07.08.2006

SOMALIAAllahs Putzkolonne

Islamisten könnten bald das ganze Land beherrschen. Die USA sind alarmiert, aber die Bevölkerung begrüßt die neuen Machthaber: Nach 15 Jahren Chaos bringen sie ein wenig Sicherheit.
Jeden Morgen, wenn sich fahles Sonnenlicht zwischen die düsteren Ruinen von Mogadischu tastet, marschieren lange Kolonnen von Trümmerfrauen durch die Straßen der somalischen Hauptstadt. Sie tragen Schaufeln und Besen geschultert und schwenken den Koran, sie folgen den grünen Fahnen des Propheten und den blauweißen der Republik, und sie rufen "Allahu akbar" in die Morgenröte - Gott ist groß. Dazu werfen sie die Fäuste in die Luft.
Viele Besen-Brigadistinnen sind vollständig verschleiert und lugen nur durch schmale Schlitze in die Welt. Die Disziplin, mit der sie den ganzen langen Weg hindurch ihre Marschformation einhalten, bildet einen seltsamen Kontrast zur apokalyptischen Kulisse, durch die ihr Geisterzug führt: kohlschwarze Hauswände, Schuttberge von der Größe ganzer Fußballfelder, Mauerreste voller Einschusslöcher, überall mannshohes Unkraut. Noch bis vor kurzem versteckten sich hier die Milizen diverser Warlords, ballerten mit ihren automatischen Waffen auf alles, was sich regte, und spielten im Drogenrausch Herren über Leben und Tod.
Doch seit der Einnahme der Stadt durch die Truppen des "Rats der islamischen Gerichte" vor über zwei Monaten hat sich alles geändert. Nach 15 Jahren Anarchie und Bürgerkrieg erwacht Mogadischu zu neuem Leben. Schon 1800 Frauen haben sich den Putzkolonnen Allahs angeschlossen. Dabei erhalten sie nur ein wenig Trinkwasser als Lohn für die schwere Arbeit unter afrikanischer Sonne. Dennoch melden sich mehr und mehr Freiwillige zum Dienst in der Ruinenstadt. Auch junge Männer schlagen sich aus anderen Landesteilen zu den Islamisten durch, um sich nun den Milizen der Gotteskrieger anzuschließen.
Selbst aus dem Ausland kommt Unterstützung. Vor zwei Wochen landeten auf dem internationalen Flughafen der Stadt angeblich zwei Maschinen, deren kasachische Hoheitszeichen überpinselt waren. Seitdem kursieren um die Herkunft und die Ladung der Frachtflieger wüste Gerüchte: Eritrea habe eine Lieferung Waffen geschickt, um die Islamisten gegen den gemeinsamen Feind Äthiopien zu rüsten. Demnächst soll auch der marode Seehafen wieder in Betrieb genommen werden.
"Wir haben eine strahlende Zukunft vor uns", verspricht einer der zwei Führer der neuen Machthaber, Scheich Scharif Ahmed, anlässlich einer Stippvisite beim Arbeitsdienst im Trümmerfeld: "Wir räumen jetzt auf und machen sauber; es geht voran." Dann ruft er den Frauen zu: "Ihr seid die Zukunft des Landes, die wahren Somalier."
Einigen bewaffneten Männern in der Nähe empfiehlt er: "Hört auf, in die Luft zu schießen. Es werden wieder Flugzeuge landen, und die wollen wir nicht vom Himmel holen." Schließlich warnt er ausländische Mächte, allen voran Äthiopien, vor einer Invasion. Dann verschwindet er in einem Pulk bewaffneter Turbanträger mit langen Bärten.
Seit Allahs Krieger Einzug hielten, ist es ruhiger geworden in Mogadischu. Die verwahrlosten Miliz-Soldaten, die seit Beginn der neunziger Jahre das Land terrorisierten und rund 300 000 Menschen umgebracht haben sollen, sind aus dem Straßenbild verschwunden. Einige hundert befinden sich angeblich in versteckten Umerziehungslagern. Die anderen haben sich in Richtung der südwestsomalischen Stadt Baidoa zurückgezogen, wo die somalische Übergangsregierung der Zukunft entgegenzittert.
Ihre Mitglieder stecken in einer unkomfortablen Situation, seit sich die Islamisten in Mogadischu als Saubermänner feiern lassen, sie selbst aber tief zerstritten in der Provinz ausharren müssen.
Nachdem sich die Regierung Ende 2004 im Nachbarland Kenia konstituiert hatte, sollte sie die verfeindeten somalischen Clans und Warlords sammeln, um
endlich das blutige Chaos im Land zu beenden.
Zum Präsidenten wählten die Vertreter der einflussreichen somalischen Sippen den Führer der autonomen Region Puntland, Abdullahi Jussuf Ahmed, einen einst in Moskau geschulten Oberst und Gefolgsmann des kommunistischen Diktators Mohammed Siad Barre, der das Land bis zum Zusammenbruch des Ostblocks beherrscht hatte.
Seit Jussuf offiziell Präsident ist, sind die Dinge am Horn von Afrika wieder in Bewegung geraten - wenn auch ganz anders als geplant. Kaum gewählt, forderte Jussuf noch aus seinem Hotel in Nairobi 20 000 internationale Soldaten an, die seinen Einzug in Mogadischu absichern sollten. Das christlich geprägte Äthiopien erklärte sich bereit, Truppen zu schicken - was durchaus fatale Folgen hatte.
