz auf Spitzbergen ist für uns wichtig", sagt er lächelnd.
Zur Unterstreichung des russischen Interesses ist ein Trupp Arbeiterinnen mit frischer grüner Farbe angerückt. Während der Ortsvorsteher redet, klatschen sie die letzten Striche auf mannshohe Betonbuchstaben: Barentsburg, den Namenszug ihres Brückenkopfes in der Barentssee. GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 29/2006
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