Die Aussicht, Soldaten des Erzfeindes Äthiopien könnten im Lande auftauchen, trieb die Menschen in Massen auf die Seite der Islamisten - schließlich hatte Somalia schon in den sechziger und siebziger Jahren zwei blutige Kriege mit dem Nachbarland geführt. Es ging um Ogaden, ein überwiegend somalisches Siedlungsgebiet im Südosten Äthiopiens.
Der internationalen Gemeinschaft, die maßgeblich an der Bildung der Jussuf-Regierung beteiligt war, liefen die Dinge aus dem Ruder. Erst viel zu spät erkannte der Westen, dass der vermeintliche Friedensprozess vor allem den Islamisten Vorteile brachte.
Nervös geworden, finanzierten die USA eine "Anti-Terror-Koalition" gegen die Islamisten, ein loses Bündnis verschiedener Warlords, deren Milizen das Land schon lange plagten. Doch die Unterstützung aus Washington für die bis dahin geächteten Banditen brachte den Religionskriegern nur noch mehr Sympathie der Bevölkerung ein. Washington fürchtet, dass sich Somalia zum Tummelplatz ausländischer Al-Qaida-Aktivisten entwickelt hat. Währenddessen treten die Islamisten in Mogadischu als Friedensstifter auf - und die Regierung in Baidoa zerbröselt langsam.
In der provisorischen Hauptstadt des Jussuf-Kabinetts herrscht der Ausnahmezustand: Überall ist Militär mit Flugabwehrkanonen und schweren Maschinengewehren aufgefahren. Schon 40 Minister und stellvertretende Minister sind bis Ende vergangener Woche zurückgetreten, der Minister für Verfassungsfragen wurde von einem unbekannten Täter vor einer Moschee füsiliert.
Im Parlament, einer ehemaligen Lagerhalle, fliegen nicht nur die Beleidigungen, sondern auch die Fäuste der Abgeordneten. Es geht um ein Misstrauensvotum gegen Premierminister Ali Mohammed Ghedi. Doch in Wahrheit dreht sich alles um die Frage, ob die Regierung in ihrem Überlebenskampf gegen die Islamisten die Äthiopier zu Hilfe rufen darf oder nicht. Und Ghedi gilt, genauso wie der Präsident, als Freund des ungeliebten Nachbarn. Für kurze Zeit droht eine Massenschlägerei im Hohen Haus. Draußen nesteln Uniformierte nervös an ihren Pistolenhalftern. Schließlich lösen die Polizisten den Tumult unter den keifenden Volksvertretern auf, indem sie kurzerhand ein paar Abgeordnete festnehmen.
Seit Wochen sorgen Gerüchte für Unruhe, dass sich längst äthiopische Truppen im Land befinden. Mehrere tausend Soldaten sollen es sein, Uno-Sicherheitskoordinator Julien Buckmire will gar von Flugzeugen und Hubschraubern gehört haben. Doch es gibt keine Fotos der Invasoren. Noch sind in Baidoa keine äthiopischen Uniformen zu sehen, auch nicht auf der Straße nach Wadschid, nahe der Grenze, über die sie angeblich herangezogen sein sollen.
"Was in Mogadischu passiert ist, war ein Volksaufstand gegen die Warlords", gibt sogar Mohammed Nureni Bakar, der Energieminister, zu: "Die Menschen sehnten sich nach Ruhe und Ordnung." Bakar hat in Dubai jahrelang für verschiedene Ölkonzerne gearbeitet, seine Familie lebt in Nairobi. Nun sitzt er in Baidoa in einem Kabinett, von dem niemand weiß, wie lange es noch existieren wird. Jeden Tag verliert er weitere Kollegen. Es scheint, als wolle niemand der Letzte sein, wenn alles zusammenbricht.
Dennoch hofft Bakar immer noch auf eine Lösung. "Wir haben doch gar nichts gegen Gerichte, die nach islamischem Recht urteilen", sagt er, "sie sind sogar verfassungsgemäß." Beide Seiten müssten jetzt den Dialog suchen und könnten sogar eine gemeinsame Regierung bilden. Das wäre, glaubt Bakar, fast die einzige Chance, das Land vor neuem Leid zu bewahren - und die eigene Haut zu retten.
Kommen die Äthiopier doch noch, droht erneut ein endloser Krieg. Kommen sie nicht, werden die Islamisten früher oder später wohl zum Marsch auf Baidoa rüsten. Mit der Wiedereröffnung der See- und Flughäfen sowie der Unterstützung der islamischen Staatengemeinschaft scheint ihr Nachschub gesichert.
Während Premierminister Ghedi im Lagerhallen-Parlament nach endlosen Debatten ein Misstrauensvotum abwenden kann, haben die Islamisten mit Cadaado eine weitere Stadt unter ihre Kontrolle gebracht. Sie liegt nicht weit von Präsident Jussufs Heimatregion Puntland entfernt.
Und weil Alkohol streng verboten ist, begießen die jubelnden Anhänger der Islamisten in Mogadischu ihren Sieg ausgerechnet mit dem Lieblingsgetränk der verhassten Amerikaner - mit Coca-Cola.
THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 32/2006
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